Fantasy und Neuheidentum   Teil X

Vorab: Wenn sich jemand wundert, warum ich bei einer Trilogie nur zwei Bände angegeben habe: Das liegt daran, dass der dritte Band Changers Moon (1985) nach der Einstellung der Taschenbuch-Reihe Knaur Science Fiction und Fantasy in den 80er Jahren niemals ins Deutsche übersetzt wurde.

Duell der Magier-Trilogie von Jo Clayton: Unter den magischen Monden (1982), Die Bahn der magischen Monde (1983)

Die Biographie der US-amerikanischen Schriftstellerin Jo Clayton (1939-1998) weist einige Ähnlichkeiten mit der Marion Zimmer Bradleys auf. Geboren in Modesto, Kalifornien wuchs sie im ländlichen Raum auf und studierte Englische Literatur an den Universitäten von Kalifornien in Berkeley und von Südkalifornien in Los Angeles. Ab 1963 arbeitete sie als Lehrerin. 1969 konvertierte sie zum Katholizismus und plante sogar, in ein Kloster einzutreten, gab aber diesen Plan wieder auf. In den 80er Jahren konzentrierte sie sich ganz auf das Schreiben. Von 1983 bis zu ihrem Tod 1998 lebte sie in Portland (Oregon).

Die hier vorgestellten Romane Unter den magischen Monden (1982, dt. 1984) und Die Bahn der magischen Monde (1983, dt. 1985) gehören zu denjenigen, die mir am besten gefallen. Das liegt nicht nur an der Handlung und den Konzepten, sondern auch an den glaubhaften, sympathischen Charakteren und dem Schreibstil.

Hier kombiniert Jo Clayton die Idee einer Amazonen-Organisation, vergleichbar mit der Gilde der Entsagenden Darkovers mit der Vorstellung eines Kampfes zwischen der Göttin-Religion und einer an das Christentum oder den Islam angelehnten neuen patriarchalen Religion der Anhänger der Flamme, die Soäreh, den Herrn des Lichts, anbeten.

Die Romane sind reine Fantasy und spielen in einer imaginären Welt mit einem hauptsächlich mediterranen Klima, das sich gar nicht so sehr von ihrem heimatlichen Kalifornien unterscheiden mag. Das Matriarchat ist schon lange durch das Patriarchat abgelöst worden und findet sich nur noch bei randständigen Völkern.

Allerdings dominierte bisher noch in ganzen Kontinent Mijloc die alte Göttin-Religion, wobei insbesondere die erste Gestalt der Großen Göttin, die Jungfrau (im matriarchalen Sinne), verehrt wird. In jedem Ort gibt es einen Schrein der Göttin, dem eine Schule angegliedert ist, in der Kinder beiderlei Geschlechts unterrichtet werden.

Und dann gibt es noch Biserica, das Tal der Frauen. Es liegt Herzen von Mijloc und ist zentrale Ausbildungsstätte der Schreinwächterinnen, Heilerinnen und der Meien (Amazonen). Wir lassen am besten Jo Clayton selbst Biserica beschreiben: „Überall Mädchen, eine Flut von Mädchen, in der die älteren Frauen untergingen, lachende und schweigsame, beherrschte und ungeduldige, fröhliche und finstere, träge und vor Energie übersprudelnde Mädchen. Häuslermädchen und Taromtöchter, Stadtmädchen von Selmacarth und Oras, Mädchen von fernen Gegenden und fernen Völkern, deren Namen und Lagen Tuli nicht kannte. Eine Auslese von Mädchen, die aufrührerischen und ruhelosen, die vergnügungssüchtigen und frommen, einige, die dem Druck der Anhänger [der Flamme] entfliehen wollten und andere auf der Suche nach etwas, das Biserica ihnen zu versprechen schien.“ (Clayton 1985, S. 392)

Die Meien werden als „Leibwächterinnen, Wachen der Frauenunterkünfte, Geleitschutz bei Frauenreisen auf Karawanen und Schiffen, als Handelsgehilfinnen und für andere vielfältige Aufgaben eingesetzt, die Integrität, Intelligenz, Wendigkeit und Geschicklichkeit beim Umgang mit den verschiedensten Waffen erfordern.“ (Clayton 1985, S. 12) Sowohl sie selbst als auch Biserica erhalten für ihre Dienste Vergütungen.

Die Rahmenhandlung der Trilogie besteht darin, dass Ser Norris, der mächtigste Magier aller Zeiten, Reiki Janja, eine Verkörperung der Großen Göttin und der Natur selbst zu einem Spiel um die Herrschaft über die Welt herausfordert. Jeder der Kontrahenten kontrolliert bestimmte „Spielfiguren“. Ser Norris z.B. Serroi als Kind, die Anhänger der Flamme, Reiki Janja dagegen Serroi als Erwachsene, Hern Heslin, den Herrscher von Oras etc.

