Zeit? Bloß so Zeit? Nein, mein Guter, das ist keine Teufelsware.
Dafür verdienen wir nicht den Preis, dass das Ende uns gehöre.
Was für ’ne Sorte Zeit, darauf kommts an!
(Thomas Mann,
Doktor Faustus)
Bloß so Zeit? Nein, natürlich nicht. Mit „Zeit,
bloß so
Zeit“, vor allem der Zeit nach Newton’scher Manier, die sich geradlinig
durch einen unerbittlich dreidimensionalen Raum bewegte, geben wir uns schon
längst nicht mehr zufrieden. Überhaupt Newton! Steht er uns nicht
für ein hoffnungslos mechanistisches Weltbild, mit unabänderlich
festgelegten Bewegungsabläufen, für eine vertrackte Vorstellbarkeit
der Enge des Raumes und der Zeit, für unzeitgemäße Unflexibilität,
erscheint unseren flinken Mäuseaugen Newtons Universum nicht wie ein massiver
Käse ohne Schlupflöcher?
Das sieht nach Einstein, sagen wir und nicken uns getröstet
zu, doch ganz anders aus. Die Schlupflöcher sind zahlreich
und haben sogar einen Namen, Wurmlöcher heißen sie und
wir, die Schiffsratten der Enterprise, sind bestens darüber
informiert, dass es sich dabei um Expressrouten von einem Universum
ins andere – und zum Glück auch immer wieder zurück – handelt.
Mitleidig erinnern wir uns an die Altvorderen, die sich mit nur
einem Universum zufrieden geben mussten, denn wir mögen die
Endlichkeit nicht, empfinden sie als Zumutung, es kann die Spur
von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn murmeln wir
auf nächtlicher Straße vor uns hin, richten den Blick
zum gestirnten Himmel über uns und wissen: ein Blinzeln zu
den Sternen ist ein Blinzeln in die Vergangenheit des Universums,
die Spur aller Sterne, die wir sehen, ist nicht in Äonen untergegangen,
fällt nach Millionen oder Milliarden von Lichtjahren (jedenfalls
nach sehr langer Zeit) in unsere Augen, und obwohl viele der Sterne,
die es aussandten, vielleicht gar nicht mehr dauern, verdanken
sie dem Verständnis der modernen Physik doch eine Art ewiger
Existenz. Und muss nicht, was für die Sterne gilt, auch für
uns gelten? Sind wir nicht, je nachdem, von welchem fernen Stern
in welcher fernen Galaxis aus uns jemand beobachtet, sichtbar von
nun an bis in alle Ewigkeit – oder wenigstens bis ans Ende
des Universums?
Verzeihung, was heißt hier überhaupt „Ende des
Universums“? Erstens gibt es ja, zumindest in der Theorie,
nicht nur eines – wer weiß, in wie vielen Paralleluniversen
wir ein vervielfältigtes Dortsein führen? – sondern
es kann auch von einem altmodischen „Ende“ keine Rede
sein; das Universum, haben wir irgendwo gelesen, explodiert und
implodiert und explodiert, und ein Ende ist nicht nur nicht abzusehen,
sondern es gibt gar keines; kein schwarzes Loch, dem der Kosmos
nicht schließlich wieder entkommt.
Nur flüchtig geht uns der Gedanke durch den Kopf, dass ein mögliches
Ende des Universums ob seines Stattfindens in postanthropischer Zukunft uns
nicht weiter zu beunruhigen bräuchte; allen potenziellen Vergänglichkeiten
zum Trotz jedoch tröstet uns der Gedanke, dass uns die Welt, wie wir sie
kennen, die Option zu ewigem Fortleben, wenigstens im Prinzip, zu bieten scheint;
wir brauchen keine außerweltlichen, numinosen, okkulten, beängstigenden
Perspektiven mehr zu bemühen, alles, von unserem höchstpersönlichen
und endgültigen Verschwinden abgesehen, scheint möglich in diesem
unserem Kosmos, und alles irgendwie jetzt und irgendwie hier.
