DrachenSabber
Der Gehörnte ...
Mit gekreuzten Beinen thronte Light im Lotussitz vor den zwölf Besuchern seines Lichtseminars. Er breitete die Arme mit rätselhaften Gesten zum Himmel aus und ließ ein “Oooohm“ über seine Lippen vibrieren.

Wie Fliegen vom Licht angezogen, starrten die Suchenden gebannt auf den selbsternannten Heiland. Auf der Almwiese erwarteten sie die Offenbarung des Meisters, er hatte versprochen eine baldige Belohnung für das Leid zu verkünden. Niemand wagte es auch nur einen Laut von sich zu geben. Niemand wollte die Schuld dafür tragen, den Meister in seiner Konzentration gestört zu haben. Die Spannung stieg. Auf einmal verstummte das Oooohm, es folgte Stille.
„Ja!“, rief Light enthusiastisch aus.
„Was???“
„Eine Vision! Schließet eure Augen und folget mir in mein Bild! Sehet, wie wir in einer früheren Inkarnation vereint lebten! Unser Wohl gedieh an einem elysischen Ort und wir frohlockten an den Wundern der Natur. Jeder von uns erfreute sich des gleichen Glücks!“
„Unglaublich!“

Light hatte nie versucht, die erste positive Zahl hinter dem Null-Komma von der Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, dass dreizehn Menschen unter Abermilliarden anderen in einem früheren Leben zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, alle gleich glücklich waren. Doch bislang war der Beweis, dass ihm die Götter keine Visionen schickten genauso wenig erbracht, wie der Beweis, dass sie es taten. Solange eine höhere Macht, deren Wege unergründlich waren, als Referenz durchging, ließ sich die Mathematik als albernes Geschwätz unwissender Menschen erklären.
„Doch, meine Kinder!“, beschwor er, „Wir sündigten! Meine Kinder, wir sündigten! Das Leid, dass heute jeder Mensch auf dieser Welt ertragen muss, ist die Strafe für Schandtaten aus seinen Vorleben!“
„Oh nein!“

Dass, wenn jeder der unzähligen Menschen auf Erden leidet, in der Vergangenheit folglich fast ausschließlich Schwerverbrecher im Paradies gelebt haben müssen oder die Paragraphen im jeweiligen Strafgesetzbuch mehr einer Diktatur als einem elysischen Gefilde gleichen mussten, nahm Light auch nicht so genau. Wie gehabt, neigte er dazu die Mathematik dezent zu ignorieren.
„Doch, wir können wieder einkehren in das Paradies. Wir brauchen nur...“
„Was???“
„Wir brauchen nur unser Karma zurückzukaufen!“
„Das geht?“ - Staunen erfüllte die Runde.

Light lächelte, als hätte er ganze Stauden illegaler Drogen geraucht. Doch weder Marihuana, noch Kokain brachten ihn in eine höhere geistige Emanation. Ein bisschen Alkohol reichte völlig aus um seiner Stimme eine überzeugende Sanftheit zu verleihen. Beruflich gesehen, eine durchaus kluge Strategie, wenn man weiß, dass manche Anhänger sein Lallen als Nebenerscheinung für das Verlassen des Körpers interpretierten.
„Natürlich! Wille ist Energie. Sind wir bereit Geld als Opfer für die Karmalösung darzubringen, so zeugt dies von einem großen Wollen. Je höher der Geldbetrag, desto erklärter der wahre Wille wieder ins Paradies zu kommen. Wir müssen unsere Energie lediglich richtig fokussieren, damit wir ausreichend positive Wellen emittieren. Danach brauchen wir nur noch auf die Erlösung von oben zu warten!“

Die Seminarteilnehmer waren verblüfft, keinem von ihnen gelang es den Mund auch nur kurz wieder zu schließen.
„Lasset meine Worte in euch wirken! Vergesset nie, die Ärmsten werden die Reichsten sein - reich im Herzen, wo das Paradies liegt. Umarmet die Bäume! Befreiet den Geist vom Weltlichen! Ich werde nun in den Wald gehen und mit den Göttern einen Preis für unser Karma aushandeln! Seiet beruhigt meine Jünger, das Seelenheil ist nah!“

