Betreut von Anufa
DrachenSabber
Die Herbergssuche
Als das WurzelWerk vor nunmehr fünf Jahren das Licht der Welt erblickte, hatte es ja gleich mehrere Mütter, als einzigem Mann auf lange Sicht kam also die Rolle des Pappi über mich, als Vater Joseph sozusagen, der unter anderem für passende Herberg und Obdach zu sorgen hatte.

Es gab natürlich auch Onkels und Tanten im selben Geiste, die uns mal kürzer oder über längere Zeit hinweg mehr oder minder produktiv und enthusiastisch auf unserem Weg begleitet haben. Statt alle, auch später Dazugestoßene, aufzuführen, die es verdient hätten – dies ist ja eine „lustige“ (sogenannte „satirische“) Geschichte – erwähne ich mal die, die es nicht verdient hätten.

Zur Gründungssitzung waren wir, so denke ich, unserer zehn, mit dabei ein lieber, intellektuelle Impulse liefernder, silbern ergrauter und stoppelbärtiger keltischer Heide, seines Nicknamens nach CuChulainn. Er erklärte sich alsbald bereit, auch die Betreuung der Vereinskasse zu übernehmen und brachte auch zu diesem edlen Zwecke beim nächsten Treffen eine schöne, alte metallene Schatulle mit. Nachdem wir Gründungsmitglieder uns selbst dazu verpflichtet hatten, achthundert Schilling als Startkapital jährlich selbst in die Kasse einzuzahlen, dafür mit dem Vergnügen verbunden, mit unserem Vorhaben auch unsere Freizeit halbiert zu haben, war es ja direkt eine kleine, vernachlässigbare „Einstands-Taufe als Verein“, als Kasse nebst Kassier nach einigen Treffen nie wiedergesehen wurden. Relativ vernachlässigbar deswegen, weil außer den paar Hundertern damals auch alsbald um einiges mehr in der Kasse gewesen wäre.


Zum Ersten...
Na gut, somit waren die ersten Lorbeeren des „richtigen Lebens“ als Verein gekostet. Pappi Gwynnin Josephus sorgte also für den Stall, in dem das Baby geboren werden konnte. Im einundzwanzigsten Jahrhundert heißt der Stall Provider. Ein schwesterlicher Freund und Sys-Admin aus Passion ward gefunden und hatte daheim einen eigenen Server laufen, was vor fünf Jahren doch eher selten und famos war. Auch wenn das heute abenteuerlich klingen mag, die unabschätzbaren Vorteile lagen auf der Hand. Damals, also gerade mal erst nach der Morgendämmerung dieses Jahrtausends, waren im Internet zwei Faktoren doch noch ziemlich teuer: Einerseits der Traffic eines rasant beliebter werdenden Forums und andererseits brauchte die Downloadmöglichkeit der „Witches on Air“-Radiosendungen im MitgliederBereich auch bald Gigabites an Webspace.

Das heißt, wir konnten uns für unser damaliges Budget eigentlich unleistbare Sachen leisten. Prima, dazu kam auch noch der Vorteil des persönlichen Kontakts, was fallweise erforderliche Schmankerln betraf.
Leider... gestaltete sich dieser persönliche Kontakt zunehmend schwieriger... erstmals in der Geschichte des WuWe wurden auch die inzwischen traditionellen Serverausfälle ein Begriff. Schlussendlich klar wurde mir, dass das WurzelWerk einen neuen Provider braucht, als ich am Telefon mal – ja das gibt es! Ich hatte sogar schon mal Admins und ähnliche live am Telefon! Normalerweise ist es ja meist so, dass derart in die Computerwelt Vertiefte am liebsten nur noch per Email kommunizieren und direkten Kontakt zu Menschen wie per Telefon direkt zu scheuen scheinen. Das ist dann oft lustig, wenn man eine halbe Stunde Emails austauscht wie in einem Chat, statt fünf Minuten einfach miteinander zu reden. Als ich am Telefon also mal – um den Faden wieder aufzunehmen – die bestechend ehrliche Auskunft erhielt: „Ich hatte ja mitbekommen, dass der Server abgestürzt war, aber er steht ziemlich weit oben im Regal und ich war zu müde, die Reset-Taste zu drücken...“ war mir klar: so nicht.


