Betreut von MartinM
Keltisch rekonstruiertes Heidentum   Teil II

Celtic Reconstructionist Paganism der Co-Autor/innen: Erynn Rowan Laurie, John Machate, Kathryn Price NicDhàna, Kym Lambert ni Dhoireann, Aedh Rua Ó Mórríghan. Übersetzung: Claudia Jenik (Mc Claudia) (mit freundlicher Genehmigung von Erynn Rowan Laurie) [in eckiger Klammer eingefügte Anmerkungen sind von mir] Das englische Original vom 03.08.2003 kann in der WitchVox nachgelesen werden.

In irischen und schottischen Zweigen des CR gibt es das Konzept der drei Kessel. Man geht dabei davon aus, dass den Körper ein inneres Energienetz durchströmt. Die drei Kessel symbolisieren dann die drei Bereiche des Körpers, welche als Tore für göttliche Energie und Inspiration fungieren. Die Beschaffenheit, Harmonie oder Disharmonie, dieser spirituellen „Kessel“ zeigt an, wie man sich fühlt, und ob man krank ist. [Das Prinzip der drei Kessel wird in einem irischen mittelalterlichen Gedicht erwähnt, wo drei Kessel der Inspiration genannt werden: einer im Kopf, einer im Herzen, einer im Bauch. Die Ähnlichkeit zu den drei Dan Tian im Qi Gong ist m.E. ein interessanter Zufall.] Spirituelle Heiler/innen in dieser Tradition arbeiten mit diesem Konzept, aber auch in Meditationen kann man das Bild der drei Kessel als Synonym für die drei Energiebereiche im Körper anwenden.

Was Macht und Führungsqualitäten im CR betrifft, sind Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt. Sowohl Frauen als auch Männer sind im CR als Forscher/innen, Gelehrte, „Druid/innen“ oder Seher/innen, „Krieger/innen“, Künstler/innen, Leiter/innen von „Haushalten“ oder „Stämmen“ und allen anderen Aufgabenbereichen tätig. Man huldigt Göttern und Göttinnen gleichermaßen. Wenn bestimmte Gottheiten bevorzugt werden, dann nur bedingt durch persönliche Vorlieben. Einige Gemeinschaften und Individuen, wie zum Beispiel die verschiedenen Brighid-Orden, ehren zum Beispiel ausschließlich Göttinnen. Außerdem ist der CR sexuellen Minderheiten gegenüber absolut aufgeschlossen: viele Gründungsmitglieder und Denker/innen sind homo- oder bisexuell oder auch transgender. Ein großer Teil der CR-Praktizierenden sehen Feminismus als wichtigen Teil ihrer Philosophie und ihrer (spirituellen) Praxis.

Obwohl viele Leute, die zum CR kommen, keltische Vorfahren haben, ist es im CR keinesfalls Voraussetzung, einen keltischen Stammbaum nachweisen zu können. Wir respektieren alle unsere Lehrer/innen und Ahn/innen, egal ob diese nun keltisch sind oder nicht. Viele von uns haben keine keltischen Vorfahren, aber wir alle sehen in den frühen Kelten „spirituelle Ahn/innen“, die für unseren Weg bestimmend sind. Uns ist bewusst, dass die Menschheit in Afrika entstanden ist, und dass wir infolgedessen alle aus demselben Blut sind – wir alle gehören zur menschlichen Familie. CR ist daher unter allen Umständen antirassistisch, und Leute aller Ethnien, Kulturen und Hautfarben, welche den keltischen Gottheiten im Sinne des CR folgen wollen, sind herzlich willkommen.

Unsere rekonstruktive Arbeit an einer authentischen keltischen Religion wurde auch von indigenen Praktiken anderer Kulturen, wie Voodoo, verschiedenen Stammesreligionen, Animismus und Hinduismus inspiriert. Allerdings übernehmen wir nicht einfach Teile dieser Kulturen oder behaupten gar, diese Traditionen zu praktizieren oder zu repräsentieren. Jede Tradition hat ihre eigenen Priester/innen – ihren Klerus - und ihre eigenen Gemeinschaften. Auch wenn wir, wo immer wir können, uns lieber auf die keltischen Überlieferungen beziehen, so gibt es im „Rekonstruktionspuzzle“ eben leider immer wieder fehlende Teile. Wir sehen uns dann bei heutigen Traditionen um, die ähnliche religiöse Praktiken haben könnten wie die frühen Kelten. So inspiriert kreieren wir dann die fehlenden Puzzleteile, immer den „keltischen Geist“ im Auge behaltend. Das Wissen über andere Traditionen dient auch als nützliches, wertvolles Feedback, wenn man durch Inspiration erfahrene rituelle Praktiken oder religiöse Theorien vergleichen, verifizieren oder überprüfen will.

