In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Splitter von Glaubensgebäuden, Spiritualität, Heilung, Gefühlswelte   Teil I

Bettina hat uns hier drei Zusammenfassungen von Texten zur Verfügung gestellt, die sie im Rahmen ihres Studiums bearbeitet hat. Alle drei Themenkreise sind wahrscheinlich für Menschen mit spirituellem Interesse (bzw. Hintergrund) von besonderem Wert. Sollte uns hier ein Anstoß gelungen sein und Ihr Euch selber auf dem einen oder anderen Themengebiet versuchen wollen - dann meldet Euch einfach bei uns unter redaktion(at)wurzelwerk.at.

Eröffnungsansprache Kongress „Spiritualität & Heilung“ 2006 von Peter Weigle

Weigle, ein evangelischer Pastor, beginnt seine Rede mit dem Hinweis, dass in unserer Gesellschaft Spiritualität in den Bereich der Religion verwiesen wird und Heilung sich fast ausschließlich auf den Körper beschränkt. Er hält fest, dass die Heilkunde Gott nicht einschließt und die Religion den Körper vernachlässigt. Nur die Disziplin der Psychosomatik sieht er als Selbstkritik der rein naturwissenschaftlichen Medizin. Sie versucht die Trennung von Leib und Seele bei der Erklärung von Krankheiten und ihrer Heilung zu überwinden. Die Grenzen der Schulmedizin werden von Menschen, mit chronischen Krankheiten besonders erfahren. Daher nimmt der Bedarf nach einer menschengemäßen Medizin, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Religion vereint, zu.

Weigle nimmt seine gesundheitliche Biographie und seine Affinität zum Thema Spiritualität (weil Pastor) als Ausgangspunkt für seine Überlegungen. 1984 wurde ihm Aids diagnostiziert und er durchlebte vier Krebs OPs, Nervenentzündungen,  Lungenentzündungen, Leberzirrode, Hepatitis A und B und anderes mehr.
Er bekennt, dass sein Glaube ihn nicht gesund gemacht hätte, aber geholfen hat verschiedene Krisenfälle zu überstehen und wirft die Frage auf, worin die heilsame Wirkung von Spiritualität liegt. Dies führte zu der Erkenntnis, dass Heilung nicht notwendigerweise mit Gesundheit gleichzusetzen ist und er fragt, ob Heilung im Erwerb einer Art höheren Gesundheit hinter der Krankheit besteht? Somit wäre Heilung alles andere als Freiheit von Krankheit.

Weigle sieht Heilung als ein geistiges Phänomen, das verbunden ist mit Lebenssinn und –Horizont und mit der Fähigkeit, trotz Leiden und Anfechtung ein Leben zu führen, sich zu entfalten, der zu werden, der man ist.  Heilung ist für ihn ein Prozess, dessen Ergebnis das Erlangen einer inneren Kraft der Versöhnung ist, aller Krankheit und Leiden zum Trotz, ein sinnvolles und spirituell-bewusstes Leben zu führen.


Kulturrelativismus und Glaubensfragen. Betrachtungen über amazonische und europäische Menschen- und Weltbilder von Bernd Brabec de Mori, 2005

Brabec de Mori legt einen Essay vor, in welchen er die Schwierigkeiten der endogenen Beschreibung eines nichtwestlichen Weltbildes durch westlich geprägte WissenschaftlerInnen aufzeigt und eine Lösung vorschlägt.  Er wählt die Form eines Essays, weil er  mit der kulturrelativistischen  Erklärung eines nichtwestlichen Weltbildes frei vom westlichen wissenschaftlichen Kodex arbeiten kann.
Der Autor teilt seine Arbeit in neun Punkte in denen er anfänglich die romantische verklärte westliche exogene Sicht auf amazonische Menschen- und Weltbilder aufzeigt. Er weist auf die Falle hin, Kulturen als „besser“, „höherentwickelt“, „effizienter“ (im wertenden Sinn) zu beschreiben.