Und wie gut, seufzen wir erleichtert auf und schalten den Fernseher
ab nach der Alpha-Centauri-Sendung, dass wir in der Post-Newton-Ära
jeder unser eigenes Jetzt und unser eigenes Hier zu gefälliger
Verfügung bekommen haben! Es soll sich nur niemand unterstehen,
zu glauben, er wisse etwas über unseren Raum und unsere Zeit!
Non datur. Mit dem Beweis sind wir schnell bei der Hand: Erstens,
so belehren wir den antiindividualistischen Fünfjahresplaner
im Internetforum, gibt es Zeit und Raum nur im Doppelpack, als
Raumzeit nämlich, und zweitens ist diese abhängig sowohl
vom Standort als auch von der Geschwindigkeit des Beobachters:
Eine gegenüber einem System bewegte Uhr geht gegenüber
dessen Uhren, an denen sie vorbeizieht, langsamer, zitieren wir
Einstein und klären diesen Netz-Hinterwäldler darüber
auf, dass wir als biologische Entität ja nun wirklich und
wahrhaftig – nämlich theoretisch genau genommen - nichts
anderes sind als bewegte Systeme. Also, tippen wir abschließend
und nicht ohne Triumph in den Fingerspitzen, ist die neue Raumzeit
etwas dezidiert Individuelles und wir für unseren Teil sind
froh, dass wir die kollektiven Räume und Zeiten der Prä-Einsteinzeit
ein für allemal verlassen haben.
Will der Kerl uns etwa festnageln? No way, postwenden wir und
funken ihm als missing link die Heisenberg’sche Unschärferelation
unter die Nase: überhaupt und besonders quantenphysikalisch
gesehen, mein Lieber, kannst du nicht nur nichts über meine
Zeit und meinen Raum wissen, sondern auch nicht, ob ich es bin
zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, nicht wahr, denn
entweder, sagt Heisenberg, man kennt den Ort eines Systems oder
seinen Zustand, aber niemals beides zugleich. Was? Ja, eines Elektrons.
Na und? Ein Elektron ist doch auch eine Art System, oder?
Nein, für uns physikalisch Aufgeklärte sind Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft nichts als hartnäckige Illusion, wir
sind weder der Zeit unterworfen, noch dem Raum, noch dieser öden
Idee einer bestimmten Existenz an einem bestimmten Ort. Wir nennen
unsere Hauskatze selbstverständlich Schrödinger, und
wir haben jeden Abend, wenn Schrödinger in seiner Katzenkiste
zu Bett geht die Gelegenheit festzustellen, dass Schrödinger,
in seiner Kiste verharrend, in einem Zustand zwischen tot und lebendig
schwebt. Beweisen allerdings können wir das nur, indem wir
nicht nachschauen, denn wenn wir jetzt die Klappe öffnen und
in den Kasten sehen, dann beeinflussen wir das System dahingehend,
dass es seinen Schwebezustand verlässt und sich entweder als
tot oder als lebendig und hungrig herausstellt.
Wir belassen es also bei der Telepathie, zumal ja auch die Magie
neuerdings physikalisch bewiesen ist. Wir kramen, die Augen fest
auf den paradoxen Zustand Schrödingers-in-der-Kiste gerichtet,
in unserem Gedächtnis nach dem Namen jenes anderen Paradoxons,
das beweist, dass zwei aus dem selben Molekül entfernte Elektronen
auch über größte Entfernung miteinander kommunizieren,
indem sie in ungetrennter astraler Verbindung im Gleichschritt
weitertanzen und ihren gemeinsamen Spin beibehalten, ihren Drehimpuls
also, und mit dem, und jetzt fällt es uns endlich ein, dem
Einstein-Podolsky-Rosen-Paradox kann man jedem Zweifler an Magie
und Synchronizität den Mund stopfen, denn schließlich
handelt es sich bei den Antworten der zeitgenössischen Teilchenphysik
nicht um irgendwelche Dogmen und Glaubenssätze, nicht wahr,
sondern um experimentell überprüfbare wissenschaftliche
Theorien, ach was, um Fakten.
