Betreut von Isis
Dion Fortune:

Das karmische Band
Dion Fortune

Englischer Titel:
The esoteric Philosophy of Love and Marriage
London 1924/Rider & Son

Das karmische Band
1988/Wilhelm Goldmann Verlag 
     

Über die Autorin

Violet Mary Firth alias Dion Fortune wurde 06.12.1890 geboren. Ihre Eltern gehörten den „Christian Scientists“ an. Ihr Interesse an der Erforschung der menschlichen Psyche wird im Alter von 29 geweckt. Damals arbeitet sie an einer Schule, ist mit der Direktorin jedoch sie ständig im Streit. Als Dion schließlich kündigt, wirft ihr die Direktorin vor, dass sie für den Job nicht geeignet sei und kein Selbstbewusstsein besitzt. Dion Fortune meint später, die Direktorin hätte bestimmte Techniken des Hypnotismus und Yoga benutzt, um sie für die nächsten drei Jahre zum psychischen Wrack zu machen. Während dieser Zeit studiert Dion Fortune Psychologie und beschäftigt sich mit den Werken von Freud und Jung. Vor allem von Jungs Veröffentlichungen fühlt sie sich darin bestätigt, dass die Antworten zur Komplexität des menschlichen Geistes im Okkulten liegen müssen. 1919 tritt Dion Fortune der „Alpha and Omega Lodge of the Stella Matutina“ bei, einer äußeren Loge des “Hermetic Order of the Golden Dawn”. Sie gerät aber in Streit mit Moina Mathers, der Frau von MacGregror Mathers (Gründer des Golden Dawn). Dion Fortune fühlt sich von Mona Mathers bedroht, fühlt sich wiederum psychischen Attacken ausgesetzt. So verlässt sie 1924 die Stella Matutina und gründet in London die „Community (später Fraternity, heute Society) of the Inner Light“. Sie arbeitet als Psychologin und lernt so über andere Fälle psychischer Attacken. Eine zeitlang lebt Dion Fortune in Glastonbury und beschäftigt sich mit den Legenden König Arthurs. Ihre Erkenntnisse schreibt sie im Buch „Avalon of the Heart“ nieder. Es folgen einige Bücher, unter anderem „Psychic Self Defense“ (1930), „Through the Gates of Death“ (1932), oder auch Romane wie „The Demon Lover“ (1927) oder „The Secrets of Dr. Taverner“ (1926). Das Bekannteste ihrer Bücher ist wahrscheinlich die „Mystical Qabalah“ (1935).  Dion Fortune stirbt am 08. 01. 1946 im Alter von 55 Jahren in London, England, an Leukämie.


Über das Buch

Das Buch ist alt, 1924 erschienen. Das Thema ist es nicht – im Gegenteil: Die karmischen Bänder sind heute noch genau so aktuell wie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und Dion Fortune war die erste, die sich damit beschäftigte.

Warum suchen wir uns einen bestimmten Partner aus? Warum zieht es uns immer wieder zu einem bestimmten Menschen hin? Und was passiert auf spiritueller Ebene beim Geschlechtsverkehr? Alles das sind Fragen, die sich viele Menschen stellen. Dion Fortune ist diesen Geheimnissen auf den Grund gegangen.

Natürlich müssen die Zeit und die gesellschaftlichen Umstände in Betracht gezogen werden, in denen das Buch geschrieben wurde. Die Partner durften zwar wählen, wen sie heiraten wollten, allerdings hatte die Familie immer ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Der erste Geschlechtsverkehr fand meistens erst in der Ehe statt. Und eine Scheidung war schwierig.

In den ersten Kapiteln schreibt Fortune über die Entwicklung des Menschen: Hier geht sie vom so genannten siebenfachen Menschen aus. Vereinfacht gesagt: Ein Mensch besteht aus sieben Ebenen, wobei die erste Ebene der eigene physische Körper und die letzte Ebene die Verbindung zum Universum ist – jene Ebene des All-Einen ist, es kein Ego mehr gibt. Das Ziel eines Individuums ist nun, diese Ebenen auszubilden, wobei etliche Leben vergehen können, bevor eine dieser Ebenen so weit ausgebildet ist, damit diese auch weiter entwickelt werden kann.