Euphorisch stürmten Lights Anhänger zu Bäumen. Zärtlich schmiegten sie sich an sie um ihnen liebliche Worte in die Äste zu flüstern. Bald waren sie einer spiritistischen Hysterie verfallen und man hätte selbst in den Hagiographien lange suchen müssen um einen Heiligen mit einer derartigen Fülle von Marienerscheinung zu finden.
Indessen spazierte Light in den Wald. Kaum war niemand mehr zu sehen, der einem Baum eine Liebeserklärung machte, sank der Meister seufzend auf den Boden. Es fiel ihm bereits selbst schwer an seine eigenen Worte zu glauben, was es umso schwieriger machte die Menschheit ans Licht zu führen. Doch ein kräftiger Schluck aus seinem Flachmann schwemmte so manchen aufkommenden Zweifel weg. Bislang hatte das Geheimnis seines Erfolges auch weniger in der eigenen Überzeugung von seinen Lehren gelegen, sondern vielmehr darin, dass er Suchenden nur dann seine Hand reichte, wenn er dabei gleichzeitig Banknoten entgegennahm. So lebte er weder unter einer Brücke, noch zierte sein Bild eine Fahndungsliste. Seine Weste war so weiß, wie die Samtkleider, die er trug, um die Armut zu predigen.
Der Flachmann näherte sich wieder seinen Lippen, da vernahm er ein Rascheln. Was war das?
Vorsichtig robbte Light in die Richtung aus der die Geräusche gekommen waren. Bedacht darauf nicht entdeckt zu werden, lugte er hinter einem Felsen hervor. Er traute seinen Augen nicht, auf der Lichtung vor ihm verweilten drei Frauen.

Sofort war ihm eines klar, sie waren definitiv keine verspäteten Seminarteilnehmerinnen. Denn gegen manche von seinen Besucherinnen war selbst Medusa eine Schönheit und so war es ihm auch nie schwer gefallen, ihnen zu raten den Sinn im Übernatürlichen und nicht im Leiblichen zu suchen.
Die drei Frauen auf der Lichtung waren alles andere als Gorgonen und so war es ihm eine Freude die drei Grazien zu beobachten.
Das weißblonde Haar der Jüngsten machte sie noch unschuldiger, als sie vermutlich war. Sie sprang vergnügt herum und schlug ein Rad. Jede Sorge schien ihr fremd zu sein.
Lights Blick wanderte zur Zweiten, einer heißblütigen Schönheit mit feurigem Haar.
“Unglaublich!“, lechzte er, „So ein praller Busen! Mein Gott! Ich wünsche mir dieses Wunderwerk nur einmal nackt zu sehen... Allein durch den Anblick, schwöre ich, werde ich ein anderes Leben führen!“
Doch auch die dritte im Bunde entging ihm nicht. Ihr wissender Blick und die weißgrauen Strähnen in ihrem schwarzen Haar erinnerten ihn an die weisen Matronen, über die er in den Legenden gelesen hatte. Ihr würdevolles und charakterfestes Auftreten lehrte Light, dass auch ein gehobenes Alter einen eigenen sexuellen Reiz ausstrahlen konnte, den man in der Palette der erotischen Gefühle nicht missen wollte.
Lights oberster Lehrsatz Begehren ist Leiden verlor an Bedeutung. Mit einem klaren Ziel vor Augen trat er hervor.

