Betreut von Anufa
DrachenSabber
Kreise, die heilen   Teil I

Homo Magi hat uns einen seiner Artikel zur Verfügung gestellt, in dem er ein paar Taschenlampen auf Aufstellungsarbeit richtet.

Der organisatorische Rahmen

Zwei Tage begab ich mich in eine Fortbildung zum Thema „Kreise, die heilen“ – eine Arbeit mit systemischen Ritualen mit Daan van Kampenhout.

Der organisatorische Rahmen ist schnell erklärt: zwei Tage; am ersten Tag neun Stunden inklusive zwei Stunden Pause, am zweiten Tag acht Stunden inklusive zwei Stunden Pause.

Die Räumlichkeiten waren nicht optimal. Man wünscht sich genügend Platz für einen Stuhlkreis oder Ring für die etwa 70 TN, aber das ist wohl zu viel verlangt. Das „esoterische Handtuchwerfen“, das Freihalten von Plätzen nahe am „Meister“ führte zu für mich nervigen Szenen, weil ich weiß, dass man das anders (und besser) organisieren kann. Wenn man dann selbst noch in der dritten Reihe sitzt, weil der Raum nicht einmal für einen durchgehenden zweiten Kreis groß genug war, dann fühlte man sich manchmal mehr als Zuschauer, denn als Beteiligter. Gefreut hätte es mich, wenn die Veranstaltung eine Art „lounge“ besessen hätte. So zerstreute man sich zum Essen oder in den Pausen durch die zwei entgegengesetzten Eingänge. Und für mein Gefühl waren es zu wenige (Damen-)Toiletten für eine Veranstaltung dieser Größe.

Die Verpflegung war gut; überrascht war ich vom Angebot von Ingwerwasser und drei Sorten Milch (aber keine davon „normale Milch“).

Die Übersetzerin war sehr bemüht, aber im Verlauf der Fortbildung gab es immer wieder (ärgerliche) Szenen, wenn Deutsche meinten, sie müssten mit dem holländischen Lehrer auf Englisch reden, um ihr Schulenglisch zu präsentieren, während selbst Daan nicht verstand, was sie wollten – und gleichzeitig viele im Publikum um eine Übersetzung bitten mussten, weil sie gar kein Englisch sprechen.

Und noch etwas: Gefreut hätte ich mich eingangs über ein Handy-Verbot. Einige Handys klingelten während der Veranstaltungen; so etwas kann man kontrollieren, wenn man es von Anfang an unterbindet. Später wies Daan darauf hin, aber da waren die Störungen schon geschehen.


Begrüßung und Vorstellungsrunde

Der Duz-Zwang, mit dem man gleich zur Begrüßung empfangen wurde, hielt sich durch. Da wir alle Namensschilder trugen, war es auch nicht schwer, das durchzuhalten … auch wenn man meistens überhaupt nicht mit dem Namen angesprochen wurde. Irgendwie vermied man das Schielen auf die Namensschilder fast schon peinlich berührt, so dass bis zum Ende kaum jemand meinen Namen aussprechen musste oder durfte.

Gefühlt waren 80 % der Teilnehmenden Frauen. Ob das daran liegt, dass das Thema nur oder eher Frauen anspricht oder ob Daan als „little gay boy“ (seine Wortwahl) da eher anziehend wirkt – ich weiß es nicht. In einer Vorstellungsrunde am ersten Tag, bei der man eigentlich nur seinen Vornamen sagte, waren von 70 Personen 10 männlich (plus der Referent). Etwa die Hälfte aller Teilnehmenden war zum ersten Mal zu einer solchen Veranstaltung mit Daan angereist. Am zweiten Tag waren noch 68 Teilnehmende da; von diesen einige Neuankömmlinge, die von der bisherigen Arbeit nichts mitbekommen hatten. Der Männeranteil sank am zweiten Tag auf 8 Männer.

Einige Teilnehmende waren am zweiten Tag nicht wiedergekommen, andere waren neu dazugekommen. Sehr störend war, dass bis zum Vormittag des zweiten Tages neue Teilnehmende anreisten, die völlig unverfroren in eine Aufstellung reinplatzten und den Ablauf oder auch mal eine Meditation störten. Eine Gruppe, die auf einer Fortbildung von zwei Tagen nicht konsistent bleibt, lernt nicht gemeinsam. Witze und kurze Anspielungen, die wir am ersten Tag gemeinsam „gelernt“ hatten, funktionierten am zweiten Tag nicht mehr.


