Schreingrundlagen in der kemetischen Praxis

Aller Anfang ist schwer - und zwar in jeder Tradition. Deshalb hat uns Sati einen Artikel geschrieben, der die Anfänge im Kemetismus ein wenig einfacher gestalten könnte.

Ein zentrales Element der kemetischen Praxis bildet der Schrein. Er dient als heiliger Ort, private Kultstätte und magischer Arbeitsplatz.
Um die Bedeutung dieses heiligen Ortes besser zu verstehen, ist es sinnvoll sich mit dem Begriff "Idolatrie" zu befassen. Für viele, die in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sind, ist es mit ambivalenten Gefühl besetzt Bilder oder Statuen zu beherbergen, Kultorte zu unterhalten bzw. Kultgegenstände zu verwenden.

mein Hauptschrein (Foto von Sati)
mein Hauptschrein (Foto: Sati)

Manchen ist es sogar eine willkommene "Ausrede" keines dieser Dinge zu benutzen, was streng genommen ganz und gar unkemetisch wäre. Das biblische "Du sollst Dir kein Bildnis machen." geistert noch in vielen Köpfen herum. Gerade aber für die kemetische Tradition kann man diesen Grundsatz ins genaue Gegenteil verkehren, nämlich "Du SOLLST Dir ein Bildnis machen - am besten sehr viele Bildnisse, je mehr desto besser". Im Kemetismus sind Statuen, Bildnisse, ja sogar Schriften Träger göttlicher bzw. vergöttlichter Entitäten. Das Bildnis wird wie die jeweilige Gottheit selbst behandelt und bedarf dementsprechender Riten und Gebräuche - und vor allem natürlich seinen eigenen geschützten Raum.


Hathor Schrein (links) Bienen-Schrein (rechts) (Foto: Sati)
Hathor Schrein (links) Bienen-Schrein (rechts) (Foto: Sati)

Häufig werden die Begriffe "Schrein" und "Altar" synonym verwendet, ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch etwas. Besonders im Kemetismus ist eine Differenzierung dieser Begriffe sehr sinnvoll, daher zunächst eine kleine Erläuterung:


Schrein

Ein Schrein (lat. Scrinium) ist aus kunsthistorischer Sicht ein (meist verschließbarer) Behälter, z.B. ein Möbelstück oder sogar ein kleines Gebäude zur Aufbewahrung heiliger Reliquien oder Aufenthaltsort göttlicher Wesen selbst. Er dient in erster Linie dem Schutz derselben, sowohl vor ganz weltlichen Bedrohungen, wie Beschädigung, Diebstahl oder Umwelteinflüssen, aber impliziert auch gleichzeitig eine Trennung von weltlicher Sphäre und göttlicher Sphäre, die im wahrsten Sinne des Wortes "erschlossen" werden muss. Als solches ist bereits das Öffnen/Aufschließen des Schreines eine kultische Handlung, die mit mehr oder weniger feierlichem Aufwand ausgeschmückt werden kann. Manche Schreine haben zu diesem Zweck sogar mehrere "Schichten". Im weitesten Sinne kann man tatsächlich auch die Tempel als eine Art Schrein verstehen, denn auch sie dienen dem Aufenthalt und dem Schutz der göttlichen Wesen.


Statue der Göttin Selket
Statue der Göttin Selket (Foto: Sati)

Im alten Ägypten als "Reput" bezeichnet galt der Schrein auch als das "Innere des Himmels" und ist als solches bereits aus frühdynastischer Zeit belegt. Reput heisst wörtlich übersetzt auch Sänfte und bezieht sich auf einen ehemals tragbaren Schrein. Prozessionen waren fester Bestandteil der kemetischen Kulttradition und die Statuen der Götter - die Träger des göttlichen Geistes selbst - wurden dabei mit ihrem schützenden Schrein nicht selten durch das ganze Land getragen.


Altar

Das Wort "Altar" leitet sich vom lateinische alta ara ab und bedeutet "hochgelegene Opferstätte". Damit wird schon ein Unterschied zum Schrein deutlich, denn der Altar dient nicht der Aufbewahrung von heiligen Wesenheit und Dingen, er dient den kultischen Opferungshandlungen der Menschen in Verehrung für die Gottheiten. Wortverwandtschaften mit dem lateinischen adolare (=verbrennen) stellen auch einen Zusammenhang mit den recht häufig verwendeten Brandopfern dar. Der hebräische Begriff mizbeach, also „Schlachtstätte" deutet auf die oft dargebrachten Tieropfer hin. Ein Altar ist häufig ein Tisch oder eine Fläche auf der entsprechende Kulthandlungen ausgeführt werden. Der Altar kann entweder selbst Unterlage der Opfergaben sein, er kann aber auch über eine Opferschale verfügen.

In der Praxis sind diese beiden oft Begriffe nicht so scharf voneinander getrennt. Schrein und Altar treten kombiniert auf, mal dient der Altar selbst auch als Schrein, indem die Kultgegenstände dort einfach nur aufgestellt werden, manchmal mag auch ein Schreininneres als magischer Arbeitsplatz gelten. Je nach Möglichkeiten und nach persönlichen Vorlieben mag man vielleicht die Prioritäten unterschiedlich setzen. Man kann durchaus auch mehrere Einzelschreine im Haus verteilt errichten und nur einen Altar der völlig getrennt von den Schreinen steht. Oder aber man fasst alles zusammen und bringt es in einem geeigneten Möbelstück (Kommode, Schrank, Sekretär o.ä.) unter.

