Betreut von MartinM
Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum) - Geschichte eines Buches   Teil II
Seit seinem ersten Erscheinen im Jahre 1487 ist der Hexenhammer eines der am kontrovers diskutiertesten Bücher bis in unsere heutige Zeit. War dieses Buch ein maßgeblicher Auslöser des so genannten Hexenwahns in Europa? Warum wurde es geschrieben? Wer hat es verfasst? Welche Auswirkungen hat es gehabt? Dies sind nur einige der Fragen, auf die in dieser Artikelserie eingegangen werden soll.

Heinrich (Institoris) Kramer hat, wie bereits im ersten Artikel in der Kurzbiografie erwähnt, als Inquisitor eine Reihe von Prozessen gegen Menschen geführt, die er der Schadenszauberei, Ketzerei und den damit in Verbindung gebrachten Morden, Krankheiten und Unwettern angeklagt hat. Im Hexenhammer schlagen sich diese Erfahrungen Kramers in Form von Anekdoten, Beispielen und teils sehr plastischen Beschreibungen nieder und so ist anzunehmen, dass sie aufgrund ihres Verlaufes und Ausgangs mit die Motivation zur Verfassung des Buches geliefert haben dürften. Deshalb halte ich es für sinnvoll, diesen Prozessen und Ereignissen seines Lebens in der Zeit vor der Abfassung des Hexenhammers einen eigenen Artikel zu widmen und die weitere Entstehungsgeschichte des Buches im nächsten Teil der Serie darzustellen.


Heinrich Kramer und die Inquisitionsprozesse
Kramers erstes aktives Mitwirken in einem Prozess könnte bereits 1458 in Straßburg als Beichtvater bei der Hinrichtung des Waldenser Bischofs Friedrich Reiser gewesen sein, wie er selbst behauptet.(1) Das ist jedoch bisher nicht nachweisbar.(2) Dass seine Beziehungen zur Ordensleitung der Dominikaner und zur Kurie recht eng waren, zeigte sich bereits, als er im Juni 1474 vom Generalkapitel des Ordens von einer Gefängnisstrafe entbunden wurde, die er aufgrund von öffentlichen Angriffen auf den regierenden Kaiser Friedrich III. erhielt.(3) Bei seiner Freilassung wurde ihm dabei noch die Befugnis zur Inquisition erteilt und das Recht sich selbst einen Konvent und seinen eigenen Beichtvater auszusuchen, dazu noch alle Vorrechte eines Magisters der Theologie in Anspruch zu nehmen.(4)

Als sich Kramer auf einer Rückreise von Rom, wo er sich häufig aufgehalten hat, nach Schlettstadt befand, nahm er in Trient 1475 an einem Inquisitionsverfahren teil. Es ging um einen angeblichen Ritualmord der Judengemeinde nach dem plötzlichen Tod des zweijährigen Simon, Sohn des Gerbers Johann Unferdorben. Der päpstliche Kommissar Giovan Battista dei Giudici, Bischof von Venitimiglia, war jedoch trotz der Indizien und Zeugenaussagen nicht davon überzeugt, dass ein Ritualmord zwingend vorlag und forderte den sofortigen Abbruch des Prozesses. Daraufhin beauftragte der Fürstbischof von Trient (Johannes IV. Hinderbach 1418 - 1486, reg. 1465 - 1486) Kramer mit der Suche nach Vergleichsbefunden über frühere Ritualmordprozesse, damit die Legitimation des Prozesses gewahrt werden könne. U. a. wurde Kramer in Ravensburg, Pfullendorf, Endingen und Freiburg im Breisgau dazu fündig. Die zusammengetragenen Befunde waren wahrscheinlich für den weiteren Verlauf des Prozesses entscheidend und führten zur Hinrichtung mehrerer Juden der Trienter Gemeinde, die Kramer, wie es derzeit üblich war, dennoch vorher versuchte zur Annahme des christlichen Glaubens zu bewegen.(5)
Auffällig hierbei ist die Ähnlichkeit der Vorwürfe gegen Juden mit denen gegen Hexen: die Verspottung der Mutter Gottes, Ritualmorde an kleinen Kindern, Verunehrung des Leibes Christi in der Hostie usw. Nach Carlo Ginzburg wurden die angeblichen Versammlungen der Hexen früh mit denen der Juden verglichen und daher in lateinischen Traktaten - und später in allen europäischen Sprachen - mit den Begriffen "Synagoge" oder "Sabbat" bezeichnet.(6)