Ein Beispiel: Laut der Okkultistin ist der physische Körper die einzige Ebene eines Menschen, die bei einem normalen Menschen bereits eine zweifache Entwicklung erreicht hat. „Er funktioniert und ist sich auch seiner Umgebung bewusst“, so Fortune (Kapitel „Der Siebenfache Mensch“). Seltener ist, dass ein Körper auch in der Lage ist, abstrakt zu denken, also in der fünften Ebene ausgebildet ist. Eine entwickelte spirituelle Natur, die der sechsten Ebene zugeschrieben wird, sei noch seltener. Das Ziel der menschlichen Entwicklung ist, das Bewusstsein mit dem Körper in Einklang zu bringen – zum Beispiel durch Trance, was aber laut Fortune nur ein vorübergehendes Hilfsmittel ist.

Die Entwicklung eines Individuums geht über viele Wiedergeburten vor sich: Es wird eine Persönlichkeit gebildet, die notwendig ist, um die Erfahrungen, die für ein Leben wichtig sind, zu machen.

„Sie wird abgelegt, wenn sie sich abgenutzt und ihre Brauchbarkeit sich verringert und die Erfahrungen, die sie gemacht hat, werden von der Individualität aufgenommen als Nahrung für die weitere Entwicklung.“ (Kapitel: „Der esoterische Begriff von Leben und Tod)

Die Person, die im nächsten Leben aus der alten hervor geht, ist dabei weiter entwickelt als die im vorangegangenen Leben. Aus dieser Lehre der Reinkarnation schreibt Dion Fortune weiter über den Begriff des Schicksals, der wiederum derselbe wie jener des östlichen Karmas ist. Dieser stehe für die Gesamtheit der Dinge, die eine Person in den vergangenen Leben bewirkt hat und die auch noch in diesem Leben Einfluss haben. Dennoch sei der Begriff „Schicksal“ nicht so zu verstehen, dass es sich dabei um etwas Unausweichliches handele. Lediglich einige Dinge könnten nicht durch den Willen abgewendet werden – sie kehren so lange wieder, bis sie ihre Kraft aufgebraucht haben, wie die Autorin es ausdrückt. Dennoch hab ein Mensch immer die Möglichkeit zu bestimmen, wie diese unabwendbaren Ereignisse auf ihn wirken – ob sie ihn zerstören oder ob er aus ihnen lernen kann.

So habe ein Mensch laut der esoterischen Wissenschaft keinen freien Willen, sondern lediglich die Möglichkeit, sich mit den Problemen, die ihm ein Leben bereit stellt, zurecht zu finden, sie zu lösen und für die Zukunft die Weichen zu stellen.


Das karmische Band

Der Ausdruck „karmisches Band“ ist aus den östlichen Lehren entlehnt und bezeichnet die positiven und negativen Kräfte vergangener Reinkarnationen. Diese Bänder bestehen durch die Anziehung aus früheren Leben. Dabei kann es auf jeder dieser sechs Ebenen, auf jeder der sechs Körper, Anziehungskräfte geben. Eine emotionale Anziehung gibt es erst auf der zweiten Ebene.

Das heißt, das durch reine körperliche Nähe kein Band entsteht, sondern immer die Emotion mitspielen muss, damit es zur Entstehung eines körperlichen Bandes kommt (vgl. Prostituierte).

Fortune schreibt: „Die Tatsache, dass sich eine Person zu einer anderen hingezogen fühlt, verbindet die beiden nicht miteinander. Nur wenn das Objekt dieses Gefühls darauf reagiert, entsteht diese Verbindung, denn dann hat diese Person die Kraft, die von der anderen ausgeht, sozusagen in sich aufgenommen und bildet so eine substantielle Kontinuität, allerdings nur eine ätherische. [...] Wenn eine Person eine andere liebt und diese Liebe erwidert wird, bildet sich eine Verbindung; wenn eine Person eine andere liebt und die Liebe wird durch Haß, Vorwürfe, Ablehnung oder irgendeine Form von Abneigung oder Unfreundlichkeit erwidert, entsteht auch eine Verbindung, und für den Rest ihrer Inkarnation werden diese Bindungen ihre Leben beeinflussen, in einer Bindungsstärke, die proportional zu den empfundenen Gefühlen ist. Nur völlige Gleichgültigkeit verhindert die Entstehung einer Verbindung, jede Gefühlsreaktion bewirkt eine Bindung.“ (Kapitel: „Das karmische Band“)

Durch eine Aktion und die darauf erfolgende Reaktion entsteht eine Bindung, entweder auf der zweiten Ebene durch die Instinkte oder auf der dritten Ebene durch die Gefühlsebene. Beispielsweise die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler oder dem spirituellen Führer und seinen Schülern, eine Bindung, die auf der sechsten Ebene angesiedelt ist.

