Gedankenreise einer Museumstour

Heute möchte ich über ein Event schreiben, das jährlich tausende von Menschen in den Bann zieht und eine gute Chance ist sich auch in puncto geschichtlichem Wissen weiterzubilden und sich Inspiration für eigene Projekte zu holen. Die lange Nacht der Museen. In ganz Österreich öffnen Museen aller Art ihre Pforten und laden zu ausgiebigen Erkundungstouren ein.

Vor allem für Leute wie mich, die sich zwar gerne vornehmen eine Museumstour zu machen, sich dann aber doch damit konfrontiert sehen, dass meist etwas dazwischenkommt oder man einfach viel zu müde von der Woche ist – lässt man es meist doch bleiben. Eine Museumstour im Rahmen der langen Nacht kann da Abhilfe schaffen, es macht Spaß und kann zu einem wundervollen Erlebnis werden. Über meine heurige Tour möchte ich euch nun berichten.


Der Plan

Unser ursprünglicher Plan war jener, alle Museen zu sortieren, die wir unbedingt, gerne oder vielleicht ansehen möchten. Da wir alle nicht zu sehr im touristischen Trubel enden wollten, beschlossen wir kurzfristig zu adaptieren, wenn man irgendwo zu lange anstehen oder warten müsse - und auf ein anderes Museum auszuweichen.


Alte Schriften

Unser erster Angriffspunkt war die Nationalbibliothek Wiens, welche sehr viele außergewöhnliche Schätze bereit hält, einmal abgesehen vom Prunksaal und den zahlreichen Schriften, die man dort bewundern kann. Eine ganz tolle Adresse für an der ägyptischen Kultur interessierte ist das Papyrusmuseum. Dort gibt es diverse Papyri zu bestaunen, die ausgestellt und übersetzt wurden, sowie einige alltägliche Gegenstände aus dem antiken Alltag bis zur Details über die Herstellung von Papyrus. Es ist spannend, was dort alles an überliefertem Wissen auffindbar ist. Nicht nur Zahnpasta Rezepte haben die alten Ägypter für die Nachwelt aufgeschrieben, auch magische Formeln und Zaubersprüche kann man dort nachlesen – etwa zur Abwehr und zum Schutze vor Skorpionen, oder generell zur Heilung oder zum Schutze – und dabei stolpert man auch über die altbekannte SATOR Formel, die auch heute noch sehr gerne magisch verwendet wird und sicher wohl-bekannt ist. Da staunt man dann nicht schlecht.

Auch die Zeichnungen sind wahr Kunstwerke, wenn man sich überlegt, wie mühsam es damals war, mit einem Kohlestift oder einer Feder zu schreiben. Meterlange Papyrusrollen mit detailreichen Aufzeichnungen, wie eine Mumie präpariert wird, oder wie es dem Bestatteten nach dem Tode ergehen solle. Sehr aufwändig ist weiters auch die Herstellung des Papyrus, das nicht als einziges Schreibmittel benutzt wurde. In der Sammlung befinden sich auch Tonscherben und andere Dinge, auf die jemand – mangels anderer Materialien - geschrieben hatte.


Musische Inspiration

Auf dem Weg zurück aus der Ausstellung kamen wir am Eingang zur Ausstellung über alte Musikinstrumente vorbei – und beschlossen kurzerhand uns auch diese anzusehen. Vielleicht wundert es euch – vielleicht auch nicht – schade ist es trotzdem irgendwie – dass dort sehr wenig los war, wenn man bedenkt, wie viele hundert Leute vor etwa der Schatzkammer stündlich anstehen. Beim Betrachten der Sammlung entstand zwischen mir und meinen Begleitern auch die Diskussion, wie viele Instrumente und musische Künste eigentlich schon in Vergessenheit geraten sind. Früher ließen Kaiser sich Instrumente anfertigen oder erst eigens erfinden, manche davon gibt es nur in ganz beschränkter Anzahl, aber die Vielfalt ist gigantisch. Heute haben wir auch ein ganz anderes Verständnis von oder Verhältnis zur Musik. Sie ist immer noch Ausdruck tiefer Gefühle und Transportmittel dieser, eigene Kompositionen werden aber meist durch die Dauerbeschallung der Top-Charts aus Radios, Mp3Playern und YouTube übertönt – und ganz ehrlich – wie viele Menschen hören noch auf den Text dieser Lieder und versetzen sich dort hinein?

