Betreut von MartinM
Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen    Teil XIX

Ein ArtikelMehrteiler von Mc Claudia, der dem Wissen über die JahresKreisfeste eine fundierte Basis vermitteln möchte. Viel Recherche, persönliches Engagement und Arbeit, wofür wir der Autorin herzlich danken!

Hier nochmals das angelsächsische Jahr, wobei die Monatsnamen in „korrektem“ Altenglisch angegeben sind und in Anführungszeichen die Übersetzung. Die Begriffe Æfterra und Ærra sind neuheidnische Einfügungen, um die Doppelmonate voneinander zu unterscheiden. Da es sich um Mondmonate handelt, fallen sie natürlich nicht genau mit den hiesigen Monatsnamen zusammen. Es ist daher anzunehmen, dass Aefterra-Geola Ende Dezember (mit der Modranecht?) begann. Alle Monate, bei denen Beda eine Zeremonie angegeben hat, sind hervorgehoben:

1.  (Æfterra-)Geola „(Nach-)Jul“, Jänner
2.  Sol-monaþ „Lehm-Monat“, Februar
3.  Hreð-monaþ „Hred-Monat“, März
4.  Eostur-monaþ „Eostrae-Monat“, April
5.  þrimilchi „Drei-Milch“, Mai
6.  (Ærra-)Liða „(Vor-)Lida“, Juni
7.  (Æftera-)Liða „(Nach-)Lida“, Juli
  Þriliði „Drei-Lida“ Schaltmonat
8.  Weod-monaþ „Lein/Gras-Monat“, August
9.  Halig-monaþ „Heiliger Monat“, September
10.  Winter-fylleþ „Winterfülle“, Oktober
11.  Blot-monaþ „Opfermonat“, November
12.  (Ærra-)Geola „(Vor-)Jul“, Dezember

Anzumerken ist, dass es fraglich ist, ob die Modranecht tatsächlich als Fixdatum am 25. Dezember gefeiert wurde, oder, wie eher anzunehmen wäre, an einer bestimmten Mondphase an Aefterra-Geola (Neumond oder Vollmond?). Interessant ist auch, dass zwei Göttinnen, nämlich Hretha (vielleicht eine Erd- oder Siegesgöttin) und Eostrae (die Östliche), genannt werden. Jul ist in Bedas Kalender auch nicht ein Fest sondern nur ein Monatsname für die Wintermonate Dezember und Jänner. Das Fest selbst heißt Modranecht. Dabei ist es unklar, ob damit Göttinnen (Nornen? Matronen?) gemeint sind oder einfach die Bezeichnung der Nacht selbst, da sie die erste bzw. die längste, also die „Mutter aller Nächte“ ist. Auch Bedas Hinweis auf eine frühere Jahreseinteilung in ein Winter- und ein Sommerhalbjahr lässt aufhorchen, zumal er den Winterbeginn auf den Vollmond an Winterfylleth ansetzt. Es ist durchaus denkbar, dass das archaische angelsächsische Jahr mit Winterfylleth begann. Im Vergleich mit dem altisländischen Jahr (siehe im Folgenden) würde das durchaus passen.

Kommen wir nun nach Skandinavien und Island, also zu den Wikingern. Den einzigen heidnisch anmutenden Kalender, den ich hierzu fand, ist der altisländische (alle anderen haben zwar auch außergewöhnliche Monatsnamen, sind aber ansonsten gregorianische Kalender), bei dem allerdings unklar ist, ob er in der Form auch aus heidnischer Zeit stammt. Die Wochentage haben zwar schon in heidnischer Zeit Einzug in die germanische Welt gehalten (das ist an den germanischen Wochentagsnamen ersichtlich), aber bei der hier wiedergegebenen Version ist der Thorri-Monat Ende Jänner/Februar angesetzt, was dem alten Thorri-Fest, das um die Wintersonnenwende gefeiert wurde, widerspricht. Das neuzeitliche Thorri-Fest findet aber Ende Jänner/Anfang Februar statt. Wie auch immer, der Kalender ist eigentümlich genug, um ihm auf jeden Fall heidnische Wurzeln zusprechen zu dürfen, und er hat vom Aufbau her auch einiges gemeinsam mit dem angelsächsischen Kalender (z. B. die Einteilung in ein Winter- und ein Sommerhalbjahr oder der Monat „Jul“).

