Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen   Teil XXVIII

Ein Artikel-Mehrteiler von Mc Claudia, der dem Wissen über die Jahreskreisfeste eine fundierte Basis vermitteln möchte. Viel Recherche, persönliches Engagement und Arbeit, wofür wir der Autorin herzlich danken!

Walpurgisnacht, Maifest und Beltaine

Für den inselkeltischen und britischen Raum kann man sicher annehmen, dass das heidnische Beltaine-Fest heutige Maifeste beeinflusst hat. Aber auch germanische (angelsächsische, wikingische, normannische) und spätere christliche oder auch säkulare (Tag der Arbeit) Einflüsse sind anzunehmen. Beltaine hatte für den Rest Europas keine Bedeutung.

Dass wir am 1. Mai überhaupt einen Feiertag haben, verdanken wir erst einmal der US-Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1886. Am 1. Mai dieses Jahres streikten nämlich die Arbeiter/innen in Chicago für gerechtere Arbeitszeiten (Haymarket Riot). Der 1. Mai wurde auf diese Weise zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse und im Laufe der Zeit in den verschiedensten Staaten der Welt zu einem gesetzlichen Feiertag – auch in Österreich und Deutschland (im Jahre 1919).

Aber es gab auch schon vor dem „Tag der Arbeit“ (der Tag davor ist seit Kurzem zum „Tag der Arbeitslosen“ avanciert) zahlreiche Feierlichkeiten und Bräuche zum 1. Mai. Liebe, Frühlingsgefühle und die Fruchtbarkeit der Natur werden mit allerlei „heidnischen“ Bräuchen gefeiert. Dazu gehört das Aufstellen des Maibaums, der Bändertanz darum, das Erklettern desselben, das Stehlen (und Verhindern von Diebstahl) des Baums, die Wahl einer Maikönigin oder eines Maikönigspaares, diverse Liebes- und Anbandelbräuche, spezielle Getränke (Maibowle, Maibock), Schützenumzüge, Wallfahrten, Fahrzeugsegnungen etc. Kirchlich gesehen ist der Mai der Maria gewidmet und traditionell gibt es in diesem Monat viele Marienandachten.

Die erste Erwähnung eines Maibaums gibt es aus dem Jahre 1225 aus Aachen, wo die Bürger/innen einen Maibaum aufstellten und darum tanzten. Der Pfarrer sei darüber aber nicht erfreut gewesen und hätte den Maibaum mit einer Axt gefällt (und sich dabei sogar verletzt). Der Vogt aber hielt nichts von der Prüderie des Pfarrers und ließ einen noch größeren Maibaum aufstellen. Diese Erwähnung soll vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach stammen, der auch auf vorchristliche germanische Bräuche des Tanzes um ein Götzenbild, einen Hammel und einen Maibaum hinweist. Wenn der Mönch Recht hat, so haben wir hier einen Hinweis darauf, dass der Maibaum eine germanische Erfindung ist. (Allerdings bleibt offen, an welchem Datum genau die vorchristlichen Germanen im deutschen Gebiet den Maibaum aufstellten, da man ja auch hier von einem nicht-julianischen Kalender ausgehen muss.) So abwegig scheint es jedenfalls nicht, denn viele germanisch besiedelten Gebiete kennen diesen Brauch. Sogar in Irland, wo in vor-wikingischer Zeit keine Rede von Maibäumen ist, gibt es diesen Brauch in der heutigen Zeit. Das einzige germanische Maifest, das ich ausmachen konnte, ist das Sigrblot in Skandinavien. Aber auf dieses wird nicht näher eingegangen. Ob also das norwegische Sigrblot mit einem Maibaum gefeiert wurde, bleibt Spekulation. Noch komplizierter wird die Sache, wenn man bedenkt, dass der „Maibaum“ in Schweden ein Sonnwendbaum ist und Majstången (das „Maj“ heißt hier „Blumenschmuck“) heißt. Einen Maibaum am 1. Mai gibt es in Schweden meines Wissens aber nicht.

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf das Maifest hat die katholische Heilige Walpurgis oder Walburga aus dem 8. Jhdt., deren heiliger Tag der 1. Mai ist. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht von 30. April auf den 1. Mai, sollen laut Volksglauben die Hexen umgehen, auf den Brocken im Harzgebirge (und auf andere Berge) fliegen und dort ihren Hexensabbat feiern. Dieser Glaube dürfte seinen Ursprung im 15./16. Jhdt. haben, also mit Beginn der europäischen Hexenverfolgungen. Diese könnten auch für den Brauch verantwortlich sein, in der Walpurgisnacht symbolische Hexenverbrennungen durchzuführen, wobei eine Puppe verbrannt wird. Es kann sich aber auch um das symbolische Austreiben böser Geister handeln, um so Platz für den Wonnemonat Mai zu machen. Ob das römische Floralia-Fest ebenfalls Einfluss auf unser heutiges Maifest hat, entzieht sich meiner Kenntnis.