„Seiet gegrüßt, werte Töchter des Mondes! Mein erlauchter Name ist Light und ich erfreue mich Kindern des Gehörnten zu begegnen.“ Er traf seinen sanften Missionierungston perfekt.
„Der Gehörnte?“, kicherte die Junge und blickte ihn spöttisch an. Doch Light ließ sich nicht irritieren. Schon so manches junge Ding konvertierte letztlich zu einer überzeugten Anhängerin.
„Aber ja, euer gehörnter Gott. Sagt bloß, ihr kennt euren Gott der Leidenschaft nicht?“
„Unser Gott?“, fragte die Rothaarige verwirrt, er schätzte ihr Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Doch so genau konnte er das nicht abwägen, da sein Blick vornehmlich auf ihren Busen lag, wo eine klare Alterseinschätzung unmöglich war.
„Um ehrlich zu sein, kennen wir ihn nicht! Wir haben auch keinen Gott. Aber, Gott der Leidenschaft! Das hört sich wohl interessant an. Sag, kennst du ihn?“
„Aber ja! Er belehrt mich über Lust und Liebe. Ich, meines Zeichens, bin ein Lichtschamane, ein Geistwesen, und als sein oberster Vertreter auf Erden...“
„Was faselst du da von Lichtwesen und Geistschamanen?“, fuhr die Matrone gereizt dazwischen, „Hast du uns nicht einen göttlichen Lustknaben versprochen? Was sollen wir denn mit einer billigen Kopie anfangen?“
Light schwitzte. Dieser Versuch war offenbar daneben gegangen.
„Sag deinem Freund bitte, dass er uns heute Nacht besuchen soll! Könntest du das für uns tun? Bitte!“, bedrängte ihn die Rothaarige mit einem charmanten Lächeln, das ihren Wunsch zu einem Anliegen machte, dass man nicht abschlagen konnte.
„Ähm...“
„Sag dem Lustmolch einfach, dass er in ein paar Stunden hier antanzen soll! Schaffst du das?“, bohrte die Matrone weiter, während die Junge ihn mit großen Augen anblickte, als würde die Welt untergehen, wenn sie den Gott der Leidenschaft nicht träfen.
„Der Gehörnte wird kommen...“, stammelte Light, „Ich hol ihn raus... und sag ihm Bescheid.“
„Jubi!“, rief die Junge und schlug vor Freude ein weiteres Rad.
„,Ähm... Wie heißt ihr drei eigentlich?“
„Brigid“, flüsterte die Junge so schüchtern, dass es gerade noch hörbar war.
„Anbeth! Doch meine Freunde nennen mich Bethy!“, poussierte die Rothaarige, dass die Luftfeuchtigkeit in der Umgebung um mindestens 10% anstieg.
„Berta!!! Und nun zisch ab und hol mir den Lustknaben!“, krächzte die Matrone.

