Betreut von MartinM
Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen   Teil III

Ein Artikel-Mehrteiler von Mc Claudia, der dem Wissen über die JahresKreisfeste eine fundierte Basis vermitteln möchte. Viel Recherche, persönliches Engagement und Arbeit, wofür wir der Autorin herzlich danken!

Jahreskreisfeste - Feiern der zyklischen Zeit

Jahreskreisfeste sind alljährlich wiederkehrende Feiertage. Darunter fallen Geburtstage, politische Feiertage, Gedenktage, religiöse Feste, Feierlichkeiten zum bäuerlichen Jahr, Jahreszeitenfeste und Ähnliches.
Feiern, so behaupte ich, ist ein urmenschliches Bedürfnis. Es macht Spaß, hebt den Alltagstrott auf, vermittelt durch die verschiedensten Bräuche und Rituale (spirituelle) Hochgefühle, bindet an die Gemeinschaft und stärkt den Gruppengeist, trägt dazu bei, dass man die Familie und Freund/innen wieder einmal alle beisammen hat, schenkt neue Kraft und Lebensfreude, ist sinnlich und wirkt berauschend, befriedigt den Spieltrieb, erzeugt gute Gefühle und ist fröhlicher Ausdruck des hinter dem Feiern stehenden Sinns (sei dieser nun religiös, politisch oder anderweitig kulturell bedingt). (Gut, ich gebe zu, manchmal arten Feiern auch in Gewalt, Burn-Outs und andere Katastrophen aus, aber diese „Nebenwirkungen“ kann man durch entsprechende Vorkehrungen minimieren.)

Eine Kultur ohne Feiern ist fast nicht vorstellbar. OK, ad hoc fallen mir die Zeugen Jehovas ein, die eine eher feierfaule Religionsgemeinschaft darstellen. Und auch den Islamisten sieht man am angestrengten Dauerernst im Gesicht an, dass sie von Feiern eher wenig halten. Aber im Normalfall stellen Feste und Feiern ein weltweites kulturelles Phänomen dar.

Was Jahreskreisfeste selbst betrifft, so denke ich, dass ihr grundsätzlicher Sinn sich durch das Phänomen Zeit ausdrückt. Und zwar Zeit als zyklischer Begriff, nicht als linearer. Jahreskreisfeste werden jährlich wiederholt. Das beste Symbol für einen Jahresfestzyklus ist also ein Kreis oder Rad, das das gesamte Jahr abbildet. Das Rad dreht sich, und alle Feste auf diesem Kreis werden kontinuierlich und verlässlich wiederholt. Durch das Begehen von jährlich wiederkehrenden Festen versucht man, das Phänomen Zeit in geordnete Bahnen zu bringen und so Zeitsicherheit zu schaffen. Jahreskreisfeste sind der sichere, vertraute Hafen im unberechenbaren, diffusen Zeitstrom.

Wichtige Begebenheiten in der Vergangenheit (z. B. Gedenktage, Geburtstage, mythische oder politische Ereignisse etc.), werden gefeiert, um diese bzw. die daran beteiligten menschlichen oder göttlichen Personen zu ehren und um sie in Erinnerung zu behalten. Im Ritual wird die vergangene Episode nachempfunden, die Vergangenheit in die Gegenwart geholt, um sich so die Kraft dieses Ereignisses zu vergegenwärtigen, damit man den Segen des Ereignisses bzw. der geehrten Personen heraufbeschwört.

Das Thema der Gegenwart drückt sich im Feiern unmittelbarer Ereignisse, die sich jährlich wiederholen, aus. Erntedankfeiern oder der Frühlingsbeginn, Freude über den Sommer oder das Schlachtfest im Herbst. Hier mag der Gedanke dahinterstehen, dass es Glück und Segen bringt, wenn man wichtige jährliche Ereignisse mit einem Fest begeht, da sie so magisch verstärkt werden. Diese Magie soll dafür sorgen, dass auch nächstes Jahr die Ernte gut werde, der Frühling beginne, der Sommer freudvoll sei und genug fette Tiere zum Schlachten im Herbst vorhanden sind.

Damit kommen wir zur Zukunft. Diese ist rational gesehen absolut unberechenbar und unbeherrschbar. Niemand weiß wirklich, wie das Wetter morgen wird, ob uns ein Komet eines Tages auf den Kopf fällt oder wann die nächste Wirtschaftskrise oder Naturkatastrophe kommt. Die Zukunft ist fies, weil alles möglich ist aber nichts sicher. Orakelspezialist/innen und Fachmenschen in wissenschaftlichen Prognosen rätseln um die Wette über das Aussehen der Zukunft – mit mäßigem Erfolg. Jahreskreisfeste dienen dazu, die Unberechenbarkeit der Zukunft berechenbar zu machen – zumindest in unserem inneren Gefühl. Da wir jedes Jahr immer wiederkehrende Ereignisse und Feste feiern, fühlt sich die Zukunft insgesamt auch zyklisch an und scheint sich zu wiederholen, weshalb sie so weniger beängstigend wirkt.

