In memoriam Madame Mim::
Gedanken zur Psi-Forschung - oder der Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen   Teil I

Die Parapsychologie versteht sich als wissenschaftlicher Forschungszweig zur Untersuchung „paranormaler“ Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. . Die "Wissenschaftlichkeit" der Parapsychologie wird nicht nur von organisierten "Skeptikern" wie der GWUP angezweifelt.

Martin Mahner benennt in seinem Artikel "Der Tod der Parapsychologie" das meiner Ansicht nach zentrale Problem:

Schließlich müsse man feststellen, dass der Gegenstand der Parapsychologie – das ominöse Psi – immer noch rein negativ definiert ist (Alcock 2003). Psi ist immer gerade das, was nicht mit bekannten Mechanismen und Gesetzen erklärt werden kann. Das Fehlen einer positiven Charakterisierung führe aber dazu, dass man schlichtweg nicht sagen könne, ob ein festgestellter Effekt in einem Experiment wirklich auf derselben Ursache beruht wie ein Effekt in einem anderen Experiment.“

Allerdings sind damit die mangels anderen Bezeichnungen „Psi-Phänomene“ benannten Erscheinungen nicht aus der Welt. Oder anders gesagt: jedes Phänomen bzw. jede Klasse von Phänomenen braucht offensichtlich eine eigene Erklärung, die in vielen Fällen einfach „Täuschung“ oder „Selbsttäuschung“ heißen wird. In anderen Fällen sind „natürliche“, aber komplexe, Erklärungen naheliegend: etwa im Falle des Rutengehens.

Beim Rutengehen, Pendeln usw. usw. habe ich oft den Eindruck, dass das größte Hindernis für die Akzeptanz dieser Phänomene die pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuche sind. (Jemand, der einfach Wasser findet, aber nicht genau sagen kann, wieso, wirkt eben für skeptisch gesonnen Menschen überzeugender, als jemand, der lang und breit von öminösen „Erdstrahlen“ erzählt, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was ein Physiker unter „Strahlung“ versteht. Vor allem, wenn derjenige nicht einmal Wasser findet.)
Um es noch mal zu sagen: „übernatürlich“ ist ein leeres Wort. Wenn z. B. Telepathie funktioniert, dann ist sie ein natürliches Phänomen, egal, ob wir es zufriedenstellend erklären können oder nicht.
Bei einigen - nur einigen - der unter „Psi“ zusammengefassten Erscheinungen neige ich dazu, der Forderung, die wissenschaftlichen Methoden zu ändern bzw. aufzuweichen oder, wie es Mahner formuliert, sich von der Wissenschaft abzuwenden und zum Okkultismus zurückzukehren, zuzustimmen. Mit der Konsequenz, dass auf dann auf die „harte“ Wissenschaftlichkeit verzichtet werden müsste. Die „Nicht-Alltägliche-Wirklichkeit“ des schamanischen Reisens lässt sich nun einmal nicht vermessen oder fotografieren. Es ist ein, wenn man so will, metaphysisches Erleben. Wie „Inspiration“, „Offenbarung“, „Vision“ ja auch.

Letzten Endes arbeitet die Parapsychologie mit dem kausal-mechanistischen Modell, das sich auf den Gebiet der klassischen Naturwissenschaften glänzend bewährt hat und, mit einigen Einschränkungen, auch in den Sozialwissenschaften anwendbar ist. Wenn es um etwas geht, was ich, wieder in Ermangelung eines besseren Begriffs, mit „Magie“ bezeichne, versagt die Parapsychologie notwendigerweise kläglich - denn der „Magie“ liegt ein Weltbild zugrunde, das sich dem analytische Denken prinzipiell entzieht. (Damit will ich allerdings nicht versuchen, die Existenz „paranormaler“ Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. gegen Widerlegungen zu immunisieren.)


Die Parapsychologie gleicht, auch wenn es nicht um „Magie“ geht, regelmäßig dem Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen

Es gibt „paranormale“ Phänomene, die, wenn es sie gäbe, mit dem derzeitigen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht kollidieren. Zu ihnen gehört die Telepathie. Für andere gilt, dass sie für ihre Existenz bisher unbekannte Naturgesetze voraussetzen würden. Das gilt z. B. für die Präkognitation (die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorhersagen zu können). Ein dritte Kategorie würde, wenn es sie gäbe, sozusagen frontal mit den bekannten Naturgesetzen kollidieren, d. h, unsere Welterkenntnis wäre grundlegend falsch, wenn diese Phänomene real wären.

