Alpenschamanismus
Das allemannisch-germanische Duo startete am Schamanenkongress im Juni 2005 in Wien in den Morgen. Kurt Lussi (Schweiz) und Christian Rätsch (Deutschland) waren die Vortragenden, auf die ich mich schon freute und ich war gespannt, was diese Beiden uns zu sagen hätten. Es ging um Wurzeln, den Alpenschamanismus und Brauchtum.

Wisst ihr, dass es zwar das Frauenstimmrecht in der Schweiz noch nicht solange gibt, aber die Frauen immer gemeint haben: "Das ist nicht so schlimm, denn wir sagen den Männern eh was sie wählen sollen".

Kurt Lussi führte uns in die Schweizer Kantone mit vielerlei Bräuchen, Geschichten, historischen Begebenheiten und netten Geschichten. Die Bräuche aus der Schweiz finden sich teilweise in ganz Europa wieder. In der Schweiz ist vieles noch sehr urtümlich und original erhalten. Denn erst im 18. Jhd. hat man wie Kurt es nennt – die Gewänder gewechselt.

St. Nikolaus wird aus heutiger Sicht von einigen Forschern als etwas dargestellt, das aus neuzeitlichen Burschenschaftsbräuchen herausgewachsen ist. Betrachtet man die Quellen, meint Kurt Lussi, würde das stimmen, aber nur im Falle eines katholischen Europas. Eine Zeit, in der diese Gewänder gewechselt wurden. Aber in der Schweiz war es immer ursprüngliches Brauchtum, heidnisches Brauchtum. Die Klausjagd – oder St. Nikolausjagd waren Züge von kleinen Gruppen, den „Dreichlern“. Sie trugen Glocken mit sich, um zu Lärmen. In einer Sänfte sitzend kam der Nikolaus mit ihnen von Ort zu Ort. Kurt beschreibt die Schwingung der Glocken, die in den engen Gassen ein Vibrieren auslösen würden und bei den Zaungästen ein Gefühl der Gelöstheit hervorrufen würden.
Begleitet wurden diese Umzüge von Geißlklöpfern die mit Schafgeißeln zusätzliche Schnalzgeräusche machten. Das sind Perchtengestalten, die den Umzug begleiten und die wir auch in Österreich kennen. Diese archaischen Bräuche werden heute in der Schweiz in vielen Gegenden fast unverändert praktiziert. Lärmbräuche, um die Dämonen zu vertreiben gibt es im gesamten deutschsprachigen Raum auch heute noch – doch leider eher als touristische Attraktion.


„Predigt ist für die Dummen, die Gescheiten können selber denken!“
Ein alter Spruch, der aufzeigen soll, dass das Heidnische sich nicht ganz vom Christentum vereinnahmen ließ. Und in der Schweiz gibt es noch Orte, in denen wenig christliches verbreitet ist, sondern im Gegenteil dazu die „alten“ Bräuche noch gelebt werden.
Früher gab es viele magisch ansinnende Erkrankungen und ihre Namen kennt man vielleicht heute noch. Denn in unserer deutschen Sprache ist noch viel vorhanden was aus den ursprünglichen Brauchtümern stammt. „Den Zipperer haben“, kommt vom Zipperlein, ein Zwerg, ein Dämon, der im Weißwein sitzt und seltsame Dinge auslöst wenn man diesen trinkt. „Vom Schlaf getroffen“ wurde man von einem Dämonen, der einen im Schlaf „gepackt“ hat. Oder der berüchtigte „böse, stechende Blick“ von dem man es mied getroffen zu werden, da er negative Kräfte übertrug. Da man nicht „verhext“ werden wollte, kannte man viele Schutzzeichen und Gegenstände, um den negativen Zauber abzuwehren. Besonders Eisen und spitze Gegenstände waren hierzu sehr beliebt.
Abwehrmittel gab es auch im Christentum viele wie z.B. das heilige Lorettokind, das gegen Krankheit wirkte. Doch das Heidnische galt als unheilig, und wurde mit dem heiligen Christlichen vertrieben.


Geisterwege
Der Brauchtumsglaube sieht Geister als Seelen der Toten an, die andauernd unterwegs sind. Sie halten sich gerne bei bestimmten Wegen und Kreuzungen auf. Und es gibt auch heute noch Wege, die von Menschen gemieden werden, da man weiß, dass diese Wege krank machen!
Kurt Lussi zeigte uns dazu ein Bild von einem Lochstein und meinte, dass die Toten durch den Lochstein ziehen würden. Denn, wenn man durch den Lochstein sähe, gäbe einem das helle Licht, das man sehen würde ein friedliches Gefühl. Der Anblick des hellen Lichtes erinnerte mich an die Erzählungen von Nahtoderlebnissen, bei denen fast alle Betroffenen von einem gleißenden Licht sprechen, in das man hineingeht und dabei alles als sehr friedlich empfindet.

Doch was hat alpenländisches magisch-religiöses Brauchtum zu tun mit dem Schamanenkongress auf dem wir uns eigentlich befinden? Kurt Lussi sieht universelle Gemeinsamkeiten im Brauchtum und in der Ausübung magischer Riten in allen Kulturen. Unsere Wurzeln wurden durch die Christianisierung beschnitten. In anderen Kulturen war dies nicht so stark oder kaum der Fall gewesen und die Traditionen lebten so weiter. So können wir etwa über das Wissen über andere Kulturen zu unseren eigenen Wurzeln finden.
Das heißt, dass das Grundprinzip überall das Gleiche ist und die Wege sich ähneln. Ein Kongress oder Veranstaltungen, bei denen Menschen aus verschiedenen Kulturen sich austauschen können über ihre Bräuche und Riten, sind Wegkreuzungen die uns näher zueinander führen können.

