Göttertanz und Schneckenschleim   Teil I
Das absolut geniale Voodooritual am MerryMeet Festival 2006.

Der Vortrag
Es ist Sonntag, der dritte Tag am MerryMeet-Festival. Die einen durchzechen und durchlieben die Nächte und schauen dementsprechend dramhappert (wienerisch für: ferngesteuert) durch die Gegend, die anderen, wozu ich mich zähle, machen auch keinen besseren Eindruck. Ich selbst leide etwas an einer Verkühlung, die mich durch das irische Wetter der feuchtkalten Südsteiermark (offenbar hat Belenos, der sonnige Gott von Norikum, vergessen, auf den Kalender zu schaun! – ja, wir hätten gerne Sonne und zumindest 20 Grad oder so, wie es sich für Juni gehört!) ereilt hat, und gleich am Freitag hab ich mir meine rechte Schulter verrissen – ob beim Schwertkampf, oder weil’s mich beim Trancetanzen umgeschmissen hat, weiß ich nicht mehr. Dementsprechend zerstört sitze ich mit anderen Morgenmuffel im Kreis, als in aller Olofi’s Früh (zu Olofi später), ich glaube, es ist 09.00 Uhr oder sowas, Schnaps oder Rum und pfeffrige Pfefferkörner gereicht werden. Die Pfefferkörner müssen gegessen werden, denn die reinigen, sagt man uns, und der Rum muss auch getrunken werden (ich nehme an, es war Rum), denn das gehört auch zur Reinigung. Wem es zu scharf ist, darf aus der nächsten Kokosnussschale, die den Kreis der Leute passiert, Coca Cola trinken. Das passt geschmacklich zwar wie die berühmte Faust aufs Auge, nimmt dem pfeffrigen Rum aber die Schärfe.

Nein, ich bin nicht in einem satanistischen Kochkurs gelandet, sondern beim Vortrag über afrikanischen Voodoo, die traditionelle Religion der Yoruba, deren Mitglieder auch im heutigen Benin wohnen, wo der Voodoo-König wohnt, der höchstpersönlich den Vortrag hält.
Der einfach zu merkende Name ihrer Majestät lautet: König der Könige Aaré Omo Odu Dua Sheriff Issa Nassirou Bouraimae. Gut, ich gebe zu, so leicht zu merken ist der Name auch nicht, und angesichts unser aller Zerstörtheit - Fagbemissi, eine hohe Amtsträgerin im Beniner Voodoo, die in Wirklichkeit ganz anders heißt und in Wien wohnt, hat ja auch ganz richtig angemerkt, dass wir europäischen Hexen sehr kraftlos wirkten (nun bin ich wohl keine Hexe, und einige andere MerryMeet-Teilnehmenden auch nicht, um aber die komplexe Individualität der verschiedenen neuen und traditionellen Heiden-, Hexen- und Sonstwastümer außen vor zu lassen und keine Verwirrung bei Ihrer Majestät zu stiften, haben wir insgeheim beschlossen, den Titel „Hexe“ unhinterfragt in diesem Kontext für alle zu akzeptieren) ... äh, wo bin ich stehengeblieben? Ach ja, also der Einfachheit willen, werde ich Seine Majestät einfach König Aaré nennen.

So sitzen wir alle im Kreis auf Sesseln, im Elfenzimmer, einem barocken Kleinod von Schloss Limberg, ganz in weißem Stuck gehalten mit Parkettboden und Kristalllüster. Fagbemissi, eine sehr imposante Erscheinung mit ihren kurzen grauen Haaren und einer gewissen Absolutheit in ihrer Stimme, legt sorgsam eine Orakelkette auf ein hölzernes Tablett in der Mitte des Kreises, nachdem sie es geküsst hat. Im folgenden Vortrag erfahren wir Uneingeweihten einiges über den Voodoo, made in Benin (zur Information, es gibt auch andere Arten von Voodoo, die auch andere Namen haben, wie Candomble in Brasilien oder Santeria auf Kuba, uvm. – alle haben aber ihren Ursprung bei den Yoruba).
Wir erfahren, dass die Yoruba nur einen Gott haben, der aber ein männliches und ein weibliches Gesicht hat (so wie ich das verstanden habe). Der stärkste männliche Teil ist Olofi und der stärkste weibliche Oludumare. Das Oberorakel ist das von Ifa, und der Gott, oder besser, der Orisha, der dafür verantwortlich ist, heißt Orunmila. Auch wenn ich als gestandene Polytheistin was dagegen habe, König Aaré und Fagbemissi versichern uns, dass die Yoruba-Religion monotheistisch sei und die Orishas eigentlich sowas wie Heilige, aber keine Gottheiten. Naja – darüber lässt sich streiten. ;-)