In der Serie werden die Abenteuer von Serroi beschrieben, die als Kind von Ser Norris gefangen gehalten wurde, sich schließlich befreien konnte und in Biserica zur Meie ausgebildet wurde. Sie stolpert bereits auf ihrer ersten Mission zufällig in eine Verschwörung, in der der Hern Heslin, der Herrscher von Oras durch einen Dämon mit gleichem Aussehen ersetzt werden soll, der die Befehle des Ser Norris und der Anhänger der Flamme befolgt. Das kann sie zwar verhindern, aber sein Sturz ist nicht mehr abwendbar. Zudem wird ihre Kampfgefährtin und Liebhaberin Tayyan getötet. Serroi muss also mit Hern und dem Mädchen Dinafar, das sie unterwegs aufgelesen hatte, nach Biserica fliehen.

Nach dem Sturz von Hern Heslin übernehmen die Anhänger der Flamme die Macht. Die Jungfrauenschreine werden zerstört, die Menschen durch religiöse Tyrannei eingeschüchtert. Schließlich wird Biserica belagert und steht kurz vor dem Fall. Serroi wird ausgerechnet mit Hern Heslin, dem gestürzten Herrscher von Oras, auf eine verzweifelte Mission geschickt, um das Tal der Frauen doch noch zu retten. Ob das gelingt, wird im dritten Band dargestellt.

Am Beispiel der Farmers-Zwillinge Tuli (Mädchen) und Teras (Junge) werden die Auswirkungen des Putsches der Anhänger demonstriert. Tuli ist ein Wildfang. Aber ihr wurde wie Romily von ihrem Vater streng verboten, mit ihrem Bruder draußen herumzutoben. Wenn sie es doch tut, drohen Prügel.

Nach der Machtübernahme der Anhänger verschlimmerte sich ihre Situation noch erheblich. Der Jungfrauenschrein, in dem Tuli immer Ruhe und Frieden gefunden hatte, wird zerstört, ihre Familie als „Unruhestifter“ enteignet und die Frauen (Mutter mit Töchtern) in das lokale Haus der Buße eingewiesen. Dort soll ihnen durch eine Gehirnwäsche beigebracht werden, was der „wirkliche“ Platz der Frau im Leben ist. Nach ihrer Befreiung schickt sie ihr Vater selbst mit einer wandernden Meie nach Biserica, weil er sie beim folgenden Guerillakrieg gegen die Anhänger als Mädchen nicht dabei haben will, obwohl sie mindestens so gut wie ihr Zwillingsbruder Teras mit der Schleuder umgehen kann.

Möglicherweise hat Jo Clayton in der Figur der Tuli selbst Teile ihrer Kindheitserfahrungen verarbeitet. Sie lebte ja auf dem Land in einer Farm, genau wie Tuli.

Angesichts der Figurenkonstellation könnte man annehmen, Jo Clayton würde viele Männer als Monstren darstellen. Sie vermeidet allerdings eine solche Schwarz-Weiß-Zeichnung und versucht auch die Motive der Antagonisten verständlich zu machen.

Wie schon Marion Zimmer Bradleys Amazonen hat auch Biserica eine starke utopische Komponente, ja sie ist hier sogar noch stärker. In Jo Claytons Welt kommen zwar auch patriarchale Verhaltensweisen vor, aber die Meien, die hier ein ganzes Tal okkupieren, sind in Mijlock als integraler Bestandteil der traditionellen Religion des Landes erheblich stärker akzeptiert, auch von vielen Männern. Sie müssen sich nicht – wie die freien Amazonen von Darkover – ständig für ihr Anderssein rechtfertigen.

Umso schmerzlicher wird die Zerstörung dieser Religion empfunden, die vermutlich irreversibel ist. Auch dafür gibt es historische Vorbilder: Jo Clayton beschreibt in der Duell-der-Magier-Trilogie eine Situation, die so ähnlich am Ende der Antike, als Kaiser Theodosius 392 u.Z. das Christentum zur Staatsreligion erklärte, tatsächlich eingetreten ist. Alle heidnischen Tempel wurden geschlossen oder zerstört, die Statuen von Göttern und Göttinnen zerschlagen. Auch wurden die olympischen Spiele verboten und die berühmte Akademie in Athen geschlossen, in der bereits Sokrates, Platon und Aristoteles lehrten. Die größten Bibliotheken wurden ebenfalls geschlossen und ihre Bücher massenhaft verbrannt. Die heidnische Philosophin Hypatia wurde in Alexandria von Christen bestialisch ermordet.