So einen Frontalzusammenstoß mit den bekannten Naturgesetzen erleiden die kinetischen Psi-Fähigkeiten bzw. die Psychokinese.

Dazu gehören:

  • das "Poltergeist"-Phänomen (Gegenstände werden ungezielt psychokinetisch bewegt),
  • die Telekinese: Gegenstände werden ohne direkte Berührung ertastet und gezielt manipuliert,
  • die psychokinetische Beeinflussung von Molekülen bzw. Atomen im Kristallgitter (Uri Geller behauptet, dass sein "Gabelbiegetrick" so funktionieren würde),
  • die Pyrokinese - dabei werden die Moleküle psychokinetisch in so starke Schwingungen versetzt, dass das Material sich entzündet - (angebliche Ursache "spontaner Verbrennung"),
  • daneben wird auch die angebliche Beeinflussung des radioaktiven Zerfalls und die von Stromkreisen manchmal als "(Mikro-)Psychokinese", auch wenn hier Energie und nicht Materie manipuliert werden soll.

Alle kinetischen Psi-Phänomene - einschließlich der rein energetischen - haben ein großes Problem: Wo kommt eigentlich die Energie her?

Tatsächlich wären psychokinetische Phänomene, würde sie so ablaufen, wie sie meistens in der parapsychologischen Literatur geschildert werden, glatte Verstöße gegen den Energieerhaltungssatz, der übrigens entgegen einem in Esoteriker-Kreisen populären Missverständnis auch für die Quantenmechanik gilt. Die vom Gehirn „abgestrahlte“ Energie reicht jedenfalls nicht aus, auch nicht für die Mikro-Psychokinese: das menschliche Gehirn hat eine Gesamtleistung von 15 bis 20 Watt, die in Form chemischer Energie zugeführt wird, wobei sich die elektrische Gesamtleistung aller Hirnströme höchstens im Milliwattbereich bewegt.
Der gängigste „Rettungsversuche" sind weitere Annahmen, etwa das Mana-Konzept, die Vorstellung, es gäbe eine universelle „Lebenskraft“ (bekanntestes popkulturelles Beispiel: die „Macht“ im „Star Wars-Universum“). Od, Psi-Energie, Orgon, Qi oder Prana sind verwandte Konzepte. Letzten Endes sind Mana, Od, Qi usw. eher metaphysische als physikalische Konzepte, und der Versuch, Metaphysik in eine wissenschaftliche Theorie einzubinden, führt zu nichts, außer Begriffsverwirrung.

Vom kritisch-rationalistischen Standpunkt aus gesehen kann jedenfalls die „Kraftfeldtheorie“ der Telekinese als widerlegt angesehen werden - es sei denn, es kommen bisher ungeahnte harte Beweise auf den Tisch. Außerdem sind die Indizien dafür, dass es Telekinese überhaupt gibt, ziemlich mager. Manches, was uns wie „Spuk“ erscheint, ist eher ein sinnvoller Zufall: Ich denke konzentriert an meinen verstorbenen Großvater, und in diesem Moment fällt die alte Kamera vom Regal, die ich von Opa geerbt hatte. In anderen Fällen - auch solchen, die ich am eigenen Leib erfahren habe - liegt die Erklärung „Halluzination“ näher. Weitaus spekulativer und scheinbar weit weg von der Alltagsrealität und dem „gesunden Menschenverstand“ sind Quanteneffekte. (Die sehr wohl Auswirkungen in der alltägliche Makrowelt haben, ich denke da an technische Anwendungen z. B. an Flash-Speicher.)

Nur im letztere Fall, dem des Quantenphänomens, wären „psychokinetische“ Vorgänge überhaupt materiell-energetisch real denkbar. Allerdings: um eine Gabel zu verbiegen oder einen Ball schweben zu lassen, reichen Quanteneffekte nicht aus. Da es auch mit dem empirische Nachweis der Psychokinese gelinde gesagt schlecht bestellt ist, ist der Schluss, dass alle auf Psychokinese hindeutenden Beobachtungen und Versuchsergebnisse auf Fehlern, auf Selbsttäuschung oder Betrug beruhen, beinahe zwingend.
Bei anderen „Psi-Phänomenen“ ist die Situation für die Anhänger der Parapsychologie zwar nicht ganz so aussichtslos, aber es zeigt sich an den mageren Ergebnissen, dass sich mit Stäbchen die Suppe bestenfalls tröpfchenweise essen lässt.


Ende Teil I


MartinM


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