Missverstandener Rekonstruktionismus   Teil II
Auf einem Internet-Forum wurde neulich ein Gedanke aus meinem Leitartikel des Gamelion-Newsletters aufgegriffen, nämlich das Desinteresse am antiken Polytheismus bzw. Rekonstruktionismus. Es wurde vor allem darin geortet, dass die antiken Religionen nicht auf unsere klimatischen Verhältnisse umgelegt werden können.

Bleibt die Frage nach dem "Warum"
Warum sollte ich die griechische, gerade die griechische, Religion rekonstruieren wollen?
Nicht deshalb, weil es sehr viel Quellmaterial gibt - das wäre sogar ein Grund, es nicht zu tun, denn die Quellen erstrecken sich über viele Jahrhunderte, umfassen vielerlei gegenläufige Meinungen und Theorien, und bringen letztendlich einen Arbeitsaufwand mit sich, der schier unermesslich ist (eingeschlossen die Mühe, die altgriechische Sprache zu erlernen).
Sondern deswegen, weil es meine persönliche Empfindung ist, dass die griechischen Götter für mich die richtigen Götter sind, weil sie mich angesprochen haben und ansprechen. Und ich rekonstruiere, weil ich finde, dass man sich nur so ihrem Wesen annähern kann. Denn jeder Versuch, sie in "Eigenregie" zu erfassen, wird immer eine einseitige Angelegenheit bleiben - ich hätte dann vielleicht zwar für mich selbst eine Idee ihres Wesens, aber nach meiner Überzeugung ist Religion immer Gemeinschaftssache, somit muss ich nicht nur das Wesen der Götter, sondern auch Gemeinschaft suchen - auch und besonders die (gedankliche) Gemeinschaft mit den Menschen, die vor mir diese Götter verehrt und mit ihnen gelebt haben. Und es gab ja früher genügend lebendige Gemeinschaft mit den Göttern, und die Menschen der Antike haben uns sehr viel von ihrem Zugang zu den Göttern hinterlassen, sie waren ja (wenn man es in Anlehnung an das "Erste und Zweite Testament" im judäo-christlichen Verständnis nach Erich Zenger so nennen möchte) die Erste Gemeinschaft, und wir sind die Zweite Gemeinschaft, die darauf aufbauen sollte. Das hindert niemanden daran, selbst persönlichen Kontakt mit den Göttern zu suchen, im Gegenteil, nur so können zu den alten Zeugnissen neue hinzu kommen, aber man sollte unsere Götter doch bitte nicht als abgekapselte Einzelperson im stillen Kämmerlein verehren, sondern hinaus gehen und sie als Gemeinschaft verehren, wie es in alter Zeit schon war.

Nur darf meiner Meinung nach Rekonstruktionismus nicht so weit gehen, dass man krampfhaft versucht, die alten Riten genau "nachzubauen", denn das ist sowieso unmöglich - es gibt keine überlieferten "Messbücher", und aus verschiedenen Quellen dort und da einzelne Sätze heraus zu klauben und das dann als "überlieferten Ritus" anzupreisen, halte ich für unsinnig.

Was bekannt ist, ist der allgemeine Ablauf, die Grundstruktur der Rituale, und so wäre es der bessere Ansatz, sich zum diesem Ritualablauf stimmige Texte zu überlegen und diese dann, soweit möglich und sinnvoll, in die altgriechische Sprache zu übertragen. Ich halte die Verwendung der alten Sprache deshalb für notwendig, weil gewisse Denkmuster der Antike, wie sie im Altgriechischen zu finden sind, in heutigen Sprachen einfach nicht mehr nachvollziehbar sind (außer mit mühsamen Sprachkonstrukten, die dann umso unverständlicher klingen). Und selbst für neue Ritualformen bleibt genug Raum, denn viele Elemente von religiösen Feiern ergeben sich doch logisch aus alltäglichen Handlungen. Wenn ich Gäste erwarte, verhalte ich mich doch ähnlich wie bei einem Ritus, zu dem ich die Götter einlade.

Weniger wichtig (für mich persönlich sogar unwichtig) ist es hingegen, sich als "alter Grieche" zu kostümieren (obwohl ich lockere, weite Kleidung weitaus lieber mag als enge Hosen oder gar Hemd und Krawatte). Kleidung ist natürlich auch Teil der Kultur, aber im Gegensatz zur Sprache transportiert sie kaum für die Religionsausübung wesentlichen Aussagen. Natürlich gibt es gewisse Elemente der Kleidung, die selbstverständlich sein sollten: dass man zu religiösen Veranstaltungen frisch gewaschen und in sauberer, schöner Kleidung (und nicht in der verschwitzten Arbeitskleidung) erscheint. Natürlich drücken (nach antikem sowie modernen Verständnis) verschiedene Farben gewisse Vorstellungen aus (weiß ist Reinheit, usw.) und der bei den Griechen obligatorische Kranz wäre ein schönes Zeichen der Gemeinschaft (und Kennzeichen nach außen), wenn ihn alle tragen. Auch Körperhaltungen können vieles aussagen - wir knien nicht demütig vor den Göttern nieder, sondern stehen aufrecht, weil wir ja gemeinsam mit ihnen feiern. Wir beten mit nach oben gerichteten Handflächen und nicht mit den gefalteten Händen der Bittsteller.

Aber das ist alles Nebensache, wichtig ist der Geist, der dahinter steckt, die Beziehung, die ich zu meinen Göttern aufbaue und erhalte. Sie sind in ihrer Vielfalt der Spiegel der kosmischen Ordnung, und so sollte man sie auch betrachten, und daher sollte man sich auch von allen Beschränkungen durch akribische Regelungen lösen, denn diese reduzieren eine lebendige Beziehung (und führten letztlich zum Desinteresse an der Zeusreligion und Hinwendung zu den diversen Mysterienkulten). Doch, wie gesagt, man sollte den Weg auch nicht vollkommen alleine gehen und sich dadurch eigene Götter schaffen, denn diese wären dann letztlich nur Spiegel des eigenen Bildes vom Kosmos.


Akesios


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