Die Aufforderung bedurfte keiner weiteren Worte, Light entfernte sich. Doch kaum waren die Frauen außer Sichtweite, blieb er stehen und hämmerte mit seinem Kopf gegen einen Baum. Dass sie ihn verschmäht hatten, war Gift für seinen Stolz. Doch unerwartet kam ihm die rettende Idee. Es müsste funktionieren, aber es blieb nur wenig Zeit, denn es dämmerte schon. Vorbei an den baumumarmenden Seminarteilnehmern stürmte er zu seinem Auto. Die Reifen quietschen, die Strecke bis ins nächste Dorf nahm er in Rekordzeit.
Im Dorf zog er eine lange Bremsspur vor einem Geschäft mit der Aufschrift Alois’ Trödlerladen. Er stürmte hinein und schrie: „Ich brauche Schminke, ein Fell, mit Schafswolle überzogene Stiefel, Hörner und einen Schwanz! Ähm, zum Draufkleben, meine ich... aufs Fell!“
Alois, ein gestandener Mann vom Lande, brachte vorerst nur ein „Hä?“ hervor. Doch der fragende Blick und das Zaudern änderten sich, als Light ihm die Karmalösung - dicke Banknoten - ins Gesicht hielt. Der Händler kramte daraufhin eiligst in seinen Waren.
Light schlüpfte in ein Bärenfell, es hatte genau die richtige Größe. Die Schafsstiefel passten wie angegossen und mit schwarzer Schminke im Gesicht war er am besten Weg seinen Plan erfüllen zu können.
Doch als Alois pfeifend in die Ecke blickte und die Hände hinterm Rücken verschränkt hielt, vermutete Light Unerfreuliches.
„Habt Ihr etwa den Schwanz und die Hörner nicht?“, knurrte Light zornig.
„Doch, werter Herr... Es ist nur...“
Der Verkäufer lief rot an. Zögernd hielt er Light die beiden restlichen Accessoires entgegen.
„Es tut mir wirklich leid! Aber es ist das Einzige, was ich gefunden habe!“
Light seufzte. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen. Er riss Alois das Mausschwänzchen des Mickey Maus Kostüms aus der Hand. Mürrisch beschmierte er es mit Klebstoff und drückte es auf das Fell. Prompt löste es sich. Ein zweiter Versuch! Wieder lag das Schwänzchen am Boden.
Nun platzte Light die Geduld. Entgegen allen Warnungen von Alois, entriss er ihm den Tacker. Mit aller Gewalt nagelte er das Schwänzchen aufs Fell. Erst als es hielt, als der Verkäufer kräftig daran zog, war Light zufrieden.
Das Schwänzchen pendelte bei jeder Hüftbewegung nach und die rotblinkenden Hörner vom letzten AC/DC Konzert wirkten sicherlich nicht gerade diabolisch. Doch trotz dieser Schikanen kam in Light ein neues Bewusstsein auf.
„Kein Liebsein und Händchenhalten mehr! Wo viel Licht ist, da ist auch Schatten! Light ist tot, lang lebe der Gehörnte!“

