Der Tod ist die Mitte eines langen Lebens   Teil II

Totenbrauchtum und Jenseitsvorstellungen bei den Kelten

Die nächsten neun Tage war Jahrmarktstimmung. Es war ein dauerndes Kommen und Gehen von Trauergästen – jede Landstreicherin, jeder Bettler wurde verpflegt – niemand sollte in diesen Tagen hungern! Bei Musik und athletischen Vorführungen von Tänzerinnen spielte man Würfel- oder Brettspiele. Die herbeigereisten Händler machten gute Geschäfte, es wurden Geschichten erzählt, es wurde gelacht, gescherzt, gesoffen und gezecht, geliebt und gerauft. Wer konnte, nahm an den Spielen teil: Stockball, Pferderennen, Wagenrennen, Ring- und Boxkämpfe, Waffenvorführungen und Bardenwettstreite fanden statt. Kurzfristig wurde sogar eine Hasenjagd organisiert, die aber angesichts des Alkoholspiegels nicht sehr erfolgreich verlief.
Natürlich trank und aß man nicht nur selber, sondern auch die verstorbene Rigani bekam ihren Teil ab. Man brachte der Toten Trank- und Speiseopfer in extra dafür gefertigtem Geschirr dar. Am fünften Tag der Spiele reiste der König des Nachbarreiches, Boiorix, an, um seiner Amtskollegin die letzte Ehre zu erweisen. Als Gastgeschenk brachte er 40 Stück 50-Liter-fassende Amphoren voll des besten italienischen Weines mit. 20 Amphoren köpften die Adligen für ihr eigenes Zechgelage, und die anderen 20 waren für die tote Rigani bestimmt: Da der Boden der Grabkammer schon fertig gezimmert waren, stellte man den riesigen Bronzekrater (Weinmischgefäß) der Fürstin in eine Ecke der halbfertigen Grabkammer und leerte nach und nach alle 20 Weinamphoren, bis sich schließlich 1000 Liter Wein im 1100 Liter fassenden Gefäß befanden, das ohne Inhalt 208,6 kg schwer war, 1,64 m hoch und an der breitesten Stelle 1,27 m im Durchmesser maß. Der Krater war die Auftragsarbeit eines griechischen Bronzeschmieds aus Süditalien. Die Amphoren selber zerschlug man gründlich, sobald sie leer waren und verteilte die Scherben systematisch auf dem Weg von der aufgebahrten Fürstin bis zur Grabkammer. 

Immer wieder kamen Menschen zum Prunkwagen und legten mit griechischer Schrift beschriftete Birkenrindenstückchen oder, wenn sie es sich leisten konnten, sogar beschriftete Papyrusrollen, die aus Ägypten importiert wurden, auf den Wagen zur Leiche. Es handelte sich dabei um Briefe an die Fürstin selbst oder an andere verstorbene Verwandte oder Freund/innen. Die Leute erwarteten, dass die Fürstin diese Briefe mit in die Anderswelt nahm und den Adressaten aushändigte. Eines Tages kam sogar ein Händler daher, der einen Schuldschein zur Leiche legte. Er hatte der Sapsuta vor Jahren einmal einige Goldbarren im Wert von 10 Sklavinnen geliehen. Diese jedoch sagte ihm, dass sie sie wahrscheinlich erst im nächsten Leben zurückzahlen könne, was für den Händler in Ordnung war, da er sich so der Gastfreundschaft der Rigani versicherte. Nun aber, da seine Schuldnerin tot war, gab er ihr den Schuldschein über die Goldbarren mit ins Jenseits, damit sie sie in der Anderswelt bezahlen konnte, oder auch im nächsten irdischen Leben. Jedenfalls sollte sie nichts schuldig bleiben oder auf die Schulden vergessen. Das könnte die Seele zur Wiedergängerin machen.
Der neunte Tag ging zur Neige, und die Druiden erklärten die Leichenspiele für beendet. Die Grabkammer war bis auf die Decke fertig gezimmert und die Wände mit bunten Wandbehängen aus Wolle und Blumengirlanden geschmückt. Zu Füßen der Grabkammer hatte man ein Erdloch ausgehoben, welches für Devogena bestimmt war. Die Wagenlenkerin war ziemlich betrunken, wehrte sich aber jetzt plötzlich, ihrer Herrin in die Anderswelt nachzufolgen. Sie hatte nämlich während der Leichenspiele neuen Lebensmut gefasst und nun absolut keine Lust mehr zu sterben. Das Urteil der Druiden war aber unerbittlich, denn Devogena hatte der Rigani Treue geschworen bis in den Tod. Fünf starke Krieger waren nötig, um die tobende Dienerin festzuhalten, sodass der Vatis sie mit einem Seil fachgerecht erdrosseln konnte. Die letzten Worte, die Devogena herausschrie, waren ein Fluch gegen Dubnoduron. Das war ein gar schreckliches Omen, und die Leiche der Dienerin wurde gefesselt, ins Erdloch geworfen, eiserne Nägeln auf sie gelegt und letztlich ein dicker Holzpflock quer über die Leiche in der Grube fixiert. Druiden und Priesterinnen sprachen Bannflüche gegen die Tote, und dann wurde schnell das Erdloch zugeschüttet. Um nichts in der Welt sollte es der Toten möglich sein, zurückzukehren und als Wiedergängerin ihren Fluch gegen die Stadt wahr zu machen. Sogar neun Schweine wurden für die verstorbene Devogena geopfert und vollständig verbrannt sowie eine Schöpfkelle des Weines aus der Riesenamphore auf dem zugeschütteten Erdloch ausgegossen, um ihre Seele zu befrieden – ein teures und ungewöhnliches Opfer für eine Sklavin! Nachdem der Vatis, der die Gottheiten mit einem Orakel befragt hatte, sein Einverständnis für die Fortführung der Beerdigung gegeben hatte, nun, da die Seele der Devogena befriedet war, wurde damit begonnen, die hölzerne Grabkammer auszustatten:

