Betreut von MartinM
Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen    Teil XV

Ein Artikel-Mehrteiler von Mc Claudia, der dem Wissen über die JahresKreisfeste eine fundierte Basis vermitteln möchte. Viel Recherche, persönliches Engagement und Arbeit, wofür wir der Autorin herzlich danken!
Kelten und Celtic Recon

Kelten
Da uns die Neodruiden kaum etwas über die Kelten verraten, müssen wir leider in die historische Tiefe gehen. Erst einmal zur Quellenlage. Diese ist, was keltisch-heidnische Religion betrifft, nicht gerade günstig – um es vorsichtig auszudrücken. Weniger vorsichtig ausgedrückt: Wenn man sich das ganze Gebiet heidnisch-keltischer Religion als ein fertiges Puzzle-Bild vorstellt, haben wir von einem 1000-Teile-Puzzle vielleicht 100 Stück, die unregelmäßig auf der Bildfläche verteilt sind. Man kann also so eine Art „roten Faden“ erkennen, Zusammenhänge und Ähnlichkeiten und vielleicht errät man sogar das ganze Bild im Groben. Aber faktisch weiß man nicht, welche Teile die großen leeren Flächen füllen.

Um diese bescheidene Quellenlage besser verstehen zu können, hier erst einmal ein kurzer Abriss über die keltische Geschichte: Die Kelten – eine vielfältige Kultur mit gemeinsamem Sprachzweig (nämlich Keltisch – nona) – breiteten sich in der Antike seit ca. 700 v. Chr. über weite Teile Europas aus. Die antike keltische Zivilisation (Festlandkelten), die wegen ihrer großen Verbreitung und ihrer Aufsplitterung in verschiedene Stämme, Völker und Königreiche das Gegenteil von einheitlich war, ist archäologisch vor allem durch die La Tène-Kultur (teilweise auch durch die Hallstattkultur) fassbar. Dabei handelt es sich um eisenzeitliche Epochen. Mit der Unterwerfung unter das römische Reich um die Zeitenwende entwickelte sich eine reiche gallo-römische Mischkultur, welche ab ca. 500 n. Chr. durch Germanisierung, Völkerwanderung und Christianisierung verschwand bzw. assimiliert wurde. Die einzigen Gebiete, die seitdem noch keltisch besiedelt sind, beschränken sich auf Irland, Schottland, die Insel Man, Cornwall, Wales und die Bretagne. Die mittelalterliche bis neuzeitliche Kultur dieser Gebiete wird „inselkeltisch“ genannt, die Gebiete selbst als „keltischer Gürtel“. Das heidnische Keltentum fand ab ca. 400 n. Chr. nach und nach sein Ende, da die keltischen Gebiete (auch jene, die von den Römern unberührt blieben, wie Irland) zu den ersten gehörten, die christianisiert wurden.

Wir haben also drei historische Großgruppen: Die eisenzeitlichen Kelten, die durch archäologische Funde, griechische und römische Geschichtsschreiber und einer Handvoll keltischer Inschriften belegt sind. Die gallorömische Kultur, die trotz (und auch wegen) der Romanisierung die meisten keltischen Inschriften hinterlassen hat - auch hier haben wir zusätzlich archäologische Funde und schriftliche Aufzeichnungen römischer und griechischer Autoren. Und dann die Inselkelten, die selbst viel aufgeschrieben haben aber dummerweise schon christlich waren, als sie die Geschichten über ihre heidnischen Vorfahren zu Pergament brachten. Hier interessieren vor allem die mittelalterlichen irischen Handschriften, da sie die frühesten und umfassendsten inselkeltischen Aufzeichnungen darstellen (sprachlich teilweise bis ins 7. Jhdt. n. Chr. datierbar).

Für die Jahreskreisfeste stütze ich mich vor allem auf das Buch „Die hohen Feste der Kelten“ von Le Roux u. Guyonvarc’h, in dem alle historischen Hinweise zu diesem Thema herausgearbeitet sind. Ich kann dieses Buch für Keltenfans nur wärmstens empfehlen, da es zu diesem Thema auf Deutsch nichts Besseres gibt. Die Quellen zum Jahresfestkreis sind nämlich in allen möglichen mittelalterlichen Handschriften verstreut, die in dem genannten Werk zusammengetragen wurden.