„Wenn man etwas verändern will, reicht es nicht, das Hemd zu wechseln, da man danach immer noch verschwitzt ist. Man muss beginnen in sich etwas zu ändern!“

Unsere Kultur enthält genauso viel Wissen wie andere Kulturen, nur ist es Knochenarbeit dieses Wissen wieder auszugraben, da es verschüttet ist. Deswegen ist es hilfreich zu sehen, wie Buddhisten oder peruanische Schamanen arbeiten und welche Erklärungen sie machen. Dadurch können wir Rückschlüsse darauf ziehen, wie die Dinge bei uns früher gehandhabt worden sein könnten oder welche Bedeutung sie gehabt hätten. Denn z.B. Geburtssteine oder Lochsteine gibt es überall und das Wissen von anderen Kulturen kann uns helfen, unsere Lücken zu schließen.
Da unser Fokus schon sehr lange auf die Äußere - die materielle Welt - gerichtet war, haben wir uns umso mehr von den Inneren Welten wegbewegt. Um zu erkennen und zu verstehen, müssen wir uns wieder auf die Wurzeln besinnen. Das wichtigste ist dabei die Liebe, die vielen von uns abhanden gekommen ist wiederzufinden! Für Kurt ist Schamanismus „angewandte Liebe“. Das hat nichts mit Sex zu tun. In der Begegnung mit Schamanen können wir diese Liebe spüren, wie sie lebendig ist. Denn Schamanen sind nicht Leute, die im Kreis sitzen und trommeln und komische Getränke trinken, sondern sie sind Menschen, die Liebe leben und an sich arbeiten. Sie versuchen ihre Sensibilität zu intensivieren und ihre Verbundenheit, ihre Liebe zum Leben zu stärken.

Dr. Kremser (Prof. der Kultur- und Sozialanthropologie in Wien) erzählte uns vom Lebenskanal in jedem Menschen. Kurt Lussi sieht Lebenslinien, die wie ein Kreuz in jedem Menschen angeordnet sind. Wenn wir uns also hinstellen und die Arme ausstrecken, verläuft eine Linie von Kopf bis Fuß und eine andere von einer Hand zur Anderen. Der Kreuzungsmittelpunkt ist unser Lebenszentrum. In dieses Lebenszentrum ziehen sich unsere Energien zurück, wenn wir sterben.
Das Kreuz ist also ein wichtiges Symbol, dass nicht nur im Christentum eine wichtige Rolle spielt!


Wie heilt ein Schamane?
Kurt meint, dass dies durch die Energie der Liebe in Form einer nonverbalen Kommunikation geschieht. Schamanen schauen ins Herz der Menschen und beginnen dort zu heilen.
Durch psychoaktive Pflanzen können Türen geöffnet werden und so sieht der Schamane Energieströme besser und ebenso ihre Blockaden. Dort setzt die „Therapie“ an und nach diesem Prozess wird jenes be- und verarbeitet, was der Schamane an Blockaden gesehen hat.

Das Problem in Europa ist, dass psychoaktive Pilze verboten sind und unser natürlicher Zugang dazu verschüttet ist. Von uns hat kaum einer den Umgang und Respekt gegenüber diesen Pflanzen gelernt. Wir kennen nur einen materiellen Zugang als Rauschmittel und nicht den rituellen Kontext, der das eigentlich wichtige ist. Pilze sind in Mexiko heilig und man nennt sie auch das Blut Christi.
„Gracias dios mios“ – Ich danke dir mein Gott, dass Du mich diesen Pilz finden hast lassen der mir den Zugang zu dir gewährt.


Was ist das Hauptziel von Begegnungen und Veranstaltungen?
Zeichen zu setzen und voneinander zu lernen, sich auszutauschen und miteinander zu schweigen, wo reden nicht notwendig ist.

„Wenn wir die Menschen dazu bringen, dass sie sich vom Äußeren – Materiellen - soweit trennen, dass sie sich auf die inneren Werte konzentrieren und dort ihre Entwicklungen machen, dann gibt es eine Basis, auf der man nicht mehr diskutieren muss, denn wir sind einer Meinung und führen einen Dialog anstatt zu streiten!“

Kurt sagte auch, dass die Verbindung der Völker die Spiritualität sei, in der wir Gemeinsamkeiten betonen müssten um Brücken zu bauen, die uns allen als Basis dienen können.
Über diesen Ansatz und das Bewusstmachen warum wir hier am Kongress wären, führte er uns langsam zu unseren Wurzeln um den Übergang zu all den Gegenständen zu schaffen, die er bei sich hatte. Gegenstände aus dem Brauchtum, die uns viel zu erzählen hatten (wie etwa: Hexenschlüssel, Pentagramme in alten Ziegeln, Rosenkränze mit Reliquien usw.).
Ebenso wurden viele Bilder gezeigt, bei denen es um die Thematik des Lichtes und die Symbolik ging, die uns später bei unserem Ausflug in die Kirche in Hadersdorf wieder begegnete. Denn Licht ist Erkenntnis!

Und wer weiß, vielleicht hat Kurt ja mal Zeit und beehrt uns hier in Österreich und bringt all die netten Dinge mit, die mich so fasziniert hatten.


Lady Purple


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