Betreut von MartinM
Der Tod ist die Mitte eines langen Lebens   Teil VI

Totenbrauchtum und Jenseitsvorstellungen bei den Kelten

Die Schilderung der Botin aus Emain Ablach, der Insel der Äpfel aus der Geschichte Die Seereise des Bran mac Febail und seine abenteuerliche Fahrt, mit der sie Bran Appetit auf ihr Land des paradiesischen Glücks, der Erfüllung macht, führe ich als Beispiel an für die unzähligen ähnlichen Schilderungen in mittelalterlichen walisischen und irischen Sagen und Märchen (s.u. die Quellen, auf die ich hier aus Platzgründen nicht eingehen kann). Auffällig bei den meisten dieser Andersweltgeschichten ist, dass die Helden kaum Tote sind, sondern lebende Menschen, die meist von schönen Frauen in die Anderen Welten gelockt werden. Maier (2001) zweifelt daher grundsätzlich daran, dass die Anderswelten Totenreiche sind sondern wohl in erster Linie Wohnorte der Sídhe, der Feen, der Gottheiten, der Unsterblichen, in die besondere Helden eingeladen werden. 

So ganz ausschließen kann man aber die Anderswelten als Totenreiche auch nicht. Hier ein paar Beispiele für inselkeltische Jenseitswelten:

Prokopios von Kaisareia (6. Jhdt. n. Chr.) berichtet, dass die Seelen der Verstorbenen in Booten von der nordfranzösischen Küste über den Kanal nach Britannien fuhren. Und zwar wurden die Boote von Fährleuten gefahren, die in den Fischerdörfern wohnten. Diese Fährleute wurden um Mitternacht von unsichtbaren Mächten geweckt und begaben sich wie in Hypnose zum Strand, wo sie fremde, leere Boote vorfanden. Sie begaben sich zu ihrem Platz am Ruder und merkten am Schwererwerden des Bootes, dass die Seelen einstiegen. Wenn die Boote voll von den unsichtbaren Seelen waren, ruderten sie nach Britannien hinüber, und brauchten dafür nur eine Stunde. An der Küste Britanniens stiegen die Seelen aus und gingen an Land, was die Fährleute am Leichterwerden der Boote merkten. Alsdann fuhren sie wieder zurück auf das Festland. Die Fährleute hörten an der britannischen Küste die Stimme eines Seelengeleiters, der die Toten einzeln beim Namen rief, und zwar zusammen mit der gesellschaftlichen Stellung, die sie im Leben bekleidet hatten und die väterliche Abstammung. Frauen nannten dazu ihren männlichen Vormund. 

Tech nDuinn, das Haus des Donn wiederum ist eine kleine Insel bei der Insel Dursey, in der Nähe der Halbinsel Béara. Der Sage nach kommen alle Menschen nach ihrem Tode dort hin. Ynys Enlli oder Bardsey-Island in Wales gilt als Andersweltinsel, von der behauptet wird, dass 20.000 Heilige dort bestattet seien. Und dann möchte ich nocheinmal auf die Seelenvogelinsel in der Seefahrergeschichte des Mael Dúin (s.o.) hinweisen.

Faszinierend bei diesen Schilderungen, abgesehen von Mael Dúins Insel, ist, dass es sich bei all diesen Inseln um reale Orte handelt. Seelen fahren nach Britannien oder auf kleine Inseln, die man als Sterblicher jederzeit leicht besuchen kann. Weitere reale Orte, die in den Mythen als Anderswelt gelten, sind unter anderem Spanien oder Griechenland (als Ursprungsorte diverser mythischer Einwanderer), diverse Höhlen (z.B. die von Cruachain) und Inseln (oder das Meer selbst bzw. das Land darunter) und Megalithanlagen (z.B. Newgrange). Vor allem letztere gelten als Sídhe, als Wohnsitze der gleichnamigen Feenwesen oder verniedlichten Ex-Gottheiten (Tuatha Dé Danann), von denen gesagt wird, dass sie in diesen Hügeln glückselig wohnen.

