Es war nur eine Phase?!    Teil I

Gerade im Neuheidentum fällt mir das rasch wechselnde Publikum (und der eigentlich sehr kleine Kreis an konstant Praktizierenden) immer wieder auf. Diesmal beleuchte ich – wie immer aus meinem Blickwinkel - ein wenig das „Warum“.

In den knapp 10 Jahren in denen ich im öffentlichen Bereich des Heidentums viel aktiver als heute war, ist mir eine Erscheinung besonders aufgefallen. Ich hab sie damals Phasenheiden genannt. Das waren besonders junge Leute, auf der Suche nach „ihrer Spiritualität“. Vorausschicken möchte ich , dass ich das durchaus als Anrecht der Jugend (de facto eines jeden Menschen) ansehe, sich auszuprobieren und nach dem eigenen Platz zu suchen. Dazu gehört natürlich auch, die unterschiedlichsten Dinge anzufangen um feststellen zu können, ob mensch damit zufrieden und glücklich werden könnte oder eben nicht. Dass gerade im Heidentum so viele beim „oder eben nicht“ enden hat mich immer etwas gewundert. Vor kurzem hat mir eine Managementwerbung, die mir auf facebook ins Profil geflattert kam, die Idee einer vielleicht sinnvollen Herangehensweise vor Augen geführt. Fünf Punkte, die durchaus wert sind ein paar Gedanken daran zu verschwenden! Was ich besonders witzig fand war der Zeitplan, den dieses Managementinstitut für neu gegründete Betriebe und deren Überlebensrate erstellt.

  • Es braucht 1 Jahr tiefgreifender Auseinandersetzung, um in den Top 60% eines Lebensthemas zu sein.
  • Es braucht 2 Jahre für die Top 50% (die Lernkurve flacht ab)
  • Es braucht 3 Jahre für die Top 30% (hier beginnst du etwas Geld mit deiner Leidenschaft zu verdienen)
  • Es braucht 4 Jahre für die Top 10-20% (hier beginnst du richtig Geld zu verdienen)
  • Es braucht 5+ Jahre um in die Top 10% zu kommen. Erst hier kannst du echten Wohlstand aufbauen.

Ich habe all die Jahre für den Zeitablauf der Neuheiden und heidnischen Gruppen so ungefähr dieselbe Zeitschiene beobachtet.

  • Nach einem Jahr (intensiver!!) Beschäftigung mit einer sprituellen Richtung ist einmal eine halbwegs tragfähige Basis für die Praxis geschaffen.
  • Nach zwei Jahren hat fast jeder die internen Strukturen der Gruppe durchschaut/die ausgesuchte Praxis im Leben etabliert oder nicht – bei „oder nicht“ gibt’s meistens noch eine „zweite Chance“ indem mensch „befördert“ wird oder nicht aufgeben will, weil schon zuviel investiert wurde
  • Nach drei Jahren hat sich alles zum ersten Mal „eingelaufen“, der Reiz des Neuen ist endgültig dahin und der Alltag kehrt ein. Es gibt von außen keine großen Lorbeeren mehr zu ernten und in der Gruppe hat mensch einen „fixen Platz“ bzw. der spirituelle Alltag ist Gewohnheit
  • Nach vier Jahren ist es möglich Neuen als Tutor zu dienen und sich dadurch wieder selber ein wenig neu zu entdecken
  • Nach fünf Jahren ist auch das Routine geworden und mensch kann (und sollte) sich wieder um sich selber kümmern

Die ganze Zeit über sollte natürlich der gewünschte Outcome im Vordergrund stehen. Schließlich geht es darum die eigene sprituelle Entfaltung in Gang zu bringen. Warum es dann trotzdem nicht funktioniert, das verdeutlichen die fünf Punkte (und garantiert noch einige mehr, aber diese fünf werden wohl am häufigsten vorkommen und sie habe ich an vielen Beispielen beobachten dürfen).

Vorausgesetzt es gibt mal den Plan, sich eine spirituelle Heimat zu suchen. Dann wird wahrscheinlich Lektüre der unterschiedlichsten Richtungen der erste Schritt sein. Bücher und das Netz sind dabei wahrscheinlich die ersten Informationsquellen. Wenn dann die ersten neuen Gedanken Fuss gefasst haben, wird langsam die Umsetzung spruchreif werden. Egal ob die allein oder mit anderen stattfindet, bei vielen kommt es zu dem Punkt, an dem sich „das mit der Spiritualität als Phase“ herausstellt und die Normalität wieder verlockender erscheint. Warum das so sein könnte?


