Betreut von MartinM
Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen    Teil XXII

Ein Artikel-Mehrteiler von Mc Claudia, der dem Wissen über die Jahreskreisfeste eine fundierte Basis vermitteln möchte. Viel Recherche, persönliches Engagement und Arbeit, wofür wir der Autorin herzlich danken!

Jul (übersetzt: Zauber, Beschwörung), das am besten belegte Jahresfest, dürfte in einigen Teilen „Germaniens“ wirklich auf die Wintersonnenwende gefallen sein. Die Beliebtheit des lunisolaren Kalenders bei Angelsachsen und sicher auch anderen früheren Germanen lässt aber genauso den Schluss eines Mondfestes in der Nähe der Sonnwendnacht zu. Es könnte aber auch ein anderer Zeitpunkt von November bis Jänner gemeint sein. Sicher ist auf jeden Fall der Monatsname „Jul“ für Dezember/Jänner in mehreren germanischen Kalendern.

Ostara hingegen existiert in der Form historisch nicht. Der Name ist eine sprachliche Rekonstruktion des Göttinnennamens Eostrae (den Beda Venerabilis angibt) durch den Sprachwissenschaftler Jacob Grimm (1785 – 1853) - das ist einer der berühmten Gebrüder mit den bekannten Märchen. Grimm spekulierte in seinem 1835 erschienenen Werk „Deutsche Mythologie“ über etymologische Zusammenhänge zwischen der Göttin Eostrae (und dem Monat Eosturmonath) und dem althochdeutschen Monatsnamen Ostarmanoth. Beides heißt „östlich, Osten“. Und weil es auch in anderen indogermanischen Sprachen „östliche“ Göttinnen gibt (z. B. die römische Aurora, die griechische Eos oder die rigvedische Ushas – alles Göttinnen der Morgenröte), liegt der Gedanke nahe, dass Eostrae nicht nur eine angelsächsische sondern eine pangermanische Göttin gewesen sein könnte. Ostara wäre damit die althochdeutsche Version. Eine mögliche antike Göttin, die den Osten im Namen hat, wäre in den Matronen „Austriahenae“ zu finden. Mit 150 Weihesteinen (alle aus dem ehemaligen Morken-Harff/Nordrhein-Westfalen) sind sie die am meisten genannten Matronen. Ob aber diese Matronen mit der angelsächsischen Frühlingsgöttin etwas zu tun haben, und ob es zum Ostarmanoth auch eine dazugehörige Göttin gab, ist ungewiss. Zu trauriger Berühmtheit jedenfalls kam Grimms Göttin in den Jahren 1905 bis 1931. Die Zeitschrift „Ostara“ von Lanz von Liebenfels war eine der ideologischen Wegbereiterinnen des Nationalsozialismus.

Litha (übersetzt: durchlaufen, gehen, vergehen) existiert historisch nur als angelsächsischer Monatsname. Ein gleichnamiges germanisches Fest ist nicht erwiesen.

Zum Schluss noch eine neuheidnische Spielerei. Haben die Keltenfans einen Baumkalender erfunden, so die Germanenfreaks einen Runenkalender. (Offenbar gibt es bei einigen Leuten eine reflexartige Assoziation von Kelten zu Bäumen und Germanen zu Runen, wobei ich letzteres noch eher verstehe.) Das gemeingermanische Futhark hat nämlich praktischerweise 24 Runen (was an und für sich nichts Besonderes ist - das griechische Alphabet z. B. hat auch so viele Buchstaben). Und das Sonnenjahr hat 12 Monate und 12 Tierkreiszeichen. 24 dividiert durch zwei ist 12, macht zwei Runen pro Monat (oder pro Tierkreiszeichen) und – voilà – fertig ist der Runenkalender! Die „übliche“ Version, die auch in einigen Runenbüchern auftaucht und für gewöhnlich „Tyrkreis“ genannt wird, dreht das Futhark um, sodass es bei Odala beginnt und legt diesen Beginn auf Jul. Beginnend also mit Steinbock gibt es so zwei Runen pro Sternzeichen. (Steinbock: Odala/Dagaz, Wassermann: Ingwaz/Laguz …) Ein guter Freund von mir bevorzugt die Version in der normalen Futhark-Reihenfolge und beginnt mit dem Krebs (Krebs: Fehu/Uruz, Löwe: Thurisaz/Ansuz …). Im Prinzip ist es egal und Geschmacksache. Vom Wetter her passt es nämlich sowieso nie, da die zwei Wetterrunen Isaz (Eis) und Hagalaz (Hagel) nur eine Rune (Naudiz) dazwischen haben. Besteht man also darauf, Isaz im Winter zu haben, hagelt es dort auch plötzlich. Und legt man Hagalaz in den Sommer, gibt’s dort auch Eis (was aus heutiger Sicht vielleicht sogar verständlich wäre, solange es sich nur um Speiseeis handelt). Historische Hinweise auf solch einen Runenkalender gibt es jedenfalls nicht. Spaß macht es aber trotzdem!


