Fantasy und Neuheidentum   Teil III

Im ersten Teil habe ich das Konzept der Serie Fantasy und Neuheidentum vorgestellt und eine Definition des Genres Fantasy gegeben. Im zweiten Teil geht es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Neuheidentum im Allgemeinen und der Fantasy-Literatur im Besonderen.

Romane von J.R.R. Tolkien: Der Hobbit (1937), Der Herr der Ringe (1954), Das Silmarillion (posthum 1977) I

Über J.R.R. Tolkiens Werk ist bereits viel geschrieben worden, z.B. über die Herkunft vieler seiner Motive. Das muss hier nicht wiederholt werden. Aus neuheidnischer Sicht besonders interessant dürfte sein, wie Tolkien seine christlichen Überzeugungen mit dem paganen Hintergrund der germanischen Mythologie, auf die sich sein Werk zum großen Teil bezieht, zusammenführen konnte, und auch, warum es seit den 70er Jahren ein so großer Erfolg werden konnte und eine ganze Generation von Neuheiden (mit)geprägt hat.

John Ronald Reuel Tolkien (1892 – 1973), geboren in Südafrika, aufgewachsen in England, lehrte ab 1925 als Professor an der britischen Universität Oxford Anglo-sächsische-Philologie. Im Rahmen seines Studiums und seiner Lehre beschäftigte er sich auch mit altnordischer Mythologie, die in den Eddas, den Sagas und den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus vorkommt. Er konnte die altnordische Sprache fließend lesen.
Im Ersten Weltkrieg diente er bei den Lancashire Fusiliers und nahm im Jahr 1916 an der Sommeschlacht teil. In den Schützengräben an der Somme erkrankte er nach einem halben Jahr am Fünftagefieber und musste längere Zeit in Lazaretten behandelt werden. Bereits dort begann er mit den Schreiben von phantastischen Geschichten, die den Grundstock des posthum veröffentlichten Silmarillion bilden sollten.

Im Jahr 1937 erschien das Kinderbuch Der Hobbit, das sowohl von seinen eigenen Kindern, als auch der Gesellschaft der „Inklings“ („Tintenkleckser“, ein Kreis schreibender Universitätsprofessoren, dem Tolkien angehörte) und der Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wurde. Zwischen 1939 und 1954 schrieb Tolkien an seinem Hauptwerk Der Herr der Ringe, einem Roman für Erwachsene. Das Buch entfaltet die Geschichte des Großen Ringkrieges in epischer Breite und sollte stilbildend für das gesamte Genre der später so genannten Fantasy-Literatur wirken. Es war jedoch nach seiner Veröffentlichung 1954 kein großer Erfolg. Vielmehr dauerte es länger als ein Jahrzehnt, bis der Roman in den späten 60er und frühen 70er Jahren zunächst vor allem unter Studierenden durch Mundpropaganda immer beliebter wurde und dann Kultstatus bekam. Die Verfilmung des Herrn der Ringe ab 2000 machte das Buch dann plötzlich in einer breiten Öffentlichkeit populär; ein regelrechter Tolkien-Boom begann.

Im Jahr 1977 erschien das von Tolkiens Sohn Christopher posthum herausgegebene Silmarillion. Es ist kein Roman, sondern eine Sammlung der Mythologie Mittelerdes und erzählt u.a. die Vorgeschichte der beiden anderen Romane.
Wie allgemein bekannt ist, war J.R.R. Tolkien Zeit seines Lebens ein überzeugter Katholik. Dennoch war er von der nordischen Mythologie fasziniert und sein Werk wird auch von Neuheiden sehr geschätzt. Dieser scheinbare Widerspruch ist erklärbar durch eine besondere Herangehensweise Tolkiens, durch die er seinen Glauben mit einem polytheistisch-naturreligiösen Universum verbinden konnte. Darin ähnelt er bekannten nordeuropäischen Gelehrten des Mittelalters: Der dänische Geistliche Saxo Grammaticus schrieb um 1200 in lateinischer Sprache seine Gesta Danorum, die Taten der Dänen. Die ersten Bände enthalten die mythologische Vorgeschichte, in denen auch die nordischen Götter vorkommen. Der isländische Gelehrte Snorri Sturluson verfasste um 1220 die Prosa-Edda. Dies ist ein Lehrbuch für Dichter, das auch einen Abriss der nordischen Mythologie enthält. Um in einer bereits christlich geprägten Welt über nordische Götter schreiben zu können, wandten beide Autoren die Theorie des Euhemerismus an. Sie erklärten die alten Götter zu außerordentlich begabten Zaubereren, aber letztlich realen Menschen (vgl. Simek 2005, S. 32).
Ähnlich beschreibt Tolkien im Hobbit und Herr der Ringe die Istari oder Zauberer Gandalf, Saruman und Radegast. Sie werden beschrieben als alte Männer, die sehr lange lebten und kaum alterten. Hier besteht insbesondere eine große Ähnlichkeit mit dem Gott Odin der nordischen Sagas. Sowohl Gandalf als auch Odin werden als ein alter, gebeugter Mann, mit einem langen Bart und einem breiten Hut beschrieben. Während sich Gandalf auf einen Stab stützt, ist es bei Odin ein Speer. Beide reiten auf sehr schnellen Pferden.
In den Sagas, z.B. der Völsunga-Saga ist Odin, so wie Gandalf bei Tolkien, ein einsamer, geheimnisvoller Wanderer, der plötzlich auftaucht, häufig auch genauso schnell wieder verschwindet und den Gang der Handlung für den Helden nicht selten grundlegend verändert (vgl. Simek 2005, S. 74ff).

