Betreut von Anufa
DrachenSabber
„Intelligent Design” – zurück ins Mittelalter?
Ich möchte hier ganz und gar nicht die Frage aufwerfen, ob in der Schöpfung wie wir sie kennen, ein ihr zugrunde liegender intelligenter Plan erkennbar ist oder nicht. Allerdings entstehen im Hintergrund der seit Jahren andauernden hitzigen Diskussion zwischen Wissenschaft und Religion wahrhaft skurrile Methoden, die Menschheit zu verdummen und teilweise recht schrille Reaktionen auf diese.

„Intelligent Design“ mutierte nicht nur zum neuen Modebegriff der Vertreter der christlichen Schöpfungslehre, sondern wird vor allem als Kampfansage an die von Charles Darwin begründete Evolutionstheorie verstanden und bereits seit einigen Jahren emsig als Alternative dazu in Teilen der USA in den Lehrplan von Schulen integriert.
Im Zuge der christlich-fundamentalistischen Erneuerungsbewegung der Evangelikalen feiern in den Vereinigten Staaten die Kreationisten, die die Bibel also wörtlich nehmen, fröhliche Urständ. Nun, für mich hat jeder Schöpfungsmythos das gleiche Existenzrecht, so natürlich auch die christliche Ansicht, Gott habe die Welt und alle Lebewesen in sechs Tagen erschaffen – und das irgendwann in den letzten paar tausend Jahren. Man braucht ja nur anhand der Zeitangaben in der Bibel zurückzurechnen.

An der neodarwinistischen Evolutionstheorie schien seit Jahrzehnten niemand mehr zu rütteln, auch nicht die katholische Kirche. 2004 etwa erklärte die Theologenkommission des Vatikan unter dem damaligen Vorsitzenden Kardinal Ratzinger, dass die Evolutionstheorie der Schöpfungslehre nicht widerspreche.
Im letzten Jahr gelangte die Diskussion auch im eher noch nüchtern denkenden Europa ins Zentrum des Interesses, als der Wiener Kardinal Schönborn in einem Artikel der New York Times forderte, der „Intelligent Design“-Idee mehr Aufmerksamkeit zu zollen. Während also inzwischen mehr als die Hälfte der Amerikaner, vorne weg George W. Bush, davon überzeugt ist, das Universum sei nicht älter als ein paar tausend Jahre, belustigen manche Erklärungsmodelle, um Fossilienfunde und andere wissenschafliche Fakten wegzudiskutieren, doch einigermaßen!

Nun, der bissige Satiriker mag denken, einem Ami kann man manchen Unsinn relativ leicht einreden, aber inzwischen machen diese Weisheiten vor dem noch „unaufgeklärten“ Europa auch nicht mehr halt. Auch bei uns, so eine Soziologin, wollen viele Menschen einfache Antworten, die sie einfach glauben können und nicht allzu viel nachzudenken brauchen ...
Auch in Deutschland ist nach Forschungsberichten jeder Fünfte ein sogenannter Bibeltreuer und davon überzeugt, dass die Evolution gar nicht stattgefunden hat. Im Zuge einer Schulreform wollte letztens die italienische Bildungsministerin die Evolutionslehre bis zur achten Klasse aus dem Biologieunterricht verbannen, musste nach vehementem öffentlichen Druck ihre Pläne jedoch aufgeben.


Wie macht man aus einem Glauben eine Wissenschaft?

 
oder
=

Jede religiöse Sichtweise sollte respektiert werden. Die Versuche allerdings, das Ganze als Wissenschaft hinzustellen, um mit der neodarwinistischen Evolutionstheorie konkurrieren zu können, mündeten unter anderem in der Produktion des deutschen Films „Hat die Bibel doch recht?“. In dem Film kommen auch ein Mikrobiologe der TU München und ein Wissenschaftler des Max-Plank-Instituts zu Wort, deren Argumentation Evolutionsbiologen einhellig als Versuch der Volksverdummung bezeichnen bzw. der Verdrehung wissenschaftlicher Fakten bezichtigen.
In dem Film wird unter anderem die Giraffe als Erklärungsmodell herangezogen und „schlüssig“ bewiesen, dass die Giraffe nicht durch Evolution entstanden sein kann: Denn wäre zuerst der lange Hals entstanden, so hätte das Tier auf seinen kurzen Beinen nicht lange überlebt. Andererseits, wären zuerst die langen Beine entstanden, wäre das arme Tier bald verhungert oder verdurstet, weil es mit dem kurzen Hals ja nicht bis zum Boden zum Trinken oder Grasen gereicht hätte.

Mir als bestürzem Betrachter – einer jener Momente, wo man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll – drängte sich allerdings die Frage auf, wie die Macher des Films zu der Ansicht gelangt sein könnten: „Dass sich bei dem Vorläufertier der Giraffe diese Merkmale zufällig, gemeinsam und gleichzeitig entwickelt haben sollen, das sei so gut wie ausgeschlossen.“
Pseudowissenschaft, doch für den Laien klingt das überzeugend. Für die deutschen Evolutionsbiologen allerdings eine gefährliche Tendenz, wie der Sender 3sat in seiner Sendung nano resümierte. Die DVD ist für Interessierte und (Leicht-) Gläubige um € 25,- hier erhältlich.

Das Ergebnis des Films wie auch die Botschaft des eigens zur Verbreitung dieser These gegründeten Vereins „Wort und Wissen“: Bis heute gebe es keinen einzigen Beweis für die Darwinsche Theorie. Die kontinuierliche Höherentwicklung der Lebewesen – verursacht durch Mutation und Selektion sei bisher wissenschaftliche Spekulation geblieben.


„Die Rache ist mein!” sprach Bobby Henderson

Von meiner Warte aus betrachtet ist der christliche Schöpfungsmythos natürlich nur einer von vielen. Ähnliches dürfte sich der Amerikaner Bobby Henderson gedacht haben, als er im Juni vorigen Jahres als Antwort auf den evangelikalen Fundamentalismus um etwa vier Uhr früh die FSM, die „Church of the Flying Spaghetti Monster“ ins Leben rief, nach deren Lehre der Mensch von einem fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen wurde.
Aus seinem offenen Brief an die Schulverwaltungen, die die Theorie des Intelligent Design in ihren Lehrplan aufgenommen hatten, in voller Länge nachzulesen auf seiner Website www.venganza.org, benannt nach dem spanischen Wort für Rache:

Let us remember that there are multiple theories of Intelligent Design. I and many others around the world are of the strong belief that the universe was created by a Flying Spaghetti Monster. It was He who created all that we see and all that we feel. We feel strongly that the overwhelming scientific evidence pointing towards evolutionary processes is nothing but a coincidence, put in place by Him.

It is for this reason that I’m writing you today, to formally request that this alternative theory be taught in your schools, along with the other two theories. In fact, I will go so far as to say, if you do not agree to do this, we will be forced to proceed with legal action.


Nach kurzer Zeit verzeichnete die Website eine explodierende Anzahl von Seitenaufrufen, zahlreiche Artikel in den Medien folgten sowie die lobende Erwähnung einer Vielzahl von Akademikern wie der Religionsanthropologin Susan Johnston, die feststellte, das fliegende Spaghetti-Monster zeige sowohl männliche wie auch weibliche Aspekte, einerseits mit seinen nudeligen Anhängen und andererseits seinen zwei runden Fleischbällchen, die deutlich die Brüste der Großen Muttergöttin repräsentierten.


Ergänzende Links:
Wikipedia - Kreationismus (Intelligent Design)
Die Zeit (zeit.de) - Gott pfuscht auch
evolutionsbiologen.de


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