Betreut von Anufa
DrachenSabber
Kreise, die heilen   Teil II

Homo Magi hat uns einen seiner Artikel zur Verfügung gestellt, in dem er ein paar Taschenlampen auf Aufstellungsarbeit richtet.

Der zweite Tag

Am zweiten Tag stellte ich fest, dass viele andere mitschreiben, was in den Aufstellungen passiert – aber in Sicht war niemand außer mir, der die zwischendrin gegebenen Infos des eigentlich Fortbildenden aufschrieb. Das war aber wohl auch nicht das Thema: Die Aufmerksamkeit richtete sich auf den Referenten; so, als würde einen die reine Reproduktion von Äußerlichkeiten (z.B. Nachtrommeln und Nachsingen) einen qualifizieren, den schamanischen Teil des Rituals durchzuführen.

Nach einer kurzen Einführung gab es eine Verkaufsinformation von Daan zum Büchertisch; nachher könne man sich seine Käufe auch signieren lassen.

Inhaltlich begann es wieder mit einer Runde des kreisenden Spiegels, bevor wir Aufstellung Nummer 6 begannen. Ärgerlich war hier für mein Gefühl von Ritualen, dass durch das weiterhin stattfindende, nervende Zuspätkommen nicht einmal alle Anwesenden Teil der Ritualrunde waren. Ich halte das für eine Nicht-Respektierung des magischen und heiligen Rahmens eines solchen Rituals; außerdem glaube ich überhaupt, dass Kokettiererei der falsche Umgang mit Schamanen ist.

Inhaltlich ging es um einen Sohn, welcher der „Internet-Sucht“ verfallen ist. Daans Deutung war interessant: Unsere Seele und unser Verstand sind noch nicht weit genug dafür, das Internet mit allen seinen Begleiterscheinungen liefert neue Probleme, mit denen wir den Umgang noch nicht gelernt haben. Bei dieser Aufstellung war Kokettiererei auch auf anderer Ebene ein Thema: Es ging um die leidige Frage, wie schlecht man Englisch reden kann. Eine sehr gute Übersetzerin war anwesend, trotzdem mussten einige Teilnehmer in gruseligem Pseudo-Englisch ihre Kommentare abgeben. Das führte soweit, dass Daan mit einem „Du kannst Deutsch reden“ dazwischen ging. Genützt hat es wenig.

Lustig war die Szene, in der ein Mann seine Gefühle mit dem Satz „Meine Augen schwitzen“ umschrieb, um nicht zugeben zu müssen, dass er weint. Kannte ich noch nicht.

Gefragt, warum er den Farbkreis nicht eingesetzt habe, meinte Daan, dass er immer ankündigt, wenn er diesen einsetzt. Nach einer Runde mit der Rassel ging es dann zur siebten Aufstellung. Als wäre der Hinweis auf den Kreis die Vorbereitung gewesen, ging es nun um eine Arbeit mit dem farbigen Kreis. Der Norden stellt den Winter dar, der Osten den Frühling, dann der Süden mit dem Sommer und der Westen mit dem Herbst. Für Daan steht dann der Norden für die Ahnen, der Osten für die Geburt, der Süden für das Leben und der Westen für den Tod.

Das Thema waren diese Mal Kriegstote, die in einer Familie noch präsent sind. Und ich durfte den Urahn spielen. An dieser Stelle war ich ausgesprochen dankbar dafür, dass ich vor wenigen Wochen am Grab meines gefallenen Großvaters war. Mein Leben ist (zumindest ganz sicher, was das betrifft) im Reinen, von daher war ich gegen die vielen hysterischen Szenen gewappnet. Es gab Frauen, die wirklich hysterisch schluchzten, schrien und sich vor Krämpfen schüttelten.

