Fantasy und Neuheidentum   Teil XII

Es gibt wohl kaum naturreligiöse Menschen, die Fantasy-Romane nicht lesen und schätzen. Die Ähnlichkeiten der Weltsicht von bestimmten Fantasy-Romanen mit den verschiedenen Richtungen des Neuheidentums ist ja häufig auch frappierend, und das nicht immer zufällig. Vielfach wird die Fantasy-Szene als eine Art Vorfeldorganisation für neuheidnische Gruppe gesehen.

Mary Mackey, geboren 1945 in Indianapolis, USA, studierte an der Harvard Universität und ist Professorin für Englische Literatur an der California State University in Sacramento. Sie hat neben ihrer Lehrtätigkeit zahlreiche Romane, Gedichtbände und Drehbücher verfasst. Im Jahr 1981 gründete sie zusammen mit anderen Autorinnen die Feminists Writers Guild.

Die hier vorgestellten Romane können genausogut in das Genre des Historischen Romans eingeordnet werden, zumal sie ja bei der Beschreibung der dargestellten Gesellschaften Exaktheit beanspruchen. Da aber hier die Magie (in gewissen Grenzen) wirksam ist, die Große Göttin durch Träume und Visionen zuweilen direkt in die Handlung eingreift und die Zaubereien der indoeuropäischen Priester-Schamanen ebenfalls als wirksam beschrieben werden, ist es nicht ganz falsch, sie auch unter der Überschrift Fantasy zu besprechen.

Alle vier Romane beschreiben die Konfrontation zwischen matriarchalen und patriarchalen Gesellschaften. Kornmond und Dattelwein (1983) spielt in Mesopotamien im Jahr 3643 v.u.Z., als die patriarchalen Sumerer eine vorher dort existierende matriarchale Kultur erobern und überformen. Besonders beeindruckend im Roman finde ich die Beschreibung des Zagrosgebirges östlich von Mesopotamien, das heute im Iran liegt. In der Gegenwart ist es eine trockene Halbwüste. Damals aber, und das ist durch Pollenanalysen tatsächlich belegt, war es ein dichter, subtropischer Feuchtwald. Offenbar ist diese reichhaltige Vegetation durch Überweidung, zunächst mit Schafen und Ziegen, vollständig zerstört worden.

Die drei Romane Im Jahr der Pferde (1993), Die Schmetterlingsgöttin (1995), Das Lied der Erde (1998) gehören zusammen und werden im Englischen als Earthsong-Trilogy bezeichnet. Im Deutschen haben sie keinen bestimmten Namen. Sie beschreiben die Konfrontation zwischen den matriarchalen Kulturen Alteuropas und der patriarchalen indoeuropäischen Kultur.

Mary Mackey orientierte sich bei ihrer Beschreibung Alteuropas und der Indoeuropäer an den Theorien von Marija Gimbutas, die sie insbesondere in ihren Werken Die Sprache der Göttin und Die Zivilisation der Göttin ausgearbeitet hat. Frau Mackey hatte zudem Marija Gimbutas (1921-1994) noch persönlich gekannt und sie bei den Recherchen für ihre Trilogie mehrfach getroffen. Dass es gelungen ist, ihre Theorien in eine dramatische Handlung umzusetzen, belegt der Kommentar von Marija Gimbutas zum ersten Band, der 1993, ein Jahr vor ihrem Tod erschienen ist: „Brilliant, accurate … an unforgettable work of fiction that provides much more than entertainment … Mary Mackey truly has a researcher’s precision combined with a storyteller’s magic.” (http://marymackey.com/praise-for-mary-mackeys-novels/)

Der erste Roman beginnt im Jahr 4372 v.u.Z.. In ganz Europa existiert eine matriarchale Kultur friedlicher AckerbäuerInnen, die die Große Göttin in verschiedenen Gestalten verehren. Das Mädchen Marrah aus dem Dorf Xori in der heutigen Bretagne entdeckt an der Küste ausgerechnet am Tag ihrer Volljährigkeitsfeier den schiffbrüchigen Stavan, der aus einer völlig anderen – patriarchal geprägten – Kultur von indoeuropäischen Reiternomaden kommt, die für das friedliche Alteuropa eine tödliche Bedrohung darstellen können.

Aufgeschreckt durch seine Erzählungen und die Visionen ihrer Mutter, der Priesterin Sabalah, machen sich Marrah, ihr Bruder Arang sowie Stavan auf den weiten Weg von der Bretagne in die Steppen des Ostens, um mehr über diese Reiternomaden herauszufinden, so die Inhaltsbeschreibung in der Wikipedia.