Er führt weiter aus, dass im Ethnologischen Bereich  dies heute selbstverständlich scheint. Doch die Tücke liege im Detail. Als Beispiel führt er die curanderos Amazoniens an, die in der Fachliteratur als Schamanen bezeichnet werden, obwohl sie keine sind. Das Wort Schamane kommt aus der tungusischen Sprache und bedeutet „der, der springt und schreit“. Brabec weist ironisch darauf hin, dass ein curandero nur schreit und springt, wenn er auf einen Stachel tritt. Er stellt dar, dass feine Unterschiede, wie nicht passende Bezeichnungen, die Aspekte der europäischen Welt im Diskurs über andere Menschen und ihre Sicht der Dinge injiziert.

Im nächsten Punkt beschreibt der Autor die Schwierigkeit, wie man endogene Termini adäquat übersetzt. Er zeigt am Beispiel des Wortes niwe auf, dass der Versuch der Übersetzung mit „Aura“, „Individualessenz“, „wissende Instanz“ selbst deutlich ein eurogenes Konzept übertragen wird.  Der Verfasser hält fest, dass ein gründliches Verständnis der lokalen Sprache, eine klare und möglichst der jeweiligen Perspektive gerechte Definition und die Verwendung endogener Termini mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Ziel einer kulturrelativistischen Darstellung sehr nahe kommt.

Gegenstand des folgenden Abschnitts ist die Beschreibung eines Heilung- und Schadensprozess auf ethnologisch herkömmliche Weise, worin er endogene Wörter verwendet und erklärt. Einleitend betont er, dass er diese Beschreibung, bzw. Erklärungen für unzureichend hält.
In diesen Beispiel veranschaulicht er die Anwendung von Umschlägen aus Heilpflanzen, die Konsumation von ayawaska, der dazugehörigen Lieder und zum Teil als magisch bezeichnete Techniken(Massagen, Rauch blasen, das Pfeifen der Melodie) eines onyanya joni Shipibo-Konibo, die mit einigen Abweichungen auch von anderen lokalen curanderos verschiedener ethnischer Zugehörigkeit durchgeführt werden.

Dies führt zum nächsten Punkt, in dem der Autor aufzeigt, dass sich die Gesellschaften des peruanischen Amazonasbeckens, vor allem in der einzigen großen Stadt Pucallpa mit einem westlich orientierten Lebensstil in Kontakt befinden. Dies führt zur einer interessanten Situation, wo die „traditionelle“ Auffassung von Mensch und Welt neben oder mit der „modernen“ existiert.
Er gibt ein Beispiel wie drei Konzepte verbunden werden: Heilpflanze, pharmazeutische Medizin und Magie. Dies wird anhand der Zubereitung einer „traditionellen Medizin“, die Blutungen heilt, gezeigt. Das Rezept besteht aus einigen Zwiebeln eines Grases, einer Tablette (Schmerz und fiebersenkendes Präparat) und drei Tropfen eines alkoholischen Duftwassers.

Im folgenden Kapitel wird das spannende Thema von Glauben und Wissen behandelt.  Brabec argumentiert, dass das Problem am „Glauben“ ist, dass es sich in Wirklichkeit um Wissen handelt. Er führt zum besseren Verständnis ein Beispiel aus der europäischen Kultur an. Vermutlich auch, um zu zeigen, dass Glauben nicht ausschließlich den „nichtwestlichen“ Kulturen (im Sinn von Aberglauben) zugeschrieben werden kann.
Wir sprechen heute davon, dass die europäischen Menschen im dreizehnten Jahrhundert „glaubten“ die Erde sei eine Scheibe und wäre von Gott erschaffen worden, aber heute „wissen“ wir, dass die Erde ein Geoid ist und in Abwesenheit von Zeit und Raum als Folge des Urknalls aus dem Nichts entstanden ist. Der Autor hält fest, es einfacher ist an yoshin oder Geister zu glauben, da es für diese immerhin hie und da Indizien gibt.