Die weiteren komplexen Zusammenhänge von Orakel, Königswahl, Orishas, Hexen und anderem Kultpersonal habe ich, ehrlich gesagt, nicht ganz durchblickt. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich. Versucht mal, das Judentum in einer Stunde Vortrag zu erklären! *g*

Nur soviel (also das, was ich verstanden habe): Es gibt weiße, schwarze und rote Hexen. Fagbemissi und Ihre Majestät, sowie ein schweigsamer Priesteramtsanwärter (wie Fagbemissi auch aus Österreich) ganz in weiß, der Zigarillo in Kette raucht, wie er sagt, weil die Orishas eigentlich rauchen und nicht er (was ich mir für die Zukunft merken werde, wenn ich mal wieder fernsehsüchtig bin – nicht ich, sondern die Göttinnen wollen eigentlich Film schaun! *g*), also alle drei sind, Yemaja sei dank, weiße Hexen. Weiße Hexen machen nämlich keinen Schadenszauber und bringen auch keine Menschenopfer (wie beruhigend ;-)). Weiße Hexen heilen, entfluchen, helfen, stellen die Harmonie wieder her, etc., und sie nehmen auch kein Geld für ihre Arbeit – so sagt man uns.
Die roten und schwarzen Hexen aber sind gefährlich. Vor allem die roten. Denn die sind vollkommen durchgeknallt und wollen eigentlich nur zerstören. Wahrscheinlich ist die rote Hexe die Voodoovariante eines Psychopathen. Die schwarzen Hexen sind wie Trickster. Sie arbeiten für beide Parteien. Je nachdem, wer besser zahlt, oder so in der Art. Sie zaubern offenbar um des Zauberns Willen, sind nicht gut und nicht böse, helfen, wo man ihre Hilfe braucht. Auf heilender wie auf zerstörender Seite.

Weil dauernd die Sprache von „Hexe“ ist: Man sagt uns, dass sowohl Männer als auch Frauen jede Art Magie machen, also jede Art Hexe sein können. Entscheidend ist immer das Orakel, nicht der persönliche Wille. So ist Fagbemissi, wie sie sagt, eine Hexe mit Kriegerenergie, sehr männlich und mächtig, und eine Babalao ist sie auch, das ist ein ziemlich hoher Titel im Voodoo, obwohl sie eine Frau ist. Geschlecht wird, genderforschungsmäßig jetzt gesehen, weitgehend von den Energien in einem Menschen bestimmt, und vom Orakel bestätigt. Ein Homosexueller, so sagt König Aaré, kann also keine starke männliche Energie haben (ob das die Homosexuellen unserer Breiten auch so sehen, sei einmal dahingestellt...).
Das einzige Amt, das ausschließlich Männern vorbehalten ist, ist das Königsamt (soweit ich das verstanden habe). Der König, sowie reiche Männer, können, wie im Islam auch, mehrere Frauen haben. Es herrscht im Benin also die Möglichkeit zur Polygynie (nicht aber zur Polyandrie). Die Familienorganisation dürfte also patrilinear sein. König Aaré meint dann auch lakonisch, dass ja die Männer von Natur aus die mächtigeren und bevorzugten Menschen sind, weil das ja schon in Bibel und Koran so steht. Auch wenn er einen scharfen Blick von Fagbemissi, und auch von mir (und anderen Anwesenden, denen so eine Ansicht weniger genehm ist), erntet, bleibt er bei dieser Ansicht, und wir diskutieren auch nicht weiter darüber. Ein König will ja nicht vor den Kopf gestoßen werden, wenn er schon so freundlich ist und uns mit seiner Anwesenheit beehrt. So verkneife ich mir auch die Frage, ob es denn im Benin Genitalverstümmelung bei Frauen gibt (später nachgegoogelt: bis 2005 gab es im Benin weibliche Beschneidung, bis sie feierlich abgeschafft wurde).