Der altisländische Kalender ist ein Sonnenkalender, der allerdings im Normalfall nur 364 Tage zählt. Das Jahr besteht aus zwölf Monaten, wobei jeder Monat konstant 30 Tage hat. Würde man das so belassen, hätte das Jahr nur 360 Tage. Um einen Ausgleich zu schaffen, werden am Ende des Sólmánuður vier Tage eingeschaltet, die sogenannten Aukanætur „Zusatznächte“. Fehlen immer noch ca. 1,25 Tage auf ein echtes Sonnenjahr. Diese werden auf eine ganze Woche gesammelt, sodass etwa alle fünf bis sieben Jahre eine Zusatzwoche (genannt Sumarauki „Sommerzusatz“) nach den Zusatznächten eingeschaltet wird. Auch die Monatsbeginnzeiten sind interessant, da sie sich konsequent an bestimmte Wochentage halten. Jedes Jahr beginnen die Monate also an etwas anderen Tagen in der Zeitspanne einer Woche. Die Wochentage dürften im alten Island wohl eine große Rolle gespielt haben.

Hier nun der altisländische Kalender, wobei die Monate, an denen in Skandinavien und Island historisch fassbare heidnische Jahresfeste bekannt sind (siehe weiter unten), markiert sind:

Monatsname Übersetzung Monatsbeginn
Skammdegi "Kurze Tage" - Winterhalbjahr
1. Gormánuður
Schlachtmonat Samstag zwischen 21. u. 27. Okt.
2. Ýlir
Jul Montag zwischen 20. u. 26. Nov.
3. Mörsugur
Talgsauger Mittwoch zwischen 20. u. 26. Dez.
4. Þorri
Reifriese, Dürre Freitag zwischen 19. u. 25. Jän.
5. Góa
Riesin, Eisblume Sonntag zwischen 18. u. 24. Feb.
6. Einmánuður
ein Monat Dienstag zwischen 20. u. 26. März
Náttleysi "Nachtlose Tage" – Sommerhalbjahr
7. Harpa
Saatzeit Donnerstag zwischen 19. u. 25. Apr.
8. Skerpla
karg, geringer Bewuchs Samstag zwischen 19. u. 25. Mai
9. Sólmánuður
Sonnenmonat Montag zwischen 18. u. 24. Juni
Vier Aukanætur „Zusatznächte“ und im Schaltjahr: Sumarauki „Sommerzusatz“
10. Heyannir
Heuzeit Sonntag zwischen 23. u. 29. Juli
11. Tvímánuður
Zweimonat Dienstag zwischen 22. u. 28. Aug.
12. Haustmánuður
Herbstmonat, Erntemonat Donnerstag zwischen 21. u. 27. Sep.

Sehen wir uns nun an, welche Jahreskreisfeste für die Wikinger bekannt sind. Einen Hinweis auf die wichtigsten Hochfeste finden wir in der Ynglinga Saga (eine Genealogie der norwegischen Könige) des isländisch-christlichen Skalden Snorri Sturluson aus dem 13. Jhdt. (Snorri wurde vor allem wegen der Prosa-Edda berühmt, die er verfasste.) Im 8. Kapitel dieses Werkes geht es um die Gesetze, die von Odin erlassen wurden, und da ist auch Folgendes zu lesen: „Am Wintertag soll für ein gutes Jahr ein Blutopfer stattfinden und in der Mitte des Winters für gute Feldfrüchte, und das dritte Opfer soll für den Sieg in der Schlacht am Sommertag begangen werden.“ Mit dem Wintertag ist der Beginn des Winterhalbjahres gemeint (also Oktober), mit dem Sommertag der Sommerbeginn (also April) und mit Mittwinter die Zeit um die Wintersonnenwende (Jul). Die drei markanten Festzeiten fallen also an den Beginn, die Mitte und das Ende des Winterhalbjahres. Die Sommersonnenwende wird hier nicht genannt.

