Was ist rekonstruiertes Heidentum?   Teil II
13 Punkte zum besseren Verständnis

Sinn
Recons versuchen, historisch-authentische Kulte mittels moderner religiöser Praxis in sinnvoller Weise umzusetzen.

    • Das setzt erst einmal eine ausgiebige Beschäftigung mit der alten Kultur und ihrer Religion voraus, damit man auch verstehen lernt, warum die antiken Leute so und nicht anders glaubten und ritualisierten. Erst dann kann man, wenn man das Warum verstanden hat, die Rituale sinnvoll in die Neuzeit rekonstruieren bzw. auch die Mythen neu deuten. Ansonsten bleibt es beim religiösen Re-Enactment, also beim Nachspielen alter Riten ohne Seele und Sinn.
    • So ist es sehr hilfreich, wenn man sich vorstellt, wie es wäre, wenn die heidnische Kultur bis heute überlebt hätte. Auch Seitenblicke auf heutige Polytheismen in Industrienationen, wie z.B. in den Shintoismus, sind hilfreich, um einen Eindruck zu bekommen, wie gelebter Vielgötterglaube trotz Aufklärung, Moderne und Großstadtleben funktionieren kann.
    • Sinnvoll im Heute umsetzen heißt auch, dass man Dinge trotz antikem Vorbild  nicht rekonstruiert, wenn:
      • die Praktiken heutiger Ethik (z.B. Menschenrechte) bzw. rechtsstaatlichen Gesetzen widersprechen.
      • Strukturen oder Praktiken aus Mangel an Ressourcen nicht durchführbar sind. Z.B. kann man ohne Tempel keine auf einen Tempel ausgerichteten Rituale zelebrieren. Mit drei Leuten lassen sich keine großen Prozessionen durchführen. Ohne entsprechende Ressourcen lassen sich keine Tiere opfern, etc.
    • In solchen Fällen sucht man sich kreative Alternativen, z.B. kann man anstelle von Blutopfern Gebildbrote darbringen, anstelle eines Tempels einen Kultplatz mit Bändern oder Steinen umhegen, etc.


Quellenmangel

Aus Mangel an Quellen sind Recons manchmal gezwungen, sich bei anderen Religionen nach Alternativen umzusehen. (Vor allem bei der Rekonstruktion keltischer, germanischer und anderer „schriftloser“ Kulturen ist das oft der Fall.)

    • Konkret heißt das, dass man z.B. bei den antiken Kelten keinerlei genaue Ritualanleitung hat, weil niemand in der Antike so etwas aufgeschrieben hat. Da aber Rituale ein unverzichtbarer Teil einer Religion sind, muss man sich überlegen, wie man heutzutage sinnvoll ein neokeltisches Ritual zelebriert.
    • Dazu kann man sich in verwandten oder ähnlichen Kulturen umsehen und sich Anregungen von dort holen. Um beim keltischen Ritualbeispiel zu bleiben, wäre eine Adaptierung aus christlicher irischer Folklore plausibler als aus christlicher italienischer Folklore, weil erstere zumindest keltisch ist. Riten der antiken Römer sind plausiblere Rekonstruktionsbasen als Riten der Azteken, da erstere in der Antike in regem kulturellen Austausch mit den Kelten standen und derselben Sprachfamilie (Indogermanen) angehören. In jedem Fall sollte man intelligent, umsichtig und respektvoll mit der Adaption aus fremden Religionen umgehen – das gilt vor allem für noch lebendige Traditionen!
    • Ideen und die eigene Intuition sind eine weitere Möglichkeit, um nichtvorhandene Informationen zu kompensieren.
    • Wichtig bei der Adaptierung aus „fremden“ Kulturen oder aus eigenen Ideen ist, dass die neuen Alternativen nicht den Quellen widersprechen, und dass sie sich harmonisch dem kulturellen Gesamtkonzept unterordnen.


Junges Alter

Recon ist, obwohl auf alten Überlieferungen aufbauend, eine neue, moderne Religion.

