Oh Götter, nehmt unsre Opfer an!

Über den Sinn des Opferns aus hellenistischer Sicht

Wenn heute das Wort Opfer fällt, läuft vielen Menschen ein Schaudern über den Rücken und meistens wird das Thema gleich abgewiegelt, denn mit solch barbarischen Gewohnheiten will niemand etwas zu tun haben. Dabei wird kaum geklärt, was denn nun unter einem Opfer zu verstehen sei und aus welchem Grund dieses dar gebracht wird. Obwohl es eine weite Palette von verschiedenen Opfer(gabe)n gibt und mindestens ebenso viele verschiedene Gründe, die dazu führen, dass jemand Opfer gibt, führen die Gedanken meist zuerst zum Tier- oder gar zu Menschenopfern. Da heißt es dann, dass Tieropfer unmenschlich und ethisch nicht vertretbar sind. In mehreren Forendiskussionen (im Internet) versuchte ich bisher die Hintergründe für diese Meinung zu erfahren.

Ich erkannte relativ bald, dass bei derartigen Diskussionen zumeist ein grundlegendes Missverständnis herrscht. Die meisten Leute denken bei dem Stichwort Tieropfer mittlerweile wohl an eine Art von Ritual, welches aus sich heraus die Opferung eines Tieres vorschreibt.. so nach dem Motto „Brutale Satanisten krallen sich Nachbars Katze und nächtens schlachten sie das Tier dann auf irgendeinem Friedhof, weil das halt zum rituellen Ablauf gehört.“ Im hellenistischen Sinn hingegen bedeutet Tieropfer, dass ein Tier ausschließlich im rituellen Kontext geschlachtet werden darf. Es handelt sich hier um einen feinen aber alles entscheidenden Unterschied.

Versuchen wir uns einmal in die antike Erfahrungswelt hinein zu begeben um den Sinn des Tieropfers im Rahmen des Opferfestes zu begreifen. Der antike Mensch versteht die Welt unterteilt in Heiliges und Profanes. Diese zwei Weltanteile sind jedoch eng miteinander verbunden und im Leben nicht komplett zu trennen. Profane Handlungen konnten daher absichtlich oder unabsichtlich zu einem Eingriff in die Sphäre des Göttlichen führen. Jede solche Grenzüberschreitung ist allerdings mit Miasma (1) behaftet. Nun gehört das Leben selbst in den Bereich des Heiligen; um leben zu können muss man allerdings essen, was wiederum bedeutet, dass anderes Leben genommen werden muss. Es handelt sich bei der Tötung von Lebewesen, also der vorsätzlichen Beendigung von Leben, somit um ein Eindringen in den Bereich des Heiligen. Der Zweck allein, also die Ernährung der Menschen kann nicht ausreichen um einfaches Schlachten zu rechtfertigen (also keine Spur von „Der Zweck heiligt die Mittel!“), weshalb dieses nur in einem rituellen Rahmen stattfinden kann. Durch die rituellen Opferhandlungen wird die gesamte Kultgemeinde in den Bereich des Heiligen einbezogen, wodurch es beim Fleischgenuss zu keiner Grenzüberschreitung mehr kommt. Das Leben (2) wird den Göttern geschenkt und das Fleisch in einem großen Fest von der Gemeinde verzehrt. Fleischgenuss war in der Antike keineswegs eine solche Selbstverständlichkeit wie es das heute für uns ist, sondern war etwas Besonderes und blieb daher entsprechenden Anlässen vorbehalten.

In Anerkennung dieser Tatsachen, macht das Opfern von Tieren natürlich Sinn, ist jedoch nur schwer in unser heutiges Leben zu übertragen. Da es im Hellenismos derzeit keine allgemein gültigen Regeln und Vorschriften gibt, liegt es an jedem Einzelnen wie er das Problem von Fleischkonsum und dem damit einher gehenden Miasma löst. Hierbei gibt es mehrere mögliche Ansätze:

1. Die Askese
In einer asketischen Lebensweise versucht man Miasma zu vermeiden. Je weniger Nahrung man zu sich nimmt umso besser ist es. Außerdem gilt es sich möglichst wenig an der „Erzeugung“ von Nahrung zu beteiligen. Eine solche Askese kann schon bei Vegetarismus beginnen, der in fanatischen Ausmaßen Fleischgenuss als brutal und unmenschlich verachtet. Noch konsequenter wäre eine vegane Lebensweise oder gar eine Verlegung auf den Verzehr von Aas. Je weiter die Askese geht umso klarer wird, dass Miasma niemals komplett zu vermeiden ist. Es ist für uns als lebende Wesen nicht möglich auf dieser Welt zu existieren, ohne anderes Leben zu beeinträchtigen und sei es nur die Ameise auf die wir unbemerkt treten oder der Grashalm, den wir umknicken.

2. Völliges Ignorieren des Miasma
Einen leichten Weg wählt derjenige, der sich auf die Ignoranz verlegt. Wer sich dafür entscheidet nicht an eine miasmatische Verunreinigung (und ihre Folgen?) zu glauben und die Existenz des Heiligen ablehnt oder einfach nicht wahrnimmt, der braucht sich auch keine Gedanken zu machen. Hemmungsloser Genuss und Selbstsucht werden dadurch zum höchsten Gut und verdrängen religiöses bzw. spirituelles Bewusstsein.

3. Ideologische Adaption
Hierbei handelt es sich um eine besonders gefinkelte Variante. In unserer Eigenschaft als denkender Mensch, können wir uns fast jeden Grund her- und wieder wegdeuteln, der in irgendeiner Form mit Miasma zu tun hat. So kann man behaupten, dass in unserer Nahrung ja in erster Linie unsere eigene Arbeit steckt, schließlich sind es Menschen, welche das Korn säen und später ernten und es sind Menschen, welche das Vieh aufziehen und halten. Diesem Ansatz zufolge handelt es sich sowohl beim Schlachtvieh als auch bei anderen Nahrungsmitteln hauptsächlich um eine Frucht der menschlichen Arbeit, weshalb gar kein Bereich des Heiligen vorliegt. Allerdings degradiert dies auch jegliches Leben zum Besitztum der Menschen.
Eine weitere Form dieses Ansatzes bildet die Einführung von strengen Speisegeboten, in denen Nahrungsmittel in Erlaubte und Verbotene aufgeteilt werden wobei nur die verbotenen Speisen oder Zubereitungsmethoden mit Unreinheit einhergehen. In der Berufung auf ein „Gottesgesetz“ wird somit Miasma ganz ohne eine strenge Askese umgangen.

Besonders die Punkte 1. und 2. sind nicht gesellschaftstauglich. Durch strenge Askese würde sich die Menschheit auf Dauer selbst ausrotten. Auch eine gedankenlose und auf bloßen Genuss ausgerichtete Lebensweise würde die Menschen auseinander drängen. In weiterer Folge bedeutet dies, dass derartige „Lösungen“ auf große Anhängerzahlen umgelegt sogar lebensfeindlich sein können.

Da es sich beim Hellenismos, um eine besonders auf die Gemeinschaft ausgerichtete Religion handelt, kommen die beiden oben genannten und äußerst extremen Ansätze nicht für eine Lösung der Problematik in Frage. Wie so oft findet sich in der hellenistischen Sichtweise ein gemäßigter Mittelweg. Aufgrund der generellen Lebensbejahung ist Genuss durchaus in Ordnung, allerdings in Maßen. Fleisch und darüber hinaus jede Art von Körperlichkeit ist an sich nicht schlecht oder böse, jedoch gewisse Aspekte des Fleischessens sowie der Sexualität sind latent miasmatisch. Es ist also notwendig sich durch entsprechende Kulthandlungen zu reinigen bzw. in den Bereich des Heiligen zu integrieren. Diese Herangehensweise führt zu einer großen Sensibilität gegenüber dem Heiligen, dem Leben selbst und selbstverständlich auch der Mitwelt, auch wenn wir heute nicht auf dieselbe Art und Weise mit der Thematik umgehen bzw. umgehen können, wie dies eben in der Antike üblich war.

(1) Miasma: Unreinheit / Verunreinigung
(2) Blut als der Lebensträger spielt hier eine besondere Rolle


Akesios & Sassa


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