In Rom wurde Kramer am 3. März 1478 zum päpstlichen Inquisitor für ganz Oberdeutschland ernannt, (Inquisitor per totam Alemaniam superiorem) was die Gebiete zwischen Böhmen Frankreich und Vorderösterreich, sowie die deutschsprachige Schweiz und das Elsass umfasste.(7) Im selben Jahr wurde in der Reichsstadt Nördlingen die als Hebamme tätige Els Schwäbin beschuldigt mit zwei Komplizinnen eine Totgeburt ausgegraben, in einem Kessel gesotten und zur Erzeugung eines Unwetters verwendet zu haben, als diese noch bei Kestenholz, einem Dorf in der Nähe von Schlettstadt gelebt hatte. Den beiden Komplizinnen war bereits der Prozess gemacht und sie waren für schuldig befunden und hingerichtet worden. Els Schwäbin wurde jedoch freigesprochen, da sie bei der Geburt des toten Kindes nicht anwesend gewesen war und von der Mutter deshalb nicht beschuldigt wurde, obwohl diese ihre Totgeburt auf das Werk von Unholden zurückführte.(8) Die daraufhin Freigelassene durfte weiterhin als städtische Hebamme arbeiten. Kramer könnte aufgrund der Art des Prozesses als Inquisitionsprozess darin involviert gewesen sein, was jedoch nicht belegt ist. Jedoch findet sich im Hexenhammer ein Kapitel über Hexen-Hebammen, was vermuten lässt, dass Kramer zumindest von diesem Prozess gewusst haben müsste.

Als sich Kramer 1480 in Augsburg aufhielt, erhielt er Kenntnis von einer Gruppe junger Frauen, die schon seit zehn Jahren täglich, manchmal sogar mehrmals täglich die Kommunion nahmen. Aufgrund dessen vermutete er in ihnen eine Art häretische Sekte, gegen die es dringend vorzugehen galt. Bischof Johann II. von Werdenberg (reg. 1469 - 1486) unterstützte Kramers Inquisition, während Pfarrer Johannes Müller (? - 1482), Stiftspfarrer von St. Moritz, die Frauen, die seiner Gemeinde angehörten, verteidigte. Die tägliche Kommunion, so Kramer, geschähe nicht aus der Frömmigkeit, sondern "ex levitate mulierum" aus Leichtsinnigkeit, einer angeborenen Defizienz des weiblichen Geschlechts heraus. Bei einer offiziellen Befragung am 13.09.1480 stellten sich die Frauen jedoch als intelligent und bibelbelesen heraus, was dazu beitrug, dass keine Grundlage für eine Verurteilung wegen Ketzerei gefunden werden konnte. Von Kramer wurde jedoch der direkte Bezug auf die Bibel durch die Frauen, was auch schon bei vorreformatorischen religiösen Reformbewegungen üblich war, (sonst durften damals lediglich Privilegierte die Bibel lesen und interpretieren) schon als Indiz für Ketzerei gesehen und als hussitisches Gedankengut denunziert. Er konnte zwar noch einen förmlichen Freispruch verhindern, indem er den Frauen "häretische Fundamente" unterstellte, was aber nichts mehr an der "Nichtverurteilung" und dadurch der Straffreiheit der Frauen ändern konnte.(9)