Nun war die Zeit für seine Rückkehr gekommen. Bei der Heimfahrt wich ihm jeder Autofahrer erschrocken aus, als er die Straßen entlang preschte. Und dass sich die Polizei bei der nächsten Radarauswertung wegen dem seltsamen Aussehen eines Lenkers wundern würde, war ihm egal. Ab nun war er der Gehörnte und um Banalitäten scherte er sich nicht mehr. Der Mond erhellte bereits die Nacht, als er sein Auto wieder bei der Almwiese abstellte. Seine Seminarteilnehmer waren mittlerweile unter den Bäumen friedvoll eingeschlafen, er stürmte an ihnen vorbei.
Schon von der Ferne sah der Gehörnte Rauch und Feuer vom Treffpunkt aufsteigen. Auf allen vieren schlich er sich wieder zur Lichtung und versteckte sich. Er brachte den Mund nicht zu. Als das Licht des Lagerfeuers die Gesichter der Frauen erhellte, erreichte ihre Pracht Göttlichkeit. Jetzt wusste er: Seine Zeit war gekommen!
Sein Wunsch, Brigid ihre weiße Robe herabzustreifen und sie zu ersten Liebestaten zu verleiten, war enorm. Bethys pralle Brüste quollen fast aus ihrer roten Robe hervor, ein weiteres Ziel war greifbar nahe. Und Berta versprach die Enthüllung von einem unvorstellbaren Arkanum, als sie in ihrer schwarzen Robe anmutig um das Feuer schritt.
Die Lust im Gehörnten drang bis zum Innersten seiner Zellen. Noch nie in seinem Leben zuvor hatte sein Körper derartig nach Leidenschaft gebettelt, geschrieen, gefordert. Seine Zähne klapperten. Es gab keine Zeit mehr zu verlieren! Von Manneskraft besessen sprang er mit einem lauten „HURRA!“ aus den Büschen hervor, sein Urschrei ließ den Wald erzittern. Er streckte die Hände fauchend zum Himmel und grölte gebieterisch:
„Kommt her, ihr Kinder des Mondes! Ich bin’s der Gehörnte!“
Aber die drei Frauen befolgten diese Anweisung nicht. Aufmerksam bestaunten sie das pendelnde Schwänzchen und die beiden blinkenden Hörner.
Der Gehörnte entschloss sich seine Männlichkeit zu beweisen, um die Frauen gefügig zu machen.
„Sehet her!“, brüllte er und deutete mit seinen Pranken auf das Feuer. Er posierte, die Spannung stieg. Der Gehörnte nahm Anlauf, er nahm den Sprung übers Lagerfeuer meisterhaft. Doch als weder ein Lächeln, noch ein Applaus zu vernehmen war, war seine Geduld zu Ende.
„Kinder des Mondes, so kommet doch endlich zu miiii... Ui! Mist!“
Auch wenn sein Sprung gut gewesen war, bei der Landung war etwas Furchtbares geschehen, dessen Auswirkung nicht gleich ersichtlich war. Der Gehörnte jaulte, als er sein brennendes Schwänzchen sah. Sofort schmiss er sich zu Boden und wälzte sich, um es zu löschen. Zum Glück stieg bald lediglich Rauch zum Himmel empor. Verunsichert blickte er zu den Frauen. Sie lachten ihn weder aus, noch wandten sie sich von ihm ab. Doch nun erkannte er, woran es bei ihnen lag. In ihren Blicken loderte pure Leidenschaft. Sie gaben sich dem wilden Mann nicht hin, sie waren es, die forderten! Bislang in seinem Leben waren Frauen mit einem lieblichen „Oooh“ dahin geschmolzen, sofern sie ihn nicht verschmäht hatten. Dass eine selbstsichere Evastochter die Sache in die Hand nahm, war neues Terrain. Und drei von dieser Sorte machten den Gehörnten natürlich besonders nervös. Noch gelang es ihm seine Unruhe zu verheimlichen, immer noch hoffte er das Steuer herumdrehen zu können.
Brigid tänzelte auf ihn zu, sie kreiste um eine Birke und reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. Ihr Blick war verführerisch und doch distanziert. Er versuchte in den Ausschnitt ihrer Robe zu spähen, als sie sich zu ihm vorbeugte. Doch kaum hätte er Konturen ihrer Brüste wahrnehmen können, bedeckte sie sich schamhaft. Immer wieder warf sie ihm auffallende Blicke zu und deutete an ihn berühren zu wollen. Im letzten Moment glitten ihre Finger aber immer an ihm vorbei. „He!“, rief Bethy. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Ihre Hand glitt zum rechten Schulterhalter ihrer Robe, langsam streifte sie ihn herab. Niemand wagte das Schauspiel zu unterbrechen. Mit erotischen Bewegungen und lasziven Blicken näherte sich ihre Hand dem zweiten Schulterhalter. Als sich dieser löste, glitt ihre Robe zu Boden. Unter dem Flackern des Feuers war dieser Anblick einer nackten Frau ein Erlebnis, dass Hochgefühle detonieren ließ. Mit gebannten Blicken streichelte der Gehörnte ihre weichen Rundungen, ihre samtene Haut. Noch nie zuvor hatte er ein derartiges Wunderwerk gesehen. Mehrmals wanderten seine Augen an ihrem Körper nach unten und wieder nach oben.
Er hätte dieses Spiel wohl die ganze Nacht getrieben, hätte ihn nicht ein scharfer Ruf aus seinen Träumen gerissen: „Da kommst her!“ Befehlend deutete Berta mit dem Finger vor sich auf den Boden. Im Angesicht solcher Weiblichkeit wusste der Gehörnte nicht wie ihm geschah. Eine verführte ihn mit kindlichem Charme, eine mit prickelnder Erotik und die Dritte mit purer Wollust. Drei wilde Weiber, deren Liebeskraft unbeschreiblich sein musste! Würde seine Männlichkeit für dieses Abenteuer ausreichen? Er richtete den Blick fragend nach oben, aber er sah nur den Mond.
Als er noch überlegte, wie er sich aus der Misere retten konnte, ohne das Gesicht zu verlieren, spürte er unerwartet einen sanften Griff von der Seite her. Flüchtig sah er wie Brigid ihre Hand wieder von seinem Hintern zurückzog. Sie sah ihn verträumt und erwartungsvoll an. Dass die Frauen die Situation kontrollierten und nicht er, ließ ihm keine Ruhe. In seinem Kopf kreisten tausend Fragen. Was könnten sie wohl mit ihm anstellen? Sich auf ihn stürzen? Ihm das Fell vom Leibe ziehen? Ihn rupfen, ihn auspressen, wie eine Zitrone und ihn solange...oh-oh! Diese Rechnung ging nie auf. Es blieb nur mehr eines. Rennen! Das Blinkintervall der Hörner stieg stetig an, als würde es seine Angst widerspiegeln. Er winkte grinsend, drehte sich um und schwang die Hufe.
Doch damit war es nicht getan. Die drei, allen voran Berta, verfolgten ihn. Was war es, dass die drei Frauen ausstrahlten? Eine dunkle Macht? Dämonische Gaben? Hexerei? Er konnte diesen Gedanken nicht zu Ende führen, auf einmal merkte er, dass er keinen Meter mehr weiter kam und stattdessen Erde durch die Luft wirbelte. Was war geschehen? Berta hatte ihn mit einer Hand am verkohlten Mäuseschwänzchen gepackt, mit der anderen krallte sie sich an einem Baum fest. Seine Angst wandelte sich in Panik! Jetzt blinkten die Hörner eindeutig drei Mal lang, drei Mal kurz, drei Mal lang - SOS - Gehörnter in Not!
Mit Schrecken musste er mit ansehen, dass die beiden anderen Verfolgerinnen immer näher kamen. Er jaulte verzweifelt auf und startete mit aller Kraft einen letzten Versuch sich loszureißen. Und es gelang, zurück blieb nur das Schwänzchen mit einem Stück des Fells.

