In memoriam Madame Mim::
Wieso Rutengehen funktioniert, obwohl die Wünschelrute nicht funktioniert   Teil II

Mit diesem Artikel werde ich es mir wahrscheinlich mit vielen RutengeherInnen verderben – und mit mindestens ebenso vielen „Skeptikern“.

Es ist eigentlich unnötig, auf die vielen Scharlatane auf dem Gebiet der Radiästhesie hinzuweisen. Davon gibt es so viele, dass schon der Begriff „ehrlicher Rutengeher“ von manchen Mitmenschen für einen Witz gehalten wird.

Der an sich eher rutengängerfreundliche „Wünschelruten-Report“ von H. L. König und H.-D. Betz, TU München (1989) kommt zum Schluß, dass Rutengänger ihre eigenen Fähigkeiten maßlos überschätzen und ihre Treffsicherheit gering sei.

Noch weitaus ernüchternder ist die Einschätzung der GWUP: Ihr zufolge sind weltweit alle "gut kontrollierten und doppelblind durchgeführten Versuche, die die verschiedensten Behauptungen von der Wassersuche über das Finden von Gold bis hin zur Suche nach elektrischen Leitungen prüften, bisher negativ ausgegangen (...)“.

Beim Rutengehen kommt es tatsächlich regelmäßig zu plötzlichen, nicht willentlich gesteuerten Bewegungen der Wünschelrute. Wie auch beim Gläserrücken, dem Oui-Ja-Board bzw. Hexenbrett oder dem Pendel ist daran nachweislich nichts Mysteriöses, geschweige denn „Übernatürliches“. Auslöser sind zum einen winzige Muskelbewegungen, die unbewusst mit gedanklichen Inhalten und Vorstellungen verbunden sind, auch „Carpenter-Effekt“ (nach dem englischen Naturforscher William Benjamin Carpenter, 1813-1885) genannt. Hinzu kommt das Kohnstamm-Phänomen (benannt nach dem deutschen Neurologen und Psychiater Oskar Kohnstamm, 1871-1917). Es entsteht, wenn Muskeln nach längerer, intensiver Anspannung wieder entspannt werden. Der Effekt wirkt umso überraschender, da er nicht unmittelbar nach der Entspannung eintritt, sondern mit einer Verzögerung von etwa zwei Sekunden.

Andererseits setzte z.B. die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit eine Zeitlang Rutengänger für die Wassersuche bei Projekten im Brunnenbau ein – übrigens mit Erfolg. Es gibt auch Brunnenbohrunternehmer, die auf die Rutengänger schwören und sie für zuverlässiger halten als geologische Untersuchungen. Nun gibt es sicher auch abergläubische Brunnenbohrer, aber allzu viele trocken gebliebene Bohrungen, oder solche, bei denen erst in sehr großer Tiefe Wasser gefunden wird oder die Wasservorkommen gering sind, würden einen professionellen Brunnenbohrer ziemlich schnell in die Insolvenz führen.

Dieser scheinbare Widerspruch zwischen einer im kontrollierten Experimenten widerlegten und in der Praxis manchmal erfolgreichen Rutengängerei lässt sich aufklären, wenn man von dem ausgeht, was Zeidler schon vor über 300 Jahren erkannte. Die Rute selbst macht gar nichts. Das „Messgerät“ ist auf jeden Fall der Mensch. Prüft man das Rutengehen so, wie man ein Messgerät prüfen würde, dann ist es angesichts der Subjektivität des Verfahrens nicht überraschend, wenn dabei heraus kommt, dass Rutengehen nicht signifikant besser abschneidet als bloßes Raten. Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Mutungen verschiedener Rutengänger nicht immer übereinstimmen.

Wie auch das Pendel oder das Oui-Ja-Board zeigt die Wünschelrute nur die feinen Reaktionen der Muskeln an, die sonst unbemerkt geblieben wären. Diese feinen Bewegungen, die unbewusst mit gedanklichen Inhalten und Vorstellungen verbunden sind, taugen, wie Experimente mit Pendeln zeigen, dazu, unbewusste bzw. unterbewusstes Vorgänge zu entdecken. Die Wünschelrute kann ein Zugang zum unbewussten Wissen und unter der Bewusstseinsschwelle bleibenden Wahrnehmungen sein.

Das ist eine elegante Erklärung, wieso Versuche unter kontrollierten Bedingungen, bei denen Rutengänger etwa herausfinden sollen, welches vergrabene Wasserrohr Wasser führt und welches trocken ist, so völlig versagen, während die selben Rutengänger in freier Landschaft regelmäßig erfolgreich Wasser finden: In der Natur gibt es subtile Anzeichnen von Wasser, etwa winzige Abweichungen im Pflanzenwuchs, oder ein gar nicht bewusst wahrnehmbarer schwacher Geruch, eventuell sogar eine „spürbare“ Abweichung im Magnetfeld, die verraten, dass dicht unter der Erdoberfläche Grundwasser zu finden ist. Erfahrene Wassersuchern und erfahrene Erzsuchern können außerdem eine Landschaft „lesen“, wer sehr viel Erfahrung hat, „liest“ diese geologischen Besonderheiten einer Landschaft sogar völlig automatisch und ohne bewusstes Nachdenken. Hinzu kommt ihre Intuition – eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Sie wissen einfach, das da Wasser oder Bodenschätze sind, können aber nicht immer genau sagen, wie sie darauf kommen. Der Ausschlag der Rute kann dieses nicht bewusste Wissen zutage fördern.

Das setzt allerdings eine gute Wahrnehmungsgabe voraus, und die Abwesenheit irritierender „Oberflächengedanken“ und störender Gefühle.

Was wiederum bedeutet: es gibt auf diesem Gebiet nur wenige wirkliche Könner. Weil diesem Häufchen meistens völlig unprätentiöser Praktiker eine Unzahl Selbstdarsteller, die wenig können, und eine nicht minder große Anzahl Scharlatane, die außer Schummeln und Lügen gar nichts können, gegenüber steht, kann ich es den Skeptikern nicht verdenken, dass sie Wünschelrutengehen grundsätzlich und immer für Humbug, Betrug, Aberglauben und Selbstüberschätzung halten.


MartinM


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