Göttertanz und Schneckenschleim   Teil II
Das absolut geniale Voodoo-Ritual am MerryMeet Festival 2006.

Das Voodoo-Reinigungs-Ritual
Lady Purple, die Zeremonienmeisterin des Merry-Meet-Festivals, sagt uns, dass wir möglichst wenig anziehen sollen, denn es werde sauheiß werden in der Trollhütte. Die Trollhütte ist eine Dependance von Schloss Limberg, ein freistehendes ebenerdiges Haus, bestehend nur aus einem rechteckigen Versammlungsraum mit kuscheligem offenen Kamin auf der der Eingangstüre gegenüberliegenden Schmalseite.

Wir, ca. 40 Personen, sitzen wieder im Kreis. Naja, nicht ganz. Es hat eher die Form eines verhatschten Hufeisens. Der Richtung Kamin offene Teil des Halbkreises wird von einem zu einem Altar umfunktionierten Tisch abgeschlossen. Unsere Wasserflaschen, die wir vorsorglich mithaben (Purple sagte, es wird heiß...), sowie diverse Taschen und ein CD-Player, in dem sich eine CD mit den heiligen Gesängen befindet, denn wir, die wir da sitzen, kennen ja keine Voodoo-Lieder, und die drei Kultpersonen, die das Ritual leiten, haben anderes zu tun, als den Hintergrundgesang zu machen – aber egal, also all das Klumpert, das wir nicht unmittelbar fürs Ritual brauchen, steht hinter den Sesseln, damit es das Geschehen vor uns nicht stört. Die Fenster sind geschlossen. Derweil ist es noch nicht so heiß. Hinter dem Altar, also neben dem Kamin, sitzt Ihre Majestät, gehüllt in ein prächtiges seidenes, langes Gewand mit unzähligen Stickereien. Die Farbe ist mir entfallen. Aber es ist prächtig, da bin ich sicher. Fagbemissi hat ein ähnliches langes Gewand an, aber weniger prächtig bestickt, dafür aber ganz in weiß. Der Priesteranwärter sitzt, auch wieder in weiß gekleidet (mir wird erzählt, er müsse ein Jahr lang in weiß rumlaufen, denn das gehöre zu seiner Priesterausbildung), von uns aus gesehen, links von König Aaré und Fagbemissi, neben dem Altar, um immer zur Stelle zu sein, wenn für das Ritual etwas benötigt wird. Seine Orishas rauchen wieder Zigarillos. Ich glaube, ich werde mir auch so einige Orishas zulegen und frage mich insgeheim, ob die Orishas dann den Lungenkrebs bekommen oder doch der Mensch....

Der Altar ist mit einem reinen weißen Tuch bedeckt. Darauf befinden sich drei einfach gestaltete hölzerne, archaische Statuen, mit Tüchern bekleidet, welche drei Orishas darstellen (welche, weiß ich leider nicht). Neben den Statuen stehen verschiedene Schüsselchen mit verschiedensten Opfergaben darin, wie z.B. Salz, Zucker, Rum, Honig, Getreide, zwei Silberplatten mit Süßigkeiten und Obst, und was weiß ich nicht alles noch. Ich kann es leider nicht so genau erkennen, da ich zu weit weg sitze. Links vor dem Altar steht ein Mistkübel, daneben ein großer Sack mit Getreide- und Maiskörnern, und daneben, vor dem Altar, steht Papa Legba, der genau so aussieht, wie die drei Orishas am Tisch, aber eben am Boden steht. Papa Legba ist, soviel weiß ich, ein mächtiger Trickster, verantwortlich für die Türen, die zu öffnen sind, damit man einen guten Draht zu den Orishas hat. Papa Legba (oder auch Eleggua) ist Herr der Wegkreuzungen, der „Götterbote“ im Voodoo. Er wird immer am Anfang jedes Rituals angerufen, zum einen, um die Erlaubnis zu erhalten, überhaupt ein Ritual abhalten zu dürfen, zum anderen, um die Türen zu den Orishas zu öffnen, damit diese in die Menschenwelt können.

Direkt vor dem Altar liegt eine Reismatte, die mich an einen Gebetsteppich erinnert. Und noch einige Dinge liegen da herum, die ich nicht genau erkennen kann, die aber ein sehr buntes Bild von dem Arrangement am Altar abgeben.