Da wir uns mit den Naturgeistern verbunden fühlen und das Land, auf dem wir leben, heilig ist, sind viele CR-Praktizierende im Umweltschutz aktiv. Andere wiederum finden es wichtig, die heimische Fauna und Flora zu kennen, um sich auf diese Weise mit dem Land und den Naturgeistern zu verbinden. Metaphern aus der Welt der Natur sind in der Sprache der Philosophie, des Rituals und des Denkens üblich. Dieses Naturverständnis lässt sich in der langen Tradition der inselkeltischen Poesie und Mystik zurückverfolgen. Ökologie und Ökofeminismus spielen in der Praxis von CR-Anhänger/innen oft eine große Rolle.

Gelehrsamkeit, Mystizismus, ekstatisches Erleben und persönliche Inspiration sind allesamt hochgeschätzte Komponenten im keltischen Rekonstruktionismus. All dies ist gleichermaßen notwendig, auch wenn manchmal Einzelne und Gruppen das eine oder andere als wichtiger erachten. Forschung, Belesenheit und Kunstfertigkeit genießen großen Respekt im CR. Aber auch Verständnis für und Wertschätzung von Geschichte ist sehr wichtig. Eine keltische Sprache zu beherrschen ist zwar nicht notwendig, allerdings ist es sinnvoll, ein paar religionsspezifische „Fachausdrücke“ in den keltischen Sprachen zu kennen. Einige zelebrieren sogar ganze keltischsprachige Rituale oder rezitieren einige liturgische Phrasen auf Keltisch. Alle individuellen Erkenntnisse, die durch Lesen, Lernen, Inspiration, Meditation, ekstatische Praktiken, etc. zustande kommen, werden von den Mitgliedern diskutiert, mit anderen geteilt und auf Sinnhaftigkeit untersucht, indem sie in der Ritualpraxis ausprobiert werden.


Die Rolle der Druid/innen

Wenn von Druid/innen, also vom keltischen Klerus im CR die Rede ist – und lange nicht alle Gruppen brauchen oder wollen ein formelles Druidentum – handelt es sich in erster Linie um spirituelle Lehrer/innen oder um Erfinder/innen bzw. Leiter/innen von Gruppenzeremonien. Personen, die dem Klerus angehören, sind, wie auch im frühen Keltentum üblich, Seher/innen, Philosoph/innen, Theolog/innen, Heiler/innen oder Schlichter/innen in Streitfällen innerhalb einer Gemeinschaft. Das heißt aber nicht, dass all diese Aufgaben auf den Klerus beschränkt sind – auch Personen, die nichts mit dem Druidentum zu tun haben, widmen sich oft der Philosophie, der Leitung von Gruppenritualen, der Heilung, der Theologie, etc. Die Leute des Klerus im keltischen Rekonstruktionismus werden oft mit den irischen Termini „Draoi“ [Druiden] oder „Filidh“ [Seher, Dichter] oder mit einem anderen keltischen Begriff bezeichnet.

Grundsätzlich wird die Priester/innenschaft von der Gemeinschaft oder Gruppe, der sie dient, gewählt. Und die Druid/innen sind hoch respektiert. Anerkennung erhalten sie auch  von der gesamten CR-Gemeinschaft, wenn sie sich durch Arbeit, ihren Beitrag für die Gemeinschaft, ihren guten Ruf, ihrer Arbeit bei Festivals oder durch lesenswerte Artikel hervortun.

