Ich bin Hobbychirurg und Hobbypolizist   Teil V

Ray, Raimund Karl, tätig an der Prifysgol Bangor University in Wales, hat uns einen seiner Fachartikel gespendet, der besonders für die Beziehung "Archäologie-Laie" interessant zu lesen ist. Vielen lieben Dank, Ray!

HobbyarchäologInnen

HobbyarchäologInnen gibt es, ob es uns gefällt oder nicht. Es darf HobbyarchäologInnen aus den bereits genannten Gründen auch geben; und die Archäologie unterscheidet sich durch die Tatsache, dass es Personen gibt, die sich ohne eine entsprechende fachliche Ausbildung mit ihr beschäftigen, auch nicht von irgendwelchen anderen Wissenschaften, z.B. der Chemie. HobbychemikerInnen stören uns als ArchäologInnen nur nicht, solange sie nicht bei ihren Experimenten zur Sprengmittelerzeugung das Haus, in dem auch wir wohnen, in die Luft jagen, und fallen uns daher nicht weiter auf.

HobbyarchäologInnen stören uns hingegen oft: manche durchforsten die archäologische Fach- und Populärliteratur oder auch nur das Internet nach Hinweisen auf vergangene Besuche Außerirdischer auf der Erde; andere wollen Bodenfunde ausgraben, um die Geschichte ihrer Heimat besser zu verstehen. Die jeweiligen Forschungsfragen und -methoden, mit denen sie an ihre Forschungsmaterie herantreten, sind dabei ebenso unterschiedlich wie innerhalb der Archäologie und oft noch viel unterschiedlicher; und natürlich unterscheidet sich oft auch die Qualität ihrer Untersuchungen sehr stark voneinander und von „fachlich anerkannter“ archäologischer Forschung. Ebenso unterscheiden sich ihre Ergebnisse in ihrer fachwissenschaftlichen Nützlichkeit; oder in anderen Worten gesagt: manches davon kann durchaus nützlich sein, vieles ist es mit Sicherheit nicht.

Dass manche dieser Forschungen Fragestellungen haben, die uns aus fachwissenschaftlicher Sicht als völlig unsinnig und manchmal auch ideologisch problematisch erscheinen; oft Methoden benutzen, die fachlich als vollkommen veraltet und obsolet betrachtet werden; und oft auch einfach schlecht gemacht sind und daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu falschen Ergebnissen gelangen; tut allerdings der Tatsache keinen Abbruch, dass es sich dabei um Forschungen mit dem Zweck neue Erkenntnisse zu gewinnen oder ältere Erkenntnisse zu festigen handelt. Dies ist, wenigstens im Sinne der einschlägigen österreichischen höchstgerichtlichen Judikatur zu der Frage, was nun wissenschaftliche Forschung ist, und auch der weitgehend parallel dazu gelagerten deutschen Judikatur, jedenfalls als wissenschaftliche Forschung im Sinne der Forschungsfreiheit zu betrachten (Berka 1999; 343-4; Pöschl 2010, 114-5): ob ein Erkenntnisversuch erfolgreich ist, ja nach Ansicht der anerkannten Fachwissenschaft überhaupt erfolgreich sein kann, spielt dabei keine Rolle; dies ist vielmehr – sofern das überhaupt möglich ist – innerwissenschaftlich durch den fachlichen Diskurs zu klären und nicht durch den Staat oder seine Organe. Schon gar nicht im Voraus durch gesetzliche Verbote oder die Erfordernis, bestimmte förmliche Qualifikationen vorweisen zu können, um überhaupt zur Forschung in einem bestimmten Bereich zugelassen zu werden.

Man kann und darf HobbyarchäologInnen daher den Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, auch wenn dieser aus Sicht der Fachgemeinschaft als unsinnig und ungeeignet erscheint, nicht verbieten, wenn nicht gewichtige Gründe – und zwar Gründe, die verfassungsrechtlich auf gleichem Schutzniveau stehen – vorliegen, die diese Beschränkung, die dann aber auch gleichermaßen für jedermann gelten muss, also auch für entsprechend ausgebildete Fachleute, als gerechtfertigt erscheinen lassen. Einen solchen Grund mag zum Beispiel ein bestehendes öffentliches Interesse am Schutz von besonders bedeutenden Denkmalen darstellen, das eine Beschränkung der Forschungsfreiheit rechtfertigt; auf diesen Punkt komme ich gleich noch zurück.

Mit Chirurgie und Polizeiarbeit ist das übrigens alles nur sehr bedingt vergleichbar: der Chirurg, der jemanden operieren soll, operiert diesen nicht deshalb, weil er wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen will, sondern um diesen von einer Erkrankung oder Verletzung möglichst zu heilen. Daher greifen gesetzliche Beschränkungen chirurgischer Eingriffe normalerweise auch nicht in die Forschungsfreiheit ein: die Operation ist kein Versuch der Wahrheitserkenntnis und fällt daher gar nicht unter die Forschungsfreiheit. Aber selbst wenn der wissenschaftliche Erkenntniszweck Primärziel eines chirurgischen Eingriffs sein sollte; maßgeblichere chirurgische Eingriffe gefährden potentiell auch das Grundrecht des Forschungsobjektes auf Leben und es ist daher ein anderes gleichwertiges Menschenrecht gefährdet: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ (Art. 3 AEMR). Auch forschungsspezifische Einschränkungen der Forschungsfreiheit sind daher in diesem Fall zulässig: das Recht des Patienten auf Leben ist wichtiger als die Forschungsfreiheit; und zwar selbst dann, wenn die, die eine „Forschungsoperation“ durchführen wollen, studierte ChirurgInnen sind.

Genauso ist es mit der Polizeiarbeit: das Verhaften von Tatverdächtigen oder der Einsatz der Dienstwaffe hat nichts mit der Freiheit der Wissenschaften zu tun, sondern ist eine Anwendung staatlicher Zwangsgewalt. Natürlich mag der Polizist, der jemanden verhaftet, damit möglicherweise auch irgendwelche wissenschaftlichen Forschungszwecke verfolgen, aber diese sind nicht primäres Ziel der Handlung. Der Polizist darf ebenso wenig wie Sie oder ich willkürlich Menschen verhaften, weil er soziologisch erforschen möchte, wie diese darauf reagieren, wenn sie grundlos verhaftet werden; sondern nur unter gewissen Umständen die Staatsgewalt ausüben. Auch hier ist also eine Beschränkung des Rechts, staatliche Zwangsgewalt anzuwenden, auf Organe des Staates gesetzlich nicht nur möglich, sondern sogar notwendig. Zusätzlich endet auch in diesem Fall die Forschungsfreiheit am im gleichen Rang stehenden Recht auf Freiheit dessen, dem sie entzogen werden soll: „Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.“ (Art. 9 AEMR).

Viel eher vergleichbar sind HobbyarchäologInnen mit Hobbybotaniker- oder –zoologInnen, die in der freien Wildbahn Dinge aufsammeln, die sie gerne erforschen möchten. Und das dürfen sie grundsätzlich auch: man muss nicht Biologie studiert haben, um auf der grünen Wiese Grashalme sammeln und diese untersuchen zu dürfen, sondern jeder darf auf der grünen Wiese Grashalme sammeln, wie es ihm oder ihr gefällt. Ausgenommen aus der Forschungsfreiheit sind in diesem Bereich

– und da besteht eine besonders gute Vergleichbarkeit zwischen der Biologie und der Archäologie – nur die Pflanzen oder Tiere, die (und das aus guten Gründen) unter Natur- bzw. Artenschutz stehen.


Ende Teil V


Ray


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