In memoriam Madame Mim::
Gedanken zur Psi-Forschung - oder der Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen   Teil II

Die Parapsychologie versteht sich als wissenschaftlicher Forschungszweig zur Untersuchung „paranormaler“ Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. . Die "Wissenschaftlichkeit" der Parapsychologie wird nicht nur von organisierten "Skeptikern" wie der GWUP angezweifelt.

Wie sähe aber ein "Löffel" aus?

Erst einmal muss jedes vermeintliche Psi-Phänomen für sich gesehen werden. Im 19. Jahrhundert wurde z. B. die Hypnose vielfach als paranormales Phänomen gesehen („animalischer Magnetismus“) - heute gilt die „Hypnotische Trance" als normaler Bewusstseinszustand.
Das Beispiel „Hypnose“ zeigt, dass für viele vermeintlich "paranormale" Phänomene im Sinne der Anomalistik gültige Erklärung gefunden werden können. In anomalistischer Sichtweise wird anerkannt, dass unerklärte Phänomene existieren, aber nicht von einer prinzipiellen Unerklärbarkeit ausgegangen, sondern vielmehr versucht, entweder konventionelle Erklärungen zu finden oder neue Erklärungsmuster zu entwickeln, die wissenschaftlich angemessen sind. Gültig im Sinne der Anomalistik sind Erklärungen, die auf konventionellem Wissen und Nachdenken beruhen sowie einfach und unbelastet durch Spekulationen oder Hyperkomplexität sind. Die Beweislast liegt auf dem, der eine anomale Behauptung aufstellt, und nicht beim Forscher, der sie überprüft.

Außerdem gilt der skeptische Grundsatz:
Je ungewöhnlicher eine Behauptung ist, umso höher sind die Anforderungen an einen Beweis.

Die Hypnose war, als sie von der Psychologie „entdeckt“ worden war, zunächst ein anomales Phänomen, für das neue Erklärungsmuster gefunden wurden, dem ein das Denken des 19. Jahrhunderts sozusagen auf den Kopf stellender Perspektivwechsel zugrunde liegt: „Wir“, sprich unser Wachbewusstsein, sind nicht unumschränkter „Herr im eigenen Haus“, es gibt geistige Vorgänge, die uns nicht bewusst sind.Die hypnotische Trance gibt meiner Ansicht nach auch ein Erklärungsmuster für viele „paranormale“ Vorgänge, nämlich das es sich dabei allein um Bewusstseinsphänomene handelt.


Ein Beispiel: Unsichtbarkeit

Ich stelle fest, dass ein Mensch sich durch eine Menschenmenge bewegt hat, und das sich anschließend niemand daran erinnern konnte, diesen Menschen gesehen zu haben.
Ein ad hoc-Erklärung könnte sein, dass dieser Mensch tatsächlich physikalisch unsichtbar war. Das z. B. eine psychokinetische Erklärung sein: dieser Mensch „biegt“ die Lichtstrahlen um sich herum. Dieser Erklärung erscheint doch etwas weit hergeholt, und könnte gegebenenfalls empirisch, etwa mit Hilfe einer Überwachungskamera, widerlegt werden.
Eine einfachere Erklärung wäre, dass dieser Mensch alle, die ihn gesehen haben, auf irgend eine noch zu erklärende Weise so beeinflusst hat, dass sie alle vergessen haben, ihn gesehen zu haben. Vielleicht durch Hypnose?

Damit bin ich beim Bewusstsein angelangt. Es kommt also bei der "Unsichtbarkeit" gar nicht darauf an, nicht gesehen zu werden, sondern darauf, nicht wahrgenommen zu werden.Und in der Tat gibt es viele erprobte Methoden, "übersehen" zu werden. Die Erstaunlichste ist die Unaufmerksamkeitsblindheit: Objekte können sich direkt durch das Zentrum der Aufmerksamkeit bewegen und werden trotzdem nicht „gesehen“, wenn wir ihnen keine spezielle Aufmerksamkeit entgegenbringen. Ein verblüffendes Experiment ist der unsichtbare Gorilla.

Ich teile die "Psi-Phänomene" vorläufig und grob in folgende Kategorien ein:

  • mit bestehenden wissenschaftlichen Theorien erklärbare Phänomene (das sind meiner Ansicht nach die meisten),
  • Phänomene, die neue wissenschaftliche Theorien zur Erklärung erfordern,
  • metaphysische, d. h. mit (natur-)wissenschaflichen Methoden grundsätzlich nicht erklärbare Phänomene.

