Ephesos   Teil II
Die Geschichte von Ephesos

Zurück zur harten Politik: 466, während des kimonischen Friedens, traten die Epheser dem attischen Seebund bei. Im Verlauf des peloponnesischen Krieges 431-404 neigte sich das Kriegsglück aber Sparta zu, und Ephesos stellte sich auf die Seite der Gewinner. (Es scheint überhaupt so, dass Ephesos eine Meisterin des politischen Opportunismus war. Eine zwar nicht sehr heldenhafte Haltung, aber dem Überleben äußerst zuträglich, wie sich noch zeigen wird.) Danach bot sich die Stadt den Spartanern als Militärstützpunkt gegen die Perser an. Aber 386 siegten die Perser, und die Fremdherrschaft ging weiter.

356 passierte dann das Unfassbare! Erstens - das Artemision brannte lichterloh. Zweitens – ein machtgeiler Feldherr wurde geboren. Und weil die Wege der Unsterblichen Gottheiten unerforschlich sind, war das eine mit dem anderen in schicksalshafter Weise verbunden. Es war nämlich so: Ein verrückter Kerl namens Herostratos litt unter mangelndem Selbstwertgefühl. Da es aber zu seiner Zeit noch keine Psychologinnen gab, therapierte er sich kurzerhand selbst und legte den berühmtesten Tempel weit und breit in Schutt und Asche. So wurde der Pyromane berühmt, sein Selbstwert war gerettet und die Priester/innenschaft der ephesischen Artemis hatte endlich einen guten Grund, einen neuen Tempel zu bauen, da der alte sowieso andauernd vom steigenden Grundwasser bedroht war. Böse Zungen behaupteten jedenfalls, die Priester/innenschaft hätte Herostratos dafür bezahlt, dass er das Feuer legte...

Eine Rekonstruktion des zweiten, größeren Artemisions. Der nach Westen ausgerichtete Tempel befand sich außerhalb der Stadtmauern, 1 km östlich der Stadt, am Fuße des Berges Ayasoluk. Wie in der Antike üblich, war auch das Artemision bunt bemalt (und nicht rein weiß, wie uns die antiken Ruinen oft Glauben machen wollen).

Nun, wie auch immer, es konnte und durfte einfach nicht sein, dass einer so mächtigen und starken Göttin das Heiligtum unterm Hintern angezündet wurde. Alle wussten ja, dass die Ephesia Ihren Tempel bewachte, und sicherlich hätte Sie den Brandstifter bemerkt und mit einem Blitz erschlagen oder ähnliches. Und da kommen wir auch schon zum zweiten Unfassbaren: Artemis ist ja auch eine göttliche Hebamme. Und als solche musste Sie just in der Nacht des Tempelbrandes ausrücken, um dem makedonischen Baby-Feldherrn dabei zu helfen, das Licht der Welt zu erblicken! Logisch, dass Sie bei so einer wichtigen Mission nicht zugleich auf Ihr Haus aufpassen konnte. Nebenbei bemerkt: Der göttliche Schützling hieß natürlich Alexandros (Alexander).

334 ist aus dem kleinen Alexandros dann ein Großer geworden, und der hatte nur eines im Sinn: sich die Weltherrschaft unter den Nagel zu reißen! Bei diesem Vorhaben kam er auch nach Ephesos, um es seinem Reich einzuverleiben und erblickte dort den halbfertigen neuen und noch größeren Tempel. Der Feldherr war so hingerissen, dass er sich finanziell am Tempelbau beteiligen wollte. Die Epheser hatten aber Angst um die Unabhängigkeit ihres Kultes und erwiderten Alexandros diplomatisch, dass es sich für einen Gott nicht gebühre, einen Tempel für eine Göttin zu erbauen. Alex ließ es dabei bewenden, beauftragte aber den Tempelarchitekten Cheirokrates damit, ihm die Stadt Alexandria zu bauen. Die Epheser finanzierten ihr neues Artemision dann durch Steuern und vor allem durch die Spendenfreudigkeit der Frauen, die ihr Gold in den Wiederaufbau steckten – ein Zeichen dafür, dass ephesische Frauen über selbst verwaltetes Eigentum verfügten und sich bis zu einem gewissen Grad auch in der Politik einmischten. Und es dürfte ihnen das Artemision und ihre Göttin auch ein ganz persönliches Anliegen gewesen sein.


