Hilfe. Lebensrisiken – Lebenschancen – Soziale Sicherung in Österreich   Teil II

So lautet der Titel der heurigen Landesausstellung in Oberösterreich. Mich hat dieser Titel neugierig gemacht und ich nutzte meinen Urlaub um diese Ausstellung in Gallneukirchen (nähe Linz) im Haus Bethanien der Diakonie zu besuchen.

Im zweiten Teil meines Artikels über den Besuch der Landesausstellung 2015 in Oberösterreich möchte ich einerseits noch kurz auf die Ausstellungsgestaltung und andererseits auf etliche Fragen, die sich mir im Laufe des Ausstellungsbesuch bezüglich unserer Gesellschaft aufgedrängt haben, zu sprechen kommen. Den ersten Teil des Artikels findet ihr hier


Haptisches - auch für Oldies

Für mich wurde das Thema museumsdidaktisch sehr gut aufbereitet. Es gibt (zusätzlich zu Gruppenführungen) eine Führung mit einem Audio-Guide, der viel Hintergrundinfos bringt und auch die einzelnen KuratorInnen zu Wort kommen lässt und somit nicht nur, wie in vielen anderen Ausstellungen, der Raumtext vorgelesen wird. Neben der schon erwähnten Flachware, die aber eher sparsam eingesetzt wird, gibt es immer wieder die Möglichkeit sich anhand von Videos mit den Lebenswelten von Betroffenen (zum Beispiel Menschen mit Behinderung) oder Menschen die im sozialen Bereich arbeiten (hauptamtlich und ehrenamtlich) auseinander zu setzen.

Das Meer der Lebensrisiken mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden je nach Jahrhundert
Das Meer der Lebensrisiken
mit verschiedenen
Schwierigkeitsgraden
je nach Jahrhundert

Bei den Raumtexten wurde auf eine angenehme Lesehöhe und auch eine leichte Lesbarkeit der Texte geachtet. In jedem Raum gibt es dazu zusätzlich eine kurze Zusammenfassung des jeweiligen Themas in leicht lesbaren Sätzen, damit auch Menschen die Schwierigkeiten mit dem Verstehen von komplizierten Texten die Möglichkeit haben der Ausstellung zu folgen. Diese Texte sind mit einem „LL“-Zeichen gekennzeichnet (=Leichter Lesen). Daneben gibt es verschiedene Rauminstallationen wie die MS ASVG, in der das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz als Schiff dargestellt wird. Der rote Faden der Ausstellung stellt einem die Frage ob man erwerbstätig ist und wenn man diese Frage mit Ja beantworten kann, dann wird man auf das Schiff eingeladen. Interaktive Stationen vermitteln einem spielerisch einen Zugang zu den zentralen Inhalten – zum Beispiel navigiert man mit dem Schiff durch das Meer der Lebensrisiken zu verschiedenen Zeiten. Ist man nicht Erwerbstätig, dann bleiben noch verschiedene Rettungsinseln außerhalb der MS ASVG im Falle von zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder Behinderung.


Aufzeigen - hinterfragen - reflektieren

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ausstellung auf der einen Seite die geschichtliche Entwicklung des Systems der sozialen Sicherung beleuchtet und auf der anderen Seite immer die Solidarität als eine wichtige Grundlage des Wohlfahrtsstaates thematisiert - Solidarität gilt im Großen und im Kleinen, zwischen Gesellschaften und Gemeinschaften, Organisationen und Gruppen, und zwischen einzelnen Menschen. Und dabei gelingt es den AusstellungskuratorInnen auch gut sich aus den aktuellen politischen Diskurs zu diesem Thema raus zu halten. Es wird aufgezeigt, hinterfragt und zum Reflektieren angeregt. Es kommen betroffene Menschen zu Wort und erklären was Ihnen wichtig ist – sowohl Menschen mit Behinderung als auch Menschen die beruflich oder ehrenamtlich im sozialen Feld arbeiten. Ich würde allen, die sich in diesem Feld engagieren wollen einen Besuch dieser Ausstellung empfehlen – es lohnt sich auf alle Fälle.

Wie ich schon am Anfang vermutet habe, hat anscheinend viele potentielle BesucherInnenn das Thema abgeschreckt. Ich war bei meinem zweieinhalb bis dreistündigen Besuch allein mit den AufseherInnen und dem Kassapersonal. Es ist halt doch ein unbequemes Thema mit dem man sich vor allem in seiner Freizeit anscheinend nicht gern beschäftigen will.

Wer übernimmt Verantwortung und warum?
Wer übernimmt
Verantwortung und warum?