Die ältesten Aufzeichnungen über den altirischen Jahresfestkreis finden wir bei Geoffrey Keating, einem irischen Gelehrten aus dem 17. Jhdt., in seinem Werk „History of Ireland“, der aus verschiedenen mittelalterlichen Handschriften, die zum Großteil heute verschollen sind, schöpfte. Dort wird beschrieben, wie der mythische Hochkönig Tuathal Techtmar, der im 1. Jhdt. n. Chr. gelebt haben soll, die kultische Zentralprovinz Meath (Midhe) gründete. Dafür teilte er die Provinz in vier Teile, wobei jeder Teil einer der anderen Provinzen zugeordnet wurde, und in jedem dieser Teile war ein Königssitz für den jeweiligen Provinzkönig. Und an jedem der vier Königssitze wurde eine Festversammlung im Jahr abgehalten:

Der König von Munster war am Königssitz von Tlachtga. Dort sollte jährlich am 1. November die Samain-Nacht gefeiert werden. Die Druiden kamen zusammen, um allen Gottheiten in einem Feuer Opfer darzubringen. Alle Feuer in den Häusern mussten gelöscht werden (wer es nicht tat, bekam eine Geldstrafe aufgebürdet), und vom Opferfeuer musste man sich dann neues Feuer holen.

Der König von Connaught saß in Uisneach. Die Versammlung dort fand an Beltaine am 1. Mai statt. Man opferte dem meistverehrten Gott Bel und hielt Markt ab, wo Güter getauscht wurden. Überall wurden zwei Feuer angezündet, um zwischen den Feuern ein krankes Tier jeder Gattung hindurchzuführen, was alles Vieh in Irland vor Krankheiten schützen sollte. Jeder Anführer, der zur Versammlung kam, musste Pferd und Ausrüstung als Steuer dem König überlassen.

Der König von Ulster weilte in Tailtiu (Teltown). Hier fand zu Lugnasad am 1. August ein Jahrmarkt statt. Ehen und Freundschaften wurden geschlossen, wobei die Eltern die Verträge für ihre Töchter und Söhne besiegelten, während sich diese nach Geschlechtern getrennt am Fest aufhalten mussten. Der Gott Lughaid Lamhfhada stiftete das Lugnasad-Fest für seine Ziehmutter Tailtiu, da sie gestorben war und in Teltown bestattet wurde. Ihr zu Ehren war das Fest. Jedes Paar, das hier vermählt wurde, musste dem König Steuern zahlen.

Der König von Leinster weilte in Tara. Alle drei Jahre fand hier am 1. November das Fest von Tara statt, wobei, wie zu Samain, allen Gottheiten geopfert wurde. Das königliche Fest wurde offiziell angekündigt. Es wurden Gesetze und Bräuche beschlossen, die Annalen und Altertümer Irlands verabschiedet. Alle Beschlüsse wurden von den obersten Geistlichen in das Buch der Könige verzeichnet. Jeder Brauch, der mit diesem Buch nicht übereinstimmte, wurde nicht als echt angesehen.

Soweit zum Gründungsmythos von Midhe. (Weitere historische Hinweise auf die Feste im Alten Irland sind im Anhang zu finden.) Auffällig ist, dass der 1. November mit zwei Festen belegt ist (Samain und das Fest von Tara – wobei beide im Sinn ähnlich sind) während Imbolc am 1. Februar fehlt. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass letzteres eher ein Familienfest gewesen sein dürfte und keine königliche Volksversammlung. Nichtsdestotrotz sind Samain, Imbolc, Beltaine und Lugnasad als markante Feste und Jahreszeitenbeginne in den mittelalterlichen irischen Schriften oft erwähnt. Man kann also flapsig sagen, dass die Hälfte der Feste des achtfachen Jahres von den Kelten beigesteuert wurde. Während aber für die drei Versammlungen Samain, Beltaine und Lugnasad zumindest einige Hinweise über Sinn und Ablauf der Feste zu finden sind, ist nichts dergleichen über Imbolc bekannt. Mehr als dass es sich wahrscheinlich um ein Fest der rituellen Reinigung zum Frühlingsbeginn, wo die Mutterschafe Lämmer bekommen und Milch geben, mit anschließendem Festmahl gehandelt hat, ist nicht bekannt. (Ein anderer Name für Imbolc, das mit „umfassender Reinigung“ übersetzt werden kann, ist „Oimelc“, was „Schafsmilch“ bedeutet.)  Fraglich ist damit auch, ob die heilige Brigit, die in christlicher Zeit am 1. Februar so einen großen Festtag hat, auch in heidnischer Zeit als diesbezügliche Festtagsgöttin so wichtig war. Denkbar ist es, da auch die Mythen um die Göttin und die Heilige Ähnlichkeiten aufweisen. Aber es gibt keinen literarischen Hinweis darauf.