Alle Wege führen nach Rom
323 starb Alex und mit ihm sein Reich. Seine Nachfolger, die Diadochen, stritten dann längere Jahre darum, wer nun welches Gebiet beherrschen durfte. Für Ephesos bedeutete dies, abwechselnd von Ptolemaiern, Seleukiden, wieder von Ptolemaiern und abermals von Seleukiden tyrannisiert zu werden. 188 war dann Schluss mit dem Blödsinn, und durch einen Sieg der Römer über die Seleukiden bekam Pergamon das ephesische Gebiet geschenkt. Und weil Pergamon so wunderbare Beziehungen zu Rom hatte, vermachte es 133 testamentarisch seine kleinasiatischen Gebiete dem römischen Reich.

 
Ephesische Münze aus 117n.Chr.
Zu sehen im Münzkabinett des
kunsthistorischen Museums Wien.

Von nun an war Ephesos eine steuerfreie Stadt in der neuen Provinz Asia. Den Bewohner/innen des Umlandes ging es aber weniger gut, sie litten unter den hohen Steuern und Abgaben, die sie Rom leisten mussten. Und so kam es im Jahre 89 zum Aufstand unter dem pontischen König Mithridates VI. Die Provinzler begrüßten den Herrscher wie einen Erlöser. In der sogenannten „Ephesischen Vesper“ kam es dann zum Blutbad: Alle Italiker wurden aus Hass auf die Römer niedergemetzelt. Doch die Rache folgte auf den Fuß: der römische Feldherr Cornelius Sulla schlug den Aufstand nieder, richtete die Mörder, verlangte Reparaturkosten und beraubte Ephesos seiner politischen Freiheiten.
Bleiben wir kurz bei den Kriminellen: Ephesos galt offenbar als beliebtes Exil für Verfolgte. Das Artemision hatte denn – wie auch viele andere antike Tempelbezirke - einen Asylbereich, ein Gebiet von einem Stadion Ausmaß (192 m). Wer in diesen Bereich gelangte, hatte in jedem Fall Anspruch auf Asyl. Ähnliches galt ja später im Christentum auch für die Kirchen. Berühmte Persönlichkeiten, die auf diese Weise Aufnahme unter dem Schutz der Artemis fanden, waren der karthagische Feldherr Hannibal, die Cäsarenmörder Brutus und Longinus und Arsinoe IV., die Schwester Kleopatras (die aber trotz Asyls ermordet wurde).

Ab dem ersten Jahrhundert v.Chr. wurde Ephesos dann auch vermehrt von berühmten Persönlichkeiten besucht, die ihre Spuren hinterließen: der Geograph Artemidoros, der Philosoph und Staatsmann Cicero, der bereits erwähnte Geograph Strabon, der Schriftsteller und Politiker Plinius d. Jüngere und der Sophist T. Claudius Flavianus Dionysios.

Zurück zur Ereignisgeschichte: Im Jahre 73 v.Chr. erhielt Ephesos einen berühmten Statthalter: L. Licinius Lucullus. Dieser Mann galt als einer der reichsten Römer seiner Zeit. Seine Genuss- und Prunksucht waren legendär, seine italienischen Villen glichen Palästen mit allem modernen Pomp, den man sich nur vorstellen konnte, und außerdem soll er die Kirsche aus dem Osten nach Europa eingeführt haben.

Die sog. „Hanghäuser“ aus Ephesos stehen in ihrem guten Erhaltungszustand den Bauten aus Pompeji in nichts nach. Hier der Peristylhof einer ephesischen Villa.

48 v.Chr. wurde die Stadt dann von G. Iulius Caesar besucht. Der Gallierschlächter zeigte sich Ephesos gegenüber äußerst großzügig. So gewährte er der Stadt und dem Umland weitreichende Steuererleichterungen und rettete so nebenbei auch noch die Kultstatue der Artemis, als ein ehemaliger Prokonsul diese rauben wollte.

Ab 41 v.Chr. brachen aber wieder schlechte Zeiten an, denn Ephesos wurde nun vollends in die Wirren der römischen Politik hineingezogen. Kleopatra und Marcus Antonius zogen mit großem Trara in die Stadt ein, ließen der Ptolemaierkönigin gefährlich werden könnende Schwester Arsinoe IV. ermorden, führten exorbitante Steuern ein und machten die Metropole zu einem wichtigen Ausgangspunkt für den Kampf gegen Octavian-Augustus.

Um 30 v.Chr., nach der von Octavian-Augustus gewonnen Schlacht von Aktium, war die römische Republik gestorben, und die Kaiserzeit begann. Augustus ordnete das Weltreich neu, sodass auch Ephesos eine neue Statthalterverwaltung bekam – transparent, gut gegliedert und möglichst frei von Freunderlwirtschaft. Die Neuordnung betraf aber auch die Stadt selbst: Der Kaiser ließ Ephesos weitläufig ausbauen, sodass die Metropole sich nun in einem hellenistisch-römischen Bild präsentierte. Im 1. Jhdt.n.Chr. hatte sie die größte Ausdehnung und zählte (ohne Soldaten, Verwaltern und Tourist/innen) 350.000 Einwohner/innen und war nach Alexandria, Antiochia und Athen die viertgrößte Stadt im Osten des Reiches.