In den ersten zwei Dritteln von Im Jahr der Pferde beschreibt Mary Mackey diese Reise und lässt das Panorama einer längst vergangenen Zivilisation wieder auferstehen. Auch beschreibt sie eine „leere Erde“, die noch nicht vollkommen von den Menschen beherrscht wird und wo noch große Regionen in ihrem natürlichen Zustand sind. Das Küstenvolk Marrahs lebt, wie der Name bereits andeutet, an den Küsten der heutigen Bretagne. Es ist die Bretonische Megalithkultur, die u.a. das Alignment von Carnac errichtete. Wenige Siedlungen erstrecken sich noch die Küste herunter bis zum Mündungstrichter (Ästuar) der Ibai Nabar (Gironne). Dann aber wird beschrieben, dass sich auf der ganzen Strecke zwischen Ibai Nabar und Blauem Meer (Mittelmeer) ein riesiger, fast völlig unbewohnter Wald befindet. Im Atlantikum, der Zeitepoche, in der der Roman spielt, war das ein lichter Eichen-Eschenwald. Hier lebten nicht nur die üblichen Wildtiere, die heute meistens ausgestorben sind, wie Bären, Wölfe, Auerochsen, Wisente sondern sogar noch Löwen! Mitten in diesem Wald liegen die Höhlen von Nar. Das ist eine der bekannteren französischen Bilderhöhlen aus dem Paläolithikum. Die Menschen Alteuropas wissen, dass die Wandbilder schon vor sehr langer Zeit geschaffen wurden, beziehen sie aber in ihren gegenwärtigen Glauben mit ein, zumal ja die Göttin die gleiche war, nur in einer anderen Form. (siehe dazu Gimbutas 2006, S. XIX)

Im Roman wird beschrieben, dass die Menschen dieser Zeit bereits hochseetüchtige Boote hatten, die als Raspas („Heilige Vögel“) bezeichnet werden. Im Vergleich zu moderneren Schiffen waren sie klein und schwer zu steuern, sie hatten aber immerhin schon ein großes Gaffelsegel aus Leinen. Die Völker des Blauen Meeres betrieben mittels dieser Schiffe bereits einen schwunghaften Tauschhandel. HändlerInnen konnten sowohl Männer als auch Frauen sein. Es kam dennoch nicht zur Entstehung von Reichtumsunterschieden, da diese Schiffe von den Dörfern und Städten gemeinsam betrieben wurden und die Menschen in verzweigte Clanstrukturen eingebunden waren. Geld gab es ja ohnehin noch nicht.

In der Stadt Itesh auf Gira (Sardinien) erleben Marrah, Stavan und Arang ein rauschhaftes, orgiastisches Fest zu Ehren der Schlangengöttin mit einem spektakulären, mehrere Tage dauernden Schlangentanz, an dem sich die gesamte Bevölkerung beteiligt.Anschließend reisen Marrah, Stavan und Arang über Italien und die Adria weiter nach Osten und erreichen den Rauchfluss (Donau). Dort sehen sie die Wunder der Donauzivilisation mit ihren Tempeln, der ausgefeilten Keramik, der Metallverarbeitung und der Schrift.Es wird im Roman dargestellt, dass es bereits in Alteuropa am Mittelmeer und im Balkan eine hochentwickelte städtische Zivilisation gab.

Die Stadt Shara, das vorläufige Ziel der Reise, liegt am Süßwassersee (Schwarzes Meer) südlich der Donaumündung etwa auf der Höhe des heutigen Varna (Bulgarien). Dort verweilen die Reisenden längere Zeit. Das gibt Gelegenheit, die Sozialstrukturen und Bauten einer größeren Siedlung zu beschreiben: Wie eine Königin von der Bevölkerung gewählt wird, wie der Rat der Stadt in schwierigen Situationen Entscheidungen trifft, wie ein Geburtstempel aussieht etc.

Anschließend reisen sie weiter in die südrussischen Steppen und werden von dem Stamm der Hani, der indoeuropäischen Reiternomaden, gefangen genommen. Während Stavan seinen Platz als Sohn des großen Häuptlings wieder einnimmt, aber merkt, wie sehr er sich verändert hat, wird Marrah zwangsweise zur Nebenfrau eines Unterführers namens Vlahan gemacht. Anhand dieses Beispiels wird die Gewalttätigkeit und Frauenverachtung der Indoeuropäischen Gesellschaften beschrieben, die ja ebenfalls durch archäologische Ausgrabungen belegt ist und sich auch aus Vergleichen mit der vedischen Mythologie ergibt.