Im nächsten Abschnitt geht es um die Frage warum es eigentlich keine yoshin oder niwe gibt? Brabec führt dies darauf zurück, dass wir durch unsere westlich kulturelle Prägung andere als menschliche Bewusstseinsformen nicht einmal ignorieren, sondern sie als „Produkte des Glaubens“ sehen und aus unserem rationalistischen Weltbild schlicht eliminieren.
Anschließend schildert er das obige Beispiel eines Heilungs- und Schadensprozesses aus einer beinahe endemischen Sicht, indem er sich nicht auf den sichtbaren und hörbaren Teil beschränkt. Der Autor inkludiert nun auch die nichtsichtbare Arbeit des onyanya joni in seine Beschreibung. Er erklärt, dass der onyanya joni mittels ayawaska Einnahme und gesungener Lieder eine Welt, in der seine Medizin herrscht, öffnet und eintritt. Dort sieht er das Leiden des Patienten und dessen Urheber den lobo marino (Nutria). Dieser ist verärgert, dass der Klient seinen Wasserlauf für die Landwirtschaft verändert hat. Der onyanya joni muss seine Anwesenheit mit Hilfe von yoshin der renaco- und guaba- Bäume verschleiern, damit es ihm möglich ist, den Schaden auf den Urheber zurückzuleiten. Weil der lobo marino ein gefährlicher Hexer ist, ruft der onyanya joni seine yoshin herbei, um sie zur Kooperation anzuregen, damit sie ihn bei seinem Kampf gegen den lobo marino helfen. Auf diese Weise wird der Patient geheilt.

Im achten Punkt wird dargestellt, dass viele gut durchdachte Erklärungsmodelle für die Wirksamkeit solcher Behandlungen entwickelt wurden. Ihnen ist jedoch gemeinsam, dass sie von der Annahme ausgehen, das yoshin nicht wirklich existieren und dass Nutria ganz sicher kein Hexer ist. Der Autor bezeichnet dies als Sichtweise von Menschen, die in einem System stecken, welches darauf ausgerichtet ist andere Systeme, wenn nicht zu vernichten, dann zu ignorieren.

Im neunten und letzten Punkt wird nochmals darauf hingewiesen, dass das Weltbild der Amazonier nicht als besser beurteilt werden darf. Es impliziert allerdings eine Hemmschwelle im Verhalten gegenüber der Umwelt, wie sie im westlichen Denken nicht gegeben ist. Er argumentiert, dass jemand, der weiß, dass der Fluss einen yoshin hat, der einen im schlimmsten Fall umbringt, wird sich hüten dort zu defäkieren. Gleichzeitig ist der Einfluss des westlichen Systems fortgeschritten und die meisten Shipibo- Konibo arbeiten heute als Billiglohnarbeiter und defäkieren überall. Auch stellt er fest, dass manch alter curandero kapitalistische Talente entwickeln kann, wenn es darum geht gringo -Touristen auszunehmen. Brabec weist darauf hin, dass Touristen mehr Kapitalismus und Verwestlichung bringen und stellt die Frage nach deren Motivation einen curandero aufzusuchen.

Die Antwort sieht er in der Suche und dem Finden von Spiritualität, Identität, Willen und Gott. Der curandero kann diese Lücke füllen, indem er sich „manuell“ durch die Krankheit arbeitet, sie von der Wurzel an zerlegt. Dies argumentiert Brabec suchen die „Entwickelten“ bei den „Unterentwickelten“ und schließt mit den Worten, dass wir von den „Unterentwickelten“ einige Dinge lernen, während sie Dinge von uns lernen.


Ende Teil I


Bettina


Religion und Kultur - Teil III     Rota, 25.12.2016
Religion und Kultur - Teil II     Rota, 03.12.2016
Religion und Kultur - Teil I     Rota, 19.11.2016
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Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil IV     Michael Oswald, 16.04.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil III     Michael Oswald, 26.03.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil II     Michael Oswald, 12.03.2016
Ein näherer Blick auf spirituelle Methoden - Teil I     Michael Oswald, 27.02.2016
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Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil V     Michael Oswald, 16.01.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil IV     Michael Oswald, 02.01.2016
Ist Religion wirklich so schlimm? - Teil III     Michael Oswald, 12.12.2015
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Gurus, Mit- und Gegenläufer     Anufa, 05.05.2002
Slawisches Heidentum in der Ukraine     MadameMim, 27.04.2002
Über die Spiritualität der Maori     Werner, 06.04.2002
Der weite Weg     Maria T. Stadtmueller, 29.12.2001
Gespräche mit dem Göttlichen in mir     Hermilin, 30.11.2001



               
                   
                   



    

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