Johannistag und Litha

Die Sonnwendfeuer und -feiern heutzutage finden für gewöhnlich nicht am 21. Juni statt sondern drei Tage später, am 24. Juni. Dies ist der Tag, der Johannes dem Täufer geweiht ist. Der Grund hierfür liegt im Evangelium. In Lukas 1,26 wird berichtet, dass Johannes sechs Monate vor Jesus geboren wurde. Nachdem man also Christi Geburt auf den 25. Dezember festgelegt hatte, rechnete man ein halbes Jahr nach vorn und hatte den Geburtstag von Johannes. Die Feststellung im Johannesevangelium (3,30), dass Johannes der Täufer abnehmen müsse, Jesus aber wachsen, wird mit Weihnachten und dem Johannestag an den Sonnenwenden wunderbar im Kirchenjahr symbolisiert. Laut Wikipedia ist das erste Johannisfeuer im 12. Jhdt. belegt.

Soviel zum christlichen Ursprung. Einen Hinweis auf christliche Festübernahme einer Sonnwendfeier fand ich beim hl. Eligius aus dem 7. Jhdt. Während seiner Missionsarbeit im germanisch besiedelten Flandern soll er laut einer Vita gegen die dortigen heidnischen Bräuche gewettert haben: „Kein Christ feiert die Sonnenwende mit Tänzen oder Sprüngen oder teuflischen Gesängen am Fest des hl. Johannes oder am Festtag eines anderen Heiligen.“ Dieser Hinweis, die heutige Beliebtheit von Sonnwendbräuchen in ehemals germanisch besiedelten Gebieten, vielleicht das schwedische Midsommar sowie das Althing in Island machen es wahrscheinlich, dass die Sommersonnenwende von vorchristlichen Germanen gefeiert wurde. Der neuheidnische Begriff Litha ist allerdings kein Hinweis auf Sonnwendfeiern, da er nur die angelsächsischen Sommermonate bezeichnete aber keine Feier dazu angegeben ist.

Auch die Feiern der Sommersonnenwende bei Slawen und Balten, die dort eine große Wichtigkeit haben, können heutiges Brauchtum beeinflusst haben. Vor allem für Österreich ist fraglich, welcher heidnische Einfluss für die Johannisfeiern in Frage kommt: Möglich wären sowohl germanische als auch slawische Einflüsse.


Petri Kettenfeier, Mariae Himmelfahrt und Lugnasad

Das altirische Lugnasad-Fest hat im heutigen Festkalender der britischen Inseln seine Spuren hinterlassen. Im keltischen Gürtel gibt es Ende Juli/Anfang August zahlreiche Feste und Bräuche, die Rückschlüsse auf das heidnische Lugnasadfest zulassen (Puck Fair, Garland Sunday, Pardon of Ste Anne, St. Margaret’s Fair, Morvah Feast, …), und in Großbritannien ist an diesem Datum das Lammas-Fest (Brotlaibmesse) angesiedelt. (Siehe auch das Kapitel über die Kelten.)

Das christliche Fest, das auf den 1. August fällt, nennt sich Petri Kettenfeier (auch St. Peter in Ketten oder St. Peter ad Vincula). Es geht darum, dass der hl. Petrus durch Herodes Agrippa I. in Jerusalem festgenommen und in Ketten gelegt wurde. (Laut Mythos wurde er aber von einem Engel befreit.) Diese Ketten wurden auf wundersame Weise gefunden und kann man heute in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom besichtigen. Diese Kirche wurde am 1. August im 5. Jhdt. geweiht, daher auch das Festdatum. (Ob man dabei Anleihen beim heidnisch-römischen Fest der Spes (Hoffnung) und Victoria (Sieg) genommen hat, das am 1. August gefeiert wurde, ist bedenkenswert.) In Österreich hat dieses Fest keine Bedeutung, und 1960 wurde es (aus welchen Gründen immer) aus dem katholischen Kalender gestrichen.