Jo Clayton weist in ihren Romanen aber durchaus darauf hin, dass die Anhänger der Flamme aufgrund von gesellschaftlichen Widersprüchen insbesondere bei den ärmeren Schichten der Bevölkerung populär geworden sind. Auch dies entspricht ja der Entwicklung im Christentum, das gerade aufgrund der massiven sozialen Widersprüche der Gesellschaft im Römischen Reich so stark wachsen konnte.


Besprochene Romane

Jo Clayton: Unter den magischen Monden, München 1984 (Erstveröffentlichung 1982 unter dem Titel Moongather)
Jo Clayton: Die Bahn der magischen Monde, München 1985 (Erstveröffentlichung 1983 unter dem Titel Moonscatter)

Im nächsten Teil geht es um den Roman Madru von Frederik Hetmann.


Mara


Fantasy und Neuheidentum - Teil XIII 10.06.2017
Philip Heselton: «Doreen Valiente - Witch» 13.05.2017
Fantasy und Neuheidentum - Teil XII 22.04.2017
Dreams and Nightmares – Oracle of the Night 18.02.2017
"Nefertari's Tarot" 28.01.2017
Eine Runenreise voller Inspiration 10.12.2016
Werner Gertz: «Schamanische Reisen in andere Welten» 15.10.2016
Fantasy und Neuheidentum - Teil X 30.07.2016
Wolf-Dieter Storl: «Der Selbstversorger - Mein Gartenjahr» (inkl. DVD) 18.06.2016
Fantasy und Neuheidentum - Teil X 30.04.2016
Janet and Stewart Farrar: «Spells And How They Work» 09.04.2016
Fantasy und Neuheidentum - Teil IX 05.03.2016
Wolf-Dieter Storl: «Ur-Medizin - Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde» 16.01.2016
Fantasy und Neuheidentum - Teil VIII 09.01.2016
Fantasy und Neuheidentum - Teil VII 19.12.2015
Fantasy und Neuheidentum - Teil VI 28.11.2015
Ann-Marie Gallagher: «The Spells Bible» 10.10.2015
Wolf-Dieter Storl: «Shiva - Der wilde, gütige Gott» 06.06.2015
Doreen Valiente: «Where Witchcraft Lives» 23.05.2015
Fantasy und Neuheidentum - Teil V 09.05.2015
Wolf-Dieter Storl: «Die alte Göttin und ihre Pflanzen» 08.02.2015
Aidan A. Kelly: «A Tapestry Of Witches» 15.11.2014
Wolf-Dieter Storl: «Vergessenes Pflanzenwissen alter Kulturen» (DVD) 25.10.2014
Fantasy und Neuheidentum - Teil IV 31.08.2014
Stefanie Glaschke: «Von Krafttieren und Seelengefährten» 17.05.2014
Fantasy und Neuheidentum - Teil III 19.04.2014
Fantasy und Neuheidentum - Teil II 15.02.2014
Christopher Penczak: «Gay Witchcraft» 28.12.2013
Fantasy und Neuheidentum - Teil I 16.11.2013
Silja: «Das Buch der Grünen Magie – Zauberhaftes Wissen für deinen Alltag» 26.10.2013
Wolf-Dieter Storl: «Wanderung zur Quelle» 03.08.2013
Wolf-Dieter Storl: «Der Selbstversorger - Das Praxisbuch zum Eigenanbau» 11.05.2013
Michael Howard: «Modern Wicca - A History From Gerald Gardner To The Present» 23.02.2013
Wolf-Dieter Storl: «Wandernde Pflanzen» 27.10.2012
Patricia Crowther: «Covensense» 28.07.2012
Wolf-Dieter Storl: «Kräuterkunde» 28.04.2012
Silja: «Das Magische Kräuterjahr: Feste, Rituale, Kräutermagie, Küchenzauber» 04.02.2012
Paul Uccusic: «Der Schamane in uns» 29.10.2011
Buckland´s Complete Book of Witchcraft 17.09.2011
Silja: «Magische Kräuter - Wie Sie mit 52 Kräutern sich selbst und andere verzaubern» 18.06.2011
Dion Fortune: «Das karmische Band» 26.03.2011
Wolf-Dieter Storl: «Schamanentum - Die Wurzeln unserer Spiritualität» 08.01.2011
Michael Harner: «Der Weg des Schamanen» 23.10.2010
Wolf-Dieter Storl: «Das Herz und seine heilenden Pflanzen» 14.08.2010
Jaq D Hawkins: «Spirits of the Aether» 05.06.2010