Oft aber bleibt die Verortung der Anderswelt im Dunkeln. Da ist nur von Inseln im Norden, fernen Inseln, dem Land unter dem Meer oder ähnlichem die Rede, oder nur der Eingang zur Anderen Welt (oft Wälder, Höhlen, Flüsse, das Meer, der Nebel oder das Samain-Fest als magische Zeit, wo überall die Eingänge zur Anderswelt offen scheinen) ist in der realen Welt fassbar.

Die Bezeichnungen der Anderswelt sind recht unterschiedlich, aber sehr bezeichnend: Die Anderswelt selbst (bzw. Nichtwelt, Un-Welt, Innen-Welt) heißt im Irischen Tír n-aill, im Walisischen Annwfn, was in späterer Zeit aus christlicher Sicht auch Hölle bedeutete. Die aus den Arthur-Geschichten bekannte Apfelinsel Avalon ist auch im Irischen (s.o.) als Emain Ablach und im Walisischen als Ynys Afallach bekannt. Die bereits erwähnten Feenhügel, die Sídhe, finden sich als Fremdwort im Walisischen als Caer Sidi (Jenseits-Festung) und kommen wahrscheinlich aus dem Lateinischen sedes, Griechisch hedos, Sitz, Wohnsitz, womit zumeist neolithische Anlagen gemeint sind. Weitere irische Andersweltbezeichnungen sind: Tír na n-óg - Land der Jugend, Tír na mban Land der Frauen, Mag mell oder Tír Tairngiri Land des Glücks, Paradies, Tír na mbéo Land der Unsterblichen oder Mag Mór große Ebene.

Für die festlandkeltische Antike könnte man *Dubnos - untere Gewässer, Unterwelt oder *Albios weißes Land, Himmel, Oberwelt als mögliche Anderswelten annehmen, oder aber *Andounna, was etymologisch mit dem Walisischen Annwfn zusammenhängt und auf einem Weihestein von Collias zu finden ist, wo eine gleichnamige Matronentrias genannt wird. Ob der Namen der Matres *Andounnae tatsächlich auf der Bezeichnung für Anderswelt fußen, bleibt dabei natürlich fraglich.

 
Römerzeitlicher Weihealtar für die Göttin
Nantosuelta und den Gott Sucellos
aus Sarrebourgh / Frankreich

Die meisten Beschreibungen der Anderswelt stellen diese als glücklichen Ort dar. Le Roux /  Guyonvarc’h meinen sogar, dass alle sozialen Unterschiede in der Anderswelt aufgehoben sind, was man zwar aus den inselkeltischen Schilderungen so durchaus ableiten könnte, was aber zumindest den unterschiedlich reichen Grabbeigaben der antiken Keltike widerspräche, die eher auf eine Beibehaltung der sozialen Situation in der Anderswelt hindeuten würden. Düstere Anderswelten gibt es eher selten, und wenn, dann meist bei den inselkeltischen Odysseen, den immram genannten Mythen, wo sie der Spannung für die Abenteuer dienen (eine abenteuerliche Irrfahrt, wo alle Inseln voller Frieden und Glück sind, wäre auch ziemlich langweilig). Anderswelten als höllische Orte gibt es überhaupt erst in der späteren, schon sehr von christlichem Einfluss geprägten Literatur. In den frühen Beschreibungen fehlen höllische Vorstellungen. Hier stelle ich mir auch die Frage, inwieweit sich die paradiesischen Beschreibungen wirklich von christlichen Himmelsvorstellungen ableiten, wie Birkhan und v.a. Maier postulieren. Denn andere christliche Motive, wie z.B. Sünde und Buße oder eben die Höllenvorstellungen fehlen in den Andersweltgeschichten völlig. Eine Übernahme von antiken Vorstellungen des Elysions scheint mir hier fast eher schlüssig, wenn es sich denn nicht wirklich um eine keltische Erfindung handelt.