Ist ein Pseudo-Kraftgewinn ein Kraftgewinn? Nein. Wer stark in ein Ritual geht und stark daraus hervor geht, der hat wahrscheinlich etwas gelernt – und sei es nur, zu wissen, wie stark er ist. Wer sich im Ritual absichtlich schwach und weinerlich gibt, um dann (wenig überraschend) geheilt oder besänftigt zu werden, der hat nichts gelernt, weil er nicht in der Lage war, in seine Stärke und mit seiner Stärke zu gehen. All jene Teilnehmenden (okay, es waren nur Teilnehmerinnen), die hier zum Teil sehr theatralisch gelitten haben, gehören für mich zu jenen Pseudo-Lernern.

Nach einer weiteren Pause lieferte Daan einen Vortrag über Tod und Übergang nach, sozusagen im Nachgang der Aufstellung eben. Und dann sahen wir uns übergangslos in eine zweistündige Mittagspause entlassen.

Nach dem Essen begann Daan mit einer Trommelrunde, bevor wir die achte Aufstellung begannen. Hier begann Daan mit der Mischung von realen Figuren (Vater) mit Kräften (Bär). Es ging um eine Konstellation Vater – Tochter und Ehemann. Schon bei der Aufstellung kam es zu krassen Gefühlsäußerungen. Schlimmer waren für mich nicht jene, die bei der Aufstellung mitgewirkt haben, sondern die paar Psycho-Vampire oder Psycho-Touristen, die mit weit aufgerissenen Augen jede Gefühlsregung, jede Träne, jedes verzerrte Gesicht am liebsten mit spitzer Zunge vom Gesicht ablecken wollten, um es nachzuempfinden. Fremder Schmerz, fremde salzige Tränen, fremde Schreie in sich aufsaugend, um damit die eigene Leere zu füllen.

Daan nannte die Technik des „voice-dialog“, um sich auf schamanischen Reisen anderen mitteilen zu können. Als er dann den Begriff der „Gestalt“ nutzte, den ich aus ganz anderen Zusammenhängen kenne, hatte er mich dann endgültig verloren. Der Hinweis auf den Fachbegriff „mein inneres Team“ aus dem Publikum half mir dann ein wenig weiter.[1]

Die neunte (und letzte) Aufstellung beschäftigte sich mit Trennung und deren Verarbeitung. Danach wurde getrommelt und es gab eine (letzte) Pause.

Das große Ritual zum Schluss nannte sich „Die vier Arten der Liebe“ und wurde im Kreis dargestellt. Als Kraft wurden im Inneren zwei ausgestopfte Kolibris („Großeltern Kolibris“) hinterlegt, die Daan mit einem Freund zusammen bei einer Museumsauflösung erworben hatte.

Jedes Segment des Kreises, jedes Viertel also beschreibt in dieser Konstellation laut Daan eine andere Art der Liebe. Die Kolibris in der Mitte waren eine Art nicht-enden-wollende Quelle der Kraft. Der Außenkreis, also die Fläche um den Kreis herum, war der „Ort der Erkundigung“. Der Osten stellte den Fokus der Liebe dar („Raubvogel“ war Daans Stichwort dafür), die Liebe für den anderen, die spezielle Liebe. Der Süden stellte die Fülle dar, die Liebe durch Sinneswahrnehmungen. Der Westen war die Dunkelheit, die wir sehen, wenn wir die Augen schließen. Eine innere Welt, die Selbstliebe. Der Norden stellte die universelle Liebe dar, die durch Wesen wie Buddha und Jesus symbolisiert wird; der Norden stand auch für die Liebe zu Gott. In der Mitte waren die Kolibris als Kraftquelle in der Aufstellung durch vier Menschen symbolisiert, die jeder einen Aspekt darstellten. Der Tausch war erlaubt, und so wurde ich nach wenigen Augenblicken von der Person für die universelle Liebe ausgetauscht. Den Rest des Rituals verbrachte ich damit, als Liebesschenker für Menschen zu dienen, die an meinen Händen weinten, glücklich strahlten oder es einfach nur mit geschlossenen Augen genossen. Es war wirklich Energie unterwegs, die da floss.

