Betreut von MartinM
Das Trankopfer im Hellenismos

Sie nimmt den gefüllten Becher auf und tritt die paar Schritte an den heiligen Herd Hestia heran. Dort hält sie einen Augenblick inne und scheint einen Punkt in der Ferne zu fixieren um sich zu sammeln. Als sie den Becher kippt erklärt sie mit voller Stimme schlicht „Für Apollon!“ Ein Zischen mischt sich in ihre Worte als der geopferte Wein wie goldene Perlen in die heiße Schale fällt und sich eine kleine Rauchwolke aus dieser in den Himmel schlängelt.

Phiale kleinSchlicht und einfach zeigt sich das Trankopfer und ist dennoch von großer Bedeutung in der hellenistischen Kultpraxis, wie es nach dem Räuchern überhaupt zu den häufigsten Opferformen im heidnischen Bereich zählen dürfte.
Ein Außenstehender mag uns Heiden für eigenartig halten, die wir glauben, dass eine Pfütze verschütteten Getränks heilig ist. Schließlich macht es auf ihn doch den Eindruck, dass es sich beim Trankopfer um kaum etwas anderes handelt, als die verschüttete Frühstücksmilch, weswegen Kinder mitunter getadelt werden, einzig mit dem Unterschied, dass es absichtlich geschieht.


Das traditionelle Trankopfer

Traditionell wird Wein, aber auch (Oliven-)Öl, Milch, Honig und sogar Wasser geopfert. Wein, entweder pur oder mit Wasser gemischt, war wohl das häufigste Trankopfer für die olympischen Götter, alle anderen Flüssigkeiten fanden eher in der Verehrung khthonischer Gottheiten und Helden Verwendung.
Es spricht aber nichts dagegen in der modernen Kultpraxis weitere Getränke einzubeziehen. So entbietet mein Mann bei seinem morgendlichen Gebet den Göttern Dasselbe, was auch er zu sich nimmt: Kaffee. Für das „Trankopfer unterwegs“ führt er immer einen Flachmann gefüllt mit Metaxa, einem griechischen Weinbrand, mit. Der gespritzte „Weiße“ (oder auch Rote) hat hierzulande noch einen häufig genossenen kleinen Bruder, den „Weiß-Siaß“ (bzw. „Roat-Siaß“), Wein, der mit Limonade „süß“ aufgespritzt wird. Da ich Wein am ehesten in dieser Mischung trinke opfere ich ihn dann auch in dieser Variante. Überhaupt erscheint es mir sinnvoll jedes Getränk, das wir auch selber zu uns nehmen, als Trankopfer in Erwägung zu ziehen.
Das Trankopfer gibt es grundsätzlich in zwei Variante: die spondai und die khoes. Ersteres ist vor allem gegenüber olympischen Göttern gebräuchlich. Dabei wird ein Schluck eines Getränkes normalerweise in den heiligen Herd gegossen. Manche Hellenisten gießen einen Schluck aus und trinken denn selbst von dem Getränk, als symbolische Handlung, dass mit den Göttern geteilt wird. Die Khoes hingegen richten sich meist an khthonische Gottheiten, Daimones oder Tote. Das Trankopfer wird hierbei vorzugsweise direkt auf die Erde oder ins Gewässer gegossen. Nicht selten wird die komplette Menge geopfert, was man dann als holocaustisches Opfer bezeichnet. Für Gräber gab es sogar eigene Opfergefäße, kleine Kannen, welche unten auch offen waren und direkt auf die Erde gestellt wurden, sodass das hinein Gegossene gleich direkt in die Erde sickern kann. Man könnte z.B. einen tönernen Blumentopf verzieren und zu solch einem Toten-Opfergefäß umfunktionieren.


Und wie passt das heute?

Der Hauptdiskussionspunkt am Trankopfer (und auch anderen Opfermöglichkeiten) seitens moderner Heiden, ist die Frage ob es „schmerzhaft“ (genug) ist. Es grassiert nämlich nach wie vor die eigenartige Vorstellung, dass sich der Wert und die Würdigkeit eines Opfers daran messen ließe, wie aufwändig oder schmerzhaft seine Erbringung ist. Diese Idee wäre vielleicht bei einer Art Sühneopfer für ein Vergehen gegen die Götter oder ihre Beleidigung denkbar, aber dafür gibt es im Normalfall ja doch keine Veranlassung. Für ein durchschnittliches Opfer gelten andere Ansätze.
Ich persönlich bevorzuge die Erklärung, dass es sich bei Opfergaben um freiwillige Geschenke an Gottheiten handelt, ähnlich eines Gastgeschenks oder eines Geburtstagsgeschenk. Manch einer mag einwenden, dass die Götter vielleicht nicht ständig um uns herum sind, es also keinen Sinn macht, ihnen beständig etwas zu schenken. Dem möchte ich aber entgegensetzen, dass selbst wenn dem so ist, es zumindest einmal eine Zeit, die „Heldenzeit“ gegeben hat, in welcher sich die Götter und die Menschen noch näher gestanden sind. In Bezug auf diese damalige Verbindung kann man das heutige, kultische Opfer, in welcher Form auch immer, als Erinnerung daran betrachten. Wir wiederholen also immer noch die Übergabe von Geschenken an die Götter um uns u.a. unserer gemeinsamen Vergangenheit zu erinnern, möglicherweise aber auch um einer gemeinsamen Zukunft den Weg zu bereiten. Damit bin ich allerdings opfertheologisch etwas abgeschweift. Denn eigentlich versuchten wir ja „Sinn“ und „Wert“ des Opfers bzw. vielmehr des Trankopfers im Speziellen zu ergründen. Wenn wir also die Opfergabe als Geschenk betrachten, so müssen wir davon ausgehen, dass diese den Beschenkten erfreuen sollen.


Wie aber können wir ermessen, was Göttern Freude bereitet?

Da haben wir einerseits die Tradition, wozu das Trankopfer ja seit der Antike zählt und andererseits die logische Ergründung der selbigen. Was also macht das Trankopfer so besonders?
Auf der Suche nach dieser Frage, bin ich bei Burkert auf folgende, überaus interessante Aussage gestoßen:

„What distinguishes the outpouring from other gifts of food is its irretrievability: what is spilled cannot be brought back. The libation is therefor the purest and highest form of renunciation“ (1)

Da für die Götter nur das Beste gut genug sein kann, sind es natürlich gerade jene Opfergaben, die sich in ihrem Wesen der Göttlichkeit annähern, welche sich in erster Linie als wertvolle Gaben anbieten. Und das Göttliche finden wir am "leichtesten" dort wieder, wo es ewig ist. Darin liegt somit auch der Wert der "heiligsten" Opfergaben, ihre Natur nicht mehr (von Menschenhand) rückgängig gemacht werden zu können und somit, selbst wenn es scheinbar punktuelle Handlungen sind, in die Ewigkeit (Unendlichkeit) hinein einen gewissen Bestand haben. Und so ist es das Trankopfer, eine schlichte, nicht kostspielige Handlung, die im Kult zum heiligen Geschenk an die Götter wird.


(1) Walter Burkert, „Greek Religion“, S.72


Sassa


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