DrachenSabber
orsicht Kanalarbeiter!

Es ist ein uraltes Phänomen, und es ist seit einigen Jahren Mode in der Esoterikszene: das Canneln oder Channeling. Früher, vor der "New Age-"Welle, nannte man diese Form der Kontaktaufnahme zu andersweltlichen Wesenheiten "Durchsage". Dabei ist das Medium in Trance, aber es ist "es selbst", es wird nicht wie bei einer Invokation von der Wesenheit "besessen" oder, wie im Voodoo, "geritten", und es reist, anders als z. B. ein Schamane, auch nicht in eine "nichtalltägliche Wirklichkeit". Es dient also als Übermittler oder "Kanal" für eine Wesenheit.

Die Medien verweisen oft auf ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben, seit dem sie nach eigenen Angaben zu andersweltlichen Intelligenzen Kontakt haben – beispielsweise zu Engeln, zu Geistwesen, zu Göttern, zu den Seelen Verstorbener, aber auch zu außerirdischen Raumfahrern. (Stichworte: Kryon und Ashtar Sheran.)
Bemerkenswert ist, dass nicht nur Menschen, die bereits vorher durch Medialität aufgefallen sind, zum "Kanal" werden. Es scheint auch sonst keine besonderen persönlichen Merkmale zu geben, die einen für diese Funktion qualifizieren. Oft werden die Medien völlig überrascht oder überwältigt.
Auch mir selbst ging es so. Ja, ich bin auch so etwas wie ein "Channel-Medium", wenn man so will. An anderer Stelle in diesem Blog kann man darüber bei Interesse einiges Lesen, z. B. hier, hier oder hier. Nein, ich stehe nicht für irgendwelche spirituellen Dienstleistungen zur Verfügung, schon gar nicht für Fremde und erst recht nicht gegen Geld! Ja, ich bin schon gefragt worden. Nein, ich habe keine schizoide Persönlichkeitsstörung.

   Pater M:M im inspirierten Kontakt mit der Entität Methorn (nicht zu verwechseln mit Metatron)
Pater M:M im inspirierten Kontakt mit der Entität
Methorn (nicht zu verwechseln mit Metatron)

Channeling ist leider auch Geschäftemacherei. Kein Massengeschäft für Telefon-Hotlines und Online-Portale wie Tarot-Legungen, Pendeln, Horoskope usw. Eher verdienen "Kanalarbeiter" Geld in Einzelsitzung und durch Bücherschreiben.
Es ist, etwas Charisma und Menschenkenntnis und ein elastisches Gewissen vorausgesetzt, ziemlich einfach, sich als Channel-Medium auszugeben, man muss, anders als ein Plastikschamane, nicht einmal trommeln können.
Ein "echtes" Medium könnte man theoretisch daran erkennen, ob die Inhalte der Botschaften die alltäglichen Möglichkeiten des Übermittlers übertreffen. Das ist z. B. dann der Fall, wenn ein Medium mit normalerweiser mäßiger Ausdrucksfähigkeit in Trance stundenlang komplizierte Sachverhalte in druckreifer Sprache ausführt. Noch überzeugender wirken Menschen, die in einer Sprache "channeln", die sie eigentlich nicht beherrschen. Aber auch so etwas kann inszeniert werden.

Auch bei ehrlichen Medien kann es für Ratsuchende gefährlich werden. Das Problem liegt daran, dass Channeling-Klienten stärker als etwa Astrologie-Klienten, dazu neigen, die Durchsagen als unumstößliche Wahrheiten zu werten. Das liegt meiner Ansicht nach nicht an größerer Leichtgläubigkeit, sondern an der geringer Distanz, sowohl zwischen dem Klienten und dem Medium, als auch zwischen dem Medium und seiner andersweltlichen Quelle. Es stehen keinen astrologischen Berechnungen, keine Tarot-Karten und noch nicht einmal eine Kristallkugel dazwischen.
Selbst die vergleichsweise distanzierten Astrologie-Klienten neigen dazu, von Horoskopen abhängig zu werden. Ein abhängig gewordener Ratsuchender traut sich keine eigenen Entscheidungen mehr zu und muss immer wieder das Orakel, die Karten, die Sterne, das I-Ging usw. befragen. Beim Channeln und beim Spiritismus, der psychologisch gesehen ähnlich wirkt, ist dieser Risiko besonders groß.
Kommerziell orientierte Medien nutzen dieses Abhängigkeitsverhältnis eiskalt aus. Manche "Kanalarbeiter" fördern diese Abhängigkeit absichtlich, indem sie bei regelmäßiger Teilnahme einen spirituellen Aufstieg versprechen. Ein "Geschäftsprinzip", das die kommerzielle Channel-Szene sich offensichtlich bei "Psycho-Sekten" wie Scientology abgeguckt hat.