Man Ich löste sich mich nur ungern aus diesem Ritual. In einem Schlussritual stellten sich alle in einen großen Kreis (das erste Mal überhaupt, das wir alle in einem Kreis standen). Zur Ritualeröffnung machten wir alle einen kleinen Schritt nach innen. Dann sollten die Kräfte wirken. Wir sollten dann in die Runde winken, was alle auch taten, und einen Schritt nach außen zurückkehren. Damit war der zweite Tag und die gesamte Fortbildung vorbei.


Was hat es mir gebracht?

Erstens: Ich war völlig überrascht von der Menge an Energie, die an einigen Stellen im Raum unterwegs war. Ganz ehrlich: ich war schon bei offiziellen „heidnischen Ritualen“, wo bei mehr Teilnehmenden weniger „los war“ als bei Daan in einigen seiner Aufstellungen.

Zweitens: Ich habe gelernt, dass ich viele Dinge in Bezug auf meine Familie und meine Freundschaften richtig gemacht habe. Eine Menge Menschen haben hier Verletzungen oder Ängste oder Unsicherheiten an Stellen, die ich für mich mit mir geklärt habe. Es tat gut, das bestätigt zu bekommen – und ebenso gut tat es, ein wenig von der eigenen Sicherheit weiterzugeben.

Drittens: Nicht alle pädagogischen Ansätze, die ich für „schmutzig“ halte (so wie Hellinger und seine Familienaufstellung) müssen es für immer bleiben. Aber das habe ich im Heidentum und in der Magie schon länger immer wieder diskutiert, von daher war der Transfer interessant, wie das in einem Thema funktioniert, das mich „professionell“ betrifft.


Anmerkungen

Gefehlt hat mir pädagogisch der Hinweis darauf, dass alle Informationen über die privaten Hintergründe der Aufstellungen vertraulich bleiben. Verwundert war ich darüber, dass es keine Verweigerer für eine Aufstellung gab. Meiner Ansicht nach gibt es in einer gesunden Gruppe immer Verweigerer … aber das fand hier nicht statt. Noch viel ärgerlicher war, dass es überhaupt keine Nachbereitung für die Aufstellungen gab. In mindestens einem Falle (siehe oben) wäre das meiner Ansicht nach dringend nötig gewesen. Zum Thema der Nachreisenden habe ich mich schon mehrfach geäußert; ich halte das ebenso für pädagogisch unmöglich.

Eine Teilnehmenden-Liste hätte mich auch gefreut – und sei es nur eine, bei der man entscheiden kann, ob man drauf steht.

Und die Fortbildung an sich hatte keine Rückmeldeoption – man konnte an keiner Stelle einen Bogen ausfüllen oder etwas zurückmelden. Überhaupt … der Charakter der Veranstaltung war nicht einmal ein Zwitter zwischen Fortbildung und Seminar, sondern es war sicher keine Fortbildung. Interessant war es trotzdem, aber …


[1] Ich sage mal inhaltlich nichts dazu und verweise nur auf http://de.wikipedia.org/wiki/Inneres_Team (27.05.2014).