Zum Zweiten...
So fand ich also, neuerlich auf Empfehlung und Kontakt eines Mit-WuWeWerklers, einen technologisch am allerletzten Stand neu loslegenden Provider, der stets hilfsbereite Douglas als mein Kontakt hatte auch den vollen Durchblick, kein Wunder als Webmaster-Trainer am Wiener WiFi. Das sorgte für Vertrauen von meiner Seite, nicht zuletzt als Begriffe wie „mehrfach redundante Ausfallsicherung, Spiegelserver, die bei Ausfall automatisch einspringen...“ fielen.
Leider war Douglas nicht sehr lange beruflich mit diesem unserem Provider verbandelt und so zog mit der Zeit eine vielen liebgewonnene Tradition ins Land: die Sonntagssperre. Wie ich ab und zu in den Eingeweiden des Servers und der Datenbank feststellen konnte, waren die Pläne dieser Firma, als Provider aufzutreten, mit uns als erstem – und bis zum Schluss einzigem – Kunden anscheinend beendet gewesen. Das eigentliche Business hieß „billiger ins Ausland telefonieren“ oder so ähnlich. Jedenfalls gab´s auch hier für uns so ziemlich absolute Narrenfreiheit, was Webspace und Traffic betraf zum Beispiel, ja die Freiheit ging so weit, dass wir – auch nach mehrmaligem ausdrücklichen telefonischen Dafürhalten meinerseits – nie eine Rechnung erhalten haben. Nach eineinhalb Jahren ungefähr hatte ich es aufgegeben, eine Rechnung zu fordern... man ist ja schließlich nicht wirklich masochistisch veranlagt.

Als die liebgewonnene Tradition sonntäglicher Ausfälle doch zu nerven begann, nämlich als meine übliche SMS-Nachricht „Server down...“ Sonntag morgens nicht mehr wie bis dahin sonst meist üblich bewirkte, dass wir in der nächsten halben Stunde wieder online waren, startete ich meine Recherchen, diesmal wollte ich mal einen nicht nur zur Abwechslung verlässlichen, sondern möglichst ja auch für uns maßgeschneiderten Provider finden. Wie das Schicksal oder die Götter es so wollten, war ich natürlich genau zu der Zeit, als die Mode der Zwei- oder Drei-Tage-Ausfälle einriss, beruflich so gefordert, dass ich den Zeitaufwand eines Serverwechsels unmöglich schaffen konnte. Es ist ja wie bei einem realen Umzug nicht damit getan, die Möbel zu verfrachten... Man muss sich (alles) erst neu einrichten und wieder zurechtrichten.


Zum Dritten...
Tja, ach, es kam der Tag also, als der neue unüberbietbare Rekord eines Vier-Tage-Ausfalls mich unvermittelt in Aktion treten ließ: „Jetzt aber!“ war die Devise, nach einem kurzen, aber intensiven abschließenden Entscheidungs-Brainstorming meinerseits waren wir bei unserem inzwischen dritten Provider angemeldet. Schöner, großer, von allen momentan empfohlener, sozusagen hippester Provider diesseits des Horizonts.

An diesem Tag kam aber auch noch mehr auf mich zu: Als ich nämlich Alt- und Noch-Providerchen anrief – mit dem Handy hatte ich es seit Tagen, neuerdings vergeblich – versucht, da hatte ich die einfache, aber dennoch wohl gefinkelte Idee, vom Festnetztelefon aus anzurufen, denn die Nummer kannte Providerchen noch nicht – und hob auch glatt ab. Auf das übliche „bald eh wieder online und so“ folgte dann der absolut nicht uninteressante Satz: „Und übrigens, Sie müssen sich einen neuen Provider suchen, wir schließen.“ Schmunzelnd dachte ich bei mir, neuer Provider nicht nur gesucht, gefunden, sondern bereits im Domainwechsel-Amtsweg begriffen... „Kein Problem.“ sagte ich also cool.

Aber ab hier wurde es dann erst wirklich lustig: Denn just als Tage darauf der Webspace und alles pimpifein am neuen Server bereit stand, fragte ich wieder mal frisch-fröhlich bei Providerchen nach, wie ich denn die aktuellen Daten sichern könnte, wenn der Server (nichtsahnend in seinen letzten Stündchen begriffen) doch wieder mal offline wäre.
Die Antwort, dass er das nicht wisse und mir technisch überhaupt nicht weiterhelfen könne, verblüffte mich schon einigermaßen, aber der anschließende Satz am anderen Ende der Telefonleitung ließ mich, nach fünf langen Jahren als vom Leben geprüfter WuWe-WebMaster doch noch wie ein bisserl vom Blitz gestreift zusammenfahren: „Und viel Zeit haben Sie nicht mehr, die Daten zu sichern, denn ich kann nicht sagen, wann der Server abgeschaltet und weggetragen wird, um dem Masseverwalter übergeben zu werden, vielleicht schon morgen...“

