Fantasy und Neuheidentum   Teil XIV

Es gibt wohl kaum naturreligiöse Menschen, die Fantasy-Romane nicht lesen und schätzen. Die Ähnlichkeiten der Weltsicht von bestimmten Fantasy-Romanen mit den verschiedenen Richtungen des Neuheidentums ist ja häufig auch frappierend, und das nicht immer zufällig. Vielfach wird die Fantasy-Szene als eine Art Vorfeldorganisation für neuheidnische Gruppe gesehen.

Stephan Grundy: Rheingold (1992)

Der Schriftsteller Stephan Grundy, geboren 1967 in New York, studierte Englische und Deutsche Philologie an der Southern Methodist University in Dallas, Texas, USA. Den 1992 erschienenen Roman Rheingold schrieb er noch während seiner Studienzeit, die er im gleichen Jahr mit einer Promotion abschloss. Stephan Grundy gehörte zeitweise der nicht-rassistischen Asatru-Gruppe „The Troth“ an (deutscher Ableger ist der Eldaring e.V.).

Rheingold, der Erstlingsroman von Stephan Grundy wurde sofort ein internationaler Erfolg. Er erzählt die Geschichte des Heldengeschlechts der Wälsungen, dessen bekanntester Vertreter Siegfried der Drachentöter ist. Seine Quelle ist hauptsächlich die Völsunga-Saga.

Wir erinnern uns: Die Völsunga-Saga war sozusagen die Lieblingssaga von J.R.R. Tolkien. Allein das rechtfertigt eine Beschäftigung. Sie gehört zu den Isländersagas und ist eine Prosaparaphrase der Heldenlieder der Edda, von denen einige verloren gegangen sind.

Besonders interessant finde ich an den Roman, dass er nicht nur die bekannteren Stellen der Siegfried-Sagen erzählt, sondern auch die Vorgeschichte, die 1/3 des gesamten Romans ausmacht.

Rheingold beginnt damit, dass die Götter Wotan, Hönir und Loki auf der Erde wandern, freilich ohne dass die Menschen ihre wahre Natur erkennen können. Da sie Hunger bekamen, tötete Loki einen Otter, der gerade einen Fisch verzehrte. Am Abend kamen sie zum Hof des Bauern Hreidmar, wo sie um Obdach baten. Im Laufe des Abends prahlte Loki mit seinen Jagdkünsten und zeigte das Otterfell herum. Es stelle sich jedoch heraus, dass dieser Otter in Wirklichkeit Otr, ein Sohn Hreidmars war, der seine Gestalt verändern konnte. Hreidmar und seine anderen Söhne verlangten nun ein Wergeld von den Göttern. Das Otterfell, dass jetzt auf Menschengröße angewachsen war, sollte vollständig mit Gold bedeckt werden. Loki konnte dieses Gold beim Zwerg Andvari auftreiben, das dieser in einer Höhle unter dem Flussbett des Rheins versteckte. Schließlich nahm Loki dem Zwerg Andvari auch noch seinen Ring Andvaranaut ab. Andvari verfluchte diesen Ring jedoch, so dass er jedem, der ihn besitzt, den Tod bringt. Dieser Fluch wurde sofort wirksam, denn Hreidmars Sohn Fafnir tötete aus Goldgier seinen Vater, nachdem das Wergeld ausgezahlt wurde. Er raffte alles Gold an sich und schaffte es in eine Höhle im Siebengebirge. Schließlich verwandelte er sich in einen Drachen. Denjenigen Drachen, den Siegfried tötete, womit der Fluch Andvaris auf ihn überging.

In weiteren Kapiteln erzählt Stephan Grundy die Geschichte der Wälsungen, deren letzter Spross Sigfrid war. Besonders ausführlich wird die Geschichte der Wälsungen-Zwillinge Siglind und Sigmund dargestellt. Siglind heiratet aus Gehorsam ihrem Vater Wals gegenüber den skandinavischen Drichten Siggeir, obwohl sie und andere Mitglieder der Familie der Wälsungen ein schlechtes Gefühl bei der Hochzeit haben. Zudem erscheint noch Wotan in der Hochzeitsnacht als geheimnisvoller Wanderer und steckt ein Schwert in den Holzpfeiler von Wals‘ Halle. Damit stiftet er weiter Unfrieden. Denn er verkündet, dass derjenige das Schwert behalten solle, der es aus dem Holz ziehen kann. Das gelingt jedoch nur Sigmund. Als er sich weigert, dieses Schwert an Siggeir zu verkaufen, fühlt sich dieser tödlich beleidigt und sinnt auf Rache. Das ist nur der Auftakt zu einer Reihe von unvorstellbar grausamen Ereignissen, die schließlich dazu führt, das fast das gesamte Geschlecht der Wälsungen ausgerottet wird.