Bei den Festbeschreibungen halte ich mich im Folgenden vor allem an Simeks Lexikon der germanischen Mythologie:

Das erste genannte Fest am Winterbeginn, wo Schlachtopfer stattfanden, hätte seine Entsprechung im norwegischen Dísablót „Disenopfer“, welches Mitte Oktober stattfand und an eine Gruppe Göttinnen (Disen) gerichtet ist, die vielleicht ähnlich der Walküren oder Matronen zu denken sind, die den Menschen helfen.

Das Winterfest Jul (in verschiedensten Formen und zu etwas veränderlichen Zeiten – der 21. Dezember ist keinesfalls immer sicher) ist mehrmals genannt und dürfte wirklich das einzige pangermanische Fest gewesen sein, da es in mehreren germanischen Sprachen belegt ist. In Skandinavien und in Island heißt das christliche Weihnachtsfest Jul, Jól oder ähnlich, und einige ehemals heidnische Bräuche (Julbock, Julblock, Juleber, Julfeuer …) werden im Rahmen des Weihnachtsfestes weiterhin gepflegt, da Weihnachten und Jul ähnliche Festzeiten haben. In heidnischer Zeit feierte und opferte man für ein gutes Jahr und Frieden (altnordisch: til árs oc til friðar), der Gott Odin Jólnir dürfte eine wichtige Rolle gespielt haben und es fanden Trankopfer und Gelage (Jultrinken) statt.

Das dritte große Fest könnte vielleicht Sigrblót (Siegesopfer) geheißen haben, wofür ich aber außer dem oben genannten Hinweis keine weiteren Angaben fand. Auch kein anderes historisches Fest war im April zu finden.

Weitere heidnische Feste, die historisch für die Wikinger erwähnt werden, sind:

Das isländische Þorrablót „Thorri-Opfer“ zur Wintersonnenwende (also eine Art isländische Jul-Version). Wie oben erwähnt änderte das Þorrablót im Laufe der Zeit sein Datum auf Anfang Februar.

Danach folgt ein zweites Disenfest, Disting genannt, das in Schweden Anfang Februar gefeiert wurde.

Zur Frühlingstagundnachtgleiche folgte (nein, nicht Ostara!), das große Opferfest von Uppsala (Hauptkultort in Schweden), das aber nur alle neun Jahre stattfand und den drei Hochgöttern Odin, Thor und Freyr gewidmet war. Sogar Menschen sollen an diesem Fest geopfert worden sein.

Zur Sommersonnenwende gibt es nur einen einzigen historischen Festtags-Hinweis, nämlich das isländische Althing, die Hauptversammlung aller freien Männer Islands. Fraglich ist, ob das Datum aus religiösen oder eher aus praktischen Gründen gewählt wurde (eine Volksversammlung mitten in der langen Winternacht wäre vielleicht weniger sinnvoll gewesen). Obwohl Sonnwendfeiern heutzutage sehr beliebt sind und allerlei „heidnisches“ Feuerbrauchtum hervorgebracht haben, wundert es sehr, dass nicht mehr über ein solches Fest in heidnischer Zeit bekannt ist. Im Anhang habe ich als Lückenfüller daher das schwedische Midsommar-Fest angeführt, das heutzutage um den 21. Juni begangen wird (früher aber auch am Johannestag gefeiert wurde).

Irgendwann im Herbst (vielleicht Ende Herbst?) ist für Schweden das Álfablót „Opfer an die Alben“ bekannt, ein Familienfest, zu dem dem christlichen Skalden Sigvatr Þórðarson von der Herrin des Hauses der Zutritt verwehrt wurde.

Beliebt im deutschsprachigen Ásatrú sind die althochdeutschen Monatsnamen, die in verschiedenen Formen auch in diversen Bauernkalendern zu finden sind, und das, obwohl ihr größter Förderer ausgerechnet Karl der Große (Heidenmörder) war, der diese Monatsnamen anstatt der lateinischen für sein Großreich proklamierte. (Es handelt sich hier also um einen „normalen“ julianischen Kalender.) Trotzdem muten diese Monatsnamen heidnisch an und könnten auch einen vorchristlichen Ursprung haben. Der Begriff „Bastard“ für Februar könnte darauf hindeuten, dass der Februar so kurz ist und daher aus der Reihe fällt.

Ende Teil XIX


Mc Claudia


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