Im August selbst gibt es außerdem zahlreiche Marienfeiertage, wobei der bekannteste Mariae Himmelfahrt am 15. August ist. Vom 15. August bis 12. September (Mariae Namen) wird auch manchmal der „Frauendreißiger“ begangen, eine Zeit des Kräutersammelns und der beginnenden Erntedankfeste. Laut Mythos ist Maria am 15. August in den Himmel aufgefahren und zur Himmelskönigin gekrönt worden. Das Fest am 15. August ist ca. ab dem 6. Jhdt. (auch für Gallien (Frankreich)) erwiesen, wobei die östlichen Kirchen am selben Datum feierten wie die katholische Kirche. Festgeschrieben hat dieses Fest Bischof Kyrill von Alexandria im 5. Jhdt. auf Basis verschiedener Hinweise in der Apokalypse und auch in apokryphen Schriften. In Wikipedia fand ich den Hinweis, dass der 15. August ein heidnisches Fest zu Ehren der Astraea (Sternengöttin) gewesen sein soll, die an diesem Datum in den Himmel (im Sternbild Jungfrau) versetzt worden sein soll. Ich habe dazu aber keine anderen Quellen gefunden.

Die frühe Etablierung der christlichen Feste Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt macht einen Zusammenhang mit dem Lugnasad-Fest unwahrscheinlich. Es handelt sich hier eher um zwei verschiedene Festtraditionen, wobei die christlichen Versionen des Lugnasad/Lammas-Festes auf die britischen Inseln beschränkt blieben. Konkrete heidnische Vorgänger für Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt konnte ich nicht ausmachen. (Das litauische Žolines-Fest am 15. August scheint mir eher eine neuheidnische Adaption des christlichen Festes zu sein.)


Mauritius, Erntedank und Mabon

Mabon ist als Fest ja eine neuheidnische Erfindung, wie wir im Kapitel über die Festtagsnamen des achtfachen Jahres gesehen haben. Bei den Germanen ist genau an diesem Datum kein Fest überliefert, bei den Römern gibt es nur ein unbedeutendes Fest zu Ehren verschiedener Gottheiten, und das litauische Dagotuvés-Fest, das mit 21. September wiedergegeben wird, ist datumsmäßig auch nicht so gesichert (da es ja auch ein Monddatum sein könnte). Auch im katholischen Jahreskreis hat der Herbstbeginn keine besondere Bedeutung. (Natürlich gibt es auch am 22. und 23. September eine Menge Namenstage, aber keiner davon hat jetzt herausragende, pankatholische Bedeutung.) Von allen vier Sonnendaten ist also der Herbstbeginn das unwichtigste Datum.

Der bedeutendste Heilige, der am 22. September seinen Festtag hat (an dem er laut Legende starb), ist der heilige Mauritius aus Ägypten. Er war im Jahre 290 n. Chr. Anführer der thebäischen Legion unter der Herrschaft von Kaiser Maximian. Seine Legion erhielt den Befehl, über die Alpen zu ziehen und Christen zu verfolgen. Bei Agaunum (heute St. Maurice in Wallis/Schweiz) meuterten Mauritius und die christlichen Soldaten, da sie sich weigerten, den Befehl auszuführen. Daraufhin ließ Maximian mehrmals die Legion dezimieren und die Flüchtenden ebenfalls hinrichten. Mauritius und andere christliche Legionäre fielen der Dezimierung zum Opfer und wurden so zu Märtyrern. Ein Hinweis, dass der hl. Mauritius etwas mit dem Herbst und der Ernte zu tun haben könnte, liegt vielleicht in seiner Darstellung als dunkelhäutiger Afrikaner (analog zum Beginn der dunklen Jahreszeit – das bitte nicht rassistisch zu verstehen!) und darin, dass er unter anderem Schutzpatron des Weinbaus ist. Für Österreich hat die Verehrung des Mauritius keine Bedeutung.

Wenn man das Datum des Herbstäquinoktiums weitgehend außer Acht lässt, eröffnen sich natürlich eine Fülle von Erntedankfesten, die je nach Art des Ernteguts und der Örtlichkeit von August bis in den Oktober angesetzt sind. Auch in Österreich gibt es verschiedene Daten für das Erntedankfest, oft begleitet von Kirtagen und Jahrmärkten (siehe Anhang). Erntedankfeste aller Art finden wir natürlich auch bei den heidnischen Vorfahr/innen: Bei den Germanen das Fest der Tamfana und der angelsächsische Halig-Monath, bei den Slawen das Erntefest zu Ehren des Svantevit und in Litauen das Dagotuvés-Fest. Auch die großen Eleusinischen Mysterien aus Griechenland gehören dazu. Die Erntefeste der Römer sind im August angesiedelt, im alten Irland feierte man die Ernte zu Lugnasad und Erntedank zu Samain. Auch die nordischen Germanen dürften ihr Erntedankfest mit dem Winterbeginn (Ende Oktober) angesetzt haben.