Um die Jahreskreisfestlogik in einem Fazit auf die Spitze zu treiben: Das Feiern von Jahreskreisfesten soll von einem Jahr zum nächsten immer auf’s Neue eine glückliche Zukunft garantieren. Mythisch überhöht heißt das auch, dass durch das Wiederholen wichtiger vergangener Ereignisse die Zukunft gesichert wird, die Welt in Harmonie gehalten wird. Die Festtage sind dann Zeitlöcher, die unmittelbar zum zu feiernden Ursprungsereignis hinführen bzw. das Ereignis magisch heraufbeschwören, auf dass es Heil bringe. Die Zeit ist am Festtagstermin verdichtet, außerhalb der Norm. Die Menschen der Festgemeinschaft sind für die Festzeit selbst Teilnehmende am ursprünglichen Ereignis, verbinden sich so direkt und unmittelbar mit dem Ursprung. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass das Nichtfeiern oder missglückte Feste (bzw. schlechte Omen, Katastrophen etc.) nichts Gutes für das kommende Jahr bedeuten können.

Jahreskreisfeste, vor allem große, waren in kriegerischen Zeiten (das Gros der Antike könnte man als „kriegerisch“ bezeichnen) auch Garanten für einen – wenn auch begrenzten – Frieden oder zumindest Waffenstillstand. Ob der gebotene Festfrieden beim Umzug der germanischen Göttin Nerthus auf einer Ostseeinsel (Tacitus gibt dazu leider keinen Festtagstermin an), der Friedensappell beim altirischen Lugnasad-Fest oder der pangriechische Frieden zu den Olympischen Spielen – Feiern und Krieg-Führen schließen einander definitiv aus, da ein Fest nicht stattfinden kann, wenn die Organisator/innen und die Besucher/innen nicht vor gewalttätigen Angriffen geschützt sind. Der Festfrieden war also etwas Heiliges, das zu stören den Zorn der Gottheiten heraufbeschworen hätte.


Jahreskreisfeste in der Urgeschichte

Annähernd jede Kultur und Religion auf der Welt kennt jährlich wiederkehrende Feste. Auch bei historisch fassbaren alten, längst ausgestorbenen Kulturen und Religionen (z. B. die der Kelten, Germanen, Römer, Griechen, Ägypter, Babylonier, Perser etc.) lassen sich Kalender und dazugehörige Jahresfeiern und Zeremonien feststellen.

Schwieriger wird der Nachweis von Jahreskreisfesten bei jenen alten Kulturen, die unter das Label „Urgeschichte“ fallen, das heißt, dass ihre kulturellen Überbleibsel sich ausnahmslos in archäologischen Funden zeigen, weil keine für uns verständlichen schriftlichen Aufzeichnungen über sie (oder von ihnen) existieren. Dazu zählt fast die gesamte Menschheitsgeschichte: das Altpaläolithikum bzw. ältere Altsteinzeit (4.000.000 bis ca. 40.000 v. Chr. – Zeit der menschlichen Vorfahren, wie z. B. Australopithecus, Neandertaler …), das Jungpaläolithikum bzw. die jüngere Altsteinzeit (ca. 40.000 bis 10.000 v. Chr. – Eiszeit, Wildbeutergesellschaften), das Neolithikum bzw. die Jungsteinzeit (in Europa ca. 10.000 bis 2.500 v. Chr. – Sesshaftwerdung, Ackerbau, Viehzucht), die Bronzezeit (in Europa ca. 2.500 – 1.000 v. Chr. – Erfindung der Bronze) und auch das Gros der europäischen Eisenzeit (ca. 1.000 v. Chr. bis zur Zeitenwende im Jahre Null – Erfindung des Eisens).