Aha? Das wahrlich Pikante daran war ja, schließlich kurz bemerkt, dass ich diese interessanten News jeweils zufällig, weil ich angerufen hatte, erfahren habe. Ich kann ja verstehen, dass wenn mit Firma und Konkurs alles im Ar...gen ist, man sich um nichts mehr wirklich kümmert, aber im welchem Ausmaß ich mir meinerseits bei der ganzen Sache verar...gt vorgekommen bin, will ich hier lieber nicht viel intensiver erörtern. Was wäre bitte gewesen, hätte ich nicht zufällig angerufen und das auch noch gefinkelterweise vom Festnetztelefon aus? Man lernt halt nie aus, was Geschäftsgebaren und Ähnliches heutzutage bedeuten soll.


Das Letzte...
[Vorsicht: Fach-Chinesisch] Das weitere Procedere mit stundenlangem, simultanem Datensichern und gleichzeitigem Hochladen auf den neuen Server klingt nur noch langweilig – bis zu dem Punkt, als die diffizilste aller Dateien an die Reihe kam, die Datenbank-Tabelle der gesamten Forums-Postings mit satten vierzig MB... Direkter Zugriff auf die Datenbank war nicht mehr möglich, weil mir das andere Ende der Telefonleitung nicht mal die dafür benötigten Serverpfade mitteilen konnte. Auf meine Frage, wer das denn könnte, vernahm ich die, pulsierende Sternchen vor meinen Augen entfachende Mitteilung, dass es da schon wen gäbe, der aber erst nächste Woche wieder erreichbar wäre. [/Fach-Chinesisch]

Was bleibt zu erzählen? Bloß des Dramas letzter Akt: Die Daten waren doch noch alle aktuellerweise gesichert, es war vollbracht, es war geschafft, der Schweiß war von der Stirn gewischt, die serverseitig angelegten früheren Backups somit überflüssig und es deutete nichts darauf hin, dass die erwähnte Datenbank-Tabelle mit allen Forums-Postings korrupt war (jenseits des Fach-Chinesisch: „kaputt, hin, im Ar...gen halt“) was zwar sonderbar war, denn es hätte spätestens beim Re-Import der Daten eine Fehlermeldung geben müssen – gab´s aber nicht.

Gut, es gab also mal keine Fehlermeldung seitens der Datenbank. Als ich nach und nach alle Skripte, Serverpfade und dergleichen angepasst hatte, hab ich zwei Tage lang nicht ums Verrecken das Forum wieder zum Laufen gebracht, die Fehlermeldung hier machte für mich keinen Sinn. Erst als ein alter Hase, der zufällig zu Besuch war und den ich um Rat gefragt habe, gemeint hat, dass da in der Forums-Software ein Programmierfehler sein könnte, der möglicherweise auf dem alten Server keine Probleme verursacht hat, das aber auf dem neuen Server sehr wohl tun könnte – und es war so...
Bei der Erkenntnis dieser eigenartigen, letztendlich schicksalshaften Zufälle war es allerdings bereits zu spät. Ein Jahr Forumsleben, Streben, Streiten, Jammern, Loben, Lieben, Diskutieren, Schäkern, Scherzen, Tiefschürfen, aus dem Herzen schreiben – im Nirvana entschwunden, der Stöpsel wurde einfach rausgezogen – wir alle wurden als auch virtuell existierend entblößt.
Und der Masseverwalter kriegt von uns als Dankeschön dafür auch noch die ausständigen Gebühren. Seitdem weiß ich, wie sich Burnout anfühlt: Es ist nicht der Stress oder der Schock, es ist der Misserfolg, der zehrt.


Neuerdings haben wir jedenfalls wieder sieben Tage die Woche geöffnet!


