Fantasy und Neuheidentum   Teil IV

Nach einer Einleitung wurde dargestellt, wie Tolkien seinen christlichen Glauben mit der Beschreibung einer im Kern heidnischen Welt Mittelerdes verbinden konnte. In diesem Teil nun geht es um die Bedeutung der Landschaften im Werk Tolkiens und seine Kritik an der Umweltzerstörung.

Wie häufig angemerkt wurde, gibt es in Tolkiens Werk kaum Beschreibungen von religiösen Ritualen und er ist demnach auch weit davon entfernt, bewusst für eine für eine neuheidnische Richtung „Werbung“ zu machen. Dies kann auch die relativ freundliche Einschätzung seines Werks durch Stefanie von Schnurbein erklären (siehe unten).

In seinem gesamten Werk finden sich aber zahlreiche Motive aus der germanischen Mythologie und den Heldensagas, von denen der Germanist Rudolf Simek nur die wichtigsten aufzählte: Der eine Ring, der König im Berg, das Schattenheer, das zerbrochene Schwert, die Verehrung der Götter ohne Tempel, Hochsitze etc.

Noch viel wichtiger aber für den Großen Erfolg insbesondere des Herrn der Ringe seit den 70er Jahren ist aber meiner Meinung nach ein weiterer Faktor: Seine Zivilisationskritik, die sich gegen Umweltzerstörungen und die soziale Ungleichheit und entfremdete Arbeit als Folge der Industrialisierung richtet.

Landschaftsbeschreibungen haben eine sehr große Bedeutung im Werk von Tolkien. Das beginnt bereits bei dem von ihm sehr bewusst gewählten Namen für die von Menschen, Elben, Hobbits und anderen Wesen bewohnte Welt: Mittelerde (altnord. midgardr, alteng. middangeard). Der Name entspricht der Bezeichnung Midgard für die Welt der Menschen, die in der germanischen Mythologie als eine der insgesamt neun Welten angesehen wird. Das Element -gardr bezeichnet im Altnordischen und Altenglischen eine Umhegung um eine menschliche Behausung (vgl. Simek 2005, S. 40).

Die Landschaften haben bei Tolkien immer auch eine symbolische Bedeutung. Wüsten und Einöden sind bei ihm durch das Einwirken von Menschen oder böser höherer Mächte entstanden. Ich möchte hierfür zunächst ein weniger bekanntes Beispiel bringen. Im ersten Band des Herrn der Ringe ziehen Frodo und seine Freunde, verfolgt von den Ringgeistern, vom Auenland nach Bruchtal. Außerhalb des Auenlandes gibt es im Nordkontinent Eriador nur noch an wenigen Stellen Wald: Der Alte Wald direkt östlich des Brandywein und der Chetwald bei Bree. Den größte Teil der Wegstrecke bewegen sie sich über Ödland, also eigentlich Heiden (Landschaftstyp) und Moore. Dies sind die Hügelgräberhöhen, die Mückenwassermoore, die Wetterberge mit der Wetterspitze und die Verlassenen Lande. Diese Landschaften werden als völlig menschenleer und unheimlich beschrieben. Unter normalen Umständen würden sie sich relativ schnell von alleine wieder bewalden, wenn sie wirklich von Menschen nicht mehr genutzt werden. Dass dies hier nicht geschieht, wird als Folge des Krieges beschrieben, den der Hexenkönig von Angmar (einer der Ringgeister) gegen die Reiche von Eriador vor langer Zeit führte.

Tatsächlich gibt es in Nordengland und Schottland noch sehr große Heideflächen und verhältnismäßig wenig Waldgebiete. Sie sind Überbleibsel eines Heidegürtels, der sich im Mittelalter und der frühen Neuzeit von Nordportugal bis Norddeutschland entlang der Atlantikküste auf relativ unfruchtbaren Böden erstreckte. Diese Heiden entstanden durch eine Überweidung und Übernutzung früher vorhandener großer Waldkomplexe. In Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten wurden diese Heidegebiete im 19. Jahrhundert zum größten Teil entweder aufgeforstet oder im Ackerland umgewandelt, was durch die Erfindung des Mineraldüngers möglich wurde (vgl. Ellenberg 1996, S. 719ff). In Britannien wurden jedoch seit dem 16. Jahrhundert und verstärkt im 18. Jahrhundert die BäuerInnen von ihrem Grund und Boden vertrieben und Ackerflächen in Farmen für die Schaftzucht umgewandelt, die auch heute noch existieren. Es kam also zur Ausweitung von Heiden. Hier entstanden also tatsächlich riesige menschengemachte Ödlande, die fast völlig entvölkert sind. Auf diese Entwicklung spielt auch Thomas Morus an, wenn er in seinem Roman Utopia schreibt: „Die Schafe, einst so sanft und genügsam, sind wild und raubgierig geworden, dass sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern.“