Als Mensch, der in jungen Jahren auch mehrmals wöchentlich die Musikschule und diverse Chorproben besucht hat – bin ich noch in einer anderen Sache ins Grübeln geraten, die sich ebenso auf das unterschiedliche Verständnis von Musik bezieht. So habe ich fast immer nur von Zetteln und Lieferbüchern zu spielen gelernt. Klar an einem Theoriekurs führte auch damals schon kein Weg vorbei – und dort lernt man ja eben alles über Harmonien, Dreiklänge, Tonarten etc. - dennoch – würde mir jemand sagen „ich spiele eine C-Dur, spiel mit“ - ich müsste eine Weile überlegen und wäre mir vielleicht auch dann nicht einmal sicher, wenn ich die richtige Übersetzung auf die Tonart meines Instruments vorgenommen und die Vorzeichen entsprechend angepasst habe. Ich denke wir lernen heutzutage viel zu wenig nach dem Gehör zu spielen. Wir spielen nach Noten, Taktstrichen und Pausenzeichen – und spielen somit eigentlich allein oder einer gegen alle. Das erste mal, als ich in einem Orchester mitspielen sollte, war ich komplett überrumpelt davon, wie wenig eigentlich wirklich nach Noten gespielt wird, wenn man auf die Kollegen rundherum achten sollte. Irgendwie schade, wenn man bedenkt, wie wichtig Musik und das miteinander musizieren eigentlich sein sollte – generell und auch im Kreise einer Gruppe, mit der man Rituale feiert und früher oder später auch gemeinsam chanten, intonieren und singen möchte.

Aber zurück zur Tour: Die Sammlung über alte Musikinstrumente hat alles, was man sich nur erdenken kann – bekannte Musikinstrumente und solche, von denen man sicherlich noch nie etwas gehört hat. Die meisten davon sind wunderbar aufwendig gefertigt und geschmückt, dass es einem fast zu schade wäre darauf zu spielen. Goldüberzogene Flügel zum Beispiel oder eine Querflöte aus Kristallglas. Beim betrachten dieser Schätze kam mir einiges an Inspiration, wie ich meine Musikinstrumente verzieren könnte und sie so auch für den Einsatz im Ritual oder zum Dienst an den Göttern der Inspiration heiligen könnte. Da gab es beispielsweise Flöten mit menschlichen Gesichtern und Lyren mit wundervoll verschnörkelten Knotenmustern. Wir hatten außerdem das Glück, dass in der hintersten Kammer zwei Musiker zu Gast waren, welche ein enormes Repertoire an Instrumenten für das Publikum angespielt und darüber erzählt haben. So konnte man auch jene Instrumente ein bisschen näher kennen lernen, die eher unüblich sind oder erst wieder langsam ins Bewusstsein treten, wie etwa Instrumente aus dem Mittelalter. Ein Beispiel zu dem Wissensschatz, den die beiden uns näher brachten: Die Lyra wird oftmals, wenn man sie überhaupt kennt, als Vorgänger der Gitarre genannt. Dies stimmt aber nicht, da es zur Zeit der Lyra die Gitarre bereits gab und diese meist in Kombination miteinander verwendet wurden oder parallel. Zudem werden Gitarre und Lyra ganz anders gespielt, mit einem anderen Fingersatz, der sich enorm unterscheidet.


Eine Wissenschaft für sich

Zum Schluss der Ausstellung sahen wir uns noch die kleine Probierecke an – in welcher man durch Glaskästen ein bisschen Einblick in die Mechanik verschiedenster Klaviere nehmen konnte. Eine Klaviertaste ist nicht immer nur mit einem kleinen Hämmerchen verbunden, das auf eine Seite schlägt – es gibt wahnsinnige Apparaturen, welche über zig Umwege dazu führen, dass etwas auf eine Taste drückt und so immer wieder einen anderen Ton erzeugt. Und da soll mal einer sagen, Musik wäre keine Wissenschaft!