Dann erst erzählt er die bekannte Geschichte Siegfrieds, wie er unter Aufsicht von Regin, einem weiteren Sohn Hreidmars, ein Schwert schmiedet, damit den Drachen Fafnir tötet, Brunhild aus der Waberlohe befreit, in Worms aber Gudrun heiratet, am Hof der Burgunder lebt, von Hagen getötet wird und schließlich das ganze Geschlecht der Burgunder im Lager Attilas, des Hunnenkönigs, untergeht.

Die Völsunga-Saga gilt nicht umsonst als die grausamste Vorzeitsaga überhaupt. Die Sagas wurden ja für Zuhörer einer germanisch-wikingerzeitlichen Kriegeraristokratie verfasst, dementsprechend sind auch die vermittelten Werte. Walse und Sigmund z.B. weichen keinem Kampf aus, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist, dass sie ihn überleben. Lieber sterben sie heroisch in der Schlacht, denn als Feigling bezeichnet zu werden. Die Aufgabe der Frauen ist es, ihren Vätern zu gehorchen und denjenigen zu heiraten, den sie bestimmen. In der Erzählung von Siglind und Sigmund wird dargestellt, dass sie als Ehefrau von Siggeir zwar ihren Verwandten, insbesondere ihrem Bruder hilft, seinen Mordanschlägen zu entkommen, aber unter keinen Umständen ihr Eheversprechen brechen will. Eher verbrennt sie freiwillig mit ihm in der großen Halle, als dass sie ihn verlassen und zusammen mit Sigmund fliehen will.

Diese Werte sind natürlich für die heutige Zeit völlig indiskutabel und zeigen, dass die germanische Gesellschaft zumindest in ihrer Spätphase ziemlich gewalttätig gewesen sein muss.

Wie ja bereits erwählt, hat Stefanie von Schnurbein auch diesen Roman in ihrem Artikel Kontinuität durch Dichtung von 2009 besprochen. Dass sie sich nicht auf diese martialische Kriegerethik gestürzt hat, auf die sich ja auch die Nazis teilweise bezogen, liegt vermutlich daran, dass sie in der Quelle von Rheingold, der Völsunga-Saga genauso auftaucht. Es wäre aber problematisch und unfreiwillig komisch, den Germanen völkisches Denken zu unterstellen. Deswegen bringt sie vor allem ihre Standardkritik an, also den Versuch, „Blut-und-Bodenrituale“ nachzuweisen. Diese sieht sie vor allem in Beschreibungen von Runenmagie gegeben, so in dieser: „Die Verse leuchteten unsichtbar in der dunklen Luft, und Sigmund spürte durch den Felsen hindurch einen schwarzen Wirbel aufsteigen und in seine Füße dringen, der ihn mit der Erde verwurzelte. Einen Augenblick lang schwebte er zwischen den Himmeln und den Tiefen und blickte in die endlose Weite der Neun Welten.“ (vgl. von Schnurbein 2009, S. 256, sie nennt S. 218 der überarbeiteten Taschenbuchausgabe von Rheingold, entspricht S. 219 der Hardcoverausgabe)

Auch kritisiert sie Anspielungen auf Blutsbande und Wiedergeburten in der Sippe. Ich kann allerdings daran und in den beschriebenen Ritualen nichts erkennen, was einer „artgemäßen Religion“ im völkischen Sinne entsprechen würde.

Sie wirft Stephan Grundy zudem vor, rassistische Stereotypen bei der Charakterisierung von Personen zu benutzen: Siglind und Sigmund haben klare leuchtende Augen, hochgewölbte, blonde Brauen und eine hohe Stirn. Siggeir habe eine Hakennase. Tatsächlich heißt aber es, er hat eine lange, gekrümmte Nase. Diese Beschreibungen tauchen aber nicht mehrfach auf, wie sie behauptet, sondern nur je einmal. Möglicherweise hat Stefanie von Schnurbein recht, es kann aber genauso gut sein, dass sie diese Stellen überinterpretiert hat (vgl. von Schnurbein 2009, S. 257)

In seinen Widmungen dankt Stephan Grundy auch völkischen Neuheiden wie Stephan McNallen (Hinweis von MartinM), obwohl er, wie Frau von Schnurbein zugeben muss, selbst keine völkischen oder rassistischen Positionen vertritt.

Der Titel des Werkes Rheingold ist klar eine Anspielung an den Opernzyklus Der Ring der Nibelungen von Richard Wagner. Dort ist Rheingold nur der Titel des ersten Teils, des Vorspiels. Inwieweit sich Grundy auch inhaltlich an Wagner anlehnt, wie hin und wieder behauptet wird, ist umstritten. Ich kann das so nicht erkennen, allerdings kenne ich auch die Wagner-Opern nicht gut.

