Geschichte: Umgang und Umgehen…

Ein Thema, dem man sich – finde zumindest ich – gleich mal zu Beginn seiner Heidenlaufbahn intensiv widmen sollte, um nicht sofort über die ersten Stolpersteine zu fallen. Nach langer Beobachtung glaube ich nämlich, dass es genau dieser Punkt ist – also der Umgang mit Geschichte –  der das verursacht.

Das Folgende mag trocken und gar nicht passend für eine Rubrik wie das "Grüne Horn" erscheinen, doch ich meine, dass eigentlich genau hier die Reise beginnen sollte, um sich unnütze Um- und Irrwege zu ersparen. Folgender kurz gehaltene Artikel zu einem massiv umfangreichen soll einen Einblick in den Umgang mit Geschichte geben, zum Nach- und Selberdenken anregen und einen Leitfaden für Literaturstudium geben. Gerade Bücher sind oftmals die erste Informationsquelle und gerade hier kann ungemein viel schief laufen. Sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen!
Hex und Heid sollte sich Gedanken drüber machen, wo ihr Weltbild und die Informationen über die Genese und historische Grundlage ihrer Kulte, Strukturen und Inhalte herkommen und einen dementsprechend kritischen Umgang damit pflegen. Dass dem nicht immer so ist, beweisen zahlreiche Diskurse und meterweise unnötige Bücher. Gut gesicherte Fakten zu ignorieren oder massiv zu verdrehen, muss nicht sein und auch wenn vielleicht eine Ent-Romantisierung zu Beginn unangenehm erscheint, so bleibt doch sicherlich genug über, um sein Heidentum selbstbewusst und kritisch ausüben zu können. Ist es wirklich so schlimm, wenn die böse Inquisition vielleicht doch nicht neun Millionen Frauen und am besten noch alles Hebammen und Kräuterfrauen gemurkst hat? Für mich stellt es einen Mangel an Respekt den tatsächlichen Opfern gegenüber dar, verkennt man den eigentlichen Kern der Sache und die Fakten der Geschichte.
Warum ist es eigentlich so schlimm, Geschichte ohne romantischen Schleier zu sehen?

Wir haben Geschichte. Jeder von uns. Wir motivieren uns aus eigenen und fremden Erfahrungen, sowieso. Also können wir es ja auch gleich bewusster tun. Wir können unsere Erfahrungen prüfen und schauen, was unsere Begegnungen und Informationen aussagen. Auch unsere Sprache ist voll von Geschichte: Gruppen, Religionen, Länder, Regionen haben ihre eigenen Termini, an denen sie erkannt werden können, an denen Eigenes und Fremdes fest gemacht werden kann. Versucht mal, in einer Zeitung, in einem Artikel nur, alle Ausdrücke anzustreichen, die zB in einer demokratischen Gesellschaft nicht vorkommen dürften. Ihr würdet euer blaues Wunder erleben.
Die beiden Zauberwörter: "Immer schon" und "noch nie", beides vermeintliche Begründungen und dennoch vorrangig Manipulation. Manches ist eben "schon immer so" und manches war "noch nie so". Der wahre Sinn dahinter bleibt oft verborgen und manchmal gibt es ihn wohl auch nicht (mehr). Hinter vermeintliche Begründungen zu steigen, ist meiner Ansicht nach ganz unabdingbar.

Die erste Frage, mit der wohl viele von unsere ihre Eltern genervt haben mögen mag wohl "Warum?" gewesen sein. Und je mehr uns etwas betrifft, desto häufiger sollten wir danach fragen und manchmal hab ich auch erst dadurch erkannt, wie viel mich eigentlich wirklich betrifft. Die Geschichte eines Moments: Zu einer ganz bestimmten Zeit, unter ausschließlich in diesem Moment geltenden Bedingungen – das ist das Bild von heute, was zur Erinnerung wird, sobald der Moment vorbei ist, also Geschichte geworden ist. Aber auch dabei bleibt es nicht. Geschichte wird nicht nur, sondern wird auch rezipiert und reflektiert! So geschieht dies auch im Neuheidentum.
Meine höchstpersönliche Meinung ist, dass jeder, der sich mit Neuheidentum, gleich ob Wicca, Hexe, Asatru oder sonst wer, auseinandersetzt, eine Ahnung davon haben sollte, mit welcher Geschichte und welchen Geschichten er zu tun hat und zwar auf möglichst kritische Weise. Wie man zu einem solchen Standpunkt in Hinblick auf Literatur gelangen kann, versuche ich im Folgenden anzuregen:


Das Thema

Das häufigste Motiv dabei ist vielleicht das der persönlichen Betroffenheit. Wir suchen nach Aufklärung, nach Informationen zu einem Thema, das uns interessiert, herausfordert, betrifft.