Eine weitere Gefahr, auch bei ehrlichen Medien und für ehrliche Medien, besteht darin, abzuheben, den Kontakt mit der Alltäglichen Wirklichkeit zu verlieren und sich in wahnhafte Vorstellungen hineinzusteigern.
Der Psychologe und Esoterik-Gegner Colin Goldner geht so weit, schon den bloßen Glauben an die Existenz von Geistwesen, auch innerhalb der etablierten Kirchen, für riskant zu halten. Er hält es für jederzeit möglich, dass Geister- oder Engelgläubige in psychotische Wahnvorstellungen abgleiten. Wobei Goldner die Medien selbst, soweit sie nicht ohnehin Betrüger sind, für von wahnhaften Vorstellungen beherrscht hält. Grundsätzlich begrüße ich Goldners skeptische Haltung, und auch seinen betont materialistischen Ansatz kann ich gut nachvollziehen. Allerdings halte ich ihn auch für einen selbstgerechten und verbohrten Fanatiker.

Mit "gechannelten" Büchern kann man ohne Weiteres ganze Bibliotheken füllen. Der Begriff "Channeling" ist relativ neu, Autoren, die nach eigenen Angaben Kontakt mit "jenseitigen" Wesenheiten hatten, deren Botschaften sie aufschrieben, nicht.
Bekannte historische Buchschreib-Medien sind z. B. Jakob Lorber, der "Schreibknecht Gottes", Helena Petrovna Blavatsky, die Mitgründerin der "Theosophischen Gesellschaft", Emanuel Swedenborg und, hinsichtlich der Produktivität auch unter den notorisch produktiven medialen Autoren herausragend, auch Rudolf Steiner. Großzügiger definiert sind auch alle offenbarte religiösen Texte "gechannelt", z. B. der Koran und das meiste in der Bibel.

Einige Bestsellerautoren unter den "Kanalarbeitern" verdienen mit Hilfe ihres "gutes Geistes" Millionen.
Dem Erfolg des heute fast vergessenen "Autorenteams" aus Jane Roberts und einer sich Seth nennenden Wesenheit in den 1970er Jahren folgten unzählige Nachahmer. Allerdings hielt Jane Roberts selbst es immer für möglich, dass Seth eine Personifizierung eines überbewussten Teils ihrer normalen Persönlichkeit, als also ihrem Unterbewusstsein entstammen könnte. Diese selbstkritische Haltung ist unter den "Channelern" nach meinem Eindruck eine seltene und löbliche Ausnahme. Davon abgesehen ragt die anspruchsvolle Metaphysik im "Seth-Material" auch inhaltlich aus der Masse der "gechannelten" Botschaften heraus. Egal, ob aufgestiegene Meister aus Atlantis, Nostradamus, Albert Einstein, Metatron, Jesus, Außerirdische vom fünften Planeten des Aldebaran oder nur die verstorbene Großmutter gechannelt werden, oder ob ein Medium Einblick in die Akasha-Chronik oder das Buch mit den sieben Siegeln zu haben behauptet - kanalisierte Botschaften laufen nach meinem Eindruck fast immer auf dasselbe hinaus: Wir gehen schweren Zeiten entgegen, und wie müssen uns dringend ändern, wenn wir uns weiterentwickeln oder, bei den nicht seltenen Weltuntergangspropheten unter den gechannelten Wesenheiten, überleben wollen. Die Texte der Wesenheiten unterscheiden sich bei den konkrete Aussagen, im Weltbild und, bei den Apokalyptikern unter der Kanalarbeitern, in der Art der finalen Katastrophe. Gemeinsam ist den meisten eine tiefe Belanglosigkeit, verbunden mit ausgeprägten Wortreichtum. Das Ganze garniert mit dem in der esoterischen Literatur üblichen Licht- und Liebe-Zuckerguss.
Da frage ich mich doch, wozu man für solche Banalitäten den Kontakt zu Wesenheiten aus der Nichtalltäglichen Wirklichkeit braucht!

Es mag unfair sein, und ich räume ein, dass meine Stichprobe an gelesenen kanalisierten Schriften für valide Aussagen zu klein ist, aber mit liegen bei neun von zehn "gechannelten" Botschaften Stoßseufzer wie "schade um das Papier","dafür müssten Bäume sterben" oder, wenn die "Botschaften von oben" in elektronischer Form vorliegen, "spiritueller Spam" auf der Zuge, und meistens noch die quälende Frage: "Verdammt, warum ich verschwende meine Zeit, um diesen Blödsinn zu lesen?"
(Um einige Namen von Kanalarbeitern zu nenne, die ich besonders nervig finde: Judith Z. Knight, Thomas Nagel und natürlich Lee Carroll und Barbara Bessen.)