Zuletzt noch zu den Gottheiten der Anderswelt bzw. der Toten und des Todes (wenn man einmal davon absieht, dass ja im Prinzip alle Göttinnen und Götter in der Anderswelt wohnen):

Für Irland wären zu nennen: Manannán Mac Lir, der Gott der Isle of Man, Midir, der Gott vom Síd Brí Léith, Donn (s.o.) oder Tethra, der König des Landes unter dem Meer. Die walisischen Anderswelten werden beherrscht von: Avallach und Modron, dem König und seiner Tochter in Annwfn oder von Arawn, dem König von Annwfn in der Geschichte Pwyll König von Dyfed. Morgane, die Herrin von Avalon, wird in der Vita Merlini von Geoffrey of Monmouth erwähnt. Bei den antiken Kelten wäre am ehesten das göttliche Paar Nantosuelta und Sucellos zu erwähnen. Sie werden auf einem Weihestein von einem Raben begleitet. Nantosuelta könnte sonniges Tal bedeuten, Sucellos ist der gute Schläger. Nantosuelta hält auf einer Stange ein kleines Häuschen, was man als Urne deuten könnte, und Sucellos einen langstieligen Hammer oder Schlägel, der sehr an den römischen Unterweltsgott Dis Pater erinnert, welcher auch von Caesar als Urahn der Gallier erwähnt wird. Inschriftlich oder historisch mit Dis Pater werden auch folgende keltische Götter verglichen: Ogmios (der in seiner beschriebenen Darstellung er zieht eine Menge Leute an Ketten hinter sich her auch ein Seelengeleiter sein könnte), Taranis (in den Lucan-Scholien, was wundert, da Taranis auch der mit Iuppiter verglichene himmlische Donnergott ist) und Smertrios, ein Gott, der mit einem Knüppel dargestellt wird, mit dem er eine Schlange erschlägt. Als Göttin wäre hier noch Aerecura anzuführen, die mit Proserpina, der röm. Göttin der Unterwelt verglichen wird.


Fazit und neuheidnischer Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass, wie bei den meisten archaischen Gesellschaften auch, der Tod bzw. der Umgang mit den Toten voll von Tabus, Ängsten, Hoffnungen und darauf basierenden Ritualen war. Wenn Caesar sagt, dass Begräbnisse aufwendiger gestaltet waren als der Rest des gallischen Lebens, so kann man das getrost glauben. Ähnliches las ich vor Kurzem in einer ethnologischen Beschreibung über Zaubereiglauben in Westafrika (David Signer, Die Ökonomie der Hexerei): Für die todkranke Mutter ist kein Geld da. Wenn diese aber stirbt, stürzt sich die Familie in Unkosten, um ein korrektes traditionelles Begräbnis finanzieren zu können.

Obwohl also kein Karma, keine Hölle, keine Belohnung oder Bestrafung oder sonstige vom Leben abhängige Konsequenzen die keltischen Wiedergeburts- und Andersweltvorstellungen zu bestimmen scheinen, wird der Tod zu einem aufwändigen sozialen und religiösen Ereignis.

Das Dilemma zwischen Wiedergeburt, Anderswelt, lebensnah ausgestattete Grabkammern für lebende Leichname und Ahn/innenverehrung kann zwar logisch aufgelöst werden, aber mehr als Spekulationen erhält man daraus nicht, da die Quellen zu dieser Problematik schweigen. Auch die Frage, ob in der Anderswelt die sozialen Verhältnisse aus dem Leben bestehen bleiben oder aufgelöst werden, kann aufgrund der zusammenfassend betrachteten Quellen nicht befriedigend beantwortet werden.

 
aus The Cut-Throat Celts von Terry Deary

Wie auch immer: als Anhängerin des keltischen Neuheidentums gibt es für mich keinen Grund, Angst vor dem Tod zu haben, wenn auch die von De Vries ins Rennen geführten menschenfressenden La Tène-Monster leicht besorgniserregend sind (naja, er muss ja mit dieser Hypothese nicht Recht haben ...). Ob ich nun wiedergeboren werde oder in einer glücklichen Anderswelt verweile, oder erst in die Anderswelt komme, um nachher wiedergeboren zu werden all das scheint eine interessante Option fürs Leben danach zu sein. Damit es meiner Seele nach dem Tode auch an nichts fehlt, hätte ich gerne an der irischen Westküste einen netten kleinen Grabhügel mit Blick aufs Meer und als Grabbeigabe neben den obligatorischen Spanferkeln drei Fässer voll Guinness, eine Flasche Single Malt und einen Fernseher mit mindestens 50 Programmen!