Zum Programm

Das Programm war sehr anspruchsvoll. Nach einer Einführung am ersten Tag ging es nach einer kurzen Teepause gleich in die erste Aufstellung, der noch vor der Mittagspause eine zweite Aufstellung folgte. Nachmittags dann noch einmal drei Aufstellungen und der Tag war vorbei.

Am zweiten Tag gab es eine kurze Einführung, dann zwei Aufstellungen bis zur Mittagspause, zwei weitere Aufstellungen nachmittags und nach einer letzten Pause ein gemeinsames Ritual und ein Abschlussritual.


Theoretisches

Am Anfang gab es einen kurzen Theorieteil. Laut Daan haben seine „systemic rituals“ zwei Pfeiler. Der erste ist der Schamanismus. Er selbst hatte mit 18 Jahren Malaria und ist daran fast gestorben. In der Folgezeit spürte er eine „Traumveränderung“. Als er Jahre später ein Buch über Schamanismus las, fühlte er, dass das für ihn passte. Schamanismus ist für ihn ein „way of living“, der mit Kommunikation zu tun hat – der Kommunikation mit Menschen, Pflanzen, eigenen und anderen Seelen („spirits“). All das ist „poetic, mysterious“, „a way to feel connected“. Die Verbindung zu anderen Dingen wird durch Rituale stärker. Schamanismus beruht für ihn viel auf „prayer, singing, drums, rattle“. Er lebt in der Vorstellung, dass „ancestors“ Hilfe von außen bringen.

Der zweite Pfeiler ist für ihn die Familienaufstellung. Aus beiden schuf er die „systemic rituals“. Er glaubt, dass die Aufstellung immer alle betrifft; nicht nur die Aufstellenden und wohl auch nicht nur die Stellvertreter – „The work is for you“.

Daan betonte mehrmals, dass die „systemic rituals“ gleichermaßen für religiöse und nicht-religiöse Weltanschauungen gelten.

Daan benutzt für seine Arbeiten Trommel und Gesang. Um seine Gesänge im Traum aufzunehmen, schläft er mit einem Aufnahmegerät am Bett. Die Ritualleitung macht er blind; seine Lehrer hätten auch im Dunkeln gearbeitet. Dazu benutzt Daan noch einen „mirror“, einen Bronzespiegel, der als Fokus für die Gruppe dient. Wie ein sozialpädagogischer Sprechstein wird er am Beginn jeder Einheit herumgereicht und jeder sagt seinen Namen, dann reiht er den Bronzespiegel weiter. Daan reinigt den Spiegel immer nach den Veranstaltungen.

Bei der Rassel aus dem Hodensack eines Tieres (die Cheyenne benutzen so etwas zum Heilen) und der Rassel, deren Penisform er eindeutig vorführte, bin ich mir nicht so sicher, ob ich nicht (wie alle anderen) veralbert worden bin. Wer soll einen Heiler ernst nehmen, der eine Skrotum-Rassel in der Hosentasche trägt? Aber mir wurde später von einer Fachfrau versichert, dass es bei den Schamanen einen Zusammenhang zwischen Albernheit und Heilung gibt.

„Prayer“ benutzt Daan wie den „NLP-term“ „setting a focus“, versteht es aber wie eine „invitation“, Einladung an Wesen, am Ritual teilzunehmen.

Er setzt auch ein Farbrad für manche Rituale ein. Dort ist in der Mitte Grün; der Osten ist gelb, der Süden rot, der Norden weiß und der Westen schwarz.

Daan hatte verschiedene Lehrer aus verschiedenen Traditionen (Schamanismus, Judentum …). Aufstellungs-Papst Bert Helling ist für ihn nur „Bert“; Daan erklärt aber, dass er im Gegensatz zu ihm z.B. Bewegung in der Aufstellung zulässt und sich ein wenig von ihm absetzt. Später nennt er als Lehrer einen Indianer, einen Samen, einen Chassiden und Hellinger.