Schrein für den Totengott Sokar (die Statue wird nur zur Zeit der Sokar-Mysterien enthüllt und ist ansonsten das ganze Jahr verhüllt)
Schrein für den Totengott Sokar (die Statue wird nur zur Zeit der Sokar-Mysterien enthüllt und ist ansonsten das ganze Jahr verhüllt) (Foto: Sati)


Kultfigur/Statue

Die Statue hat in der kemetischen Religion wie eingangs erwähnt eine große Bedeutung. Inzwischen gibt es erfreulicherweise viele Bezugsquellen für sehr schöne Statuen aus Kunststein. Stein hatte im Alten Ägypten eine tiefe Symbolik der Ewigkeit und Beständigkeit, daher ist die Verwendung von Steinstatuen der Verwendung von anderen Materialien sicherlich (wenn möglich) vorzuziehen. Für den Anfang kann man jedoch auch ohne weiteres auf ein einfaches Bild zurückgreifen. Allein die Herstellung eines solchen Bildes kann in sich schon als heilige, ehrende Handlung durchgeführt werden.

Meine Wenigkeit beim Schrein-Ritual :)
Meine Wenigkeit beim Schrein-Ritual :) (Foto: Sati)


Kultgegenstände

Die Kultgegenstände orientieren sich in erster Linie an der persönlichen Praxis. Wer viel magisch arbeitet, benötigt andere Gegenstände als jemand der eher eine meditative Herangehensweise an die kultische Tradition hat. Opferschale, Kerzenhalter und Räucherschale darf man jedoch durchaus zur "Basisausrüstung" zählen, denn Opfergaben, Kerzenlicht und Räuchern gehören zu den häufigsten Bestandteilen ritueller Handlungen. Andere Kultgegenstände können besonderer Ritualschmuck, Dolche, Schwerter, Messer, Ritualkleidung, Bücher mit Sprüchen und Hymnen usw. sein.


Reinheit

Reinheit ist ein sehr wichtiger Aspekt im Kemetismus. Das gilt natürlich auch für den Schrein, Statuen und Kultgegenstände. Wolle galt von je her als kultisch unrein, daher empfiehlt es sich im Schreininneren darauf zu verzichten. Es gibt zwar keine feststehende Regel dafür, jedoch verzichten die meisten auch weitestgehend auf Plastik und auf Kunstfaser. Im Alten Ägypten fand Leinen sehr häufig Verwendung, wer es also sehr authentisch halten möchte kann sich bei textilen Schreinelementen an Leinen halten. Ansonsten ist die Verwendung von pflanzlichen Naturfasern, wie Baumwolle oder Viskose bestens geeignet. Bei Seide ist natürlich zu bedenken, dass es sich im Grundsatz auch um ein tierisches Produkt handelt, auch Leder fällt unter diese Rubrik. Dennoch können unterschiedliche Fetische tierischen Ursprungs, wie etwa Knochen, Hörner u.ä. wiederrum kultisch von Bedeutung sein. Regelmäßige Reinigungsrituale sollten unbedingt in die kultische Praxis miteinbezogen werden. Zur Reinheit gehört natürlich auch, dass der kemetisch Praktizierende auch die eigene Reinheit nicht außer Acht lässt (siehe "Rituelle Reinheit")

Schrein für den Gott Seth (Foto: Sati)
Schrein für den Gott Seth (Foto: Sati)

"Shrine-mania"

Abschließend möchte ich noch einige persönliche Worte zum recht verbreiteten "Schrein-Wahn" hinzufügen. Im Internet kursieren natürlich unzählige Bilder von atemberaubend schönen und aufwendigen Schreinen, die einen geradezu in Bewunderung erstarren lassen. Wahre Kunstwerke und Prunkstätten gibt es da vielerorts zu bewundern. Natürlich ist der Schrein kreativer Ausdruck der persönlichen Götterverehrung, jedoch möchte ich hier ein wenig zur Vorsicht raten, sich allzusehr ins Gestalterische zu verlieren. Mögen die Bildnisse noch so eine hohe Bedeutung in der kemetischen Religion habe, sie sind nicht ihr zentrales Wesen. Wer also knapp bei Kasse ist oder nicht so sehr mit gestalterischen Fähigkeiten gesegnet, aber dennoch mit Liebe und Hingabe einen einfachen kleinen Schrein einrichtet und diesen mit Beständigkeit pflegt und nutzt, findet ebenso die Gunst der Götter, wie die versierten "Schreinkünstler". Was zählt, ist die Intention den Göttern einen beständigen Platz im eigenen Leben zu schenken und diesen mit Beständigkeit zu hüten - und der Schrein ist damit letztlich nur Abbild des Raumes im eigenen Herzen.

Offener Schrein für mehrere Gottheiten (Foto: Sati)
Offener Schrein für mehrere Gottheiten (Foto: Sati)

Sat-Ma‘at


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