Im September 1482 ließ Kramer seine Berechtigung zur Inquisition durch den Bischof Kaspar zu Rhein (amt. 1479 - 1502) in der Diözese Basel veröffentlichen. Auch viele Beispiele, die später im Hexenhammer angeführt werden, stammen aus dieser Zeit, das Exempel seiner Inquisition gegen eine Hexe aus Breisach,(10) die Hexenverbrennung in dem Dorf Bühl bei Gebweiler/Guebwiller,(11) diejenigen an einem ungenannten Ort an der Grenze von Elsas und Lothringen und die Verbrennung einer Hebamme in Thann im Elsas.(12) Dies lässt vermuten, dass Kramer hier zum ersten Mal den Versuch unternahm eine systematische Hexeninquisition in größerem Umfang durchzuführen.(13)
Nachdem Kramer zum Prior seines Heimatkonvents in Schlettstadt gewählt wurde, erreichte er, dass sein Kloster durch einen speziellen Ablass finanzielle Begünstigungen erhielt, da es wegen seiner Verpflichtungen als Inquisitor besonders finanziell belastet sei. Er entwarf desweiteren einen Plan eine spezielle Bruderschaft gegen Hexen zu gründen, die von beständig predigenden Inquisitoren geführt werden sollte, denen er wohl selbst vorgestanden hätte. Papst Sixtus IV. billigte dieses Projekt, das ihm Kramer selbst mündlich vortrug. Die Inquisition, die in Deutschland ihre Bedeutung nach der erfolgreichen Bekämpfung der sog. Ketzerbewegungen weitgehend verloren hatte, sollte dadurch wahrscheinlich ein neues Betätigungsfeld erhalten.(14)

Zweifellos hat Kramers Aufmerksamkeit in seiner Tätigkeit als Inquisitor hauptsächlich seiner Heimatdiözese gegolten. Dass es aber auch hier Kirchenobere gab, die weniger Interesse an umfangreichen Hexen- und Ketzerprozessen hatten, lässt sich daraus schließen, dass es für nötig erachtet wurde, den Straßburger Bischof Albrecht von Bayern (reg. 1478 - 1506) als einzigen Bischof in einem eigenen Abschnitt der päpstlichen Bulle von 1484 zur ausdrücklichen Unterstützung der Hexeninquisition ermahnen zu lassen.(15)
Der größte Erfolg Kramers scheint allerdings nach seinen eigenen Beschreibungen im Hexenhammer in der Diözese Konstanz stattgefunden zu haben, in der 48 Hinrichtungen wegen Hexerei bzw. Schadenszauber stattgefunden haben sollen. Auch wenn diese Angaben in Zweifel gezogen worden sind, so sprechen Kramers recht genaue Beschreibungen im Hexenhammer in Zusammenhang mit dem bisher aufgefundenen Quellenmaterial eher dafür als dagegen. 22 Beispiele des Hexenhammers beziehen sich auf Orte dieser Diözese, während sich lediglich drei Hexenverbrennungen aus drei der neun anderen genannten Diözesen finden lassen: Basel, Straßburg und Konstanz.(16)

Manche Erwähnungen lassen sich nicht anhand vorhandener Quellen nachvollziehen, was jedoch auf die undurchsichtige Zuständigkeit der Gerichtsbarkeit der süddeutschen Kleinterritorien zurückführen lässt, worunter die aufgezählten Beispiele fallen, die Kramer dem Schwarzwald oder Schwaben zuordnet. In Konstanz wiederum wurde 1483 eine Ursel Hanerin wegen Hexerei verbrannt, was im Ratsbuch der Stadt verzeichnet ist. Kramer wird darin zwar nicht erwähnt, doch seine Anwesenheit zu dieser Zeit in Konstanz ist nachgewiesen.(17)

