In memoriam Madame Mim::
Gesunde Skepsis

Ein Begriff, der gerade in der Esoterikszene eher zu Stirnrunzeln als zu Nicken führen wird - die gesunde Skepsis. Martin Marheinecke hat sich so seine Gedanken gemacht und sie mit uns geteilt.

Das altgriechische Wort σκέψις (sképsis) bedeutet "Prüfung, kritische Untersuchung". Die davon abgeleitete philosophische Haltung ist der Skeptizismus. Das Gegenteil von „Skeptizismus“ ist „Dogmatismus“: Glauben, ohne zu zweifeln. Skeptizismus ist ein Konzept, das es auch in nichteuropäischen Kulturen gibt:

Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat.
Glaube nichts, weil alle es glauben.
Glaube nichts, weil es geschrieben steht.
Glaube nichts, weil es als heilig gilt.

Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt.
Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast.

Siddhartha Gautama (Buddha)

(Was nebenbei auch jene Lügen straft, die Skeptizismus für „unspirituell“ halten.)


Was ist das überhaupt?

In der Alltagssprache ist jemand ein Skeptiker, der zweifelt, kritisch nachfragt, nicht alles glaubt.
Leider gibt es auch „Skeptiker“, die gar keine sind. Viele, die sich selbst „Skeptiker“ nennen (z.B. „Klimaskeptiker“, „Euroskeptiker“ oder „Evolutionsskeptiker“) haben eben keinen Zweifel mehr, dass die ganze Sache Unsinn oder Betrug ist. Sie sind „denialists“, „Ablehner“, die stur eine Meinung vertreten, unabhängig von der Faktenlage. Also im Grunde Dogmatiker.
Kritisches Nachfragen, Durchdenken, Durchblicken-wollen schlägt beim Denialist, ins kategorische Ablehnen und Niedermachen um. Es sind vor allem „Esoteriker“, die Skeptizismus für unspirituell halten. Ich meine mit „Esoteriker“ denkfaule „Eso-Dödel“ und jene „Eingeweihten“, die glauben, den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums zu besitzen, und daher alles ablehnen, was nicht in ihr System passt.

Skeptizismus ist unbequem. „Esoteriker“ ziehen eine Weltsicht vor, in der sie ohne viele Mühe die wildesten Theorien glauben dürfen. Richtig komfortabel ist es für den Eso, wenn es jemanden gibt, der einem die Denkarbeit abnimmt. Einfach bequem zurücklehnen und einfach nur Glauben und sich wohlfühlen! „Spiritualität“ im Sinne der Konsumgesellschaft. (Die Denkfaulheit ist nebenbei auch einer der Gründe, wieso christliche und islamische Fundamentalisten Zulauf haben: einfache Rezepte für eine komplizierte Welt, der fruchtbar anstrengen Blick über den Tellerrand ist genau so überflüssig wie das Einfühlen in andere Menschen. Es reicht aus ganz fest zu Glauben. Zweifel ist schon Verrat.)
Spiritualität, zumindest in ihrer undogmatischen Form, hat auch immer etwas mit Kreativität zu tun. Sie schlägt Brücken, schließt Lücken, wo Fakten und „Beweise" fehlen, wo sie vielleicht auch gar nicht geben kann. Undogmatische Spiritualität ist sehr individuell, etwas persönliches. Es gibt keine ewigen, allgemeingültigen Gewissheiten.

Weshalb bequeme „Konsumesos“ und sich eisern an Dogmen klammernden „Fundis“ mit dieser Form der Spitualität genau so wenig anfangen können wie mit Skepsis.

Denialisten, auch wenn sich sich selbst „Skeptiker“ nennen, denken streckenweise ähnlich. Es ist meiner Ansicht nach kein Zufall, dass z. B. in den USA viele „Klimawandelskeptiker“ aus dem religiös-konservativem Lager kommen. „Evolutionsskeptiker“ eint ein mehr oder weniger ausgeprägt fundamentalistisches Religionsverständnis. Hingegen haben „Skeptiker“, die z. B. die Relativitätstheorie, die etablierte Geschichtsschreibung oder die Wirksamkeit von Impfungen anzweifeln, auffällig oft einen „esoterischen“ Hintergrund.


Wie halte ich es mit der „Skepsis“?