Die vier Hochfeste des Alten Irland werden im keltischen Gürtel – und einige darüber hinaus – noch heute in christianisierter und/oder säkularer Form gefeiert. Samain hat sich zu Halloween entwickelt, wobei die Bräuche des neuzeitlichen Samhain mit denen des anglisierten Halloween identisch sind. Das Totengedenken zu Allerseelen hat ebenfalls auf das Samhain-/Halloween-Fest abgefärbt. Imbolc wurde zum Fest der hl. Brighid, das im goidelischen Raum (Irland, Schottland, Insel Man) gefeiert wird und um die Heilige zahlreiche Familienbräuche ausgebildet hat. Beltaine entwickelte sich zum Maifest, welches ähnliche Bräuche aufweist wie hierzulande. Und Lugnasad hat heutzutage mehrere Feste im keltischen Gürtel um den 1. August, das bekannteste ist vielleicht der Garland Sunday, der letzte Sonntag im Juli, wo unter anderem die Wallfahrt auf den Berg Croagh Patrick stattfindet. Die altirischen und neuzeitlichen Feste weisen teils Unterschiede auf (siehe Anhang).

Wie schon angemerkt, markieren die vier Feste auch den Beginn der Jahreszeiten. Samain ist der Beginn des Jahres überhaupt und auch der Beginn des Winters (die Bedeutung des Namens ist „Sommerende“), Imbolc ist der Frühlingsbeginn, Beltaine (Feuer des Bel) der Sommerbeginn und Lugnasad (Versammlung des Lug) der Herbstbeginn. Da zu Samain und zu Beltaine im alten Irland jeweils Notfeuerbräuche stattfanden (alle Herdfeuer mussten ausgemacht werden, und die Druiden (zu Samain) bzw. der König (zu Beltaine) entzündeten das neue Feuer für das Volk), markieren diese beiden Feste die Zeitpunkte zwischen den Jahreshälften: von Samain bis Beltaine ist die dunkle Zeit und von Beltaine bis Samain die helle Zeit.

Man mag sich nun wundern, warum die alten Iren so ausgefallene Jahreszeitenbeginne hatten. Von Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen ist in den Handschriften jedenfalls nirgends die Rede. Die Antwort ist meines Erachtens vielleicht, dass es einen religiösen Grund hatte, denn auch wenn es in Irland durch den Golfstrom im Winter wärmer ist als in Kontinentaleuropa, ist das nicht unbedingt ein Grund, den Sonnenlauf zu ignorieren. Vielleicht kamen die vier Feste auch aus Spanien mit keltiberischen Einwanderern nach Irland, also aus einem mediterranen Klima. Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Drei der vier Feste sind noch heute irische Monatsnamen: Bealtaine heißt der Mai, Lúnasa der August und Samhain der November. Die Namen für Juni (Meitheamh – Mitte des Sommers), September (Meán Fómhair – Mitte der Ernte) und Oktober (Deireadh Fómhair – Ende der Ernte) könnten darauf hinweisen, dass die Jahresaufteilung in den alten inselkeltischen Gebieten in 4 x 3 Monate geschah, wobei die vier Viertel vielleicht in „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“ einer Jahreszeit aufgeteilt waren. (Ähnliche Monatsbezeichnungen gibt es auch in den anderen inselkeltischen Sprachen.) Wie auch immer – es gibt bei den Inselkelten keinen Hinweis auf einen vorchristlichen Mond- oder Sonnemondkalender. Ich nehme daher an, dass schon in heidnischer Zeit ein Sonnenkalender eingeführt wurde. Altirische Monatsnamen, geschweige denn heidnisch-inselkeltische Kalender, konnte ich bei meiner Recherche leider nicht finden. Im Gegenteil: Die irischen Kirchenväter verwendeten schon im frühen Mittelalter die lateinischen Monatsnamen.

Natürlich gab es auch bei den anderen Inselkelten Jahreskreisfeste. Die mittelalterlichen Schriften in diesen Gebieten geben aber meines Wissens zu diesem Thema kaum etwas her.


Ende Teil XV


Mc Claudia


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