Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist   Teil X

Ray, Raimund Karl, tätig an der Prifysgol Bangor University in Wales, hat uns einen seiner Fachartikel gespendet, der besonders für die Beziehung "Archäologie-Laie" interessant zu lesen ist. Vielen lieben Dank, Ray!

Nachwort: Ich bin auch Hobbyarchäologe

Wie gezeigt wurde, darf man nicht nur Hobbychirurg und Hobbypolizist, sondern auch Hobbyarchäologe sein; und das ist auch gut so. Denn, nur als kleinen Denkanstoß für jene, die das immer noch nicht akzeptieren wollen, ich bin auch archäologischer Autodidakt; also genau das, was wir als „Hobbyarchäologen“ bezeichnen würden, wenn ich kein Archäologiestudium abgeschlossen hätte. Und wenn Sie über meinen abschließenden Denkanstoß ein wenig nachdenken, werden Sie vielleicht feststellen, dass Sie selbst auch ein solcher „Hobbyarchäologe“ sind.

Warum behaupte ich jetzt, dass ich auch „Hobbyarchäologe“ bin? Das scheint auf den ersten Blick völlig widersinnig: schließlich habe ich nicht nur ein Studium der Ur- und Frühgeschichte erfolgreich abgeschlossen, sondern in diesem Fach sogar promoviert, wurde für „keltische Altertumskunde“ (also seinerseits ein archäologisches Fach) habilitiert und bin inzwischen seit vielen Jahren sogar Professor of Archaeology and Heritage; habe also die „höchsten“ fachlichen Qualifikationen und „Weihen“, dieman überhaupt nur haben kann.

Dennoch bin ich in vielerlei Hinsicht archäologischer Autodidakt: das Meiste, das ich heute in meiner wissenschaftlichen archäologischen Arbeit mache, habe ich während meiner Studienzeit überhaupt nie „beigebracht“ bekommen. Dafür nur ein paar besonders relevante Beispiele:

  1. Ich führe heute meine Ausgrabungen (z.B. Karl et al. 2016) in der stratigrafischen Methode (mehr oder minder nach Harris 1989) durch. Diese habe ich jedoch während meines Studiums, als an der Universität Wien noch die klassische „deutsche“ Planums- bzw. Abstichgrabung (Gersbach 1998, 29-31) die einzig akzeptierte Grabungsmethode in Lehre und Praxis war, niemals „formell“ gelernt. Was die von mir verwendete archäologische Grabungsmethodik betrifft, bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute feldarchäologisch in erster Linie in Großbritannien, konkreter in Nordwales (z.B. Karl et al. 2016). Über die nordwalisische Archäologie – selbst die der Spätbronze- und Eisenzeit, mein chronologisches Hauptinteressensgebiet – habe ich jedoch während meines Studiums in Wien niemals auch nur das geringste gelernt; sondern praktisch ausschließlich über die Archäologie Österreichs und seiner unmittelbaren Umgebung („Heimatarchäologie“, wenn man so will). Auch in meinem feldarchäologischen Hauptarbeitsgebiet seit über einem Jahrzehnt bin ich also kompletter Autodidakt.

  1. Ich arbeite heute viel im Bereich der archäologischen Denkmalpflegewissenschaft, die nicht zuletzt auch Teil des von meinem Lehrstuhl abgedeckten Fachbereichs ist. Auch dazu habe ich jedoch im Rahmen meines Studiums in Wien nicht das geringste gelernt; es gab nicht einmal eine eigene Lehrveranstaltung zum österreichischen Denkmalschutzgesetz, das bloß in einer einführenden Vorlesung ganz kurz angesprochen wurde, geschweige denn zu anderen Themen der archäologischen Denkmalpflege. Auch in diesem Arbeitsbereich bin ich also praktisch kompletter Autodidakt.