Ich stelle die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis dessen, was „Wirklichkeit“ ist, in Frage. Weniger dramatisch ausgedrückt vermute ich, dass jede Erkenntnis ist vorläufig und der Horizont der menschlichen Erkenntnisfähigkeit eng begrenzt ist. Außerdem ist unsere Wirklichkeit konstruiert - in einem Schlagwort: „die Theorie bestimmt was wir beobachten“.
Es gibt kein esoterisches Konzept, das einen „echten“ objektivierbaren Beleg für sich beanspruchen könnte. Das liegt in der Natur der im Kern metaphysischen, also sich nicht mit der materiellen Welt beschäftigenden, „esoterischen“ Konzepte. Ich werfe den „Eso“ vor, dass sie oft dazu neigen, Physik und Metaphysik durcheinanderzubringen, was dann regelmäßig zu pseudowissenschaftlichen Modellen führt. So ähnlich machen es übrigens auch die Kreationisten, die die (vermeintlichen) Lücken in einer naturwissenschaftlichen Theorie mit Metaphysik, mit Theologie, auffüllen.

Objektivierbar ist grundsätzlich nur die physikalische Ebene, und z. B. in der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik gilt selbst das nicht uneingeschränkt. Nach meiner persönlichen - und sehr subjektiven Erfahrung - sind viele „paranormale“ Phänomene real - wobei ich Begriffe wie „paranormal“ oder gar „übernatürlich“ als inhaltsleer ablehne.

Ein Beispiel ist die Fähigkeit von Rutengängern in freier Landschaft eine gute Stelle zum Brunnenbohren zu finden. Mir ist ein kommerziell arbeitenden Brunnenbohrer bekannt, der sich darauf verlässt. Würde der Rutengeher nur zufällig richtig liegen, hat er jahrelang enorm viel Glück gehabt.
Schwierigkeiten habe ich mit dem pseudowissenschaftlichen Erklärungsmodell der „Erdstrahlen“ usw. . Meines Erachtens hat ein guter Rutengeher das, was man einen „Riecher“ für z. B. für gute Wasserfundstellen nennt, eine Mischung aus Erfahrung, Intuition (in meiner Deutung: unbewusstem Wissen) und nicht unbedingt an die Oberfläche des Bewusstseins dringenden Sinneswahrnehmungen. Damit ist auch klar, wieso das unter konstruierten Laborbedingungen schlecht reproduzierbar ist, denn dort gibt es z. B. keine Wuchsformen von Gras, die Grundwasser dicht unter der Oberfläche anzeigen könnten.
Ähnlich sieht es mit der Akupunktur aus - sie hat offensichtlich einen über den Placeboeffekt herausgehenden Wirkmechanismus, „funktioniert“ also. Das bestätigt das Qi-Prinzip der Traditionellen Chinesischen Medizin aber ebenso wenig wie die Hippokratische Säftelehre durch die Erfolge der ursprünglich mit dieser Lehre begründete Badekuren bestätigt wird.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, wieso skeptische Köpfe angesichts des geballten Unsinns, der einem etwa auf Esoterik-Messen entgegenschlägt, irgendwann einmal „dicht“ schalten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass schon die Grundhaltung vieler „Skeptiker“ sehr stark positivistisch geprägt ist – nur das, was beweisbar ist, gilt, Metaphysik ist irrelevant - und die Theorie bestimmt m. E. auch hier, was sie beobachten. Der Grat vom Skeptiker zum Dinalist, für den von vornherein alles Unsinn ist, ist bei dieser Grundhaltung schmal.


Ein Gedankenexperiment

Ich würde entdecken, dass ich die Psychokinese bzw. Telekinese beherrschen würde, ich könnte ohne Tricks einen Ball nur „per Gedankenkraft“ schweben lassen. Könnte ich damit den Randi-Preis gewinnen, den der Skeptiker und Bühnenzauberer Randi für ein sicher nachgewiesenes „paranormales“ Phänomen ausgesetzt hat? Ich vermute nicht. Denn jemand mit der Einstellung Randis würde wahrscheinlich vermuten: „Guter Trick, ich weiss nicht, wie er es macht, aber da ich Tricks kenne, mit denen sich so etwas Ähnliches bewerkstelligen ließe, wird es - nach meiner Erfahrung und nach Occams Razor, dass eine Erklärung umso besser ist, je weniger Annahmen sie macht, wird das wohl ein Trick sein.“Die Beweislast läge bei mir, und es wäre für mich verdammt schwer, nachzuweisen, dass ich nicht trickse.
Außerdem halte ich es streng beim Wort genommen für unmöglich, die Bedingungen des Randi-Preises zu erfüllen, weil sie auf „übersinnliche, übernatürliche oder paranormale Fähigkeiten“ abzielen - denn wenn es Psychokinese gäbe, wäre sie ein völlig natürliches Phänomen.


Martin Marheinecke


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