Eine ungewöhnliche Gallo-Römische Gottheit: Oceanus-Cernunnos   Teil II

Herzlichen Dank Corvina, dass Du uns wieder einen sehr fundierten und interessanten Artikel gespendet hast!

Cernunnos (?)

Gundestrup_Cernunnos

CERNUNNOS AUF DEM KESSEL VON GUNDESTRUP, SICHERLICH DIE BEKANNTESTE DARSTELLUNG

Cernunnos, der keltische Gott des Waldes und der Waldbewohner, ist aufgrund der Überlieferungslage generell problematisch in der Deutung.

Der Name des Gottes, der aus einer bruchstückhaften Inschrift der Pariser Nautensäule stammt, wurde in der Neuzeit auf zahlreiche namenlose keltischen Gottheiten mit Hirschgeweih übertragen, ohne daß sichergestellt ist, daß es sich bei ihnen immer um ein und denselben Gott handelt und nicht vielmehr um lokale Gottheiten unbekannten Namens.

Es gibt keinerlei Erwähnung oder Beschreibung seiner Symbole, Kultpraxis oder Attribute in schriftlichen römischen Quellen, so daß bei diesem Gott viel (moderne) Interpretation im Spiel ist. So ist die Verwendung des Namens „Cernunnos“ für alle gallischen Geweihgottheiten an sich schon fragwürdig.

Cernunnos trägt auf seinen Darstellungen ein Hirschgeweih oder hat zuweilen sogar einen vollständigen Hirschkopf. Meist sitzt er in ruhiger, geradezu an eine Meditationshaltung erinnernde Pose und ist von Tieren umgeben. In den bekannten Darstellungen trägt er oft ebenfalls einen eng anliegenden Halsreif. In der Gundestrop-Darstellung hält er zudem eine Schlange in der linken Hand und einen Torque in der rechten. Diese Schlange findet sich in mehreren Darstellungen quer durch den gallischen Raum.

Die Schlange spielt allerdings auch in der römischen Vorstellungswelt eine wichtige Rolle als positives, glücks- und erfolgsverheißendes Symbol und Torques mit Enden in Form von Schlangenköpfen sind aus dem gallo-römischen Raum bekannt, zum Beispiel wurden sie gerne von Legionären getragen.

Daß sich Cernunnos im romanisierten Gallien auch zur Römerzeit noch großer Beliebtheit erfreute, belegen Weihesteine, Brunnenfunde, Figur- und Reliefdarstellungen, die bis in die späte Kaiserzeit hinein populär waren. Auf Inschriften wird er in latinisierter Form Cernenus, Cornunus oder Cornutus genannt, worin sich das lateinische Wort „Cornu“ (Horn) wiederfindet (daß der aus dem luxemburgischen Waldtempel im Alzettetal bekannte Cerunincus etwas mit Cernunnos zu tun hat, ist hingegen unwahrscheinlich).

Anders als bei vielen anderen keltischen Göttern wurde Cernunnos jedoch in keiner Inschrift oder anderen Quelle mit einem römischen Gott im Rahmen der Interpretatio Romana verbunden, was wahrscheinlich auch an seiner tierartigen Form lag – Götter in Tiergestalt waren den Römern generell eher suspekt und auch wenn es diese im multikulturell geprägten Pantheon des Römischen Reichs gab, so gab es für sie keine Entsprechungen in der klassischen römischen Glaubenswelt. Wenn eine Gleichsetzung mit einem römischen Gott erfolgen sollte, wäreSilvanus, als Gott des Waldes und der Waldbewohner, sicher naheliegender als Oceanus, da dessen Zuständigkeiten ähnlich sind – möglicherweise ist auf keltisch-römischen Weihesteinen aus den Alpen, die „Silvanus“ gewidmet sind, Cernunnos (oder eine andere lokale Waldgottheit) gemeint, dies bleibt jedoch reine Spekulation.