Dass ich ein Studium der Ur- und Frühgeschichte in Wien absolviert habe, meine Magisterarbeit über eine – übrigens teilweise mit Baggeraushub ganzer Befunde – durch das österreichische Bundesdenkmalamt durchgeführte „Notbergung“ verfasst und meine Dissertation über „Verkehr in der eisenzeitlichen Keltiké“ geschrieben und noch dazu eine Habilitationsschrift über „Altkeltische Sozialstrukturen“ publiziert habe, hat mich für meine derzeitige archäologische Arbeit höchstens sehr randlich vorbereitet. Das, was ich universitär „gelehrt“ wurde, hat mit dem, was ich heute wissenschaftlich tue, nur sehr wenig zu tun gehabt. Wenn es also Voraussetzung ist, dass man das, was man wissenschaftlich tut, auch tatsächlich während seines Universitätsstudiums gelehrt wurde und seine Kompetenz darin durch Prüfungen während seines Studiums nachgewiesen hat; nun, dann bin ich auch „nur“ Hobbyarchäologe.

Nun denken Sie – vor allem, wenn Sie, so wie ich, inzwischen seit ein paar Jahrzehnten „im Fach“ aktiv tätig sind – in gleicher Weise über ihre Ausbildung nach, und vergleichen Sie es mit dem, was Sie heute wissenschaftlich tun. Sie werden dabei hoffentlich bemerken, dass das, was Sie vor Jahrzehnten an der Universität gelernt haben, nicht anders als bei mir nur noch sehr wenig damit zu tun hat, was Sie heute wissenschaftlich tun. Nur ganz am Rande bemerkt: falls nicht, d.h. falls Sie zum Schluss kommen, dass Sie heute immer noch hauptsächlich mit Methoden arbeiten, die Sie vor Jahrzehnten gelehrt bekommen haben, immer noch das glauben, was man ihnen vor Jahrzehnten beigebracht hat und immer noch genau im gleichen Fachbereich tätig sind, für den Sie akademisch ausgebildet wurden; dann hatten Sie entweder überragende akademische Lehrer oder, was weit wahrscheinlicher ist, dann sind Sie ein schlechter Wissenschafter, der sich seit Jahrzehnten nicht autodidaktisch weitergebildet und sich wissenschaftlich absolut nicht weiterentwickelt hat.

Gute Wissenschaft – auch in der Archäologie – kennzeichnet sich nicht durch Stillstand und allgemeine Akzeptanz angeblich unumstößlich „wahren“ Wissens, nicht dadurch, dass das, was die Mehrheit für „richtig“ hält, als Glaubenswahrheit akzeptiert und Althergebrachtes um jeden Preis erhalten wird; sondern dadurch, dass sie Althergebrachtes über den Haufen wirft, sich nicht dem Diktat der Mehrheit unterwirft und nichts als „wahr“ akzeptiert, sondern aneckt, kritisch hinterfragt, und – nötigenfalls auch stur – auf anderen als allgemein akzeptierten Wegen neue Erkenntnisse zu gewinnen versucht. Neues Wissen schafft man nicht dadurch, dass man stets nur dasselbe genauso tut, wie es auch alle anderen tun; sondern nur dadurch, dass man etwas anders macht als alle anderen. Eben als Autodidakt – als jemand, der es eben (noch) nicht so gelernt hat – neues Wissen – Wissen, das noch niemand zuvor hatte – selbst schafft; und zwar zumeist, weil man einen unbändigen Drang hat, Neues“ zu finden, das sonst noch niemand kennt.

Damit ist man als archäologischer Wissenschafter aber immer „Hobbyarchäologe“, ist immer in dem Bereich, in dem man forscht, wissenschaftlicher Dilettant (sowohl im positiven als auch im negativen Sinn des Wortes; weil man „zum Vergnügen“ etwas tut, von dem noch niemand weiß, ob es und wie es „richtig“ gemacht wird) und immer Autodidakt. Uns treibt, nicht anders als „HobbyarchäologInnen“ ohne einschlägigen Studienabschluss die Neugier, der ganz und gar selbstsüchtige Wunsch etwas zu finden, das noch niemand vor uns gefunden hat. Nehmen wir das Recht dieser Neugier nachzugeben für uns selbst in Anspruch, dürfen wir es auch nicht anderen Menschen mit anderem Bildungshintergrund nehmen.

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Ray


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