Quellen:
BIRKHAN Helmut, Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur 2,
Verl. Phaidon, Essen 1989, ISBN 3-88851-088-0,
Preiddeu Annwfn Die Beraubung der Anderen Welt, S. 107 ff.

BIRKHAN Helmut, Kelten Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur,
Verl. der österr. Akademie d. Wissenschaften, Wien 1997, ISBN: 3-7001-2609-3,
Die andere Welt und der Tod und Das Totenbrauchtum, S. 838 ff.

BIRKHAN Helmut, Kelten Bilder ihrer Kultur,
Verl. der österr. Akademie d. Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2814-2,
zahlreiche Abbildungen von keltischen Grabinventaren und Gräbern.

DE VRIES Jan, Keltische Religion,
edition amalia, Grenchen 2006 (reprint), Erstauflage: Kohlhammer, Stuttgart 1961, ISBN 3-905581-20-5,
Die Vorstellungen von der Totenwelt und vom Weltenende, S. 248 ff.

Hessische Kultur GmbH (Hrsg.), Das Rätsel der Kelten vom Glauberg Glaube, Mythos, Wirklichkeit,
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in Hessen, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1592-8,
zahlreiche Abbildungen von Grabinventaren und Statuen.

HETMANN Frederik, Die Reise in die Anderswelt Feengeschichten und Feenglaube in Irland,
Diederichs/Heyne, München 1996 (Erstauflage 1981 bei Diederichs), ISBN 3-453-11991-1
Immram Curaig Maíle Dúin Die Fahrt des Bootes von Mael Dúin, S. 229 ff.

KINSELLA Thomas (Übers. v. Irischen ins Englische), SCHAUP Susanne (Übers. v. Englischen ins Deutsche), Der Rinderraub Altirisches Epos,
Heimeran-Verlag, München 1976, ISBN 3 7765 02118,
Compert Chon Culainn - Wie Cú Chulainn gezeugt wurde, S. 43 ff.

LAUTENBACH Fritz, Der keltische Kessel Wandlung und Wiedergeburt in der Mythologie der Kelten. Irische, walisische und arthurianische Texte,
Urachhaus, Stuttgart 1991, ISBN 3 87838 911 6,
Túan mac Cairill do Fhinnén Maige Bile inso sís Die Geschichte des Túan mac Cairill, wie er sie dem Heiligen Finnén von Mag Bile erzählte, S. 34 ff.,
De Gabáil in t-shída in-so sís Die Besitzergreifung des Sídh, S. 107,
De Chophur in dá muccida Die beiden Schweinehirten, S. 109 ff.,
Seirgligi Con Culaind inso sís 7 óenét Emire Cú Chulainns Krankenlager wie folgt und Emers einzige Eifersucht, S. 178 ff.
Laoidh Oisín ar Thír na n-óg, mar d’aithris sé do Phádruig naomhtha Oisíns Lied über das Land der Jugend, wie er es dem heiligen Patrick vortrug, S. 229 ff.,
uva. Sagen über die Andere Welt.

LE ROUX Francoise u. GUYONVARC’H Christian-J., Die Druiden,
Arun-Verlag, 2. Aufl. Engerda 1998, Original: Les Druides, ISBN 3-927940-34-8,
Die Unsterblichkeit der Seele und Die Andere Welt und das Síd, S. 344 ff.

MAIER Bernhard, Das Sagenbuch der walisischen Kelten Die vier Zweige des Mabinogi,
dtv, München 1999, ISBN 3-423-12628-0
Pwyll Pendefig Dyfed - Pwyll, Fürst von Dyfed, S. 9 ff.

MAIER Bernhard: Die Religion der Kelten Götter, Mythen, Weltbild, C.H.Beck Verl., München 2001, ISBN 3 406 48234 1,
Jenseitsvorstellungen, S. 132 ff.


Alle angegebenen Mythen findet man in englischen Originalübersetzungen auf entsprechenden Websites:
http://celt.ucc.ie/language.html
http://www.sacred-texts.com/neu/celt/index.htm
http://www.maryjones.us/ctexts/index.html


Mc Claudia


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