Homo Magi


Irab – schau owa!     Anufa, 21.01.2017
Drachenrülpser     Roadman, 10.09.2016
Auch ein Blickwinkel …     Roadman, 11.06.2016
Licht in zwei Variationen …     Roadman, 02.04.2016
Was Mensch sich so vorstellt - oder auch nicht ...     Roadman, 05.03.2016
Das Kleingedruckte     Roadman, 23.01.2016
Das Gequatsche vom Loslassen…?!     Stefan, 21.11.2015
Wie ein Elefant das Fürchten lernte, oder: Das weniger bekannte Elefantengleichnis     Myriad Hallaug Lokadís, 03.10.2015
Weltheilung     Roadman, 26.09.2015
Schwitzhütten     Roadman, 25.07.2015
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil III     Christine Salopek, 13.12.2014
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil II     Christine Salopek, 01.11.2014
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil I     Christine Salopek, 18.10.2014
Kreise, die heilen - Teil II     Homo Magi, 02.08.2014
Kreise, die heilen - Teil I     Homo Magi, 12.07.2014
Dann bist` halt enfreundet ...     Dreamdancer & Anufa, 01.03.2014
Vom Umgang mit Warp-Antrieben und Einhornfürzen     Anufa, 21.09.2013
Süßes Gift     Sat-Ma’at, 20.04.2013
Eine sehr verkürzte Geschichte des britischen Heidentums - Teil II     Jack Dark, 19.01.2013
Eine sehr verkürzte Geschichte des britischen Heidentums - Teil I     Jack Dark, 01.12.2012
Piep, piep, piep - wir ha´m uns alle lieeeeb!     Anufa, 15.09.2012
Vorsicht Kanalarbeiter!     Martin Marheinecke, 11.02.2012
Das Märchen von der Ziegenherde     Volkmar Kuhnle, 12.11.2011
Lichtwesen und Schattenwerfer     Dreamdancer, 11.06.2011
Vergesst den 21. Dezember 2012 - Teil II     Martin Marheinecke, 05.03.2011
Vergesst den 21. Dezember 2012 - Teil I     Martin Marheinecke, 26.02.2011
Alle Jahre wieder ...     Anufa, 13.11.2010
Trügerisches Vorbild     Anufa, 07.08.2010
Es walpurgisnachtet     Shina Edea, 29.05.2010
In der Grippe lag das Kind... oder doch eher "mit"     Leisi, 23.01.2010
Satire oder doch fast Realität?     Eidechse & Anufa, 20.06.2009
Ist Gott überall?     Troubleshooter, 22.11.2008
Fritzi Möhrensaugers, vulgo Ruamzuzler, Abenteuer im „ländlichen Raum“ - Teil II     Merlin, 02.08.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil III     Troubleshooter, 26.04.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil II     Troubleshooter, 12.04.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil I     Troubleshooter, 05.04.2008
Fritzi Möhrensaugers, vulgo Ruamzuzler, Abenteuer im „ländlichen Raum“     Merlin, 26.01.2008
Zeit? Bloss so Zeit?     Rivka, 23.06.2007
Besinnlichkeit – und zur Besinnung kommen     Gwynnin, 23.12.2006
Die Herbergssuche     Gwynnin, 13.05.2006
„Intelligent Design” – zurück ins Mittelalter?     Gwynnin, 07.01.2006
Wicca, Lifestyle-Zeitschriften und Markenschutz - Teil II     Gwynnin, 02.07.2005
Wicca, Lifestyle-Zeitschriften und Markenschutz - Teil I     Gwynnin, 11.06.2005
Ein göttliches Gespräch     Gwynnin, 12.02.2005
Wassermann-Eintopf     Gwynnin, 13.11.2004
13 Möglichkeiten wie du in Foren an Informationen kommst ...     Anufa, 24.07.2004
Bilsenkraut und Krötenschleim - Hexen im TV     Gwynnin, 13.03.2004
Der Gehörnte ...     Freyjatru, 31.01.2004
Eine neue Droge greift um sich!     Anonym, 24.01.2004
Die Geheimlehre der Wunderwuzzis     Freyjatru, 12.07.2003
Ein Leserbrief     Perduíl, 26.04.2003
Mitschrift einer Online-Initiation     Raven Gilmartin, 01.03.2003
Yule und die Hintergründe     Anufa, 21.12.2002
Ode an das Kräuterkistl     LadyPurple, 12.10.2002
Soso, du willst also eine Hexe werden?     Gwynnin, 24.08.2002
Achtung Kommerzhexen: Konkurrenz!     Gwynnin, 20.07.2002
Supermarkt des Lebens     Anufa, 01.06.2002
Die Mächte der Finsternis     Gwynnin, 16.04.2002
Eine Chance vertan?     Gwynnin, 15.02.2002
Ein Tag im Leben einer Hexe     Gwynnin, 05.11.2001
Online-Hexenschulen     Gwynnin, 19.10.2001



               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017