Eine „außersinnliche“ Wahrnehmung gibt es meiner Ansicht nach nicht. Es gibt jedoch Wahrnehmungen mittels uns normalerweise nicht bewusster Sinneseindrücke, vielleicht sogar solche, die von uns bisher unbekannten und normalerweise unbewussten Sinnen stammen.Der Schlüssel - oder der „Löffel“ zum Verständnis vieler (ich vermute: der meisten) „paranormaler“ Phänomene sind die unterschiedlichen Bewusstseinszustände.
Ein sehr stark vereinfachendes, aber grundsätzlich meiner Auffassung nach stimmiges, Modell der Bewusstseinszustände stammt von Daniel Pinchback. Der Schmanismusforscher und Drogenexperte vergleicht die Bewusstseinszustände mit den Sendereinstellungen eines Radios.

Der „Sender“, auf den wir im Wachzustand normalerweise eingestellt sind, ist die Konsensrealität oder, neoschamanisch ausgedrückt, die Alltägliche Wirklichkeit. Sie entspricht dem Programm eines üblichen „Informationssenders“: kurze Nachrichten, Verkehrsdurchsagen und Popmusik.
Im Zustand verminderter Konzentration empfangen wir „Dudelfunk“: immer noch Popmusik, aber weniger von uns gewollte Information, dafür mehr „Werbespots“ - wie sind in diesem Zustand manipulierbarer.
Im Extremfall sind wir auf einen Propagandasender eingestellt - wenn wir nichts anderes mehr hereinbekommen, nennt man das „Wahnvorstellung“, wenn man uns hindert, einen anderen Sender zu empfangen, „Gehirnwäsche“.
In meditativer oder schamanischer Trance oder unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen, oder beim hochkonzentrierten geistigen Arbeiten können wir auch noch weitere „Sender“ empfangen, die uns mehr bieten als „Radio Konsens“: vielleicht klassische Musik, Jazz, Hintergrundberichte, Reportagen, Folklore aus aller Welt, experimentelle Musik, Talkshows, Anrufsendungen, Quizshows usw. usw. .
Die „Radiowellen", die unsere „Antennen“ erreichen, die Sinneseindrücke, sind immer die selben. Was uns davon erreicht, bestimmt die „Abstimmung“ unseres Bewusstseins. Manche „Sender“ werden so wenig gehört, dass sie von Menschen, die fast nur „Radio Konsens“ hören, für „paranormal“ gehalten werden können.

Es ist eine pragmatische Abgrenzung, Wahrnehmung von der Kognition (der gedanklichen Verarbeitung des Wahrgenommenen) und anderen Vorgängen innerhalb unserer Vorstellungswelt zu unterscheiden. Wie alle pragmatischen Definitionen ist sie nicht ohne „Grauzone“, aber ohne solche Konstruktionen bleiben wir im begrifflichen Morast stecken.
Lege ich den Wahrnehmungsbegriff der Biologie zugrunde - wogegen meiner Ansicht nach nichts spricht - dann ist „außersinnliche Wahrnehmung“ ein Oxymoron, ein „schwarzer Schimmel“ oder ein „altes Kind“: Wahrnehmung ohne Sinne geht gar nicht! Wenn es nicht die „normalen fünf Sinne“ sind, dann eben „außergewöhnliche“ - wir haben ja auch rein biologisch gesehen mehr als fünf Sinne, und vielleicht sogar Sinne, deren Wahrnehmung wir normalerweise gar nicht bewusst wahrnehmen.

Der Bewusstseinszustand entscheidet darüber, ob und wie aus einem Sinneseindruck eine Wahrnehmung wird.


Außersinnnliche Wahrnehmung“

(ASW / ESP) bezieht sich per Definition auf Wahrnehmungen der Außenwelt, die nicht durch bekannte sinnliche Erfahrungen, Wahrnehmungen oder Wissensquellen erklärbar sind. Träume fallen also nicht unter ASW - es sei denn „Wahrträume“.
Logisch-abstrakte Schlüsse sind übrigens keine „Wahrnehmungen“, auch wenn sie ohne unmittelbare Sinneseindrücke zustande kommen. Irgendwann müssen wir die Erfahrungen gemacht haben oder mitgeteilt bekommen haben, auf deren Grundlage wir logisch schließen.

Es ist also meiner Ansicht nach Zeit, die Psi-Forschung zu begraben – oder sie darauf zu beschränken, ganz im Sinne etwa der GWUP, Scharlatane zu entlarven und Selbsttäuschungen zu erkennen. Statt dessen halte ich eine Forschung in den „Grenzbereichen“ der Psychologie für aussichtsreich, die dann aber auf „strenge Wissenschaftlichkeit“ im Sinne der wiederholbaren experimentellen Überprüfbarkeit verzichten müsste.


MartinM


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