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Das Voodoo-Reinigungs-Ritual
Lady Purple, die Zeremonienmeisterin
des Merry-Meet-Festivals, sagt uns, dass wir möglichst wenig anziehen sollen, denn es
werde sauheiß werden in der Trollhütte. Die Trollhütte
ist eine Dependance von Schloss Limberg, ein freistehendes ebenerdiges
Haus, bestehend nur aus einem rechteckigen Versammlungsraum mit
kuscheligem offenen Kamin auf der der Eingangstüre gegenüberliegenden
Schmalseite.
Wir, ca. 40 Personen, sitzen wieder im Kreis. Naja, nicht ganz.
Es hat eher die Form eines verhatschten Hufeisens. Der Richtung
Kamin offene Teil des Halbkreises wird von einem zu einem Altar
umfunktionierten Tisch abgeschlossen. Unsere Wasserflaschen, die
wir vorsorglich mithaben (Purple sagte, es wird heiß...),
sowie diverse Taschen und ein CD-Player, in dem sich eine CD mit
den heiligen Gesängen befindet, denn wir, die wir da sitzen,
kennen ja keine Voodoo-Lieder, und die drei Kultpersonen, die das
Ritual leiten, haben anderes zu tun, als den Hintergrundgesang
zu machen – aber egal, also all das Klumpert, das wir nicht
unmittelbar fürs Ritual brauchen, steht hinter den Sesseln,
damit es das Geschehen vor uns nicht stört. Die Fenster sind
geschlossen. Derweil ist es noch nicht so heiß. Hinter dem
Altar, also neben dem Kamin, sitzt Ihre Majestät, gehüllt
in ein prächtiges seidenes, langes Gewand mit unzähligen
Stickereien. Die Farbe ist mir entfallen. Aber es ist prächtig,
da bin ich sicher. Fagbemissi hat ein ähnliches langes Gewand
an, aber weniger prächtig bestickt, dafür aber ganz in
weiß. Der Priesteranwärter sitzt, auch wieder in weiß gekleidet
(mir wird erzählt, er müsse ein Jahr lang in weiß rumlaufen,
denn das gehöre zu seiner Priesterausbildung), von uns aus
gesehen, links von König Aaré und Fagbemissi, neben
dem Altar, um immer zur Stelle zu sein, wenn für das Ritual
etwas benötigt wird. Seine Orishas rauchen wieder Zigarillos.
Ich glaube, ich werde mir auch so einige Orishas zulegen und frage
mich insgeheim, ob die Orishas dann den Lungenkrebs bekommen oder
doch der Mensch....
 Der Altar ist mit einem reinen weißen
Tuch bedeckt. Darauf befinden sich drei einfach gestaltete hölzerne, archaische
Statuen, mit Tüchern bekleidet, welche drei Orishas darstellen
(welche, weiß ich leider nicht). Neben den Statuen stehen
verschiedene Schüsselchen mit verschiedensten Opfergaben darin,
wie z.B. Salz, Zucker, Rum, Honig, Getreide, zwei Silberplatten
mit Süßigkeiten und Obst, und was weiß ich nicht
alles noch. Ich kann es leider nicht so genau erkennen, da ich
zu weit weg sitze. Links vor dem Altar steht ein Mistkübel,
daneben ein großer Sack mit Getreide- und Maiskörnern,
und daneben, vor dem Altar, steht Papa Legba, der genau so aussieht,
wie die drei Orishas am Tisch, aber eben am Boden steht. Papa Legba
ist, soviel weiß ich, ein mächtiger Trickster, verantwortlich
für die Türen, die zu öffnen sind, damit man einen
guten Draht zu den Orishas hat. Papa Legba (oder auch Eleggua)
ist Herr der Wegkreuzungen, der „Götterbote“ im
Voodoo. Er wird immer am Anfang jedes Rituals angerufen, zum einen,
um die Erlaubnis zu erhalten, überhaupt ein Ritual abhalten
zu dürfen, zum anderen, um die Türen zu den Orishas zu öffnen,
damit diese in die Menschenwelt können.
Direkt vor dem Altar liegt eine Reismatte, die mich an einen Gebetsteppich
erinnert. Und noch einige Dinge liegen da herum, die ich nicht
genau erkennen kann, die aber ein sehr buntes Bild von dem Arrangement
am Altar abgeben.
Die Feierlichkeit beginnt
Als erstes, soviel weiß ich noch, tritt König Aaré hervor
und verlangt nach Wasser. Der Priesteranwärter reicht ihm
eine Kokosnussschale (alle weiteren Getränke werden auch in
Kokosnussschalen gereicht) mit Wasser. König Aaré nimmt
einen Schluck und spuckt das Wasser in einem Sprühregen kreisum.