Vor der Veranstaltung konnte jeder mit einem Anliegen einen Brief bzw. eine E-Mail an Daan schreiben. Dieser destilliert aus jedem Brief ein bis zwei Sätze heraus, die er dann benutzt, um das Problem zu bearbeiten. „Auf meine Art mache ich mir die meiste Arbeit vor dem Seminar.“


Der erste Tag

Begonnen hat die Veranstaltung mit einem sehr schönen Einstieg mit Trommel und Gesang (seine Augen sind eigentlich immer entfokussiert, was es interessant macht, ihm zuzuschauen). Dazu kommt, dass er eine sehr gute Stimme hat, die dazu beiträgt, die Trance der Teilnehmenden zu vertiefen. Der Spiegel wurde herumgereicht und jeder nannte seinen Namen.

Die ersten zwei Aufstellungen waren am ersten Vormittag. Die erste Aufstellung bestand nur aus Frauen, bei der zweiten ging es um eine Familie mit Ehemann und zwei Kindern. Um die Probleme der Familie aufzulösen, wurden für jeden der drei Männer um sie herum zur Heilung drei Heiler (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) gestellt. Lag es am eklatanten Männermangel oder an meinen traurigen Augen – ich wurde gleich als der jüngere Sohn aufgestellt.

Nach der Mittagspause ging es mit einer erneuten Spiegelrunde bis zu einer Kaffeepause mit zwei weiteren Aufstellungen weiter.

Vor der ersten nachmittäglichen Aufstellung gab Daan den Hinweis, dass man nach der Aufstellung die Steller nicht ansprechen soll, weil sie dann sehr verletzlich seien.

Die erste Aufstellung beschäftigte sich mit einem „archetypical image“, nämlich einem Vater, der sich durch Selbstmord der Familie entzogen hatte. Ich spielte den Sohn, war also eng einbezogen in eine Aufstellung, die für alle (besonders für die aufstellende Tochter) sehr anstrengend war. Und ausgerechnet hier gab es (nach Daans vorhergehendem Hinweis) keine Chance, die Frau danach anzusprechen. Sie verbrachte die nächste Aufstellung in Tränen oder zumindest nur mit Mühe die Kontrolle behaltend, nach der Pause kam sie nicht wieder. Ich wüsste gerne, was aus ihr und ihrer Geschichte geworden ist, die nach der Gruppenaufstellung darin bestand, dass wir ihren Vater auf die andere Seite begleitet/geleitet haben.

Die Trommel leitete zur vierten Aufstellung über. Dieses Mal ging es zur Stärkung einer Vater-Sohn-Beziehung um die Bildung einer Väterkette, in der ich der Urahn war. Ich hatte große Schwierigkeiten, bei dem zu sprechenden Satz „Ich bin dein Vater“ nicht „Ich bin dein Vater, Luke“ zu sagen. Und ich hätte mich an einer Stelle sehr gefreut, wenn ich den Mut gehabt hätte, den Männern links und rechts von mir die Hände auf die Schultern zu legen, um einen gemeinsamen „Hawa Nagila“ zu beginnen. Man kann nicht alles haben. Aber in der Pause bin ich dann zu Daan, um ihm den nicht gemachten Star Wars-Witz zu erzählen. Er entpuppte sich als Star Trek-Fan. Er meinte dann, als ich ging, wir sollten uns als zwei Fans eigentlich umarmen … was wir taten. Von hinten fühlte ich mich durch die Blicke jener Frauen erdolcht, die ihn nicht umarmen durften. Man kann nicht alles haben; schon gar nicht, wenn man nicht weiß, welcher Captain der „Enterprise“ der beste ist.

Die fünfte Aufstellung war für mich die schlimmste. Eine Teilnehmerin suchte einen Mann, der mit ihr auf Augenhöhe leben kann. Daan bekam die Kurve ganz gut hin, eben nicht die Frau damit zu konfrontieren, dass sie wohl eher Schwierigkeiten mit ihrem Selbstbild hat. Er lud die Frauen ein, sich im Raum in einer Reihe nach ihrem Selbstbild/Verhältnis zu Männern sortiert aufzustellen. Er münzte das Thema in „Würde“ um, was der Aufstellung wenigstens einen gewissen Erfolg gab – obwohl meinen Wahrnehmungen nach das männliche Publikum zumindest skeptisch blieb.

Mit dieser Aufstellung endete der erste Tag.


Ende Teil I


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