Ein Barde erzählt   Teil V

Damh der Barde besuchte Wien im Juli 08. Dieser Artikel ist die verschriftlichte Form des gemeinsamen Vortrags von Damh und seiner Partnerin Carrie über das Druidentum im Rahmen eines Pagan Federation Pubmoots. Transkribiert und übersetzt wurde das Interview von Shina Edea.

Damh: Das war also der Barde und nun geht es weiter zum Ovaten. Die Menschen wissen oft nicht, was er ist.  Generell, wenn man sich die Energie des Ovaten anschaut, ist er die druidische Hexe, der druidische Magier. Der Heiler, der Weissagende, der Schamane. Wenn man in die bardischen Traditionen schaut, war der Ovate damals nicht so bedeutend wie er es heute ist.  Wenn der Barde ein Kreis hier ist und der Ovate ein Kreis dort, hätten sie eine große Berührungsfläche. Wenn man das Wirken von Taliesin in der Welt anschaut, war er wie ein Schamane. Er reiste in die Anderswelt. Wenn der Barde einer teilenden Tradition folgt – denn es macht keinen Sinn ein Barde zu sein und sich selbst Geschichten zu erzählen – dann ist der Barde in der Gemeinschaft zuhause. Der Ovate aber lebt am Rande der Gesellschaft. Wenn der Barde sich im Birkenhain aus Licht niederlässt, dann arbeitet der Ovate im Hain der Eibe, im Reich des Unterweltbaums. Es war ein sehr einsamer Pfad und der Ovate heilte und praktizierte Magie, das lernt man auch heute noch in den druidischen Traditionen im Ovaten Training. Der zentrale Punkt seiner Ausbildung ist Weissagung, Heilung, Magie.
Vielleicht habt ihr schon gehört, dass der druidische Weg der Weg der Sonne ist. Die druidische Arbeit spielt sich unter der Sonne ab. Die Arbeit des Ovaten spielt sich in der Nacht ab, unter dem Mond. Damit haben wir also auch im Druidentum eine klare Mondtradition. Der bardische Weg erlaubt dir erdgebunden zu leben, aber es gibt immer etwas außerhalb, magische Teile der Welt, die einem die Flucht aus der Realität erlauben. Viele Menschen suchen nach etwas anderem, sie wollen dem Alltag wie wir es nennen  entfliehen. All das erleben, was sich abseits der Realität abspielt. Der bardische Weg sagt dir, dass alle Schönheit sich um dich herum befindet. Magie ist überall. Der Spaziergang durch die Wälder wird dir mehr erzählen als jede Flucht. Das Beobachten der Jahreszeiten wird dich lehren und dir eine Basis geben. Erst nachdem ein Ovate diese Basis gefunden hat, kann er in die Unterwelt reisen. So erkennen wir die drei Welten im Druidentum, die Oberwelt, die Mittelwelt und die Unterwelt. Der Ovate arbeitet im Reich von Annwn, das ist die keltische Unterwelt. Die Annahme, dass das Druidentum ein solarer Pfad ist, ist im Grunde genommen eine falsche Annahme. Wir halten das Zentrum der Tradition einfach nur gut versteckt. Gibt es sonst noch etwas zum Ovaten zu sagen?

Carrie: Der Barde folgt einer Tradition, man hatte Barden in der Gesellschaft, die auch nicht notwendigerweise gereist sind, wie es andere taten. Sie haben eben die Geschichten in der Tradition des Dorfes weitergetragen und sich um das kulturelle Erbe der Gemeinschaft gekümmert. Sie waren in der Lage die Abstammung jeder Familie zu erklären und ebenso die Geschichte des Dorfes. Fast wie eine Bücherei also. Man konnte diese Bücherei betreten und sie konnte einem Kontinuität geben. Der Ovate, der ebenso ein Psychologe war,  war der Arzt, den man aufsuchte. Er war notwendigerweise am Rande der Gesellschaft, weil er objektiv sein musste.  Es ist nicht so leicht jemanden zu heilen oder objektiv zu sein, wenn jemand zu dir kommt und sagt: „Ich glaube, dass mich jemand verflucht hat.“ Die Leute haben miteinander ihre Streitereien und ihre Heilung kommt von wo anders, man muss das aus einer Distanz betrachten aber im Falle des Falles auch in der Lage sein, diese Linie zu übertreten. Man musste in der Lage sein in die wilde Welt hinaus zu gehen und mit den Spirits und Devas zu sprechen, mit den Pflanzen, Tieren und Bäumen. Natürlich muss man aber auch mit den Menschen sprechen können, um eine Lösung auf ein Problem zu finden, aber das kann man nicht tun, wenn man im Zentrum der Gesellschaft steht. So sehe ich persönlich den Ovaten, er ist eher ein Einzelgänger.