Ich denke, Rheingold ist sehr lesenswert, auch wenn ich mit der im Roman und der Saga dargestellten Kriegerethik und teilweise auch dem Frauenbild, insbesondere der Darstellung Siglinds, überhaupt nicht übereinstimme. In diesem Roman wird aber die mythologische Dimension des Siegfried-Stoffes deutlich, die in den meisten anderen Darstellungen nur eine geringe Rolle spielt. Allerdings geht Stephan Grundy nur bis zum Stand der Geschichte im germanischen Heidentum zurück. Heide Göttner-Abendroth hat in Die Göttin und ihr Heros gezeigt, dass der Kern des Siegfried-Mythos auch auf matriarchale, vorindoeuropäische Muster zurückgeführt werden kann (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 261). Aus dieser Perspektive ist die Siegfried-Sage in der Neuzeit noch nie erzählt worden, auch nicht von Diana L. Paxson in ihrer Töchter-der-Nibelungen-Trilogie, die MartinM als eine zeigemäße Version der Siegfried-Saga ansieht. Ich bin nicht so überzeugt. Vielmehr tauchen in diesen Romanen Wiedersprüche und logische Brüche auf. So soll der Altkönig im Taunus Sitz einer germanischen Amazonenorganisation sein, die aber ausgerechnet Wotan, dem obersten männlichen Kriegsgott untersteht. Brunhild hat als Amazone und Walküre einmal einem anderen Stamm als dem von Wotan gewünschten den Sieg geschenkt. Als Strafe wurde sie von ihren Amazonenschwestern auf einem Felsen festgebunden und muss die Vergewaltigung des ersten Mannes erdulden, der vorbeikommt. Das führt wieder zurück auf die Figur der Brunhild in der Völsunga-Saga, aber es wiederspricht dem Bild der Amazonen in der Fantasyliteratur grundlegend. Die Amazone stand immer auch für weibliche Solidarität und für einen Kampf gegen patriarchale Strukturen. Das fällt hier völlig weg. Ansonsten ist die Romantrilogie von Diana L. Paxson eher unmythologisch.

Heide Göttner-Abendroth meint dagegen in Die Göttin und ihr Heros, dass auch die germanischen Amazonen, die Walküren, ihren Ursprung im kämpferischen Widerstand der Frauen des alten Volkes der Megalithkultur gegen die germanischen Eindringlinge haben (vgl. Göttner-Abendroth 2011, S. 260). Dafür spricht, dass ursprünglich die Wanen-Göttin Freya als Anführerin der Walküren galt und ihr noch zur Zeit des klassischen Heidentums die Hälfte der Gefallenenen zustand, die in ihrem Palast Folkwang leben. Im Mythos vom Wanenkrieg lebt ja nach einer häufig vertretenen Auffassung noch die Erinnerung vom Kampf zwischen den patriarchalen indoeuropäischen Reitervölkern aus dem Osten und der matriarchalen Megalithkultur. Jan de Vries hält diese Deutung durchaus für möglich, meint aber, dass sie mit einer anderen indoeuropäischen Mythe zusammenfällt, die betont, dass die drei Stände der indoeuropäischen Gesellschaft (Priester, Krieger, Bauern) im Interesse des Ganzen zusammenwirken müssen. Solche Mythen gibt es auch in anderen indoeuropäischen Völkern, so bei den Römern. Hier ist es die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen. Allerdings haben wir bei den Germanen ursprünglich sowohl eine soziale als auch eine ethnische Spaltung. Denn die Indoeuropäer bildeten die Herrenschicht und die einheimischen Megalithiker die Bauernschicht. In Patriarchaten blickt die kriegerische Herrenschicht auf die Bauernschaft im Allgemeinen geringschätzig herab, ist sich aber gleichzeitig darüber bewusst, dass sie auf sie angewiesen ist. Dies drückt der Mythos des Wanenkrieges aus, da aber die soziale Spaltung ursprünglich auch eine ethnische war, konnte er gleichzeitig ein lange zurückliegendes geschichtliches Ereignis festhalten (de Vries 1957, S. 208ff).

Besprochener Roman

Stephan Grundy: Rheingold, Frankfurt am Main 1992 (Erstveröffentlichung 1992 unter dem Titel The Rhinegold)

Sekundärliteratur

Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 2011

Stefanie von Schnurbein: Kontinuität durch Dichtung – Moderne Fantasyromane als Mediatoren völkisch-religiöser Denkmuster, in: Uwe Puschner / G. Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und National, Darmstadt 2009

Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band II, Berlin 1957

Im nächsten Teil wird der Tiamat-Zyklus von Joan D. Vinge vorgestellt.


Mara


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