Auch die Beschreibung der Einöden von und vor Mordor ist nicht nur durch die verwüsteten Länder in nordischen und keltischen Sagas wie den Parzivalerzählungen inspiriert worden, sondern auch durch Tolkiens Kritik an der Industrialisierung geprägt. Außerdem ist sie von den Erfahrungen Tolkiens im ersten Weltkrieg stark beeinflusst worden, als der jahrelange Stellungskrieg einstmals fruchtbare Gegenden in bizarren Kraterlandschaften ohne Vegetation verwandelte. Auch das, was Sam Gamdschie in den Totensümpfen in der Umgebung von Mordor erlebte, als er schon lange tot im Wasser liegende Krieger entdeckte, gehört zu den Erfahrungen der Soldaten im Ersten Weltkrieg. In den überfluteten Schützengräben fanden sie immer wieder die Leichen von in vergangenen Schlachten gefallenen Soldaten (vgl. Simek 2005, S. 48f).

Die zerstörte Landschaft um Isengart ist Folge des Bergbaus und der Metallverarbeitung, die Saruman hier betreibt und für die er die Wälder roden lässt, um immer neuen Nachschub für die Feuer seiner Hochöfen und Schmieden zu bekommen. Sie ist ein Spiegel der vom Menschen in der industriellen Revolution verursachten Umweltzerstörung (vgl. Simek 2005, S. 49f).

Andere bedeutende Landschaftselemente sind Wälder, die er häufig als unheimlich und schwer durchquerbar beschreibt. Der der im Hobbit beschriebene Düsterwald gilt aus größte Wald Mittelerdes. Er steht für den Übergang in die gefährliche Welt jenseits der Grenze der Wildnis. Diese Funktion hat der Wald auch in der altnordischen Literatur; er dient in der Edda als Grenze zwischen diesseitiger und jenseitig-bedrohlicher Welt (vgl. Simek 2005, S. 53f).

Im Hobbit schildert Tolkien die unheimliche Atmosphäre dieses Waldes: Die Baumstämme waren dick und knorrig, die Äste wie verrenkte Gliedmaßen, die Blätter dunkel und lang. Lange Efeuranken kletterte an den Bäumen empor. Es fiel kaum Licht auf den Boden und die Wege durch den Wald waren häufig zugewachsen. Nicht selten endeten sie in weglosen, mückenverseuchten Sümpfen, aus denen man kaum noch heraus fand. Das Wasser der Flüsse ist verzaubert und bewirkt bei allen, die davon trinken, dass sie in einen tiefen Schlaf fallen. Im Wald lauern gefährliche Tiere wie Riesenspinnen und große, intelligente und grausame Wölfe. Aber auch hohe Gebirge und ausgedehnte Sümpfe stehen bei Tolkien für die gefährlichen Seiten der Wildnis. Insgesamt vertritt Tolkien damit eine sehr traditionelle Sicht auf die Natur. Große Wälder z.B. sind für ihn wild und gefährlich, Wölfe werden als grausame und reißende Bestien porträtiert, Bären dagegen erstaunlich positiv dargestellt. Aber auch Heiden gelten bei ihm als unheimlich und gefährlich, während die Reste der ausgedehnten Heidelandschaften zumindest in Deutschland seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts sehr geschätzt werden.

Die ideale Landschaft ist für Tolkien das Auenland, also ein Mosaik von Waldstücken, Feldern und Wiesen, die von zahlreiche Bächen durchzogen sind, und wo vielen Dörfern und kleine Städte liegen. In dieser Umgebung beschreibt er auch die Wälder eher positiv, wenn sie in eine Kulturlandschaft eingebettet und somit domestiziert sind.

Tolkiens Vorliebe galt also der unverdorbenen, natürlichen Landschaft; diese durfte aber nicht allzu wild sein. Wie für viele Menschen stand für ihn das Mittelalter (und wohl auch die Zeit davor) für eine saubere, unzerstörte und somit glücklichere Welt.

Seine Kritik an der durch die Industrialisierung verursachten Umweltzerstörung und seine Wertschätzung der unzerstörten Natur ist sicherlich ein wichtiger Faktor den Erfolg des Herrn der Ringe zu Beginn der 70er Jahre. Dies war eine Zeit, als sich die Menschen der massiven Umweltzerstörung (Stichworte aus dieser Zeit: Verschmutzung der Flüsse und Seen, Luftverschmutzung, Waldsterben, Zerstörung der Ozonschicht durch FCKWs etc.) langsam bewusst wurden.

Besprochene Romane
J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Stuttgart 1984 (Erstausgabe 1954 unter dem Titel The Lord of the Rings)
J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion, Stuttgart 1984 (Erstausgabe 1977 unter dem Titel The Silmarillion)
J.R.R. Tolkien: Der Kleine Hobbit, München 2006, (Erstausgabe 1937 unter dem Titel The Hobbit)

Sekundärliteratur
Heinz Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen, Stuttgart 1996
Rudolf Simek: Mittelerde – Tolkien und die germanische Mythologie, München 2005


Mara


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