Die klassische Antike

Klassische Antike allgemein
Die Kelten und Germanen haben für kreative Neuheiden einen wahnsinnigen Vorteil: den Mangel an Quellen über deren Religion. So kann man, sogar dann, wenn man im Rahmen des historisch Fassbaren bleibt, alles Mögliche austüfteln, philosophieren, behaupten und Rituale erfinden und es germanisch oder keltisch nennen, denn nachprüfen kann man es oft nicht. Der Quellenmangel hat auch zur Folge, dass sehr viele Keltenausstellungen und Bücher den Begriff „geheimnisvoll“ vorangestellt haben.

Die Römer und Griechen werden eher selten als „geheimnisvoll“ beschrieben. Denn über diese Hochkulturen weiß man sehr viel. Die Jahreskreise und viele Opferzeremonien sind gut beschrieben, viele Hymnen und Gebete überliefert, die Mythen über die unzähligen Gottheiten weitgehend bekannt, kosmologische und theologische Texte erhalten, unzählige Inschriften und steinerne Zeugnisse liefern den Rest. Ja sogar über derbe Graffitis und Wasserklosetts bei den Römern weiß man Bescheid. Und das Schöne dabei: Wir müssen uns nicht auf die Aussagen feindlicher Völker oder Christen verlassen, nein, die heidnischen Griechen und Römer waren so freundlich und haben alles selbst aufgeschrieben. Wir können hier (fast) aus dem Vollen schöpfen. Das 1000-Teile-Überlieferungs-Puzzle der griechischen und römischen Religion würde vielleicht aus 600 bis 700 Puzzleteilen bestehen. (Ich als Keltenfan werde manchmal etwas neidisch auf die römischen und griechischen Neuheiden und finde es ehrlich doof, dass die antiken Druiden nie etwas aufgeschrieben haben!)

Die klassische griechische Kultur tritt ca. ab dem 8. Jhdt. v. Chr. in Erscheinung. Vorformen sind vor allem in Mykene (Bronzezeit) fassbar. Antike griechische Literatur ist ca. seit dem 7. Jhdt. v. Chr. überliefert (einige setzen Homers Werke, der als erster bekannter Dichter gilt, sogar noch früher an). Griechenland war kein einheitlicher Staat sondern eine Kultur, die sich in zahlreiche Stadtstaaten (Polis) gliederte, die teilweise miteinander in Krieg lagen, andererseits aber auch Bündnisse eingingen (berühmt ist z. B. der attische Seebund). Nach Mitteleuropa (und damit in Berührung mit den Kelten) kam die griechische Kultur erstmals durch die Kolonien in Südfrankreich (Massalia (Marseille) und Nikaia (Nizza)). Die herausragendste Polis in Griechenland war natürlich Athen, welches im 5. und 4. Jhdt. v. Chr. seine Blütezeit erlebte. Aus Athen ist auch der am besten bekannte Jahresfestkreis bekannt. Mit Alexander dem Großen wurde Mitte des 4. Jhdts. v. Chr. die hellenistische Periode eingeleitet und die griechische Kultur gestärkt und verbreitet, und ab 150 v. Chr. wurde Griechenland Teil des römischen Reiches, bewahrte aber weitgehend seine Kultur und Religion.

Die Geschichte Roms begann um 753 v. Chr., wobei die Etrusker politisch und kulturell maßgeblich daran beteiligt waren und in der Königszeit (bis ca. 500 v. Chr.) auch einige Könige stellten. Um ca. 500 v. Chr. wurde die Republik ausgerufen, die bis zur Regierungszeit Caesars Mitte des ersten Jhdts. v. Chr. andauerte. Ab dem 2. Jhdt. v. Chr. dehnte sich das Reich im Mittelmeerraum aus, und mit Caesar – und in der darauffolgenden Kaiserzeit - wurden auch Gallien, die linksrheinischen Teile „Germaniens“, Teile Mittel- und Osteuropas und Britannien in das Reich eingegliedert. Römische Literatur ist frühestens aus dem 3. Jhdt. v. Chr. bekannt.

Im römischen Reich (zu dem auch Griechenland gehörte) begann mit Ende des 4. Jhdts. n. Chr. der Niedergang des Heidentums, da Kaiser Theodosius I. erstmals das (katholische) Christentum zur Staatsreligion erhob und das Heidentum verbot.