Und erklärt uns die Physik die Welt in Zeit und Raum nicht
viel überzeugender als die alten Religionen? Hebt sie nicht
die Beschränkungen des Raumes, der Zeit und der Moral auf,
in denen wir zu leben glaubten? Und dabei beweist sie uns die Nichtexistenz
dieser Beschränkungen! Nichts müssen wir unbewiesen hinnehmen.
Wir brauchen nur noch zu glauben, was wir nicht sehen, weil es
einfach zu klein ist. Das physikalische Universum ist begrenzt,
denken wir, und fühlen uns geborgen als wir endlich ins Bett
gehen. Aber es ist auch unendlich, das Universum. Dies bedenkend,
knipsen wir die Nachttischlampe aus und fühlen uns so ganz
de profundis als freie Quantensingularität, die wir in diesem
Moment des Dämmerschlafs nur noch verschwommen als etwas sehr
Einzigartiges begreifen, als Mittel- und Ursprungspunkt einer Galaxie
in einer flexiblen Raumzeit, in der für jeden die Uhren anders
ticken, in denen uns im Makrokosmischen alle Wurmlöcher offen
stehen und in der wir im Mikrokosmischen unscharfe Relationen eingehen.
Reinkarnation? Kein Problem, denken wir und werfen ein müdes
Auge auf den Kater Schrödinger, der gerade seine Kiste verlässt.
In einem geschlossenen System geht nichts verloren, gar nichts,
den Gesetzen der Thermodynamik sei Dank. Falls wir einmal sterben
sollten, werden wir auf die eine oder andere Art und Weise wiederkehren,
so viel ist sicher, in einer von ungefähr siebenundzwanzig
Dimensionen – oder waren es neunundzwanzig?
Und, beim Chaos! vielleicht sterben wir zufällig gar nicht
erst, denken wir noch im Einschlafen, aber daran, dass wir als
Geschöpfe des Mesokosmos von den Bedingungen der astronomisch-makrokosmischen
Dimensionen ebenso weit entfernt sind wie von denen der mikrokosmisch-subatomaren,
denken wir nicht einmal im Traum – oder höchstens in
jenem immer wiederkehrenden Alptraum, in dem wir uns in einem Zimmer
mit schier unendlich vielen Sanduhren befinden, nur ums Verrecken
aufzuhaltenden biologischen Uhren, die auf Tag, Monat und Jahr
verweisende Namen tragen: Ultradianer Rhythmus und Zirkadianer
Rhythmus lesen wir und neben dem zirkalunaren werkelt der zirkannuale
prähistorische Zeitgeber, und sie alle betreffen uns, auf
Sein oder Nichtsein, da sind wir ganz sicher im Traum, als der
begrenzte Zeit-Raum mit den tickenden Lebensuhren sich als eine
unserer Körperzellen entpuppt, in der uns ein Phantom entgegentritt,
uns knochig-bekannt aus barocken Memento-Mori-Darstellungen, und
sich vorstellt als Hayflick-Phänomen, angenehm, meine Aufgabe
ist es, Ihre Lebenszeit zu beenden, denn eine andere als die lebendige
Zeit gibt es für Sie als Leib-Seele-Entität einer Biosphäre
nicht, oder ist es Ihnen lieber, wenn ich von einer Geist-Leib-Entität…?
Nun, ändern wird es ohnehin nichts, tut mir Leid. Aber Sie
haben lange genug gelebt, das müssen Sie zugeben, und schließlich
ist Lebenszeit nicht einfach bloß so Zeit. Sie verstehen?
Empfohlene Literatur:
Ditfurth, Hoimar v., So lasst uns denn ein
Apfelbäumchen
pflanzen, Rasch und Röhrig, Hamburg, Zürich 1985
Hawking,
Stephen W., Eine kurze Geschichte der Zeit, Rowohlt, Hamburg 1988
Reinke,
Otfried (Hg.), Ewigkeit? Klärungsversuche aus Natur-
und Geisteswissenschaften, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen
2004
Spork, Peter, Das Uhrwerk der Natur, Chronobiologie – Leben
mit der Zeit, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 2004
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