Im Laufe der Ausstellung haben sich mir auch ein paar Fragen aufgedrängt, die ich hier gerne mit euch teilen und vielleicht auch zu einer Diskussion anregen will. Als es das System der sozialen Sicherung als (Pflicht-)Versicherung in dieser Form noch nicht gegeben hat gab es einerseits das Netz der Familie, das mit der zunehmenden Industrialisierung und damit auch durch den Wegfall der örtlichen Nähe zerrissen wurde, und andererseits das soziale Netz der verschiedenen institutionalisierten Einrichtungen wie Bürgerspitäler, Armenhäuser, etc. auf kommunaler Ebene beziehungsweise konfessionelle Einrichtungen wie das hier erwähnte Haus der Diakonissinnen. Sie alle nahmen sich um verschiedene „Lebensrisiken-Zielgruppen“ wie Menschen mit Behinderungen, Kranke, von Armut und/oder Alter Betroffene an. Nun ist es ja in unserer Zeit anscheinend abzusehen, dass dieses System der sozialen Sicherung wie wir es bis jetzt kennen keinen langen Bestand mehr hat. Das Prinzip des Generationsvertrages ist wahrscheinlich nicht mehr lange finanzierbar und auch das Prinzip mit der Normalarbeitszeit funktioniert nicht mehr so wie eigentlich geplant. Der Staat zeigt immer mehr Tendenzen sich aus bestimmten Bereichen der sozialen Sicherung zurück zu ziehen. Ich will jetzt gar nicht groß auf die Gründe eingehen, warum das System in dieser Form anscheinend nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.


Und wie geht es weiter?

Mich interessiert vielmehr die Frage, ob unsere Gesellschaft genug Solidarität aufbringen kann um ein soziales Netz außerhalb der staatlichen Verantwortung zu schaffen. Den familiären Zusammenhalt gibt es aus unterschiedlichen Gründen (derzeit) nicht mehr - zum Beispiel durch geographische Entfernung oder weil jeder Erwachsene im Haushalt einer erwerbsmäßigen Beschäftigung nachgeht, ist meist keiner mehr da der die Kinder/Heranwachsenden oder die Alten/Kranken/zu Pflegenden betreuen kann. Wenn also der Staat und die Familie als Netz wegfallen, dann bleiben meiner Meinung nach zum Beispiel noch die konfessionellen Institutionen wie Caritas oder Diakonie übrig. Mit dem zunehmenden Verschwinden der Anhänger dieser verschiedenen Konfessionen wird es vielleicht auch hier in absehbarer Zeit zu Engpässen kommen. Und da würde mich jetzt einfach mal interessieren ob die verschiedenen heidnischen Gemeinschaften, welcher Richtung sie auch immer angehören mögen, ein soziales Netz bieten/aufbauen können. Ich meine versteht mich nicht falsch, gesellschaftliche Solidarität sollte eigentlich nicht von der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft/Religion/spiritueller Einstellung abhängig sein. Aber wenn wir uns die Geschichte so anschauen, hat in den verschiedenen Religionen/Glaubenssystemen die Unterstützung für die Armen/Kranken/Notleidenden einen fixen Platz und daraus entwickelten sich dann verschiedene Unterstützungsformen beziehungsweise Institutionen wie zum Beispiel die Diakonissinnen. Als die „alten Religionen/Glaubenssysteme“ in der Bevölkerung weit verbreitet waren gab es noch den Zusammenhalt des Clans/der Familie in Notsituationen beziehungsweise wurde mit dem Thema auch anders umgegangen – in vielen geschichtlichen Abschnitten war soziale Sicherung natürlich auch einfach kein Thema. Nun – jetzt ist aber mal jetzt und daher interessiert es mich, ob die neu belebten Traditionen sich darüber auch Gedanken gemacht haben.

  • Wie geht zum Beispiel ein Coven mit seinen Mitgliedern um, die nicht mehr aktiv an der Gesellschaft (aus welchen Gründen auch immer – Krankheit, Unfall, Alter) teilnehmen können und es zu diesem Zeitpunkt keine staatliche Unterstützung gibt?
  • Gibt es dafür Beispiele zum Beispiel aus Ländern, die ein geringeres Maß an sozialer Sicherung als wir hier in Europa?
  • Gab es in den „alten“ heidnischen Traditionen auch „Auffangsysteme“ außerhalb des Clans/der Familie?
  • Welche Form der Hilfe könnte es noch geben wenn die Familie, der Staat die religiösen Institutionen wegfallen? Spielt dabei die (religiöse) Lebenseinstellung eine Rolle?
Grundsätzliche und wichtige Frage
Grundsätzliche und
wichtige Frage

Fragen über Fragen die mir im Laufe des Ausstellungsbesuches so in den Sinn gekommen sind. Auch wenn ich grundsätzlich ein positiv denkender Mensch bin, gehe ich davon aus das ich es vielleicht noch erleben werde, dass das jetzige System der sozialen Netze nicht mehr hält und dann gibt es hoffentlich Alternativen, da ich dann höchstwahrscheinlich in einem unterstützungsbedürftigen Alter sein werde. Was ist eure Meinung dazu?

Quelle:
OÖ Landesausstellung 2015 - Hilfe. Lebensrisiken – Lebenschancen – Soziale Sicherung in Österreich
www.wikipedia.com


Rothani


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