Hinweise auf Jahreskreisfeste bzw. auf Kalender in der Urgeschichte lassen sich aufgrund archäologischer Funde lediglich erahnen. Anordnungen einer bestimmten Anzahl von Linien oder anderen Symbolen, die auf Gerätschaften oder in Felsen geritzt wurden, könnten auf Kalender hinweisen. So hält die altsteinzeitliche „Venus“ von Laussel ein Horn in ihrer erhobenen Hand, auf das 13 Linien eingraviert sind, die vielleicht die Anzahl der Mondmonate oder auch der Menstruationszyklen im Jahr anzeigen, und der bronzezeitliche sogenannte Berliner Goldhut besteht aus Reihen von Ringverzierungen, die ebenfalls auf einen Kalender deuten könnten. Im Neolithikum finden sich mit den Kreisgrabenanlagen (v.a. in Niederösterreich), den megalithischen Steinkreisen (wie z. B. Stonehenge in England), den megalithischen Grabanlagen (z. B. Newgrange in Irland) oder den megalithischen Tempeln (z. B. auf Malta) vielleicht Riesenkalender, in denen offenbar zu bestimmten Tagen (z. B. den Sonnenwenden und/oder Äquinoktien (das sind die Tagundnachtgleichen)) Versammlungen – welcher Art auch immer – abgehalten worden sind. Die Beliebtheit von Sonnen- und Radsymbolen in der Bronze- und Eisenzeit kann auf Sonnenverehrung hindeuten und vielleicht auch auf Feste zu den Sonnenwenden und/oder Tagundnachtgleichen.

In unseren neuheidnischen Kreisen wird auch immer wieder die Wichtigkeit von natürlichen Landmarken als Peilobjekte für die Bestimmung der Sonnenwenden oder Äquinoktien postuliert. Bei einigen Landmarken, die entsprechende Namen tragen, wie z. B. der Peilstein am Ostrong im Waldviertel, kann man sicher darauf schließen, dass sie in unseren Zeiten so eine Peilfunktion haben, wobei aber auch die Funktion als Orientierungshilfe für Reisende denkbar wäre. Natürlich ist aber das Aufgehen (und auch das Untergehen) der Sonne hinter besonderen Landmarken ein romantisches, schönes Ereignis, und wenn die Sonne genau zu einer Sonnenwende so markant aufgeht und die Sonnenwende auch gefeiert wird, wird man der Landmarke wahrscheinlich auch eine bestimmte Bedeutung gegeben haben. Bedenken muss man natürlich, dass es immer darauf ankommt, wo man selbst steht, wenn man einen Peilstein anschaut. Das Anpeilen in Bezug auf Sonnenauf- und –untergänge funktioniert nur dann, wenn man sich korrekt in Bezug zum Peilungspunkt aufstellt.

Zum Kalendieren jedenfalls braucht und brauchte auch die ländliche Bevölkerung spätestens seit dem Mittelalter solche Landmarken nicht mehr, da seit damals Kalender verwendet werden. Früher waren es Stab- oder Brettchenkalender (also Kalender in Form von langen Holzstäben oder –täfelchen, in die die Tage geschnitzt waren und die katholischen Feste besonders markiert waren), und mit der Erfindung des Buchdrucks waren es normale Kalender aus Papier (der typische Bauern- oder Mandlkalender ist so ein Exemplar). Ob und wie Landmarken vor der bäuerlichen Kalenderverbreitung als Zeitmesser verwendet wurden, ist zumeist nicht bekannt. Die Möglichkeit besteht aber natürlich.

Welcher Art aber könnten die Jahreskreisfeste in der Urgeschichte gewesen sein? Für das Neolithikum und alle Folgezeiten würde ich annehmen, dass es sich um Feste im bäuerlichen Jahr gehandelt hat, ähnlich wie auch die meisten heutigen Jahresfeste in landwirtschaftlichen Kulturen (die das Gros der Kulturen auf der Welt darstellen). Die Jahreszeiten und der Sonnenstand sind zur Berechnung der richtigen Zeiten für Aussaat und Ernte natürlich sehr wichtig. Daher wahrscheinlich auch die riesigen Sonnenobservatorien a’la Stonehenge und überhaupt die Wichtigkeit des Sonnenlaufs durchs Jahr, der sich vielleicht in den Radsymbolen der Bronze- und Eisenzeit niederschlägt.
Was die Wildbeuter/innengesellschaften der Eiszeit betrifft, so könnte man spekulieren, dass vielleicht der Frühling begrüßt wurde, weil damit der strenge Winter eine kurze Pause machte. Vielleicht wurde auch das Erscheinen der Mammutherden gefeiert oder ein jährliches Treffen aller benachbarten Familienclans. Wer weiß …? Solange jedenfalls keine Zeitmaschine erfunden wird, mit der man in die urgeschichtlichen Epochen reisen kann, bleiben alle Annahmen über damalige Jahreskreisfeste Spekulation.


Ende Teil III


Mc Claudia


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