Anders war es in Ravensburg, in der in einem Brief des Bürgermeisters Konrad Geldrich vom 17.12.1484 erwähnt wird, dass "ain doctor predigerordens" in die Stadt gekommen sei, um eine Inquisition gegen die "hechsen und unholden" abzuhalten, der sich mit einer päpstlichen Bulle ausgewiesen habe, deren Abschriften und Kopien an den Kirchentüren angeschlagen worden seien. Dabei kann es sich nur um Kramer gehandelt haben, da Sprenger sich zu dieser Zeit nachweislich in Köln aufgehalten hat.(18)
Daraufhin habe der Inquisitor mehrere Tage von den Kanzeln dergestalt gepredigt: Wer der oder die wären, die irgendwelche Hexen oder Unholden wüssten oder von jemand gehört hätten, die jemand wüssten oder in Argwohn hätten oder die einen schlechten Leumund hätten oder wo jemand Schaden an Menschen oder Vieh geschehen sei und man auf jemanden einen Verdacht hätte, die sollten zu Gehorsam des oben genannten Gebots - nämlich der päpstlichen Bulle - zu ihm, dem Inquisitor, kommen und ihm solche der Hexerei wegen verdächtigen oder übel beleumundeten Personen angeben mit allen Einzelheiten, was man von ihr wisse, gesehen oder von anderen Leuten gehört habe. Daraufhin sei ein großer Zulauf von Leuten entstanden und es seien zahlreiche Frauen und Männer zu dem Inquisitor gegangen. Dieser habe ihre Aussagen zu Protokoll genommen und habe sie dann darauf vereidigt. Der Stadtrat nahm etliche Verhaftungen aufgrund der daraufhin eingegangenenen Beschuldigungen vor, von denen zwei Frauen gestanden sich dem Teufel ergeben zu haben, Hagel und Unwetter gemacht, Vieh und Leute gelähmt und versehrt hätten und "vil ander derglich zobri gespenstes vil iar und zit getriben". Diese Frauen habe man mit dem Feuer richten lassen.(19) Dabei handelt es sich um die im Hexenhammer mehrfach erwähnten Fälle der Agnes Baderin und Anna Mindelheimerin. Nicht erwähnt wird von Kramer, dass die anderen Verhafteten wieder freigelassen wurden.
Da allerdings nur aufgrund des Briefes des Bürgermeisters Kenntnis von Kramers Anwesenheit bekannt geworden ist und keine Angaben über den Inquisitor in den offiziellen Gerichtsquellen vorhanden sind, legt dies den Schluss nahe, dass in anderen Gebieten, in denen Kramer nach eigenen Angaben tätig gewesen ist, ebenfalls vergeblich nach seiner Erwähnung in offiziellen Quellen gesucht werden könnte. Das kann bedeuten, dass bei fast jedem Inquisitionsprozess zu dieser Zeit Kramer involviert gewesen sein könnte, da auch dieser Raum damals einen Schwerpunkt in der Hexenverfolgung gebildet hat, wie auch Kramer selbst in einem Brief vom Sommer 1484 von einem Kollegen berichtet: "der do fil hat der hegxen im brysgouw lossen vorziten brennen".(20) Das Breisgau gehörte zur Diözese Konstanz.

Noch im frühen 16. Jahrhundert. wurden aus diesen Gebieten die Scharfrichter für Inquisitionsprozesse bezogen, die ihr "geheimes" Wissen bei der Folterung von als Hexen verdächtigen Menschen erworben hatten und erfahren waren, in der Überwindung der sog. Zauberkunst der Verschwiegenheit (maleficium taciturnitatis), dem Gebrauch von Weihwasser, geweihtem Wachs, Salz und Kerzen, die Rasur der Körperhaare und das Verhindern des Bodenkontaktes, der der Hexerei bezichtigen Person. All diese Dinge werden zwar im Hexenhammer beschrieben und erklärt,(21) die Scharfrichter jedoch kannten diese Verwendungen bereits aus der Praxis und das machte sie zu begehrten Spezialisten für Inquisitionsprozesse und lieferten Kramer vielleicht sogar die Vorlage zu seinen Darlegungen.

Im Herbst 1485 sollte eine groß angelegte Hexeninquisition in der Tiroler Hauptstadt Innsbruck stattfinden, welche zum Bistum Brixen gehört. Der amtierende Bischof Georg II. Golser (?-1489) stand der Inquisition jedoch sehr skeptisch gegenüber, konnte allerdings gegen die Veröffentlichung der Papstbulle durch Kramer zum Auftakt der geplanten Prozesse nichts unternehmen, wie es mehreren seiner Briefe zu entnehmen ist.(22) Nachdem Kramer in verschiedenen Kirchen seine Predigten gehalten hatte, in denen er aufrief Verdächtige zu melden, führte er die Zeugenvernehmungen durch, nach denen ca. 50 Personen in Verdacht gerieten, von denen sieben Frauen verhaftet und verhört wurden.(23) Am vierten Prozesstag aber schaltete sich Erzherzog Sigmund (der Münzreiche) von Österreich, der Landesfürst ein und ersuchte den Bischof von Brixen einen rechtsgelehrten Kommissar als Vertreter zu dem Prozess zu entsenden, woraufhin der Lizentiat Sigmund Saumer, Pfarrer aus Axams und ein namentlich nicht genannter herzoglicher Beobachter an den Verhören teilnahmen, die im Gasthaus Rümler in Innsbruck stattfanden. Deren Berichte über die Prozessführung veranlassten den Bischof zum Einschreiten.