Das wiederholt er einige Male, bis alles gereinigt ist. Dann wendet
er sich Papa Legba zu, und unter mehreren Verbeugungen vor dem
Orisha auf der Reismatte beschwört er in der Yoruba-Sprache
Papa Legba, uns die Erlaubnis für das Ritual zu erteilen.
Der König spricht die heiligen Verse rhythmisch und laut – die
Litanei dauert einige Minuten. Er nimmt dann eine Kokosnussschale
voll Rum und gießt etwas als Trankopfer vor dem Altar auf
den Boden. Eine Geste, die in äußerst vielen Heidentümern
vorkommt – das Opfern des ersten Schluckes des rituellen
Getränks. Wie ähnlich sich doch die paganen Religionen
oft sind!
 Danach werfen Fagbemissi und Ihre Majestät das Orakel (meist
vier Muscheln, die, je nachdem wie sie zu liegen kommen, den Götterwillen
anzeigen). Die Stimmung ist supergut und energiegeladen. Alles
ist voller Erwartung. Und ich weiß instinktiv, dass Papa
Legba uns wohlgesonnen ist. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende
gedacht, geben die beiden Kultleitenden schon ihr OK. Das Orakel
war gut. Die Orishas wollen kommen. (Bei unserem Winterbesuch in
Fagbemissis Wohnung, musste Papa Legba, glaube ich, ca. fünf
mal mit den verschiedensten Opfergaben freundlich gestimmt werden,
bis er endlich sein OK gab! Und heute war er gleich beim ersten
Mal hochzufrieden. Das ehrt uns schon ganz toll!)
Jetzt kommen verschiedenste Riten, deren Ablauf ich nicht mehr
weiß. Ich zähle daher alles auf, was mir einfällt:
Eine Frau, zwei Sessel links von mir, wird gebeten, den CD-Spieler,
der sich am Tisch hinter ihr befindet, einzuschalten. Das trommelbegleitete
Lied für Papa Legba erschallt, und danach noch andere religiöse
Lieder. Alle mit Trommeln. Manchmal werden wir Anwesenden auch
aufgefordert, im angegebenen Takt mitzutrommeln. Dann wieder hören
wir nur die Stimmen aus dem CD-Spieler. Ganz ruhig ist es, glaube
ich, nur noch einmal, aber da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich
habe das Ritual eher als bunten Lärm mit Gesang und Trommeln
in Erinnerung. Die ganze Zeit über. Stellt Euch also beim
Weiterlesen einfach weiterhin Trommeln und afrikanische Gesänge
vor, dann muss ich nicht mehr darauf hinweisen.
Kokosnussschalen
mit Rum und ähnlichem werden im Kreise weitergereicht,
und wir alle trinken, was immer wir von unseren linken oder rechten
Nachbarn erhalten. Auch die Pfefferkörner, die mir noch in
feuriger Erinnerung sind, drückt uns der Priesteranwärter
in die Hand. Während König Aaré das Hauptzeremonial
abhält, Orishas beschwört, betet, ritualisiert, etc.,
gehen Fagbemissi und er von einer zum anderen, um uns diverse Reinigungen
und Segnungen angedeihen zu lassen.
So gehen sie zum Beispiel im Kreis herum und blasen jeder/m
einzelnen von uns Zigarrenrauch auf den Kopf. Fagbemissi sagt,
dass, je mehr
oder je hungrigere Geister man hat, desto länger verweilt
der Rauch am Kopf. Ich muss unweigerlich, keltisch wie ich
bin, an einen Vers aus dem Amergin-Lied denken:
„Ich bin der Mann und der Gott, der mit Rauch Feuer für
einen Kopf macht...“
- schon wieder gleiche Ideen in ganz verschiedenen heidnischen
Kulturen!
Dann bekommen wir alle auch noch einzeln einige Tropfen Rum über
den Kopf geträufelt.
Noch ist es nicht allzu heiß, und ich habe noch meine Schuhe
an, denn der Betonboden ist recht kühl. Meine rechte Sitznachbarin
ist aber schon barfuß. Plötzlich kommt Fagbemissi wieder
mit der Flasche Rum daher und schüttet einige Tropfen Rum über
den linken und den rechten Fuß meiner Nachbarin. Die Priesterin
sagt dazu, das sei für die eigenen Ahn/innen, für die
Oma und den Opa und alle anderen. Es dauert keine 10 Sekunden,
bis wir anderen uns auch die Schuhe ausziehen, denn einen Segen
auf die Zehen für unsere Großeltern wollen wir doch
alle! So geht Fagbemissi reihum und schüttet jeder/m Rum auf
die Füße. Ein lustiges Gefühl! Und ursüß,
finde ich!
Ende Teil II
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