Betreut von MartinM
Der Tod ist die Mitte eines langen Lebens   Teil I

Totenbrauchtum und Jenseitsvorstellungen bei den Kelten

Das Begräbnis einer eisenzeitlichen Fürstin

„MARUA  BOUA  RIGANI  ANSON!“, drang es laut aus der großen königlichen Met-Halle,  „Unsere Königin ist tot!“ Alle, die es in der 2000 Einwohner/innen fassenden Stadt Dubnoduron hörten, stöhnten auf und erzählten es sofort weiter. Plötzlich rannten die Menschen geschäftig durch die Straßen, um nur ja allen die traurige Botschaft zu überbringen.

Sapsuta, die Königin des kleinen Reiches, die nach dem Tod ihres Gatten noch 18 Jahre lang das Szepter führte, war nun im hohen Alter von 67 Jahren an einer dämonischen Krankheit, die den Körper innerlich auffrisst und irgendwann einmal als „Krebs“ bekannt sein wird, gestorben. Bis zuletzt hielt sie die Regierungsgeschäfte in der Hand. Ihr diplomatisches Geschick und ihre Weltoffenheit, vor allem gegenüber weitgereisten Händlern, brachte der kleinen Stadt Wohlstand. Wohlstand, an dem sogar die Klienten, die Leibeigenen der Adelsfamilien, teil hatten. Sapsuta hatte mit dieser Politik nicht nur den Frieden im Reich gesichert sondern sich auch eine Menge Freunde gemacht. Ihr Tod war ein Schlag ins Gesicht ihrer Untertanen.

Die Druiden, die der Fürstin in den Stunden des Todes beigestanden hatten, fingen sofort mit ihren Zeremonien an, um die Seele, die noch ruhelos war, zufrieden zu stellen. Unruhige Seelen, Wiedergänger, konnten den Lebenden schaden und sie sogar in den Wahnsinn treiben. Die Priesterinnen nahmen die Instrumente mit den Klapperblechen zur Hand und rasselten, um böse Geister fern zu halten. Sie stimmten lautstark die Totenklage an, die drei Tage lang nicht verstummen sollte. Am lautesten aber jammerte Devogena, die persönliche Dienerin und Wagenlenkerin der Fürstin. Sie liebte ihre Herrin abgöttisch, was zum großen Teil von der Fürstin erwidert wurde. Devogena beschloss jedenfalls, ihrer geliebten Rigani in die Anderswelt zu folgen, sobald die eigentliche Beerdigung stattfinden würde.

Der 30-jährige Enkel der Fürstin, Latumaros, schickte mehrere Ambaxtoi, Gesandte, in alle Himmelsrichtungen, damit sie die Botschaft vom Tod seiner Großmutter im ganzen Reich verbreiteten. Alle Untertanen wurden zu den Leichenfeiern eingeladen. Einige 1000 Menschen wurden erwartet. Latumaros’ Vater und Onkel waren bereits verstorben. Da sich die Elite nicht entscheiden konnte, wer der nächste in der Thronfolge sein sollte, ließen die Druiden mittels Traumvision die Gottheiten ein Urteil fällen, welches auf Latumaros fiel. Dieser war deshalb über den Tod seiner Großmutter gar nicht so unglücklich.

In den ersten zwei Tagen, während die Druiden ihre Zeremonien um den Leichnam veranstalteten, wurde zu Ehren der Toten gefastet. Nicht einmal die Tiere bekamen Futter. Sofort begannen Handwerker und Arbeiterinnen damit, die Prozessionsstraße, die vom westlichen Tor der Stadt zwei Kilometer zur Nekropole führte, mit Blumengirlanden zu schmücken, Zelte für die zahlreichen Trauergäste aufzustellen und Latrinen auszuheben.

Nach und nach wurde unter der Aufsicht der Vates, der Opferpriester, ein Drittel des Viehbestandes, den die Königin hinterlassen hatte, den Unterweltsgottheiten Nantosuelta und Sucellos geopfert. Nachdem die Vates beim ersten geopferten Stier die Eingeweide untersucht hatten und für gut befunden hatten, gaben sie das Einverständnis für die Schlachtung. Ungefähr 500 Rinder und 1000 Schweine sollten während der Trauerfeier für den Verzehr getötet werden. Von der Stadt über die Prozessionsstraße bis zur Nekropole wurden Kochstellen errichtet. Es mussten ja eine Menge Gäste versorgt werden. Unmengen an Korn und Hülsenfrüchte holte man aus den Speichern und das frische eben reif gewordene Obst und Gemüse wurde nahezu aufgebraucht. Die Bierbrauer machten sich ans Werk und brauten frisches Bier, so viel sie konnten. Warmes Bier diente als kultisches Getränk zu den Totenfeiern. Niemand sollte sagen, die Königin sei im Tode plötzlich geizig geworden. Kein Barde sollte einen Grund bekommen, eine Satire über Dubnoduron zu verfassen.