Bleiben wir kurz beim König: Ihre Majestät erklärt uns, dass er den Wedel, den er immer in der Hand hält, dafür braucht, um alle zu segnen. Ein riesiger Weihwedel also, der gute Energien zu allen strömen lässt. Lässt der König den Wedel fallen, und eine Frau hebt ihn höflicherweise auf, um ihn zurückzugeben, so ist sie dazu verdammt, seine Gattin zu werden. Wir Frauen beschließen also weitgehend, in Zukunft diverse verlorene Wedel nicht mehr aufzuheben...*g* Der Wedel wird vom König auch dazu benutzt, Anerkennung zu zeigen, denn normal klatschen darf er nicht, weil Klatschen sofort irgendwelche Geister und Mächte rufen würde. Von einem anderen Vortrag in Wien weiß ich noch, dass das schön bestickte Käppi, das der König am Kopf trägt, seine Krone ist, und dass er die eigentlich in der Öffentlichkeit nie abnehmen darf, weil dann alle zerstörenden Energien auf die Leute überspringen würden, und das will ja nun keine/r, und wir sind alle froh, dass Ihre Majestät gut drauf ist und die Krone am Kopf behält.

Wir erfahren auch, dass die Begriffe „gut“ und „schlecht“ im Voodoo eher rational, nach Interessen gesehen werden. Dass also sogar rote Hexen mit ihren Schadzaubern letztlich Gutes tun können. Die Orishas sind weder gut noch böse. Damit gleichen sie den meisten Gottheiten polytheistischer Religionen. Man ruft sie, wenn man Probleme hat, während Gott, also Olofi-Oludumare, nur für ganz große Angelegenheiten herangezogen wird. Jede Hexe hat eine bestimmte Anzahl von Orishas, die sie rufen kann. Keine kann alle rufen, denn das Orakel oder Einweihungen bestimmen, mit welchen Orishas man kann, und mit welchen nicht. Allerdings, so erklärt uns Fagbemissi, sind ja immer wieder Orishas untereinander befreundet, und wenn man z.B. nun den Orisha für Kampf bräuchte, für den aber nicht zuständig ist, bittet man einfach einen Orisha, der mit dem Kampf-Orisha befreundet ist, um Hilfe, er möge doch seinem Freund dieses und jenes ausrichten. Auf diese Weise kann jede Hexe fast alle Probleme der Klient/innen abdecken, auch wenn sie nur mit einer begrenzten Anzahl Orishas „arbeitet“.
Das ganze Kultsystem des Voodoo ist streng hierarchisch aufgebaut. Die für uns Außenstehende undurchschaubaren Verbindungen und Verfeindungen von Hexengruppen haben in sich geschlossen alle eigene Gesetze und Regeln, an die sie sich zu halten haben. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass uns König Aaré zwar das Zeichen der weißen Hexen zeigen kann, er aber nicht weiß, welche Geheimsymbole die roten und schwarzen Hexen haben – und das, obwohl er auch ihr König ist!

Wir sitzen also alle im Kreis und lauschen den Ausführungen. Die Zeit ist schnell um, und am Ende der Fragestunde bietet Fagbemissi allen, die wollen, eine Zigarre an – ein äußerst großzügiges Geschenk. Der Elfenraum ist nun in Tabaknebel gehüllt. Starker Tobak für mich Morgenmuffel, und ich bin neugierig, was mich am Abend beim Reinigungsritual erwartet.


Ende Teil I


Mc Claudia


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