Autel_de_Reims

CERNUNNOS MIT MERKUR UND APOLLO, WEIHESTEIN AUS REIMS

Ein Weihestein aus Durocorturum (heute: Reims) zeigt einen sitzenden Cernunnos, der von Apollo und Merkur begleitet wird. Dies, verbunden mit der Tatsache, daß Cernunnos auch auf Münzen abgebildet wurde, wird in einigen Arbeiten dahingehend gedeutet, daß er auch für materiellen Wohlstand steht.

Die Umdeutung eines Wald- und Naturgottes in einen Gott, der Wohlstand, Reichtum und Fülle symbolisiert, ist in der gallo-römischen Tradition gar nicht mal unwahrscheinlich – viele keltische Götter erfuhren bei der Adaption in die römische Götterwelt eine Verschiebungoder eine Verflachung ihrer Bedeutung aufgrund der Identifikation mit spezifischen römischen Göttern und der daraus folgenden Reduzierung ihrer Attribute auf einige Kernfunktionen.

So kann der Aspekt der Natur, des Wildes und des Waldes, die Verfügbarkeit von Dammwild auf dem Speiseplan in waldreichen Regionen wie dem Eifel-Hunsrück-Nahe-Raum, durchaus mit einer Vereinfachung oder Verschiebung in Richtung Fülle und Reichtum in Verbindung gebracht werden. Dies ist jedoch ebenfalls spekulativ, da es keine schriftlichen Textquellen über die tatsächliche Bedeutung des Geweihgottes in römischer Zeit gibt, sondern man sich nur auf Bildquellen und Weiheinschriften stützen kann.

Allen Namensdiskussion zum Trotz: um zum Abschluß auf unseren wohlhabenden Villenbesitzer zurückzukommen – was liegt bei einem erfolgreichen einheimischen Geschäftsmann näher, als einen Gott, der ihm aus der langen Geschichte seiner eigenen Herkunft und Mythologie vertraut ist, in die durchlässige und anpassungsfreudige römische Glaubenswelt zu integrieren und mit einem römischen Gott zu vermischen, zu dem er offenbar eine enge persönliche Verbindung pflegt?

Die Bezeichnung als „Oceanus-Cernunnos“ ist eher symbolisch (bzw. plakativ) zu verstehen, weil „Cernunnos“ natürlich die weithin bekannteste keltische Hirschgottheit ist. Ob es sich tatsächlich um diesen Gott oder einen lokalen gallischen Hirschgott handelt, kann nicht seriös quellengestützt beantwortet werden. Deswegen dient diese Gleichsetzung, die man sowohl (mit Hinweis auf den Vorbehalt) im Museum als auch in  dazugehörigen Arbeiten findet, eher der Veranschaulichung für den Betrachter. „Oceanus-gallische Hirschgottheit“ wäre auch eine zu sperrige Bezeichnung.

Unabhängig davon, ob es sich bei dem dargestellten Gott wirklich um den „klassischen“ Cernunnos handelt oder um einen regionalen Geweihgott – auf jeden Fall stellt dieses Mosaik unseren Augen ein spannendes und anschauliches Beispiel für die Flexibilität der römischen Religion und den gallo-römischen Cultus dar, der in ganz individueller und zwangloser, aber dennoch harmonischer Weise, einheimische keltische Götter mit römischen Göttern vermischen kann.

115_Bad Kreuznach_Salinental

NACH DEM MUSEUM LOCKEN DIE SALINEN!


Reisetipp

Zum Abschluß möchten wir Euch die alte römische Siedlung Bad Kreuznach an der Nahe als Ausflugstipp empfehlen – die Römerhalle mit ihren beiden Mosaiken und den Überresten der gigantischen Luxusvilla ist wirklich sehenswert und für römisch wie keltisch interessierte Besucher gleichermaßen interessant. Die Aufmachung ist vorbildlich und die Präsentation gelungen.

Daneben bietet Bad Kreuznach auch einige weitere Sehenswürdigkeiten neueren Datums, wie die großen Salinen und die mittelalterlichen Brückenhäuser auf der Nahebrücke.

Die Römerhalle in Bad Kreuznach stellen wir Euch in unserer Reihe „Museen und Antike Stätten“ in einem unserer nächsten Artikel genauer vor.


Quinta Albia Corvina


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