Die Druiden balsamierten die tote Fürstin ein, um den Verwesungsvorgang zu verzögern. Danach wurde Sapsuta in ihre edelsten Gewänder gehüllt, in ihre Seidentunika aus dem fernen Osten, ihr feines kariertes Wollkleid und in ihren mit 1000en bronzenen Ziernägelchen bestickten Pelzumhang. Ihre Füße schmückten ihre goldbeschlagenen Schnabelschuhe und je drei goldene Fußreifen. Man legte all ihren Goldschmuck, vor allem ihren schweren Torques an, schminkte ihr Gesicht, damit es lieblich und lebendig aussähe, kämmte ihr die Haare und flocht ihr Zöpfe, die mit goldenen Ringen durchwirkt waren. Dann legte man sie sorgfältig auf ihren vierrädrigen Prunkwagen, den sie schon zu Lebzeiten gerne für festliche Umzüge verwendet hatte und schmückte ihn mit Girlanden aus Blumen und immergrünen Zweigen.



Abrollung der hallstattzeitlichen Situla (Bronzekübel) von Certosa bei Bologna, 5. Jhdt.v.Chr. Die dargestellte Szene könnte eine Leichenfeier darstellen. Erkennbar an 5. und 7. Frau in der 2. Reihe von rechts. Die eine könnte Holz für den Scheiterhaufen tragen, die andere eine hausförmige Urne.

Am dritten Tag gaben die Karnyxbläser das Signal zur Prozession. Die Prozessionsstraße war gesäumt von den Stadtbewohnern und -bewohnerinnen und den ersten angereisten Trauergästen, die den Umzug mit Jubel, Trauergesang und unzähligen Blumen begrüßten. Ganz vorne gingen einige Mädchen, die frische Blüten auf die Straße streuten. Die Karnyxbläser und Standartenträger folgten ihnen, danach kamen die Gaisates, die Elitekrieger, dann folgten die Druiden, die den Prunkwagen mit der aufgebahrten Leiche anführten. Vorne am reich mit Bronzeplättchen verzierten rot bemalten Wagen saß Devogena und zügelte die zwei edlen, reich gezäumten Schimmel, die den Wagen zogen. Nebenher gingen die Priesterinnen mit ihren Klapperblechen und ihrem lautstarken Trauergesang: MARUA  BOUA  RIGANI  ANSON - DALLOS  IMMI  DACROUON – „Unsere Königin ist tot – ich bin blind vor Tränen!“ MARUA BOUA SAPSUTA ANSON! ... klang es voll Leidenschaft. Dahinter fuhren die Adligen der Stadt in ihren Wagen oder ritten auf Pferden, an ihrer Spitze Latumaros. Alle waren in ihre besten Gewänder gekleidet und protzten mit einem Übermaß an Goldschmuck – Männer wie Frauen! Danach schritten die Barden, die Künstlerinnen und Handwerker einher. Zum Schluss führten die Vates reich geschmückte schwarze Opferstiere mit sich. Erst dann schloss sich das normale Volk an, das in großen Mengen Speisen, Getränke und Picknickdecken mitschleppte. Dazwischen waren immer wieder Musiker mit ihren schrillen Pfeifen, Flöten, Leiern und Tamburinen, Tänzerinnen und als Dämonen verkleidete Menschen, die die bösen Geister mit lautem Klappern ihrer großen Schellen vertreiben sollten. Die, die wirklich trauerten, rauften sich die Haare, fügten sich sogar Verletzungen zu und stimmten in die Totenklage der Priesterinnen mit ein. Und die, die nicht wirklich trauerten, wurden von der Ekstase der Menge mitgerissen und jammerten und schrieen, was das Zeug hielt.

 
Aufriss eines hallstattzeitlichen Hügelgrabes.
In der Mitte befindet sich die Grabkammer aus Holzbohlen.
Um den Hügel ist ein breiter Graben.
   