    • Denn egal, wie gut die Quellen über den alten Glauben sind, durch den langen Traditionsbruch muss jede Recon-Religion neu entdeckt werden, da ja eine lebendige Tradition, Lehrer/innen und die meisten Ressourcen fehlen.
    • Recon ist daher oft experimentell.
    • Einige Recons sehen das anders und meinen, dass sie genau die Religion weiterführen, die ihre Ahn/innen einst praktizierten. So eine Haltung hält näherer Betrachtung aber nicht stand, da jegliche Quelle immer nur einen Ausschnitt der antiken Religion wiedergibt. Vollständige Mythen, Kosmologien oder Kultanleitungen fehlen oft. Zudem ist die Antike nicht homogen, sondern jede alte heidnische Religion war schon anno dazumal zeitlichen und lokalen Veränderungen unterworfen. Ein griechischer Kult in Athen um 800 v. Chr. sah anders aus als einer auf Kreta um 300 n. Chr.

Polytheismus
Recons sind polytheistisch – und zwar mit Leib und Seele!

    • Das heißt, dass die vielen Göttinnen und Götter der rekonstruierten Religion als real existierende, wirkmächtige, spirituelle Wesen mit Persönlichkeit und Geschichte (im Mythos) wahrgenommen werden.
    • Neben den Gottheiten gibt es, je nach Kultur, auch verschiedene spirituelle Wesenheiten, die verehrt werden, wie Ahn/innen (in nahezu allen Kulturen), Naturgeister, Ortsgeister, spirituelle Führer/innen, Hausgeister, etc.
    • Moderne Erfindungen wie „die“ dreifaltige Göttin (bestehend aus Jungfrau, Mutter und Greisin), der Duotheismus vieler Wicca (Große Göttin und Gehörnter), Gottheiten ausschließlich als Energieformen, Gottheiten als jungianische Archetypen (Ursymbole des Unbewussten) oder die Verschmelzung ähnlicher Gottheiten (z.B. Iuppiter, Zeus, Thor, Taranis) zu jeweils einer werden abgelehnt.
    • Einige Recons sehen es auch fast als Blasphemie an, wenn man mit Gottheiten „arbeitet“ (eine Diktion, die manchmal in der Zeremonialmagie, im modernen Hexentum und im Wicca üblich ist), das heißt, die Gottheit nur als Mittel zum Zweck „verwendet“, ohne Ihr den gebührenden Respekt (z.B. durch Opfer und Gebet) entgegenzubringen.
    • In einigen Recon-Richtungen wird aber auch eine göttliche unpersönliche Urkraft angenommen (z.B. im Kemetismus oder im neuplatonisch angehauchten Hellenismos, o.ä.). Trotz dieser göttlichen Urkraft sind die Göttinnen und Götter polytheistisch und in sich ganze Persönlichkeiten.

Gemeinschaftlichkeit
Recons legen mehrheitlich großen Wert auf Gemeinschaft und gemeinschaftliche Riten.

    • Familien oder „Ersatzfamilien“ – wie Freundeskreise oder die Kultgemeinschaft sind zur Religionsausübung wichtig, da Zeremonien vor allem auch als soziale Angelegenheiten begriffen werden.
    • Da Recon keine Geheimtradition und auch kein Mysterienkult ist (wie z.B. Wicca oder magische Orden), werden Kosmologie, Ritual und Erleben offen diskutiert. An den Zeremonien kann im Prinzip jede/r mitmachen, da es keine Einweihungen als „Mitmachkriterium“ gibt.
    • Im Normalfall werden also auch Kinder und, wenn es sich um Familienfeiern (z.B. Namensgebungszeremonien, Hochzeiten, Totengedenken, etc.) handelt, auch andersgläubige Verwandte und Freund/innen zu den Riten eingeladen.
    • Das persönliche verbindende Element einer Recon-Gemeinschaft ist also nicht ein einheitlicher Glaube, sondern das Zusammenkommen zum gemeinsamen Feiern, Beten, Opfern zu Ehren der gemeinschaftlich verehrten Gottheiten.
    • Persönliche spirituelle Wege, persönliche Glaubensansichten können, müssen aber kein verbindendes Element darstellen. Spirituelle Wege sind für gewöhnlich Privatsache. (So kann z.B. ein Recon durchaus der buddhistischen Lehre des achtfachen Pfades folgen. Für die Recon-Gemeinschaft hat das aber keine Bedeutung.)
    • Andererseits verbieten Recon-Gemeinschaften normalerweise ihren Mitgliedern auch nicht, persönlichen spirituellen Wegen anzuhängen, die mit der Recon-Gemeinschaft nichts zu tun haben, solange diese nicht in den Recon-Kult getragen werden, sondern im privaten Bereich bleiben.