An Ende des ersten Bandes können Marrah, Arang und Stavan fliehen. Im zweiten Band wird dargestellt, wie die BewohnerInnen der Stadt Shara mit letzten Kräften eine großangelegte Invasion der Hani abwehren. Wie sich aber im dritten Band Das Lied der Erde zeigt, konnten sie den Niedergang Alteuropas nur um wenige Jahre aufhalten: Marodierende Reiternomaden streifen immer wieder durch das Land, die Kinder von Shara werden zu ihrer eigenen Sicherheit auf die Insel Alzac (vielleicht die heute St. Ivan genannte Insel bei Burgas) geschickt, patriarchale Vorstellungen sickern immer stärker nach Alteuropa ein, der Ackerbau wird durch die Unsicherheit zunehmend erschwert.

Möglicherweise hat Mary Mackey die Beschreibung Alteuropas etwas idealisiert, was dann den Kontrast zu den Indoeuropäern umso schärfer erscheinen lässt. Immerhin scheint ja Marija Gimbutas mit ihren Beschreibungen einverstanden gewesen zu sein.

Diese Romane bergen, genau wie die von Stefanie von Schnurbein besprochenen, eine Menge Sprengstoff. Wie ich bereits im Artikel zu den Megalithkulturen Nordhessens erwähnt habe, sind die Herkunft der Indoeuropäer und die Frage, ob es ein weitverbreitetes Matriarchat in der Vorgeschichte der Menschheit gab, in der Wissenschaft hoch umstritten und haben immer auch eine politische und ideologisch-weltanschauliche Dimension.

Während in den 90er Jahren nach ihren Tode das Werk von Marija Gimbutas gänzlich verworfen wurde und die Anatolien-Hypothese (Herkunft der Indoeuropäer aus Anatolien) von Colin Renfrew weit dominierte, ist die Situation heute nicht mehr so eindeutig. Immerhin hat sich mit David Anthony ein angesehener Archäologe praktisch für die Kurganhypothese, also für den Ursprung der Indoeuropäer in der südrussischen Steppe ausgesprochen. Harald Haarmann zählt in seinen Büchern weitere AutorInnen und eine überwältigende Anzahl von Indizien für die Kurganhypothese auf, die sich jetzt sowohl auf geographische, als auch auf linguistische, archäologische und genetische Belege stützen kann (vgl. Anthony 2007, S. 39ff, Haarmann 2010a, S. 154ff, Haarmann 2010b, S. 17ff, Haarmann 2011, S. 230).

Etwas anders sieht die Frage dem Charakter der Gesellschaft Alteuropas aus. Bisher hat von den jüngeren WissenschaftlerInnen außerhalb der modernen Matriarchatsforschung nur Harald Haarmann die Gesellschaften der Donauzivilisation aufgrund von zahlreichen Belegen unumwunden als matristisch in der Definition von Gimbutas bezeichnet, also als egalitäre Gesellschaften mit einer zentralen Stellung der Frau (vgl. Haarmann 2011, S. 150ff). Genau das ist aber die Definition von Heide Göttner-Abendroth für den Begriff Matriarchat. Alle anderen WissenschaftlerInnen lehnen die Vorstellung einer in diesem Sinne matriarchalen alteuropäischen Gesellschaft vehement ab, auch und gerade David W. Anthony.

Besprochene Romane

Mary Mackey: Kornmond und Dattelwein, Frankfurt am Main 1987 (Erstveröffentlichung 1983 unter dem Titel The Last Warrior Queen)
Mary Mackey: Im Jahr der Pferde, München 1997a (Erstveröffentlichung 1993 unter dem Titel The Year the Horses Came)
Mary Mackey: Die Schmetterlingsgöttin, München 1997b (Erstveröffentlichung 1995 unter dem Titel The Horses at the Gate)
Mary Mackey: Das Lied der Erde, München 1999 (Erstveröffentlichung 1998 unter dem Titel The Fires of Spring)

Sekundärliteratur

David W. Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, Princeton und Oxford 2007
Marija Gimbutas: The Civilization of the Goddess, San Francisco 1991
Marija Gimbutas: The Language of the Goddess, New York 2006
Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011
Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen, München 2010a
Harald Haarmann: Die Indoeuropäer, München 2010b

Während in diesem Teil die positiven Aspekte der Matriarchatsromane von Mary Mackey herausgestellt wurden, geht es im nächsten Teil um Kritik an diesen Romanen sowohl um eigene als auch um Kritik aus der Wissenschaft.

Ende Teil XI


Mara


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