Die Prozession näherte sich der Nekropole. Neben einigen kleineren Grabhügeln, erhob sich in der Mitte ein mächtiger halbkugelförmiger Hügel, 50 m im Durchmesser und 7 m hoch. An seiner Spitze stand eine verwitterte Holzstatue des ersten Fürsten Ambiorix, und rund um den Hügel befanden sich weitere Holzstatuen verstorbener Adliger. Die Grabhügel waren für die Herrinnen und Herren der Stadt und umliegenden Dörfer gedacht. Etwa 300 m abseits befand sich der schlichtere Friedhof mit kleinen Aufschüttungen für die Unfreien, die Klienten und Leibeigenen.

Aber zurück zum fürstlichen Grabhügel in der Mitte: Ein etwa 6 m breiter Graben umgab den Hügel, und außen herum befand sich ein Kreis von etwa 1 m hohen Steinpfeilern. Beides diente dazu, den Ort der Toten vom Ort der Lebenden zu trennen. Die Grabhügel wurden schon seit Generationen genutzt, und der mittlere große Hügel war der Familie der Sapsuta vorbehalten. Ihr verstorbener Gatte und ihre Söhne ruhten bereits in diesem riesigen Grab.

Als die Prozession die Nekropole erreichte, waren etwa 50 Sklaven bereits damit beschäftigt, den Grabhügel an einer Seite abzugraben. Während der nächsten neun Tage – so lange dauerten die Leichenspiele – würde in der ausgehobenen Grube im Hügel eine Grabkammer aus grob zugehauenen Eichenbohlen eingelassen, in die dann die Fürstin samt ihren Grabbeigaben beigesetzt werden würde. Diese Grabkammer würde 3 mal 3 m Fläche einnehmen und 1,7 m hoch werden. Weiters waren Goldschmiede, Eisenschmiede und Künstlerinnen damit beschäftigt, spezielle Schmuckstücke für Sapsuta herzustellen, Schmuckstücke, die ausschließlich Toten vorbehalten waren. Nach und nach bekam die Tote noch zwei Paar kleiner Fibeln aus reinem Gold (für Lebende sinnlos, da eine Goldnadel viel zu weich ist, um einen Umhang festzuhalten), einige Amulette aus reinem Eisen, um die Tote am Wiedergängertum zu hindern und eine Bernsteinkette als Amulett für die Andere Welt.

Die lautstarke Prozession erreichte nun den Grabhügel, in dessen Nähe bereits ein Lager aufgeschlagen war: Ein Baldachin, unter dem der Wagen mit der aufgebahrten Leiche die nächsten neun Tage ausgestellt werden sollte, bewacht von vier Kriegern der Leibgarde. Mindestens einer von ihnen musste bei der Toten Wache halten – sie durfte nicht aus den Augen gelassen werden. Des Weiteren waren einige Tische für die Adligen und die fürstlichen Gäste aufgestellt und reich gedeckt. In der Nähe waren riesige Grillplätze angelegt, auf denen sich die Spieße mit ganzen Ochsen und Schweinen drehten, und etwas abseits ein provisorischer großer Kochbereich.
 
Die Karnyxbläser stießen in ihre Hörner, und die Menge verstummte. Ein Druide hob an, eine flammende Rede über Sapsuta zu halten. Er lobte die Taten der Rigani in den höchsten Tönen und beschwor Nantosuelta und Sucellos, die Seele der Dahingeschiedenen in ihr Reich der Freuden unter dem Meer gastfreundlich aufzunehmen. Danach verstrich noch etwa eine Stunde, in der alle anwesenden Adligen begrüßt wurden und das Programm der Leichenspiele durchgesagt wurde. Mit einem letzten Tusch der Karnyx-Bläser war das Fasten gebrochen und die Trauergäste stürzten sich über Speis und Trank. Trauer war nämlich nicht mehr angesagt. Die Priesterinnen hatten ihre Totenklage beendet, und die Tränen der Gäste trockneten bei guten Essen, bei einem Übermaß an warmem Bier und bei fröhlicher Musik, die von den vielen Barden und Spielleuten angestimmt wurde. Das Totenfest war ein Freudenfest geworden. Immerhin ging die Fürstin nun dorthin, wo die Glückseligkeit auf sie wartete, und wenn nicht ewig, dann würde sie sicher in einem der adligen Enkelkinder wiedergeboren werden. Latumaros’ einzige Tochter würde bald heiraten, eine gute Gelegenheit für Sapsutas Seele, wieder zu kommen.


Ende Teil I


McClaudia


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