 
Rekonstruiertes Holzkammergrab samt Ausstattung des
hallstattzeitlichen Hügelgrabes von Mitterkirchen.
Die Leiche der „Fürstin“ lag ausgestreckt auf dem Wagen.

Zuerst rollte man den Wagen mit der aufgebahrten Sapsuta zur Grabkammer. Dann montierte man die Räder ab, damit die Fürstin nicht auf die Idee käme, mit dem Wagen ins Reich der Lebenden zurückzufahren. Mit Seilen hievten zehn kräftige Männer den Wagen samt der Leiche vorsichtig in die Grabkammer und schoben ihn in eine Ecke, rechts neben den bereits dort befindlichen Riesenkrater voller Wein. Die vier Räder wurden an die rechte Wand gelehnt, die zwei Schimmel getötet und deren gezäumte Kadaver zu Füßen der Fürstin vor den Wagen drapiert. Dann legte man noch den Totenschmuck, die goldenen Fibel, die eisernen Amulette und die Bernsteinketten auf die Leiche. Der verbleibende Raum in der Grabkammer wurde mit einem ganzen Satz irdenem Geschirr gefüllt, das voll von leckeren Speisen war. Ein Emmer-Eintopf, Brot, Kuchen, Süßigkeiten, Würste, Rohschinken, frisches Obst und Gemüse, ein Schälchen voller Salz, ein anderes voller Honig, des weiteren Milch, Butter, Käse – kurzum alles, was der Fürstin schmeckte! Zum Krater legte man eine Schöpfkelle, mehrere Trinkschalen, und an die mit Tüchern behängte Wand befestigte man ein paar goldbeschlagene Trinkhörner. Zur Totentafel legte man noch vier gebratene Spanferkel und ein großes Stück gebratenen Ochsen, dazu ein großes Fleischmesser. All das diente der Toten dazu, in der Anderswelt weiterhin reiche Feste zu feiern. Zum Schluss zündete man noch eine Öllampe aus Griechenland an und stellte sie neben den Wagen – Sapsuta sollte Licht haben, um den Weg in die Anderswelt zu finden. Alle streuten noch frische Blumen und Blütenblätter ins Grab, während die Druiden beteten und die Priesterinnen heilige Gesänge anstimmten. Dann wurde die Grabkammer, die irgendwie einem gemütlichen Schlaf- und Speisezimmer glich, mit den Deckenbohlen verschlossen. Alle Werkzeuge, die man für das Herstellen des Totenschmucks und der Grabkammer brauchte, sowie die Arbeitsabfälle und einige Schaufeln voller Scherben der Weinamphoren wurden auf die Deckenbohlen der Grabkammer geschüttet. Dann nahmen alle Gäste noch je einen Stein und legten ihn auf die Grabkammer, bevor die Sklaven und Arbeiter damit begannen, die Erde und das Geröll über der Kammer aufzuschütten. Während der ganzen Zeit spielten die Musiker und sangen die Barden Loblieder auf die tote Fürstin. Als der Grabhügel wieder vollständig aufgeschüttet war, pflanzte man noch eine steinerne Statue, die in abstrakter archaischer Form Sapsuta darstellte, neben den Hügel in die Erde, auf die Seite ihrer Grabkammer. Sie war die erste Regentin, der man eine Steinstatue meißelte.

 
Rekonstruierte hölzerne Statue eines Gottes
oder Ahnen am keltischen Gräberfeld
vom Dürrnberg / Hallein.