Am 29. Oktober 1485 trat der Gerichtshof im großen Saal des Innsbrucker Ratshauses zusammen, auf der einen Seite die Vertreter des Bischofs mit Saumer, Christian Turner, Genaralkommissar in spiritualibus der Diözese Brixen und Pfarrer von Matrei am Brenner, Magister Paulus Wann, Domherr zu Passau und Bartholomäus Hagen, Innsbrucker Notar und auf der anderen Seite Kramer mit drei Ordensbrüdern und seinem Notarius Kanter.
Der Inquisitor ließ seine Hauptangeklagte Helena Scheuberin vorführen, die verdächtigt wurde für den Tod des Ritters Jörg Spieß verantwortlich zu sein und begann mit der Befragung. Turner intervenierte allerdings als Kramer anfing Auskunft über das Sexualverhalten der Angeklagten zu erlangen und die Weiterführung des Prozesses führte zu weiteren Protesten der bischöflichen Fraktion an der Art und Weise der Befragung, woraufhin die Verhandlung unterbrochen werden musste. Als die Verhandlung fortgesetzt wurde, hatte die bischöfliche Partei den Arzt und Juristen Dr. Johann Merwais von Wendingen als Verteidiger besorgt. Diesem erteilten die sieben angeklagten Frauen im Eilverfahren ihre Vollmacht, was notwendig war, damit Dr. Merwais sie offiziell verteidigen durfte, entgegen den Protesten Kramers. Merwais erhob daraufhin gegen die Prozessführung Kramers eine in fünf Punkten präzisierte Nullitätsbeschwerde und bezeichnete den Inquisitor in einem daraufhin folgenden hitzigen Wortgefecht als "suspekt"! Letztendlich schlug er den Bischof von Freising (Sixtus von Tannenberg) oder dessen Generalvikar als Schiedsrichter vor, erteilte seinen Klientinnen Weisung auf Fragen Kramers künftig das Zeugnis zu verweigern und plädierte zuletzt dafür die Angeklagten freizulassen und statt dessen den Inquisitor selbst in Gewahrsam nehmen zu lassen ("... ut in custodiam recipiat"),(24) was durchaus sehr riskant für den Verteidiger hätte werden können.
Die Verhandlung wurde am 31. Oktober im Haus des Innsbrucker Bürgers Conrad Gunther fortgesetzt und mündete sogleich erneut in eine scharfe Auseinandersetzung des Verteidigers mit dem Inquisitor. Dr. Merwais wiederholte seine Nullitätsbeschwerde, nach der die Anklage in sich zusammengefallen und der Unschuldsbeweis nicht anzutreten sei.(25) Bischof Turner verkündete nach Abschluss der Verhandlungen das Urteil: er erklärte den Prozess für nichtig, da er nicht nach Recht und Gesetz geführt worden sei und folgte damit dem Plädoyer der Verteidigung. Dann erklärte er kraft seiner bischöflichen Vollmacht die Ermächtigung des Inquisitors in der Diözese Brixen für erloschen und forderte die Aushändigung der Papstbulle, was Kramer verweigerte, da er beabsichtigt hatte, die Kosten des Prozesses durch die Vermögen der Angeklagten zu decken, nun aber lief er Gefahr, nach dem geltenden Recht persönlich diese Kosten tragen zu müssen, doch Erzherzog Sigismund scheint den Prozessverlauf genauestens beobachtet zu haben, denn noch am selben Tag beschied er das ganze Gericht an seinen Hof und durch die Kostenübernahme war das letzte Hindernis zum Abschluss des Verfahrens beseitigt.

Kramer jedoch wollte sich noch nicht geschlagen geben und blieb weiterhin in Innsbruck. Nicht nur das, er arbeitete sogar an der Wiederaufnahme des Verfahrens und versuchte den Bischof zu einer Fortsetzung der Hexenverfolgung zu bewegen.(26) Dieser jedoch dachte nicht daran und forderte vielmehr den Inquisitor dazu auf die Diözese zu verlassen. Kramer arbeitete aber weiter an seiner Version der Innsbrucker Inquisition und trug den Plan zur Wiederaufnahme der Verfolgung persönlich dem Bischof in Gegenwart des Domkapitels in Brixen vor. Dieser hatte jedoch weiterhin daran keinerlei Interesse, denn wie aus einem Schreiben an den ansonsten unbekannten Chorherrn Nikolaus hervorgeht hielt er Kramer für einen gefährlichen Fanatiker, sogar für verrückt und wollte ihn nur loswerden:

"Lieber Brueder Niclas, ... Mich verdrewst des münchs gar vast im bistumb ... Ich find in des babstes Bullen, daß er bey vil bäbsten ist vor inquisitor gewesen, er bedunckt mich aber propter senium gantz chindisch sein worden, als ich in hie zu Brichsen gehört hab cum capitulo. Ich hab im geraten, das er solt in sein closter ziehen und da beleiben. Ipse realiter mihi delirare videtur, er wolt vielleicht noch gern in der frawn sachen handeln, ich lass in aber darzue nit chömmen, so er vor als vast erriert hat in seinem process..."

Jener Nikolaus nun überbrachte Kramer ein am selben Tag verfasstes Schreiben des Bischofs (14.02.1486), das eine ultimative Aufforderung zum Verlassen der Diözese enthielt. In jenem Schreiben an den Inquisitor erwähnt der Bischof auch, dass bei einer weiteren Verzögerung seiner Abreise kein Schutz mehr gegen Angriffe von Freunden und Verwandten der verdächtigten Frauen gegen ihn garantiert werden könne. Er solle in sein Kloster ziehen und aufhören, andere zu belästigen.(27) Erst daraufhin verließ Heinrich (Institoris) Kramer, Inquisitor für ganz Oberdeutschland eiligst Innsbruck und die Diözese Brixen!

Dieser Inquisitionsprozess in Innsbruck, war nach den momentanen Erkenntnissen der letzte Prozess Kramers vor der Abfassung des Hexenhammers, doch dazu mehr im nächsten Teil von "Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum) - Geschichte eines Buches".


(1) Heinrich Kramer: Tractatus contra errores
(2) Gebele 1952, 113 - 130
(3) Segl 1988, 104
(4) ebda.
(5) Hsia 1992, 76 f., 103 f.
(6) Ginzburg 1989/90
(7) Wibel 1914, 121 - 125
(8) Wulz 1937, 42-45
(9) Segl 1988, 112
(10) Malleus, fol. 48vb
(11) Malleus, fol. 50vb.
(12) Malleus, fol. 69va.
(13) Jaroushek/Behringer 2000, 48
(14) Petersohn 1988, 120 - 160
(15) Jaroushek/Behringer 2000, 50
(16) Jaroushek/Behringer 2000, 51
(17) Fürstlich Waldburg-Wolfeggsches Archiv in Wolfegg, Criminalia 161
(18) Schnyder 1993, 47
(19) Müller 1910, 399-401
(20) Fürstlich Waldburg-Wolfeggsches Archiv in Wolfegg, Criminalia 161
(21) Malleus, fol. 43vb - 44vb, 49 va, 79va - 80va, 87vb - 90vb, 108ra - 108va
(22) Ammann 1890, 78-79
(23) Ammann 1890, 9-25
(24) Ammann 1890, 69
(25) Damals war es noch nicht so, dass jemand so lange als unschuldig galt, bis seine Schuld bewiesen war. (Anm. d. Verf.)
(26) Ammann 1911, 461-504
(27) Ammann 1890, 87


Perduil


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Die unaussprechlichen Sprachen der Kelten     Mc Claudia, 28.02.2004
Die Templer - Bruderschaft der armen Ritter Christi vom Tempel zu Jerusalem     Challan, 17.01.2004
Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum) - Geschichte eines Buches - Teil I     Perduíl, 29.11.2003
Die Wiedertäufer     Nowhere, 11.10.2003
Die grauenhaften Galateer als Halsabschneider? - Teil II     Ray, 04.01.2003
Die grauenhaften Galateer als Halsabschneider? - Teil I     Ray, 28.12.2002
Holzkreis mit Votivteich in Schottland gefunden     Anna & Peter, 29.06.2002
Die Artus-Legende III - Welcher Arthur denn??     Dana, 27.04.2002
Die Artus-Legende II - The once and future king     Aku, 15.03.2002
Die Artus-Legende I - Der sagenhafte König     Aku, 09.03.2002
Bericht eines Zeugen der Hexenverfolgung     Brighid, 06.11.2001
Samhain - Allerheiligen     Brighid, 20.10.2001




                        
                        



    

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