Religion oder Sozialstruktur
Heidnischer Rekonstruktionismus ist in erster Linie Rekonstruktion von Religion, also die Wiederbelebung von Kult, Spiritualität, Kosmologie und Mythos.

    • Es gibt aber auch Gruppen, die alte Sozialstrukturen (sowohl religiöse als auch profane) rekonstruieren. Das heißt, dass sie innerhalb ihrer Gruppen Strukturen auszubilden versuchen, die denen der jeweiligen alten Kultur entsprechen.
    • Inwieweit diese Strukturen den Menschenrechten (also Gleichbehandlung von Frauen und Männern, Hetero- und Homosexuellen, etc.) ent- oder widersprechen, ist von Gruppe zu Gruppe verschieden. Der Großteil der Recons befürwortet aber die Menschenrechte und pflegt eher demokratische Strukturen.

Klerus und Hierarchien
Je nach Kultur und Geschmack der jeweiligen Gruppe gibt es religiöse Hierarchien und Priester/innenschaften – oder auch nicht.

    • Das einzig Gemeinsame in diesem Punkt ist, dass jede Recon-Gemeinschaft sich ausschließlich auf kulturimmanente religiöse Autoritäten besinnt. Eine ägyptische Gemeinschaft wird also sicher kein Druidentum einführen, und eine römische Gemeinschaft keine Goden.
    • Auch das Zustandekommen von religiösen Autoritäten, Kultleiter/innen, Weisen, Lehrer/innen, etc. ist von Gruppe zu Gruppe verschieden.
    • Im Recon ist hier also alles möglich: von einer liberalen Ansicht, dass es keine Priester/innenschaften braucht, da alle dazu im Grunde befähigt sind (meine Meinung), über im Konsens oder per demokratischen Entscheid zustande kommende Leitende bis hin zu Leitenden aufgrund von Gewohnheit, Initiationen, Ernennungen, etc.

Liberal oder völkisch
Je nach Ausrichtung der entsprechenden Gruppierung können Recons sehr liberal oder eher national(istisch) oder völkisch sein. Oder eine neutrale Mittelstellung einnehmen.

(Völkisch: Ein Begriff der im 19. Jhdt. aufkam und diverse deutschnationale und rassistische Gruppen bezeichnete. Völkisches Denken war maßgeblich an der Herausbildung des Nationalsozialismus beteiligt. Es ist eine unheilige Allianz von antisemitischem, rassistischem und nationalistischem Gedanken(un)gut. Im neuen Heidentum wird es manchmal dann verwendet (auch in der englischen Übersetzung „folkish“), um auszudrücken, dass „Rasse“ (also Herkunft, Gene), Kultur, Mentalität, Land und Nation eine „natürliche“ Einheit bilden. Ausländerfeindlichkeit ist daher einer der Folgen völkischen Denkens, da völkische Leute Angst vor Überfremdung der eigenen Kultur haben und der Meinung sind, dass alle Menschen nur dort ihre „natürliche“ Kultur leben können, wo sie geboren und aufgewachsen sind. Ein Nigerianer kann aus völkischer Sicht also kein germanisches Heidentum pflegen, da es nicht seiner „natürlichen“ Kultur und „Rasse“ entspricht.)