Da der gute Ruf der Sapsuta ihren Tod überdauerte, kamen immer wieder Menschen zum Grabhügel, um Speise- und Trankopfer, und einige Jahrhunderte später, sogar Münzen darzubringen. Die alte Fürstin aus grauer Vorzeit, deren Namen man vergessen hatte, war nur mehr als Urahnin Rigani – als „Königin“ - bekannt, die göttliche Verehrung genoss und so selbst zur Göttin wurde, die ihr Volk und ihre Stadt Dubnoduron auch noch nach dem Tode schützte und für Wohlstand sorgte.


Totenbrauchtum

Das hier rekonstruierte keltische „Musterbegräbnis“ bei der fiktiven Stadt Dubnoduron könnte so oder ähnlich irgendwann Ende der Westhallstattkultur oder zu Beginn der La Tène-Zeit stattgefunden haben (also so um das 5. Jhdt.v.Chr.). Für die Geschichte der Sapsuta habe ich mich von folgenden archäologisch erforschten eisenzeitlichen Gräbern inspirieren lassen, wobei die reichhaltigen Grabbeigaben, der Wagen, das Holzkammergrab, die unbrauchbar gemachten Werkzeuge und Abfälle über den Grabkammern, der Grabhügel samt Graben sowie Keramikfunde in der Nekropole für das Totenmahl auf viele der folgenden Funde zutrifft:

Das Gräberfeld auf der Hochgerichtsheide von Wederath (4. Jhdt.v.Chr. bis 4. Jhdt.n.Chr.) wurde wie die Nekropole von Dubnoduron über Generationen genutzt. Das Grab von Clemency (Luxemburg) aus dem 1. Jhdt.v.Chr. wies Pfostenlöcher für eine etwaige Aufbahrung des Leichnams auf, weiters einen Weg aus Tonscherben von den Pfostenlöchern zur Grabkammer, und unter anderem eine Öllampe als Grabbeigabe. Das „Fürsten“grab vom Glauberg (5. Jhdt.v.Chr.) hatte eine 350 m lange und 7 m breite Prozessionsstraße, die von je einem 2,8 m tiefen Graben flankiert war, des Weiteren neben dem Grabhügel vier steinerne Statuen des Begrabenen (was man daran erkennt, dass die Leiche einen besonderen Goldtorques trägt, der genauso auf den Statuen eingemeißelt ist). Das Gräberfeld bei Heidenheim-Schnaitheim (ca. 7./6. Jhdt.v.Chr.) war wie das aus meiner Geschichte in einen „reichen“ Teil mit reich ausgestatteten Gräbern in Grabhügeln und einem „armen“ Teil mit „arm“ ausgestatteten Gräbern (ohne Hügel) aufgeteilt, wobei zwischen dem reichen und dem armen Gräberfeld 500 m Entfernung sind. Beim „Fürsten“grab von Hochdorf (6. Jhdt.v.Chr.) fand man Reste von Pflanzenbewuchs auf dem Boden der Grabkammer, was darauf hindeutet, dass das Grab mindestens vier Wochen leer stand, ehe der Tote, der wahrscheinlich aufgebahrt oder herumgeführt worden war, dort beerdigt wurde. Weiters fand man acht Trinkhörner, die an den Wänden gehangen haben müssen. Der Bestattete hatte auch Fibeln aus reinem Gold und Bernsteinperlen – Verarbeitungsspuren dafür fand man in den Schichten des Grabhügels. Die Schnabelschuhe des Toten waren mit Goldblech verziert. Zu Füßen der Grabkammer der „Fürstin“ von Mitterkirchen (7. Jhdt.v.Chr.), die mit einem Wagen voll von Bronzebeschlägen begraben wurde, wurde ein weibliches, kräftig gebautes Skelett gefunden, das etwas chaotisch in einer Grube beerdigt wurde, und darüber war ein Holzpflock gelegt. Es könnte sich um eine Sklavin der Herrin handeln, die ihr in den Tod folgen musste. Eine andere „Fürstin“ trug einen Pelzumhang, geschmückt mit tausenden Ziernägelchen. Der „Dame von Goeblange-Nospelt“ (1. Jhdt.v.Chr.) wurde über 200 Jahre lang Münzen geopfert. Als sich der Grabhügel durch den Kammereinbruch absenkte, stellte man zwei Terrakotta-Statuetten von Göttinnen in die Vertiefung. Wie die fiktive Sapsuta war wohl auch diese Dame zu einer verehrten Ahnin oder sogar zu einer Göttin aufgestiegen. Im Doppelgrab von Hohmichele (ca. 5. Jhdt.v.Chr.) erhielten sich Spuren von Seidenbrokat, was mich zur Seidentunika der Sapsuta inspirierte. Den großen Bronzekrater des „Fürstinnen“grabes von Vix habe ich der Sapsuta zukommen lassen.


Ende Teil II


Mc Claudia


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