In memoriam Madame Mim::
Eine Pilgerreise in den „Herne´s Forest“

Wieder einmal haben wir eine wunderschöne ArtikelSpende von der Insel bekommen. Diesmal von Damh, the Bard, der uns an einer Pilgerreise, der anderen Art, teilhaben lässt. Geschrieben von Damh, übersetzt von Anufa - viel Spaß beim Lesen!

Der Baum hatte zumindestens schon 600 Jahre gelebt, nachdem er als Eichel von seinen Eltern heruntergefallen war, zu der Zeit als England im Griff des Schwarzen Todes war. Er kannte das Land vor Verbrennungsmotoren, als rundherum noch alles still war, bis auf das Hufgeklapper vorbeilaufender Pferde. Er hatte Frieden gesehen und Blut geschmeckt, weil viele im Englischen Bürgerkrieg rund um ihn herum gefallen waren. Er mag die „Herne´s Oak“ nicht gekannt haben, stand aber im selben uralten Wald. Genauso wie seine Eltern dort gestanden hatten, hoch aufragend und weise, so wie „Herne´s Oak“ vom selben Sonnenlicht ernährt, nur eine oder zwei Meilen entfernt. Es gab dort noch andere Bäume, die von den Wildtieren hergebracht und damit gepflanzt worden waren – die Nachfahren von „Herne´s Oak“ standen überall.

Die Männer waren rund zwei Stunden gefahren, parkten das Auto, stiegen aus und streckten in der Wärme der frühen Frühlingstage ihre Glieder. In ihre Rucksäcke hatten sie heißes Wasser und Tee gepackt und sie stiegen über den Zaunübertritt mitten in die Landschaft.

„Sollen wir einen Kreis machen und mit unserem Vorhaben in Verbindung treten?“ fragte einer.

Es wurde als besser eingeschätzt ein bisschen tiefer in den Wald hinein zu gehen, weg vom Geräusch der vorbeifahrenden Autos (obwohl den Flugzeuge aus Heathrow, die gerade über ihre Köpfe drüberflogen, wesentlich schwerer zu entkommen sein würde). Bald schon ebbte der Lärm der befahrenen Straße ab und die Männer bildeten an diesem uralten Platz einen Kreis.
Sie intonierten das Awen. Sie waren gekommen um das Land zu bitten, sie zum Herzbaum des Waldes zu führen. Jeder von ihnen hatte eine ganz eigene Beziehung zum heidnischen Gehörnten Gott und heute waren sie zu Ehren Hernes zusammen getroffen. Sie waren in dieses uralte Waldgebiet des Windsor Great Parkgekommen, in die Heimat der Legende von „Herne the Hunter“.

Der Baum konnte fühlen, dass heute etwas anders war. Eine alte Erinnerung kam langsam zurück, nicht seine eigene Erinnerung, sondern eine vererbte Erinnerung, bereitgestellt von seinen Ahnen. Die Erinnerung daran, von Menschen verehrt zu werden. Die Erinnerung, von vergangenen Menschengruppen hoch geachtet worden zu sein. Die Erinnerung, dass seine Brüder und Schwestern heilige Haine gebildet hatten, Nemeton, wo diese altertümlichen Menschen ihre Rituale abgehalten hatten. Der Baum erinnerte sich an all das, während sich die Gruppe der Männer näherte.

Es gab hier so viele Bäume! Wie sollte einer davon aus diesen vielen weisen und uralten Wesen hervorstechen? Es machte nichts aus. Die Männer waren nicht auf ein Ziel fixiert. Sie genossen die Suche und das Gefühl der Brüderlichkeit und Freundschaft, obwohl sie merkten, dass jeder Schritt sie immer näher an etwas heran brachte.


Eine vom Blitz getroffene Eiche rief

Sie versammelten sich, aber es war nicht der Herzbaum.
Dann war es, als ob sich alle gleichzeitig umwandten und einen Baumhain sahen, der vom Rest entfernt stand.
Der Alte Baum atmete im Sonnenlicht und wartete.

Sobald sie ihn sahen, wussten sie es. Er schaut nicht viel anders aus als die anderen auch, aber er hatte eine Präsenz, die nicht zu leugnen war. Sie näherten sich dem Baum.
Es gab Tränen. Das Land vibrierte. Dann sahen sie das Tor. Hoch aufragend, lehnte es sich in Richtung der uralten Eiche, wie ein gewaltiges Geweih, das aus der Erde ragte und dessen massiger Schädel darunter begraben lag. Genau außerhalb des Tores stand als Beobachter und Schildwache ein Feenbaum, seine Wurzeln in Annwn, sein Stamm und seine Zweige in Abred. Sein altes verschrumpeltes Gesicht beobachtete.

Die Männer nahmen sich Zeit mit der alten Eiche zu sprechen. Sie stand in der Mitte des weitläufigen Hains und das ganze Land rundherum war mit ihrer Präsenz gesegnet. Jeder Mann hatte ein Geschenk, ein freiwilliges Opfer, das dcopyright Damh, the Bardargebracht werden sollte, sofern sie zum  Herzbaum geführt worden waren, mitgebracht.
Ein abgebrochener Ast stak aus dem Stamm hervor, wie der Kopf eines Hirsches, mit offenem Maul. Worte wurden gesprochen und dann die Opfer in das Maul gelegt.

Der Baum wusste, dass er noch geehrt wurde, so wie seine Ahnen verehrt worden waren. Es gab  diejenigen noch, welche die Alten Wege, die Alten Götter hoch hielten. Die Männer waren durch ihren Geist gesegnet und die Eiche durch den der Männer.
Dann näherten sie sich einzeln dem Tor, sprachen ein kleines inneres Gebet und traten hindurch, was immer dann auch passieren möge.

Der Tee auf der Rückreise schmeckte ganz hervorragend.


Fotos: © Damh, the Bard

 


Damh, the Bard


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