    • Der Großteil der Recons sieht Kultur als etwas an, das durch das Pflegen derselben belebt wird. Das heißt, dass jede/r Mensch, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, etc. sich jedem Recon-Heidentum, das ihr/ihm beliebt, anschließen kann. Eine Somalierin kann keltische Religion ebenso gut betreiben wie ein Schotte, ein Kanadier altägyptische Riten ebenso praktizieren wie eine Ägypterin und eine Chinesin ebenso wie ein Italiener der religio Romana anhängen.
    • Diese Liberalität ist auch durchaus in den antiken Religionen selbst zu finden, wo im allgemeinen Kult für gewöhnlich niemand ausgeschlossen wurde, sondern im Gegenteil, man von allen im Land / Stamm / Reich lebenden Leuten erwartete, dass sie auch die einheimischen Gottheiten verehrten.
    • Die meisten Recons gehen darin konform, dass die jeweiligen Gottheiten in deren Land, in deren Kultur, in den „Ahn/innen“ der jeweiligen Kultur, ja an ihren persönlichen Kultorten ihre größte Kraft entfalten (also z.B. Noreia in Südostösterreich und Slowenien, Freyja in Schweden, Apollon in Delphi, etc.). Aber Gottheiten können bekanntlich auch reisen und daher an jedem Zipfel der Welt in jeder Kultur gerufen und verehrt werden. Anders wäre es nicht zu erklären, dass gerade europäische Recon-Religionen in den USA am meisten vertreten sind!
    • Es gibt aber auch Einzelne und Gruppierungen, die Kultur als etwas sehen, in das man hineingeboren werden muss. Das heißt, eine neuheidnische Form von „Blut-und-Boden“-Mythos. Diese völkischen Recons sind der Meinung, dass z.B. nur ein Grieche griechische Gottheiten verehren soll, weil die griechischen Gottheiten eben nur für die Griechen da sind, oder germanische nur für Germanen, etc. Solche Ansichten treten in den Recon-Religionen naturgemäß häufiger auf als in anderen heidnischen Strömungen, da die Kulturimmanenz sehr wichtig ist. Vor allem Ásatrú wird leider immer wieder von völkischem Gedankenmüll unterwandert.
    • Der Großteil der Recons (mich inbegriffen) distanziert sich aber von rassistischen und völkischen Ansichten.


Links zu einzelnen Recon-Richtungen

(antike Kulturen Europas und des Mittelmeerraumes)

Ägyptisch, Kemetizismus (Kemeticism), Tameran
englisch:
http://www.inkemetic.org/
http://www.per-ankh.org/

Baltisch, Romuva (Litauen)
englisch:
http://www.geocities.com/Athens/Oracle/2810/

Finnisch
englisch:
http://nic-nac-project.de/~anssix/finnish_paganism.html
http://en.wikipedia.org/wiki/Finnish_paganism

Germanisch-Nordisch, Ásatrú, Theod (Angelsächsisch), Heathenry, Heithni (Nordisch)
http://www.eldaring.de/
http://www.nornirsaett.de/
http://www.vfgh.de/default2.asp
englisch:
http://www.asatru.org/
http://sahsisk.org/
http://fyrnsidu.org/larhus/

Griechisch, Hellenismos (Hellenism), Dodekatheismus (Dodekatheism)
http://www.mauler.info/khaire/
englisch:
http://www.hellenion.org/
http://www.neokoroi.org/index.htm

Jüdisch-Semitisch-Kanaanitisch, Quadish
englisch:
http://www.lilitu.com/jap/
http://www.geocities.com/SoHo/Lofts/2938/templetoc.html

Keltisch, CR (Celtic Reconstructionist Paganism), Celtoi, Senistrognata (Festlandkeltisch, Gallisch)
Págánacht / Pàganachd (Irisch, Schottisch)
http://www.celtoi.net/
englisch:
http://www.paganachd.com/faq/
http://www.imbas.org/imbas/index.html
http://cyberpict.net/index.htm

Römisch, Religio Romana
englisch:
http://www.novaroma.org/
http://www.religioromana.net/

Slawisch, Rodnaya Vera, Pravoslavya (Ukraine)
englisch:
http://www.everyculture.com/Russia-Eurasia-China/Ukrainians-Religion-and-Expressive-Culture.html
http://www.geocities.com/Athens/Agora/7540/english/e_sva_who.htm


Allgemeine Links zu den Themen Recon und Polytheismus
Wikipedia:
http://en.wikipedia.org/wiki/Polytheistic_reconstructionism

Seite für Polytheismus:
http://www.manygods.org.uk/

Genaue Beschreibung eines klassischen Opferrituals (griechisch und römisch):
http://www.cs.utk.edu/~mclennan/BA/NS.html


Mc Claudia


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