Nun also, in der Kaiserzeit, stellte sich Ephesos so dar, wie in der Einleitung beschrieben. Das kulturelle Leben war auf dem Höhepunkt, die Verwaltung oblag reichen Familien, die um die Gunst der Bürger/innen buhlten, indem sie die Bauten instand hielten, Spiele ausrichteten, die Kunst und das Theater förderten und für die Armen sorgten. Diese Versorgung lief vor allem auch über die Religion. Durch die von den Reichen finanzierten Opferfeste der verschiedenen Gottheiten und Mysterienkulte konnten die weniger Begüterten mit dem Notwendigsten versorgt werden. Denn geopferte Speisen wurden ja nicht vollends für die Gottheit verbrannt, sondern zum Großteil dem Volk gespendet. Nur ein Teil der Speisen landete im Opferfeuer. Auf diese Weise kamen arme Leute gratis zu Öl, Geld, Wein und vor allem Fleisch. Der größte Fleischproduzent war natürlich das Artemision. Im Gegenzug für die Spenden der Reichen errichtete man den Gönner/innen Statuen und Gedenktafeln auf den Hauptstraßen der Stadt.

 
Der Hadrianstempel. Ein Denkmal
für kaiserliche Selbstüberschätzung...

Apropos Gedenktafeln: Nicht wenige Kaiser hatten in der einen oder anderen Art einen Bezug zu Ephesos. Da sie sich selbst als göttlich sahen, erbaute man ihnen sogar Tempel. So wurden auch in der kleinasiatischen Metropole für Domitian, Vespasian, Hadrian, Caracalla, Geta und Elagabalus Heiligtümer errichtet. Einen Besuch wert war Ephesos für die Kaiser Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Lucius Verus und Elagabalus.


Die düstere Prophezeiung
des Silberschmieds

Bis zum Jahre 235 n.Chr. dauerte das goldene Zeitalter der kleinasiatischen Metropole. Doch auch während dieser reichen Phase tat sich eine Menge. Nach einigen Erdbeben von 23 – 47 n.Chr. kamen zum ersten Mal Christen nach Ephesos und bildeten eine der ältesten Gemeinden außerhalb Israels. Während am Anfang nur in Synagogen den Juden gepredigt wurde, trauten sich die Jesusjünger/innen immer mehr zu und erzählten auf öffentlichen Plätzen nun auch den Altgläubigen von ihrer Religion. Und als dann im Jahre 53 der fanatische Heidenverführer Paulus in die Stadt kam, ging es mit dem Predigen und Wunderheilen erst so richtig los!

Die Apostelgeschichte, 19, 11-40, berichtet davon ausführlich: Nach einigen spektakulären Auftritten der Christ/innen ließen sich offenbar eine Menge Heid/innen dazu überreden, ihren Gottheiten abzuschwören. Sie verbrannten sogar ihre „Zauberbücher“ im Wert von 30.000 Silberdrachmen – auf öffentlichen Plätzen! So etwas blieb nicht ohne Folgen. Einige Heid/innen fürchteten zurecht, dass da noch eine Menge auf sie zukommen würde. Den besten Riecher für die drohende spirituelle Gefahr hatte der Silberschmied Demetrius. Er arbeitete im Devotionaliengewerbe und stellte silberne Tempel und Artemis-Statuetten für Wallfahrende und Tourist/innen her. Seine Angst war berechtigt, nicht nur spirituell: Wenn der unsichtbare Gott des Paulus die Artemis übertrumpfen würde, würde er, der Silberschmied, arbeitslos werden. Aus heutiger Sicht gesehen war diese Angst natürlich irrelevant, denn Demetrius hätte statt Artemis-Bildnissen eben Maria-Statuetten oder Kruzifixe hergestellt. Aber das wusste ja damals noch niemand. Und neben der Angst um den Job war da natürlich auch die Angst um die eigenen geliebten Gottheiten, um die religiöse Kultur, die Feste, den Sinn des Lebens, die Tradition! Demetrius spürte instinktiv, dass die paar verrückten Wunderheiler in den Synagogen bald zu einer unbezwingbaren Macht heranwachsen würden...

Das „Heraklestor“ teilt die große Prozessions-
straße (Kuretenstraße) in zwei Teile. Es symbolisiert römischen Luxus pur.


Ende Teil II


Mc Claudia


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