Keltischer Rekonstruktionismus ist aber keine ausschließliche „Priester/innenreligion“ wie Wicca oder das moderne Druidentum. „Krieger/innen“, Bäuer/innen, Schreiber/innen, Künstler/innen, Handwerker/innen und viele anders orientierte Keltenfans können einem für die spezielle Berufsgruppe eingerichteten „Haushalt“ angehören, einem eigenen, individuellen Pfad folgen, oder aber in einer Gruppe aktiv sein, wo auch Druid/innen vorhanden sind. Handwerker/innen oder Künstler/innen, Autor/innen und andere identifizieren sich manchmal mit den Aes Dána, den „Leuten der Kunst“ [, wie im alten Irland die Künstlerelite genannt wurde]. Auch gibt es die Möglichkeit, dass Einzelne bei einem Druiden oder einer Druidin lernen. Alle sind willkommen, ob sie nun einer Priester/innenschaft angehören wollen oder nicht.


Organisation der Gemeinschaft

Wie sich eine CR-Gruppe organisiert, bleibt ihr überlassen. Es gibt keine allgemein gültige Struktur, der alle folgen. So gibt es die verschiedensten Arten von Gemeinschaften: Haine (groves), Stämme (tribes, irisch: tuatha), Familien (families), Haushalte (households), Druidenschulen (druidic colleges), Hainschulen (hedge schools), Brigit-Orden (Brighid orders) oder andere Arten von Gruppierungen. Es gibt keine Regeln, wie eine Gruppe geleitet oder gegründet werden soll, oder wie sie CR praktiziert, abgesehen von den hier beschriebenen allgemeinen Prinzipien und ethischen Grundsätzen der Tradition selbst.

Ethik

Praktizierende des keltischen Rekonstruktionismus sind der Ansicht, dass es, bezüglich der Dinge, die man tun kann oder soll, ethische und soziale Regeln geben muss. Solche Regeln basieren bei uns auf Konzepten, die von den altirischen Gesetzen (Brehon Laws) und anderen traditionellen Quellen, wie z.B. den Instruktionen des Morann mac Main [dabei handelt es sich um die erwartete ethische Haltung von irischen Königen] oder den walisischen und irischen Triaden [das sind dreiteilige Merksätze, die unter anderem auch Tugenden und Ethik zum Thema haben] stammen. Einige Leute im CR schwören auf bestimmte Tugenden, ähnlich den neun edlen Tugenden im Ásatrú. Die bei uns üblichen Tugenden, die von vielen geschätzt werden, sind:

truth (Wahrheit / Ehrlichkeit),
honor (Ehre / Ehrgefühl),
justice (Gerechtigkeit),
loyalty (Loyalität / Treue / Redlichkeit),
courage (Mut / Tapferkeit),
community (Gemeinschaft(ssinn)),
hospitality (Gastfreundschaft),
strength (Stärke / Kraft),
gentleness (Freundlichkeit / Güte).

„Krieger/innen“ sind im CR ebenfalls hoch geschätzt, und es gibt viele Möglichkeiten, ein/e Krieger/in zu sein. Das heißt aber nicht, dass CR Gewalt verherrlicht, oder dass Krieger/innen Probleme grundsätzlich mit Gewalt lösen. Einzelne Mitglieder im keltischen Rekonstruktionismus sind bei der Armee angestellt oder sogar Kriegsveteran/innen - oder aber Friedensaktivist/innen – und manchmal sogar beides! Andere „Krieger/innen“ wiederum sind irgendwo im breiten Spektrum zwischen beiden Extremen angesiedelt [z.B. indem sie  eine Kampfkunst ausüben oder sich politisch engagieren]. Der Platz der Kämpfer/innen ist legitim, denn es muss auch Leute geben, die „den Stamm“ beschützen [damit ist m.E. nicht nur die eigene CR-Gruppe, die eigene Familie oder die Freund/innen gemeint, sondern auch z.B. Solidarität mit Minderheiten oder Kampf für Menschenrechte, etc.]. Krieger/in zu sein bedeutet nach dem CR-Verständnis aber nicht, wehrlose Menschen anzugreifen, die nichts Unrechtes getan haben.

Keltischer Rekonstruktionismus tritt entschlossen und umfassend gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und jede Form von Diskriminierung auf, die Menschen vom Grundsätzlichen her in „gut/wertvoll“ und „schlecht/unwert“ einteilen.


Ende Teil II


WitchVox


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