Missverstandener Rekonstruktionismus   Teil I
Auf einem Internet-Forum wurde neulich ein Gedanke aus meinem Leitartikel des Gamelion-Newsletters aufgegriffen, nämlich das Desinteresse am antiken Polytheismus bzw. Rekonstruktionismus. Es wurde vor allem darin geortet, dass die antiken Religionen nicht auf unsere klimatischen Verhältnisse umgelegt werden können.

Hier im mitteleuropäischen Raum könnte man also entweder germanischer oder keltischer Rekonstruktionist sein (oder auch lokale Gottheiten anbeten), keines Falls aber die griechische oder römische Religion leben, denn polytheistische Religionen bestünden primär aus Vegetationsriten, und die kann man nicht exportieren. Mein Einwurf, dass gerade die griechische und römische Kultur (und damit auch die Religion) extrem expansionsfreudig waren, und somit nichts mit der jeweiligen Vegetation zu tun haben können, verhallte ungehört. Denn offenbar huldigen die heutigen "Heiden" einer Art (undefinierbarer) "Naturreligion" und borgen sich bei Bedarf Götter aus den verschiedenen Kulturen, um ihr Verständnis von verschiedenen Naturerscheinungen daran fest zu machen. Manche schaffen es anscheinend (oder angeblich) auch tatsächlich, "Götter des Landes", in dem sie leben, zu finden. Doch zumeist handelt es sich bei all diesen Versuchen doch wohl nur darum, die eigene Vorstellung von der Welt und der Gesellschaft irgendwie greifbar zu machen, und so jonglieren sie mit Göttinnen-Trinitäten, Kriegsgöttern und magischen Wesen und machen somit genau das, was uns die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zu beweisen versuchte: der hilflose Mensch erfindet sich die Religion, um mit seiner Angst in seinem von allen Seiten bedrohten Leben fertig zu werden.


Götter des Landes?
Ich habe ja auch einige Zeit lang erfolglos versucht, irgendwelche "Götter des Landes" zu finden. Vielleicht liegt´s daran, dass ich ja ursprünglich in Wien gewohnt habe und sich da vor lauter Schmelztiegel aller Nationen etwaige einheimische Gottheiten verflüchtigt haben, oder hab ich (so wie bei der Magie) einfach kein Gespür dafür, oder liegt es einfach daran, dass ich so was von gar kein Nationalgefühl habe und "Staaten" und "Nationen" als unnatürliche Konstrukte ablehne, ich mich also seit jeher als Europäer verstehe, nicht als Kelte, Germane, Wiener (oder jetzt eben Tiroler, da kämen noch die Räter als antikes Volk dazu, von denen man so gut wie gar nichts weiß) oder Österreicher, sondern immer nur als Europäer. Vielleicht ist es auch dieses Gefühl, das ich schon seit meiner Kindheit oder frühen Jugend habe, dass mich die griechische Kultur einfach am meisten ansieht von allen, ich weiß es nicht. Jedenfalls bringt Zeus Europa nach Europa, und für mich sagt das alles.

Derzeit taucht auf vielen Internet-Foren die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Rekonstruktionismus auf. Warum sollte man eine antike Religion rekonstruieren wollen? Warum nicht einfach eine eigene Religion "erfinden"?


Was steht am Anfang jeder Religion?
Das Offenbarungserlebnis, die direkte Kommunikation mit einer Gottheit. Im Fall der griechischen Religion (und vieler anderer) liegt dieses Erlebnis im Dunkel der Zeit verborgen, und man weiß nicht mehr, wer der erste Mensch (oder die erste Gruppe von Menschen) war, dem dieses Erlebnis zu Teil wurde. Und, was auch nicht außer Acht gelassen werden darf: meist bauen "neue" Religionen auf vorher bereits vorhandenen Offenbarungen auf, was man besonders an den in den letzten Jahrhunderten entstandenen Interpretationen des Christentums erkennen kann, die "neue Offenbarungen" zu den bekannten (biblischen) Lehren hinzu fügen (z. B. das "Buch Mormon"). Die einzigen wirklich neuen Religionen, die in unserer Zeit entstanden sind, sind Produkte des "Weltraum-Zeitalters" und beschäftigen sich mit Überlegungen, dass "Götter" eigentlich Personen aus höher entwickelten Zivilisationen von anderen Planeten sind.

Die Grundfrage ist: an welche Götter glaube ich? Welche (höheren) Existenzformen kann ich für mich als glaub-würdig annehmen? Und das ist natürlich, wie vieles andere auch, eine Geschmacksfrage - sofern ich mir diese Frage überhaupt stelle und mich nicht von vorne herein mit den in meiner Gesellschaft angebotenen Antworten zufrieden gebe.

Wenn ich diese Frage aber für mich in einer Art beantworte, die sich den antiken Göttern zuwendet, habe ich zwei Möglichkeiten:
- ich fühle mich zu einer oder mehreren Gottheiten (aus einer oder mehreren Götterfamilien) hingezogen und kreiere mir meine eigene Art der Verehrung
- oder ich versuche, die Art und Weise der Verehrung mit Hilfe der vorhandenen Quellen nachzuempfinden und mich so weit wie möglich der antiken Religion anzunähern

Das erste ist die leider sehr übliche "freifliegende" Art, ein typisches Produkt des gängigen Individualismus; das zweite ist Rekonstruktionismus. Und dabei geht es nicht darum, in antiken Gewändern herumzuhüpfen und in alten Sprachen zu sprechen (denn das wäre Reenactment), sondern um die Nach-Empfindung, darum, das Gespür für die Götter zu erhalten. Denn die Art und Weise der (antiken) Verehrung drückt unbedingt auch das Wesen der Götter aus. Und hierzu ist es vollkommen egal, in welcher Klimazone ich mich denn befinde, denn das sind Nebensächlichkeiten, die mit dem Wesen der Götter nichts und mit menschlichen Bedürfnissen alles zu tun haben. Darum war es ja gerade möglich, auch in den Kolonien die Zeusreligion aufrecht zu erhalten (und sie sogar für die latinischen und etruskischen Stämme zugänglich zu machen).


Ende Teil I


Akesios


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