Eine weitere Anwendung des Euhemerismus durch Tolkien zeigt sich in der Schöpfungsgeschichte Mittelerdes, die im Silmarillion erzählt wird. Dort beschreibt er, wie der männliche Gott Eru Illuvater, also der Eine, der Allvater aus seinen Gedanken heraus zunächst die Ainur erschafft. Dies sind mächtige Wesen, die von ihrer Macht her ungefähr den alten germanischen Göttern entsprechen. Später erschafft er dann die materielle Welt, wobei er es den Ainur überlässt, ihr nach seinen Plänen, die sich in einer göttlichen Musik offenbarten, eine konkrete Form zu geben. Zu diesem Zweck nahmen einige der Ainur Wohnung auf Arda, auf der Erde und wurden nun die Valar genannt. Eru Illuvater legte fest, dass ihre Kraft nun auf Arda eingeschlossen ist. Die Valar schufen zwar nach den Plänen von Eru Illuvatar die Gestalt von Land und Meer, Sonne, Mond und Sterne sowie alle pflanzlichen und tierischen Lebewesen. Intelligente Wesen, also hier Menschen, Elben und Zwerge, kann jedoch nur Eru Illuvatar erzeugen.
Bereits vor Erschaffung der Welt rebellierte Melkor, der mächtigste der Ainur, aus Hochmut gegen seinen Schöpfer und sorgt nun für das Böse in der Welt. Dies ist eine Analogie zur christlichen Erzählung vom Erzengel Luzifer, der gegen Gott rebellierte und in die tiefsten Höllen gestürzt wurde.

Tolkien vermeidet es peinlich genau, die Ainur oder später Valar als Götter zu bezeichnen. Vielmehr nennt er sie Mächte. Durch die Einführung des übergeordneten männlichen allmächtigen Gottes Eru Illuvatar kann Tolkien seinem christlichen Glauben treu bleiben und doch das ganze Panorama einer eigentlich polytheistischen Mythologie entfalten, die im Silmarillion dargestellt wird. Tolkiens Schöpfungsmythos ist eine Kombination des biblischen mit dem nordischen Schöpfungsmythos. Es dominieren allerdings Anklänge an die biblischen Schöpfungsgeschichte. Auch hier ist es ein männlicher Gott, der allein durch die Kraft seiner Gedanken die Welt aus dem Nichts (ex nihilo) erschafft. Die Erschaffung der „Details“ durch die Valar erinnert dagegen an die Erschaffung der Welt durch Odin, Vili und Ve aus dem Körper des Urriesen Ymir.

Im Unterschied zum christlichen Schöpfungsbericht kommt hier keine offene Frauenfeinschaft („Er aber soll dein Herr sein.“, 1. Mose 3, 16) mehr vor und auch „Göttinnen“, in Tolkiens Benennung weibliche Mächte, hier insbesondere Varda und Yavanna haben einen gewissen Anteil an der Erschaffung von Arda, wobei allerdings die Dominanz der männlichen Mächte wie Manwo, Ulmo und Aule nicht infrage gestellt wird.


Besprochene Romane
J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Stuttgart 1984 (Erstausgabe 1954 unter dem Titel The Lord of the Rings)
J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion, Stuttgart 1984 (Erstausgabe 1977 unter dem Titel The Silmarillion)
J.R.R. Tolkien: Der Kleine Hobbit, München 2006, (Erstausgabe 1937 unter dem Titel The Hobbit)

Sekundärliteratur
Rudolf Simek: Mittelerde – Tolkien und die germanische Mythologie, München 2005


Ende Teil III

Im nächsten Teil geht es um Landschaftsbeschreibungen und Zivilisationskritik in Tolkiens Werk.


Mara


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