Damh: Es gibt ein Buch von Ronald Hutton, das „the druids“ heißt und den Barden später zum Troubadour werden lässt. Wenn der Barde zum wandernden Musiker wird, was wird dann aus dem Ovaten? Das logischste ist, dass der Ovate in den Untergrund geht und die weise Person des Dorfes wird. Das war wahrscheinlich die Linie der Menschen die wieder am Rande der Gesellschaft lebten, eher ausgekoppelt aus der Gemeinschaft. Vielleicht führt uns ihre Linie zum Ovaten zurück. Wenn der Barde im Zentrum der Mittelwelt arbeitet und der Ovate in der Unterwelt, dann finden wir den Druiden in der Ober- oder Überwelt. Er arbeitet dort mit den Sternen, den Drachen, den Steinen, den Kristallen der Erde. Was ist der Sinn darin alle diese Erfahrungen zu machen und dann alleine in einer Höhle zu leben? Manche Traditionen sagen dies wäre der einzige Weg. Dass man Spiritualität nur dann erreichen kann, wenn man alleine geht. Aber wenn man Druide ist, ist man die Person die auf die andere Seite gegangen ist, den Wahnsinn berührt hat und wieder heil zurückgekommen ist. Danach sind sie zurück in die Dörfer gegangen und wurden dort die Lehrer, die Ratgeber des Königs und die Richter. Damals brachte man ihnen großen Respekt entgegen. Man konnte mit dem Tod bestraft werden, wenn man einen Druiden tötete. Man sagt, dass wenn es zwei streitende Parteien gab, und ein Druide über das Schlachtfeld ging, dann mussten sie auseinandergehen. Die Druiden konnten also quer über das Schlachtfeld gehen und wurden nicht verletzt, weil sie Friedenswächter waren. Wo auch immer sie in einem Land hin gingen wurden sie akzeptiert. Nun verstehen wir also warum die Römer es so sehr darauf anlegten sie zu vernichten. Wenn es nämlich eine Gruppe von Menschen gibt, die ganz Britannien gegen die Römer aufstacheln konnte, dann waren es die Druiden.

Wenn es eine Person gab, die einen Stammesführer mit einem anderen Stammesführer versöhnen konnte, weil das einem größeren Frieden dient, dann war das der Druide. Was passiert dann als logischer Schluss? Es gab ein einzelnes Jahr, das Jahr 61 AD, das einige Leute das schwarze Jahr nennen. In nur wenigen Monaten sammelte Boadicea, die britische Königin der East Anglia Stammes eine riesige Armee zusammen, weil ihre Töchter in der Öffentlichkeit von römischen Offizieren vergewaltigt worden waren. Ihr Ehemann war gestorben und nach dem keltischen Stammesbrauch ging die Macht eines Stammes dann auf seine Frau über, da gab es keine Geschlechtertrennung. Als sie dann Königin wurde, nahmen die Römer ihr Land weg und sie begann eine Armee aufzubauen und zerschlug die römische Armee in Colchester. Sie marschierte auf London zu und zerstörte die römische Armee auch dort. Um Haaresbreite wäre die Invasion der Römer von dieser Frau aufgehalten worden. Der römische Feldherr war zu dieser Zeit ein Mann namens Gaius Suetonius Paulinus.  Er reiste Boadicea entgegen und disziplinierte seine Truppen, in dieser letzten Schlacht wurde Boadiceas Armee vernichtet. Boadicea hat daraufhin Selbstmord begangen, um nicht von der römischen Armee gefangen genommen zu werden. Eines der Dinge, das Boadicea auf ihren Weg geholfen hat, war die Unterstützung der Druiden. Sie hatten ihr geholfen ihre Truppen aufzustellen. Und damit wurde dann auch die Insel Anglesey zur Zielscheibe der Römer, da sie das große Zentrum der druidischen Schulen war. Damals nannte man sie noch die Insel Monah.

Die Druiden auf dieser Insel fielen den Römern schutzlos zum Opfer. Als die Römer angriffen schnitten sie die heiligen Haine um und töteten Männer, Frauen und Kinder. Sie dachten, sie hätten alle Druiden vernichtet, aber wie wir heute wissen, waren sie wahrscheinlich nicht schnell genug. Der Druide zog sich nicht in einen Höhle zurück, er ging hinaus in die Gemeinschaft. Aber nicht, um zu missionieren, nach dem Motto: „Komm und werde Druide.“ Das nicht, wohl aber um einen Dienst am Volk zu tun. Du bist durch so viele Erfahrungen gegangen, weißt so viel und bist weise, also diene deinem Volk, deinem Clan, deinem Stamm. Das ist auch heute noch so. Es gibt zwar keine Könige mehr die man beratschlagen kann, und wir sind auch keine Richter, obwohl es vielleicht Richter gibt, die Druiden sind – aber wir sind immer noch in der Gemeinschaft. Wir treffen uns nicht hinter verschlossenen Türen. Wir treffen uns unter der Sonne, in der Öffentlichkeit, in Steinkreisen, zum Beispiel in Stonehenge und Avebury.  Carrie und ich treffen uns mit den Gorseth. Das gehört dazu, denn als Druide ist man auch Teil des sichtbaren Heidentums. Das Druidentum war schon immer der sichtbare Teil des Heidentums in Britannien.  Auch, wenn man nur mit dem Hund spazieren geht, trifft man vielleicht auf 60 bis 100 Druiden, die draußen Beltaine feiern. Und wenn man will, kann man sich solchen Kreisen auch anschließen, um zu spüren und einen schönen Tag zu erleben – man ist willkommen. Es ist sehr wichtig die Leute willkommen zu heißen und offen zu sein. All das gehört mit zur Rolle des Druiden als Lehrer, im OBOD ist der Druide der Unterweisende. Alle Lehrer im OBOD haben den Grad des Druiden erreicht, weil sie dazu durch bestimmte Erfahrungen gegangen sind und so etwas an die Gemeinschaft zurück geben können. 


Ende Teil V


Shina Edea


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