Dabei möchte ich mediale Durchsagen nicht in Bausch und Bogen ablehnen, und nicht nur deshalb, weil ich mir damit sozusagen ins eigene Fleisch schneiden würde. (Was mir nebenbei auch egal wäre.)
Der Übergang zwischen Inspiration und medialem Kontakt ist fließend.
Künstler, darunter natürlich auch Schriftsteller, sind meistens sehr spirituell, selbst wenn sie überzeugte Atheisten sind. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass Kunst, die diesem Namen verdient, eine spirituelle Tätigkeit ist: In dem Moment, in dem so etwas wenig Fassbares wie Inspiration oder Intuition ins Spiel kommt, ist der schöpferische Prozess spirituell, inspiriert.
Dabei ist es für das Werk völlig egal, ob die Künstler sich nur von einer Muse geküsst fühlen oder einen "Geistesblitz" haben, oder den Eindruck, mit einer realen, mit eigener Persönlichkeit versehenen Wesenheit im Kontakt zu stehen. Auch Wissenschaftler oder Erfinder können inspiriert sein.
Egal, ob Götter, Daimonen, Engel, aufgestiegene Meister, das kollektive Unbewusste oder das persönliche Unterbewusstsein die Quelle der Inspiration ist, kommt es auf das inspirierte Werk selbst an. Nicht jeder, der Inspiriert ist, schafft großartige Kunstwerke, geniale Erfindungen, oder tiefsinnige Einsichten, und nicht jeder Künstler, Denker oder Erfinder ist inspiriert.
Ich bin sogar der Ansicht, dass es ohne Inspiration keine wirkliche Kreativität gibt, und das ungeachtet der alten Faustregel, dass kreatives Schaffen zu 99 % Transpiration und nur zu 1 % Inspiration ist. Es geht meiner Ansicht nicht ganz ohne Inspiration von "außerhalb" der Alltagspersönlichkeit, jedenfalls dann nicht, wenn das Endergebnis in irgend einer Weise originell sein soll.
Es fällt mir jedoch immer wieder auf, dass sehr religiöse bzw. fromme Menschen, vor allem Fundamentalisten, oft auffallend phantasielos und unkreativ sind. Das gilt übrigens auch für dogmatische Esoteriker. Es gilt auch für Möchtegerns, Wichtigtuer und die meisten Scharlatane. Die Einfallslosigkeit der meisten angeblich gechannelten Botschaften spricht meiner Ansicht nach für sich.

Wer channelt oder sich sonstwie als Medium betätigt, sollte niemals die Selbstkritik und die Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren, über Bord geben. Zu viel Skepsis tötet die Inspiration, aber ein völliger Mangel an Skepsis macht sie regelmäßig wertlos.

Wahrscheinlich sind sehr viele, wenn nicht die meisten angeblich gechannelten Botschaften schlicht Täuschung.
Wenn sie keine Täuschung sind, können sie Selbsttäuschung sein. Das müssen keine wahnhaften Vorstellungen sein - manchmal reichen Wunschdenken oder starke Erwartungshaltungen aus.
Wenn Täuschung und Selbsttäuschung ausgeschlossen werden kann, sollten Medien und ihre Klienten es wie seinerzeit Jane Roberts machen und immer an die Möglichkeit denken, dass die "anderweltlichen" Botschaften aus dem Unterbewusstsein stammen könnten. Das macht sie keineswegs wertlos, wenn die Botschaften selbst inhaltlich wertvoll sind.
Was Medien und ihre Kunden regelmäßig übersehen, ist, dass selbst wenn die kanalisierten Botschaften von "drüben" oder "oben" stammen sollten, nicht gesagt ist, dass der jeweilige "aufgestiegene Meister", Engel, verstorbene Urahn oder verstorbene große Mensch der Weltgeschichte auch derjenige ist, für den er sich ausgibt: "Jaaaa, selbstverständlich bin ich Napoleon (unterdrücktes astrales Kichern)."
Am ehesten räumen noch religiös denkende Medien diese Möglichkeit ein - nur meistens leider nicht bei sich selbst. Die Warnung, dass eine konkurrierende und womöglich abweichende Offenbarung vom Teufel komme, gehört zum Standardrepertoire religiöser Propheten.
Es ist auch seltsam, wie viele Medien und Medien-Klienten vor allem aus dem spiritistischem Umfeld daran glauben, dass ein dummer oder bösartiger Mensch nur dadurch zum Quell der Weisheit oder der Güte und Liebe würde, indem er stirbt.

Am einfachsten - wenn auch oft frustrierend (siehe oben!) - ist es, sich mit dem übermittelten Material selbst auseinanderzusetzen. Ist das Niveau hoch, lohnt es eine nähere Beschäftigung, selbst bei so notorisch wenig selbstkritischen Medien wie Rudolf Steiner oder zwielichtigen Gestalten wie dem genialen Hochstapler Aleister Crowley.


Martin Marheinecke


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