Diese Bindungen können lange anhalten oder auch nur ein kurzer Kontakt sein, der zwar sofort vergessen wird – aber so lange ein bestimmtes Gefühl zurück bleibt, eine Erinnerung zurück bleibt, ist auch die Bindung da. Wenn eine Person, zu der eine solche Bindung vorhanden ist, stirbt und das karmische Band nicht davor aufgelöst wurde, bleibt diese Bindung so lange bestehen, bis sie in einer neuen Reinkarnation wieder aufgenommen wird.

Dieses karmische Band verliert auch nichts an ihrer Kraft, sondern sie reagiert immer wieder auf dieselben Trigger. Genau so beschreibt Dion Fortune das berühmte Gefühl der Liebe auf den ersten Blick oder das Gefühl von Verständnis und Nähe, wie es Zwillingsseelen erleben.

Das karmische Band wird immer stärker, je öfter es wieder aufgenommen wird. Normalerweise sollte es so sein, dass sich die Partner gleichzeitig weiter entwickeln, die Partnerschaft auf spiritueller Ebene eingehen. Wenn es ihnen das jedoch nicht gelingt, ist das karmische Band zwar auf den tieferen Ebenen stark ausgeprägt, allerdings bleiben dann die höheren Ebenen unbefriedigt. Dies könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass der Mensch den Partner und sich selbst für diese Erwiderung der Gefühle auf den tieferen Ebenen hasst, sich aber dennoch nicht davon befreien kann. So erklärt Dion Fortune Streit, Hass und Verbrechen in einer Partnerschaft.

Nur im Zustand zwischen den Reinkarnationen befinden sich diese beiden Seelen dann auf einer Ebene und können diese Zeit zwischen den Inkarnationen gemeinsam verbringen. Durch das karmische Band werden sie wahrscheinlich zur selben Zeit und so wieder inkarnieren, dass sie einander finden können. Dass eine karmisches Band so eine Stärke erreicht, ist jedoch laut Fortune sehr selten.


Das kosmische Band

Als das kosmische Band bezeichnet Fortune das Band zwischen Seelen. In verschiedenen esoterischen Gruppen müsse auf Grund der Elektrizität eine Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen herrschen. Für bestimmte magische Arbeiten sei es auch notwendig, dass sie, damit ein Strom kosmischer Kraft entstehen kann, in Polarität durchgeführt werden.

„Das kosmische Band ist eine Verbindung, die von zwei Individuen eingegangen wird mit dem Zweck, bestimmte okkulte Aufgaben zu vollbringen, die nur von zwei in der Polarität befindlichen Einheiten durchgeführt werden können, das hat mit Liebe oder Anziehung, wie sie normalerweise verstanden werden, überhaupt nichts zu tun. Es wird durch die Aufgabe und nichts anderes motiviert, es ist eine Partnerschaft, die angetreten wird um der Arbeit willen, die es zu tun gibt. [...] Der wesentlichste Unterschied zwischen dem karmischen und dem kosmischen Band besteht in der Tatsache, daß das karmische Band auf der untersten Ebene beginnt und sich hochentwickelt, so wie Körper um Körper wirksam wird; dagegen beginnt das kosmische Band auf der höchsten Ebene und wirkt nach unten. Das karmische Band ist ein Teil des normalen Vorgangs der Evolution; das kosmische Band ist übernatürlich, indem es einer völlig anderen Ordnung von Gesetzmäßigkeiten angehört als derjenigen, die normalerweise die Menschheit beherrscht; es ist eines der großen Mysterien und als solches Eingeweihten vorbehalten.“ (Kapitel: „Das kosmische Band“)


Die esoterische Einstellung zum Kind

Vom esoterischen Standpunkt her ist nicht jedes Kind, das neu auf die Welt kommt, eine neue Seele, sondern eine reinkarnierte Seele, die davor schon einige Male auf der Welt war. Wenn nun Eltern die Vorraussetzungen, also eine gute Umgebung für ein Kind schaffen, haben dadurch Seelen, die höher ausgebildet sind, die Möglichkeit, in dieser Umgebung zu reinkarnieren. Wenn dies Eltern machen, erhalten sie dadurch ein Guthaben auf dem großen Konto des Schicksals, schreibt Fortune.

Ein strittiger Punkt: Die Autorin ist der Ansicht, dass Seelen nicht in eine Umgebung geboren werden sollten, wo Armut vorherrscht oder die Kinder an sich schwach und krank sind und somit weiter böse Dinge für ihre nächsten Leben anhäufen können. Auch ist sie der Ansicht, dass eine Seele nach dem Tod ein so genanntes Purgatorium oder christlich übersetzt Fegefeuer durchlaufen muss, um ihre Taten zu sühnen.