Die Feierlichkeit beginnt
Als erstes, soviel weiß ich noch, tritt König Aaré hervor und verlangt nach Wasser. Der Priesteranwärter reicht ihm eine Kokosnussschale (alle weiteren Getränke werden auch in Kokosnussschalen gereicht) mit Wasser. König Aaré nimmt einen Schluck und spuckt das Wasser in einem Sprühregen kreisum. Das wiederholt er einige Male, bis alles gereinigt ist. Dann wendet er sich Papa Legba zu, und unter mehreren Verbeugungen vor dem Orisha auf der Reismatte beschwört er in der Yoruba-Sprache Papa Legba, uns die Erlaubnis für das Ritual zu erteilen. Der König spricht die heiligen Verse rhythmisch und laut – die Litanei dauert einige Minuten. Er nimmt dann eine Kokosnussschale voll Rum und gießt etwas als Trankopfer vor dem Altar auf den Boden. Eine Geste, die in äußerst vielen Heidentümern vorkommt – das Opfern des ersten Schluckes des rituellen Getränks. Wie ähnlich sich doch die paganen Religionen oft sind!

Danach werfen Fagbemissi und Ihre Majestät das Orakel (meist vier Muscheln, die, je nachdem wie sie zu liegen kommen, den Götterwillen anzeigen). Die Stimmung ist supergut und energiegeladen. Alles ist voller Erwartung. Und ich weiß instinktiv, dass Papa Legba uns wohlgesonnen ist. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, geben die beiden Kultleitenden schon ihr OK. Das Orakel war gut. Die Orishas wollen kommen. (Bei unserem Winterbesuch in Fagbemissis Wohnung, musste Papa Legba, glaube ich, ca. fünf mal mit den verschiedensten Opfergaben freundlich gestimmt werden, bis er endlich sein OK gab! Und heute war er gleich beim ersten Mal hochzufrieden. Das ehrt uns schon ganz toll!)

Jetzt kommen verschiedenste Riten, deren Ablauf ich nicht mehr weiß. Ich zähle daher alles auf, was mir einfällt:

Eine Frau, zwei Sessel links von mir, wird gebeten, den CD-Spieler, der sich am Tisch hinter ihr befindet, einzuschalten. Das trommelbegleitete Lied für Papa Legba erschallt, und danach noch andere religiöse Lieder. Alle mit Trommeln. Manchmal werden wir Anwesenden auch aufgefordert, im angegebenen Takt mitzutrommeln. Dann wieder hören wir nur die Stimmen aus dem CD-Spieler. Ganz ruhig ist es, glaube ich, nur noch einmal, aber da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich habe das Ritual eher als bunten Lärm mit Gesang und Trommeln in Erinnerung. Die ganze Zeit über. Stellt Euch also beim Weiterlesen einfach weiterhin Trommeln und afrikanische Gesänge vor, dann muss ich nicht mehr darauf hinweisen.
Kokosnussschalen mit Rum und ähnlichem werden im Kreise weitergereicht, und wir alle trinken, was immer wir von unseren linken oder rechten Nachbarn erhalten. Auch die Pfefferkörner, die mir noch in feuriger Erinnerung sind, drückt uns der Priesteranwärter in die Hand. Während König Aaré das Hauptzeremonial abhält, Orishas beschwört, betet, ritualisiert, etc., gehen Fagbemissi und er von einer zum anderen, um uns diverse Reinigungen und Segnungen angedeihen zu lassen.

So gehen sie zum Beispiel im Kreis herum und blasen jeder/m einzelnen von uns Zigarrenrauch auf den Kopf. Fagbemissi sagt, dass, je mehr oder je hungrigere Geister man hat, desto länger verweilt der Rauch am Kopf. Ich muss unweigerlich, keltisch wie ich bin, an einen Vers aus dem Amergin-Lied denken:

„Ich bin der Mann und der Gott, der mit Rauch Feuer für einen Kopf macht...“

- schon wieder gleiche Ideen in ganz verschiedenen heidnischen Kulturen!

Dann bekommen wir alle auch noch einzeln einige Tropfen Rum über den Kopf geträufelt.

Noch ist es nicht allzu heiß, und ich habe noch meine Schuhe an, denn der Betonboden ist recht kühl. Meine rechte Sitznachbarin ist aber schon barfuß. Plötzlich kommt Fagbemissi wieder mit der Flasche Rum daher und schüttet einige Tropfen Rum über den linken und den rechten Fuß meiner Nachbarin. Die Priesterin sagt dazu, das sei für die eigenen Ahn/innen, für die Oma und den Opa und alle anderen. Es dauert keine 10 Sekunden, bis wir anderen uns auch die Schuhe ausziehen, denn einen Segen auf die Zehen für unsere Großeltern wollen wir doch alle! So geht Fagbemissi reihum und schüttet jeder/m Rum auf die Füße. Ein lustiges Gefühl! Und ursüß, finde ich!


Ende Teil II


Mc Claudia


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