Auch wenn die griechische und die römische Religion je ihre eigene Herkunft haben und ihre eigenen Ausprägungen und Charaktere, so lernten sich diese beiden Kulturen schon früh kennen. Eine große griechische Kolonie (Magna Graecia) existierte nämlich seit dem 8. Jhdt. v. Chr. in Süditalien. Die Römer übernahmen demnach viele Mythen und erzählten sie mit den eigenen entsprechenden Gottheiten nach. (Offenbar gab es für die römischen Gottheiten keinen gleichwertigen Mythenreichtum.) Dass Griechenland dann Teil des römischen Imperiums wurde, öffnete dem Synkretismus Tür und Tor. Wenn heutzutage Zeus mit Iuppiter, Artemis mit Diana, Hera mit Iuno oder Ares mit Mars gleichgesetzt werden, so ist das antike Tradition, auch wenn bei genauerer Betrachtung Zeus ein etwas anderer Gott ist als Iuppiter usw.

Auch die großen Opferzeremonien und die kultische Praxis waren in Griechenland und Rom ähnlich. Die Jahreskreisfeste hatten natürlich ihren je eigenen Charakter und Ablauf (siehe Anhang), trotzdem kann man so etwas wie eine „Normvorlage“ für ein typisches Opferfest ausmachen. Abgesehen davon, dass bei einem römischen Fest Latein gesprochen wurde und bei einem griechischen Griechisch, erkannte man den Unterschied vor allem an der Kleidung: Bei griechischen Festen trug man für gewöhnlich Blumenkränze auf dem Haupt, bei römischen bedeckten die Männer ihren Kopf mit der Toga, um so die Demut vor den Gottheiten auszudrücken. (Frauen trugen in der Öffentlichkeit ohnehin einen Schleier.) Im Folgenden nun eine zusammenfassende Darstellung eines klassischen Opferfestes, wobei ich die Unterschiede zwischen griechischen und römischen Riten weitgehend weggelassen habe und nur das Gemeinsame beschreibe:

1. Prozession zum Heiligtum: Prozessionen waren zumeist laute und bunte Angelegenheiten. Die geschmückten, makellosen Opfertiere, Gaben und Utensilien wurden mitgeführt, heilige Gesänge gesungen, Musik gemacht. Manchmal waren Personen als Gottheiten verkleidet, die Götterstatue wurde oft mitgeführt (normalerweise stand sie im Tempel, der für gewöhnlich verschlossen war). Die Prozession endete dann im heiligen Bezirk vor dem Tempel, wo sich der Altar befand. Die Zeremonie fand daher zumeist vor dem Tempel, unter freiem Himmel statt. (Die Tempel selbst dienten nur als Haus der Gottheiten – große Rituale fanden im Tempel selbst nicht statt.)
2. Reinigung der Priester/innen und der Gemeinde, eventuell auch der Gerätschaften und des heiligen Bezirks: Oft verbunden mit einer Bannformel gegen das Böse. (Störfaktoren konnten ein Opfer ungültig machen und damit Unheil bringen.) Je nach Fest, und ob es griechisch oder römisch war, waren auch weitere Gebete, Hymnen oder Weiheriten damit verbunden.
3. Gebete, Hymnen und Trankopfer: Wasser und Wein wurden für gewöhnlich in einem großen Mischgefäß gemischt und mittels kultischer Opferschalen als Trankopfer auf die Erde gegossen. Dazwischen wurden unter dem Gebot der Stille Gebete und Hymnen rezitiert oder gesungen, oft begleitet von Flötenmusik.
4. Vorbereitung des Opfertieres: Das Opfertier (zumeist ein Haustier, wie Stier, Kuh, Schaf, Schwein etc.) wurde symbolisch gereinigt und mittels ritueller Handlungen (z. B. Besprenkeln des Kopfes mit Wasser oder Wein) vorbereitet.
5. Schlachtung des Opfertieres: Im griechischen Ritual wurde der Tötungsakt von den Frauen mit dem „ololyge“-Schrei begleitet, der Böses abwehren sollte. Das herauslaufende Blut war für die Gottheit bestimmt.
6. Untersuchung der Eingeweide durch die Opferschauer: Die Eingeweide mussten makellos sein, was als Zeichen dafür diente, dass die Gottheit das Opfer angenommen hatte. Hatten die Eingeweide Fehler, war das ein schlechtes Omen.
7. Feueropfer: Fleischteile – hauptsächlich ungenießbare – wurden in Fett eingewickelt und in das Feuer auf den Altar gelegt, Räucherwerk kam darüber, um den Gestank zu überlagern. Währenddessen wurde das genießbare Fleisch für das Festgelage gebraten oder gekocht.
8. Festmahl: Nach dem Opfer fand das Festmahl statt, wo auch weitere private Trankopfer und Gebete stattfanden. Oft folgten auch Tanz, Musik oder Ähnliches.


Ende Teil XXII


Mc Claudia


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