Was die Empfängnis an sich betrifft, vertritt Fortune die Ansicht der esoterischen Wissenschaft, dass eine Befruchtung nur dann erfolgt, wenn eine Seele vorhanden ist, bei der neun Monate später die Voraussetzungen für das Lernen ihrer Aufgaben gegeben sind. Gibt es diese planetarischen Voraussetzungen nicht, gibt es auch keine Befruchtung und das Ei wird auf natürlichem Weg abgestoßen.

Fragwürdig ist Fortunes Einstellung zur Abtreibung und Verhütung, was aber wohl an der Zeit liegen mag, in der dieses Buch geschrieben wurde. Sie betrachtet Sexualität als nur zur Fortpflanzung geeignet. Und geht sogar noch weiter: Sie meint, es würden ernsthafte Probleme mentaler und physischer Art auftreten, wenn eben diese Lebenskraft in einer größeren Menge auf dieser ersten Ebene zugelassen wird, als sie zur Erhaltung des jeweiligen Körpers zugelassen ist. In so einem Fall sollte man zur Empfängnisverhütung greifen, als die Lebenskraft zu unterdrücken, was zu ungünstigen Auswirkungen auf die physische und mentale Gesundheit hat.

Empfängnisverhütung sollte nicht als Mittel zum Geschlechtsverkehr ohne die Verpflichtung – nämlich die Inkarnation einer Seele – zu vergessen.

Fortune schreibt: „Jene, die in der Lage sind, Seelen, die zur Inkarnation bereitstehen, mit gesunden Körpern zu versehen und die davon selbstsüchtig Abstand nehmen, versündigen sich gegen das Leben, und ihre Vereinigung ist unheilig, obwohl ihr vielleicht Kirche und Staat beide ihren Segen gegeben haben. Keine Verbindung bekommt den kosmischen Segen, wenn sie nicht Frucht getragen hat, sei es eine Frucht des Körpers oder des Geistes.“ (Kapitel: „Die esoterische Lehre über Empfängnisverhütung und Abtreibung“)


Fazit

Dion Fortunes „Das karmische Band“ ist meiner Ansicht nach das Non plus Ultra auf diesem Gebiet. Es hat nichts an seiner Aktualität verloren, obwohl der Leser immer die Zeit in Erinnerung behalten sollte, in der es geschrieben wurde.

Geschlechtsverkehr erst nach der Eheschließung, eine Ehescheidung, die durch geltende Gesetze unmöglich gemacht wird? In der heutigen Zeit ist das alles nicht mehr vorstellbar, hat doch fast jeder, bevor er eine Ehe mit dem hoffentlich passenden Partner eingeht, bereits einige sexuelle Erfahrungen hinter sich. Doch genau da liegt laut Dion Fortune auch die Gefahr: Je mehr sexuelle Erfahrungen, desto größer ist die Anzahl der karmischen Bänder. Die Frage ist jedoch immer, ob diese Bänder solche sind, die aus vorangegangen Leben bereits bestehen oder solche, die in diesem Leben neu gebildet werden.

Weil das von einem in der Magie unkundigen Menschen kaum herausgefunden werden kann, gilt Dion Fortunes Ratschlag auch heute noch: Die Leidenschaft, die jugendliche Hitze hinten an stellen, bis man sich sicher ist, dass der Partner auch der Richtige ist. Oder beim Geschlechtsverkehr keinerlei Gefühl für den Partner entwickeln, so dass kein karmisches Band entstehen kann. Doch das ist leichter gesagt als getan, da es ein hohes Maß an Selbstkontrolle erfordert.

Absolut antiquiert und meiner Meinung nach auf dem Niveau der katholischen Kirche ist ihre Einstellung zur Abtreibung. Denn wenn man davon ausgeht, dass eine Seele geboren wird, um zu lernen, so kann sie ihre Lektionen in vielen Familien machen. Es muss nicht unbedingt eine Familie sein, die auf einer gewissen Ebene entwickelt ist. Denn eine Seele, die bestimmte Erfahrungen in früheren Reinkarnationen bereits gemacht hat, wird diese Erfahrungen überspringen und auf ihrem Weg weiter gehen. Ungeachtet dessen, ob sich die Eltern auf dem selben Entwicklungsstand befinden.

Trotz dieser Mankos ist „Das karmische Band“ ein Augenöffner – absolut lesenswert!


Isis


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