Unrealistische Vorstellungen

Mit der Vorstellung, die Welt ändern und zum Paradies der eigenen Wünsche machen zu können, in eine bestehende Gruppe einzusteigen, die Licht und Liebe verbreiten und gemeinsam fröhlich trommelnd liebevolle (oder wahlweise exstatische) Rituale in der Natur feiern auf den Fahnen stehen hat, klingt vielleicht auf den ersten Blick erstrebenswert. Es wird aber nicht funktionieren! Fröhlich trommeln kommt zwar bei Heiden durchaus vor, ebenso Rituale in denen Exstase eine Rolle spielt, auch draußen wird öfter mal gefeiert werden und natürlich gibt es auch Licht und Liebe - ABER es gibt auch das genaue Gegenteil davon, auch in einer Gruppe … und ja, das ist völlig normal und auch völlig in Ordnung! Wo Licht ist, ist auch Schatten und Perfektion ist auf dieser Daseinsebene mehr als selten zu finden (und in meinen Augen zwar ein Ziel, das mensch sich durchaus setzen kann – dafür bedarf es aber eines gerüttelt Maßes an Frustrationstoleranz, weil es nie erreichbar sein wird!!)
Logischer Weise ist Spiritualität nicht die Generallösung für alle Probleme! Natürlich bin ich weniger einsam (auf den ersten Blick!!) wenn ich Teil einer Gruppe werde … oder finde dort einen potentiellen Partner (was auch vielfach der wirkliche Antrieb ist). Natürlich habe ich dann etwas, meine freie Zeit zu füllen (von dem ich mir dann immer wieder bestätigen oder von anderen bestätigen lassen kann/muss, dass es auch sinnvoll ist), habe etwas vor, etwas woran ich gerade „arbeite“ oder einen Spaßrahmen mit "Gleichgesinnten". Je nachdem, wie ich es anlege. All diesen Fringebenefits ist aber eines gemeinsam: Sie haben per se mit Spiritualität nichts zu tun!

Die Lösung für dieses Dilemma ist, sich seiner Zielsetzungen mehr als bewusst zu sein. Was will ich überhaupt wirklich? Was verstehe ich unter Spiritualität? Wie stelle ich mir mein Leben mit und in meiner Spiritualität denn überhaupt vor? Je mehr Fragen mensch sich dazu selber stellt und vor allem ehrlich beantwortet, desto besser. Je weniger Definitionen als gegeben akzeptiert werden sondern bis ins Detail hinterfragt, desto besser.
Mit unterschiedlichsten Leuten zu sprechen und sie nach genau diesen Definitionen und Sichtweisen in ihrem Leben zu fragen, ist auch eine gute Möglichkeit Mindfuck auf die Spur zu kommen.

Ganz wichtig erscheint mir aber das Hinsehen. Wenn jemand weiß gekleidet Licht und Liebe predigt (und eventuell sogar verkauft) aber sichtlich auszuckt, wenn jemand ihm den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, dann ist das inkongruent. Wenn jemand Ruhe und Gelassenheit predigt (und verkauft) aber sich in Verschwörungstheorien übt, dann stimmt da auch etwas nicht. Wenn eine Gruppe „wir sind alle gleich“ vertritt aber es dann eindeutig einige „Gleichere“ gibt … dann haut das nicht hin. Nur um einige wenige Beispiele zu nennen, von denen es unendlich viele in unendlich vielen Ausprägungen gibt. Einzig die Inkongruenz haben sie alle gemeinsam - sie sind nicht schlüssig.

Das bedeutet jetzt nicht, dass diese Menschen/Gruppen/Richtungen zu vermeiden wären, sondern dass es sinnvoll ist, sich vorher über diese Macken im Klaren zu sein. Niemand verlangt von einem Lehrer ein Genie und ein Erleuchteter zu sein (und sollte das in meinen Augen auch nicht tun, siehe die bereits erwähnte Perfektion!), wichtig wäre aber dieses Menschsein auch zu erkennen und damit dann genau zu wissen, was mensch von diesem Lehrer lernen kann und will - und was eben nicht.


Ende Teil I


Anufa


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