Gwynnin


Irab – schau owa!     Anufa, 21.01.2017
Drachenrülpser     Roadman, 10.09.2016
Auch ein Blickwinkel …     Roadman, 11.06.2016
Licht in zwei Variationen …     Roadman, 02.04.2016
Was Mensch sich so vorstellt - oder auch nicht ...     Roadman, 05.03.2016
Das Kleingedruckte     Roadman, 23.01.2016
Das Gequatsche vom Loslassen…?!     Stefan, 21.11.2015
Wie ein Elefant das Fürchten lernte, oder: Das weniger bekannte Elefantengleichnis     Myriad Hallaug Lokadís, 03.10.2015
Weltheilung     Roadman, 26.09.2015
Schwitzhütten     Roadman, 25.07.2015
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil III     Christine Salopek, 13.12.2014
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil II     Christine Salopek, 01.11.2014
Die "Alles ist Liebe"-Lüge - Teil I     Christine Salopek, 18.10.2014
Kreise, die heilen - Teil II     Homo Magi, 02.08.2014
Kreise, die heilen - Teil I     Homo Magi, 12.07.2014
Dann bist` halt enfreundet ...     Dreamdancer & Anufa, 01.03.2014
Vom Umgang mit Warp-Antrieben und Einhornfürzen     Anufa, 21.09.2013
Süßes Gift     Sat-Ma’at, 20.04.2013
Eine sehr verkürzte Geschichte des britischen Heidentums - Teil II     Jack Dark, 19.01.2013
Eine sehr verkürzte Geschichte des britischen Heidentums - Teil I     Jack Dark, 01.12.2012
Piep, piep, piep - wir ha´m uns alle lieeeeb!     Anufa, 15.09.2012
Vorsicht Kanalarbeiter!     Martin Marheinecke, 11.02.2012
Das Märchen von der Ziegenherde     Volkmar Kuhnle, 12.11.2011
Lichtwesen und Schattenwerfer     Dreamdancer, 11.06.2011
Vergesst den 21. Dezember 2012 - Teil II     Martin Marheinecke, 05.03.2011
Vergesst den 21. Dezember 2012 - Teil I     Martin Marheinecke, 26.02.2011
Alle Jahre wieder ...     Anufa, 13.11.2010
Trügerisches Vorbild     Anufa, 07.08.2010
Es walpurgisnachtet     Shina Edea, 29.05.2010
In der Grippe lag das Kind... oder doch eher "mit"     Leisi, 23.01.2010
Satire oder doch fast Realität?     Eidechse & Anufa, 20.06.2009
Ist Gott überall?     Troubleshooter, 22.11.2008
Fritzi Möhrensaugers, vulgo Ruamzuzler, Abenteuer im „ländlichen Raum“ - Teil II     Merlin, 02.08.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil III     Troubleshooter, 26.04.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil II     Troubleshooter, 12.04.2008
Der heilige Maulwurf und sein tragischer Tod - Teil I     Troubleshooter, 05.04.2008
Fritzi Möhrensaugers, vulgo Ruamzuzler, Abenteuer im „ländlichen Raum“     Merlin, 26.01.2008
Zeit? Bloss so Zeit?     Rivka, 23.06.2007
Besinnlichkeit – und zur Besinnung kommen     Gwynnin, 23.12.2006
Die Herbergssuche     Gwynnin, 13.05.2006
„Intelligent Design” – zurück ins Mittelalter?     Gwynnin, 07.01.2006
Wicca, Lifestyle-Zeitschriften und Markenschutz - Teil II     Gwynnin, 02.07.2005
Wicca, Lifestyle-Zeitschriften und Markenschutz - Teil I     Gwynnin, 11.06.2005
Ein göttliches Gespräch     Gwynnin, 12.02.2005
Wassermann-Eintopf     Gwynnin, 13.11.2004
13 Möglichkeiten wie du in Foren an Informationen kommst ...     Anufa, 24.07.2004
Bilsenkraut und Krötenschleim - Hexen im TV     Gwynnin, 13.03.2004
Der Gehörnte ...     Freyjatru, 31.01.2004
Eine neue Droge greift um sich!     Anonym, 24.01.2004
Die Geheimlehre der Wunderwuzzis     Freyjatru, 12.07.2003
Ein Leserbrief     Perduíl, 26.04.2003
Mitschrift einer Online-Initiation     Raven Gilmartin, 01.03.2003
Yule und die Hintergründe     Anufa, 21.12.2002
Ode an das Kräuterkistl     LadyPurple, 12.10.2002
Soso, du willst also eine Hexe werden?     Gwynnin, 24.08.2002
Achtung Kommerzhexen: Konkurrenz!     Gwynnin, 20.07.2002
Supermarkt des Lebens     Anufa, 01.06.2002
Die Mächte der Finsternis     Gwynnin, 16.04.2002
Eine Chance vertan?     Gwynnin, 15.02.2002
Ein Tag im Leben einer Hexe     Gwynnin, 05.11.2001
Online-Hexenschulen     Gwynnin, 19.10.2001



               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017