Kreischend stürmte er weiter. Er merkte nicht einmal, dass die drei Frauen verschwunden waren, nachdem er sich losgerissen hatte. Er hätte wohl einen Marathon unter zwei Minuten gelaufen, hätte sein Abenteuer nicht eine weitere, tragische Wendung genommen. Jägermeister Heimball glaubte den legendären Hubertushirschen mit dem roten Geweih im Visier seines Gewehres zu haben. Die Trophäe war für den Weidmann schon klar ersichtlich. Dass Schonzeit war und der Hirsch entsetzlich röhrte, als hätte man ihm jahrelang eine Hirschkuh verwährt, war dem Jägermeister egal.
Das zitternde Fadenkreuz verfolgte den Flüchtenden. Er lud durch. „So Burscherl, du ghearst mir!“. Der Gehörnte hörte nur einen lauten Knall, dann wurde es schwarz. Letztlich siegte aber das Glück über den Verstand. Der Streifschuss am Hintern war bald verheilt. Doch nach diesem Abenteuer war es aus mit der Narretei. Unser Held hängte auch den Job als Gehörnter an den Nagel. Doch irgendwie schien er ein Karma oder einen Wunsch, was auch immer, erfüllt zu haben. Seine ersten Worte nach der Beruhigungsspritze waren: „Frauen? Der leblose Mond? Nein!“ Um welches Mysterium es sich dabei auch immer dreht, wir wissen es nicht. Er nahm eine neue, eine dritte Identität an und feierte auf Mutter Erde Orgien, wo selbst die alten Römer vor Neid erblassen würden.
Es kam nie zu einer, zumindest offiziellen, Fahndung nach drei Frauen, die Männer mit unkontrollierbarer Weiblichkeit tyrannisierten. Die Behörden wollten jemanden, der mit blinkenden Hörnern und in einem Fell ins Krankenhaus eingeliefert wird, keinen Glauben schenken. Angesichts einer unüberriechbaren Alkoholfahne wurde die Schilderung des Vorfalls als bedauerliche Folge von Trunkenheit abgetan.

Doch wenn ihr so manche Legende studiert und ihr an denen vorbeigeht, die Bäume umarmen, und ihr euch auch keine Hörner aufsetzen lasst, so findet ihr vielleicht die drei Frauen.


Freyjatru


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