Mareike Lea Strupat: «Spiegelbilder» 06.03.2010
Wolf-Dieter Storl: «Bom Shiva - der ekstatische Gott der Ganjas» 09.01.2010
Birgit Neger: «Moderne Hexen und Wicca» 19.12.2009
Wolf-Dieter Storl: «Götterpflanze Bilsenkraut» 17.10.2009
Hajo Banzaf: «Gut beraten mit Tarot» 08.08.2009
Paul Beyerl: «A compendium of Herbal Magick» 24.05.2009
Wolf-Dieter Storl: «Der Bär - Krafttier der Schamanen und Heiler» 22.03.2009
Wolf-Dieter Storl: «Borreliose natürlich heilen» 03.01.2009
Karl Spiesberger: «Naturgeister – wie Seher sie schauen, wie Magier sie rufen» 20.09.2008
Enzyklopädie der esoterischen Thierwelt 19.07.2008
Vivianne Crowley: «Wicca - Die Alte Religion im neuen Zeitalter» 29.03.2008
Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: «David und Salomo» 19.01.2008
Scott Cunningham: «Wicca – A Guide For The Solitary Practitioner» - Teil II 06.10.2007
Scott Cunningham: «Wicca – A Guide For The Solitary Practitioner» - Teil I 16.09.2007
Zimmermann, Gleason: «The Complete Idiot´s Guide to Wicca and Witchcraft» 30.06.2007
Ellen Cannon Reed: «The Heart of Wicca» - Teil II 17.03.2007
Ellen Cannon Reed: «The Heart of Wicca» - Teil I 10.03.2007
Dion Fortune: «The Goat Foot God» 30.12.2006
Dion Fortune: «Die Seepriesterin» 09.09.2006
Gabriele Haefs, Rachel McNicholl: «Keltische Hexengeschichten»
Luisa Francia: «Die Sprache der Traumzeit – Kunst und Magie»
 17.06.2006
Margot Adler «Drawing Down the Moon» 22.04.2006
Scott Cunningham: «Cunningham’s Encyclopedia of Magical Herbs» 14.01.2006
Oliver Ohanecian: «Wer Hexe ist, bestimme ich» 24.09.2005
Namu Yang Erche, Christine Mathieu: «Das Land der Töchter» 25.06.2005
Felicitas Goodman: «Wo die Geister auf den Winden reiten» 16.04.2005
Jean Shinoda Bolen: «Feuerfrau und Löwenmutter – Göttinnen des Weiblichen» 19.02.2005
Frederic Lamond: «50 Jahre Wicca» - Teil II 27.11.2004
Frederic Lamond: «50 Jahre Wicca» - Teil I 20.11.2004
Doreen Valiente: «Natural Magic» 11.09.2004
Anna Franklin, Paul Mason: «Lammas - Celebrating the fruits of the first harvest» 24.07.2004
Anna Franklin: «Midsummer – Magical Celebrations of the Summer Solstice» 29.05.2004
Lois Bourne: «Erfahrungen einer Hexe» 21.02.2004
Barbara Stamer (Hsg.): «Märchen von Katzen» - Sigrid Früh, Ulrike Krawczyk: «Katzen» 03.01.2004
Ulrike Müller-Kaspar: «Katzen, Kröten Schornsteinfeger» 27.12.2003
Sergio Bambaren: «Das weiße Segel» 25.10.2003
Ilmo Robert Von Rudloff: «Hekate - In Ancient Greek Religion» 19.07.2003
Shivananda Heinz Ackermann, Barbara Vödisch: «Einfach Sein - Spiel der Erkenntnis» 24.05.2003
Starhawk und Hilary Valentine: «Die 12 wilden Schwäne» 29.03.2003
Amy Sophia Marashinsky, Hrana Janto: «Göttinnen Geflüster» 01.02.2003
Vicky Gabriel: «Der Alte Pfad - Wege zur Natur in uns selbst» 18.01.2003
Sigrid Früh: «Herrin der Rauhnächte - Märchen, Brauchtum, Aberglaube» 21.12.2002
Kate West: «The Real Witches Kitchen» 16.11.2002
Gerald B. Gardner: «High Magic´s Aid» 07.09.2002
Georg Rohrecker: «Druiden, Wilde Frauen, Andersweltfürsten» 29.06.2002
Phyllis W. Curott: «Book of Shadows» 19.04.2002
Gerald B. Gardner: «Ursprung und Wirklichkeit der Hexen» 17.12.2001
Zsuzsanna E. Budapest: «Herrin der Dunkelheit - Königin des Lichts» 13.10.2001





              
                   
              



    

© WurzelWerk · 2001-2017