Grundwissen

Zuerst sollte man einmal Grundinformationen einholen. Das ist zwar manchmal nicht genau das, auf das man möglicherweise so furchtbar heiß ist, hilft meiner Meinung nach aber zu differenzieren und nicht auf jeden niedergeschriebenen Quatsch reinzufallen. Folglich: Man konsultiert zuerst mal das "große Buch". Zu den meisten Themen gibt es ein Standardwerk, eine umfangreiche Einführung oder ein Handbuch, mit weiterführender Literatur. Damit kann man sich zumindest einmal ein Bild machen. Gerade einführende Werke diskutieren oft andere, zitierte Bücher, an die man anschließend herangehen kann. Sich selbst, dem Thema und den Büchern Fragen zu stellen, ist der logische nächste Schritt. Zu wissen, wo man nachschauen kann ist oft mehr wert, als ganze Lexika im Kopf zu haben.
Über dieses Standardwerk hinaus finde ich es gut, danach ein ganz aktuell erschienenes Werk zum Thema zu lesen.


Querfeldein

Nach dem Studium eines Standardwerkes und eines weiteren brandneuen hat sich bereits einiges an Informationen zu einem Thema angesammelt. Von da an könnte man sich auch an tendenziöse Werke heranwagen. Es gibt einige Zeiträume in der Geschichte, und zwar nicht nur jenen zwischen 1935 und 1945, denen eine bedenkliche Tendenz nachgesagt werden kann! Grundsätzlich kann in einem 2007 erschienen Buch Ähnliches stehen wie in einem von 1938! Ist genügend Zeitverständnis vorhanden, kann man auch solche Bücher mit Gewinn lesen – man muss sie eben dementsprechend übersetzen. Solche Übersetzungsübungen schulen Kritikfähigkeit und den scharfen Blick im Übrigen ungemein!
Ich musste vor Jahren mal 20 Texte, alle ca. 1-2 Seiten lang und zum selben Thema, alle gleichförmig formatiert, zeitlich einordnen. Alle flirrten im 20. Jahrhundert herum und es galt, jeweils eine halbseitige Diagnose zu verfassen, wann, unter welchen Voraussetzungen und mit welcher Intention der jeweilige Text verfasst wurde und woran das festgemacht werden konnte. Es war ziemlich haarsträubend, was bei diversen Erscheinungsjahren herauskam.


Querfeldein goes Eso

Erst jetzt würde ich mit gutem Gewissen auch sogenannte "Esoterik – Literatur" anschauen. Kommt nun ein Autor und will immer noch "9 Millionen verbrannte Hexen" oder die "ausschließlich zur Zauberei verwendeten Runen" oder die Edda als "Wort der Götter" an die Leserschaft bringen, dann fällt das hoffentlich auf keinen fruchtbaren Boden mehr! Spreu vom Weizen zu trennen fällt somit schon wesentlich leichter.
Nach der Einholung grundlegender Informationen über Inhalt, Literaturlage, Quellen (ganz wichtig: Feststellung welche ART von Quellen! Historische und literarische Quellen sind nicht dasselbe!!!) und Forschungs- und Publikationsstand bleibt nun noch über, an sich selbst wiederum die Fragen zu stellen, die einen eigentlich am meisten interessieren. Und ab hier kann ich für mich in aller Ruhe beginnen zu sortieren, was ich für mich in mein Weltbild einbinde, wo ich es durch persönlich gemachte Erfahrungen bereichern und weiter entwickeln will.

Geschichte zu haben heißt für mich auch Mensch sein und bereichert ganz ungemein. Dieser Umgang mit Geschichte ist für mich Training und Voraussetzung für kritisches, politisches und differenziertes Denken und Handeln. Ich glaube, dass gerade Neuheiden sich einfach nicht drum rumschwindeln sollten und sich ein Geschichtsbewusstsein, ein eigenes Weltbild schaffen sollten.
Einer der Universitätsprofessoren, der mich am meisten mitgeprägte, hat einmal gesagt:

"Wer Wert auf die eigene Meinung legt, sollte eine eigene Geschichte haben und mit Geschichte umgehen können".

Wie recht hat er doch.


Brighid


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