Nach dieser Flut an Wissen gönnten wir uns erst einmal eine Pause, um dann im MQ weiter zu machen, was wir begonnen hatten. Nächster Punkt der Agenda – Museum Leopold, mit den berühmten Vertretern Klimt und Schiele. Also ein bisschen mehr Kunst in Form von Malerei.

Wir hatten Glück noch die Sammlung „Magie des Objekts“ sehen zu können, welche an diesem tag offiziell auslief – und eine Auswahl an Fotografien zeigt, mit denen KünstlerInnen durch das Ablichten eines Objektes oder einer Szene etwas bestimmtes Ausdrücken wollen. Wie viel Magie in einem solchen Objekt stecken kann, wenn man es „richtig“ in Szene setzt und wie viele Gefühle dabei von den Zusehenden angesprochen werden. Während man die Zoom-Aufnahme einer Handfläche oder einer Muschelschale klar erkennen kann – lassen andere Werke nur Vermutungen zu. Bilder von Kästchen, versehen mit Namen und Jahreszahlen – führten uns etwa zur Annahme, dass es sich dabei um die Nachtkästen der Einwohner eines Altenheims handeln könnte. Dabei kommt man natürlich ins Grübeln, wenn man sich überlegt, was der Künstler oder die Künstlerin damit aussagen wollte. Das Schöne ist, dass dabei Gedanken wachgerüttelt werden, die man ansonsten wohl gar nicht hätte.


Malerei und Kritik

Die Sammlung Leopold führte uns weiter zu Klassikern des Expressionismus, viel kritisierten Kunstwerken einer Zeit, die ihrer Zeit voraus war, Bildern und Geschichtsepochen vor und während des ersten Weltkriegs – bis hin zur Stadtgeschichte um Otto Wagner, Architektonische Bilder Wien und zahlreichen Bildern und Zeichnungen der Stadt in früheren Zeiten. Ganz spannend ist zu sehen, wie sich eine Stadt verändert und auch wie schnell. Erkennt man die Haltestellen der ehemaligen Stadtbahn noch wieder, auch wenn sie jetzt zur U6 gehören und teilweise schon ganz anders aussehen? Auch Aufnahmen alter Gassen, aus einer Zeit in der Wien überbevölkert war und sehr viel Elend gesehen hat, waren darunter. Zweifellos eine spannende Geschichte den Ort besser kennen zu lernen, an welchem man lebt, und die Gedanken derer, die ihn einst erschaffen, gestaltet oder erdacht haben. Vielleicht ist das Museum nicht der erste Ort, an den man denkt, wenn man sich mit einer Stadt vertraut machen möchte – auch wenn Österreich ein Land ist, das berühmt für viele seiner Museen ist.

Der letzte Punkt unserer Reise führte in die Kunsthalle zur dort stationären Dali Ausstellung. Salvador Dali gehört mit zu den Künstlern, die ich bewundere, natürlich konnte ich das nicht auslassen. Beim Eintritt in die Ausstellung kommt man sich teilweise zuerst einmal vor wie im Gruselkabinett – Puppen mit Blockkörpern, Spinnenbeinen, schräge Gebilde aus Metal und Stein, sowie zahlreiche Bleistiftskizzen ungewohnter Körperlichkeit sind dort zu sehen. Bei einer Ausstellung über Surrealismus muss man natürlich damit rechnen- und auch damit, dass in der schrägen Ausdrucksweise oft eine Kritik am Realismus oder der Realität stattfindet. Scherzhalber führten uns auch manche der Ausstellungsstücke dazu über Tim Burton Filme zu diskutieren.

Was einem für Gedanken kommen, wenn man etwas betrachtet – was einem für Gefühle bewusst werden, wenn man sich überlegt, was der Künstler ausdrücken könnte – dann erlebt man auch selbst Inspiration. Und diese Inspiration möchte ich hiermit nun gerne weiter geben. Besucht doch mal wieder ein Museum oder eine Ausstellung, wenn ihr dies schon länger nicht mehr gemacht habt und lasst euch überraschen, was euch dort findet. Öffnet euch den Eindrucken und vielleicht inspiriert es euch ja zu neuen Schöpfungen und Kunstwerken oder lässt euch ein wenig nachdenken, hinterfragen und zu neuen unbekannten Betrachtungsweisen finden.


Shina Edea


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