Welches heidnische Erntedankfest für das heutige, christliche Erntedankfest Pate gestanden ist, und ob es überhaupt ein bestimmtes Fest war, konnte ich nicht herausfinden. Laut Kath.net und Wikipedia sind christliche Erntedankfeste seit dem 3. Jhdt. n. Chr. erwiesen. Natürlich kann auch das jüdische Erntedankfest Sukkot („Laubhüttenfest“ im Sept./Okt.) als Inspiration für die christlichen Erntedankfeiern gedient haben.


Allerheiligen, Allerseelen und Samain

Die Wichtigkeit des Samain-Festes im alten Irland und das daraus entstandene Halloween-Fest wurden bereits im Kapitel über die Kelten behandelt. Das heutige Halloween und das heutige inselkeltische Samhain haben eindeutige Wurzeln im altirischen Neujahrsfest Samain. Wenn man aber von der weltweiten Halloween-Verbreitung in den letzten 15 Jahren absieht, ist dieses Fest nur für den inselkeltisch beeinflussten Raum, also die britischen Inseln (und später die USA) belegt.

Woher kommen aber die wichtigen katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen? Fakt ist, dass die Totensymbolik von Allerseelen in das heutige Halloween-Fest Einzug gehalten hat. (Das altirische Samain-Fest war in erster Linie eine große Volksversammlung mit Erntedankcharakter und von politischer Wichtigkeit. Von bösen Geistern und Totengedenken ist da kaum die Rede.)

Das Allerheiligenfest nimmt seinen Beginn in einem Problem, das für gewöhnlich nur wir Polytheist/innen haben: Bei einer Unzahl von Gottheiten (bzw. Heiligen) wird es irgendwann einmal unmöglich, allen gleichermaßen gebührend Respekt zu erweisen. In Rom hat man deswegen in heidnischer Zeit den noch heute erhaltenen Tempel für alle Gottheiten errichtet – das berühmte Pantheon (mit der weltweit größten Steinkuppel).

Die Ostkirchen haben auf dieses Problem als erstes reagiert und am Beginn des 4. Jhdts. ein Allerheiligenfest eingerichtet, und zwar am ersten Sonntag nach Pfingsten. Anfang des 7. Jhdts. hat die katholische Kirche nachgezogen, und Papst Bonifatius IV. machte aus dem heidnischen Pantheon eine christliche Kirche für „Maria und alle Märtyrer“. Dazu ordnete er ein Jahresfest für Freitag nach Ostern an. Papst Gregor III. verlegte das Fest hundert Jahre später, im 8. Jhdt., auf den 1. November, wobei er eine Kapelle in der Peterskirche allen Heiligen weihte. Im 9. Jhdt. war dieses Fest dann in der katholischen Kirche etabliert. Einen spezifisch christlichen Grund für das Datum konnte ich nicht finden. Zwar hätte es einige heidnische Vorbilder für das Festdatum gegeben, einerseits von christianisierten Kulturen, wie die der Römer (Ahnenfest Mania), der Inselkelten (Jahresbeginn Samain) und der meisten Germanen (Blot-Monath bei den Angelsachsen) andererseits von den noch heidnischen Kulturen, wie die der Wikinger (Dísablót, Álfablót), der Slawen (Mokosh-Fest) und der Balten (Velinës-Ahnenfest). Aber ich fand keinen Hinweis darauf, dass eines dieser Feste als Inspiration für Gregor III. gedient haben könnte. Es bleibt daher offen, ob das Allerheiligenfest heidnischen Ursprungs ist.

Dasselbe gilt für das Allerseelenfest am 2. November, das im Jahre 998 von Abt Odilo von Cluny für die dortigen Klöster festlegt wurde. Es dauerte nicht lange, und der Allerseelentag wurde in der ganzen katholischen Kirche gefeiert. Der Sinn des Allerseelenfestes liegt in der Vorstellung des Fegefeuers. Dort sollen nach katholischem Mythos die Seelen der Verstorbenen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts verharren und geläutert werden. Hilfe erhalten sie von den lebenden Angehörigen und ihren Gebeten.


Ende Teil XXVIII


Mc Claudia


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