In memoriam Madame Mim::
Rechtens - ist eine Einparkhilfe   Teil I

Wie so oft in den letzten zehn Jahren ist die Witches´Voice eine niemals versiegende Quelle der Inspiration, wenn es um Themen des heidnischen Lebens und der dazugehörigen Weltsichten geht. Diesmal ist Anufa über einen Artikel von Jon Hanna gestolpert, der sich mit der Sinnhaftigkeit der Validität von Religionen auseinander setzt. Vielen Dank für die Artikelspende Jon und für die Erlaubnis sie im WurzelWerk ins Deutsche zu übertragen.

Es ist schwierig festzustellen ob etwas erst vor kurzem auffällig geworden oder einem selbst erst jetzt aufgefallen ist. Für mich schaut es so aus, als ob die Frage, wie rechtens christliches Heidentum denn sei, gerade wieder einmal auffällig wäre, aber vielleicht habe ich bloß einen Haufen übersehen. Das ist auch nicht, was ich in diesem Artikel diskutiere möchte, genauso wenig wie andere Fragen um die Validität der unterschiedlichsten Praktiken, die zu und abnehmen wie der Mond, genauso wie altersgraue Kontroversen es für gewöhnlich tun.

Wie oft haben wir schon gehört, gelesen oder vielleicht sogar selber sowas gesagt wie

  • Wicca ist eine valide Religion
  • XY (irgendeine Form von Heidentum) ist ein valider Weg
  • Hexentum ist eine Religion wie jede andere.

Solche Aussagen entstehen, glaube ich, alle aus dem selben Grund und ich bin mit jeder einzelnen nicht einverstanden.


Eingeforderter Respekt

Menschen, fast jeder religiösen Überzeugung, sehen es als ihr Recht an, dass ihre Religion mit einem bestimmten Maß an Respekt behandelt wird und dass sie und ihre Mitgläubigen nicht in unfairer Weise diskriminiert werden oder Verfolgung erleiden müssen.
Das war auch ein Anliegen der öffentlichen Sprachrohre von Wicca, seit Gardners Buch „Witchcraft Today“. Vorreiter dafür waren die Verteidiger der frühen deutschen Odinisten und anderer Heiden des 19. Jahrhunderts und davor. Folglich besteht nun das ganze Spektrum des modernen Heidentums auf ihrem Recht auf Freiheit des religiösen Ausdrucks.

Das macht uns zu nichts anderem als es diejenigen anderer Religionen sind, die dafür gekämpft haben, in Schrift oder mit dem Schwert, dass ihnen diese Rechte gewährt würden. Wo wir uns unterscheiden ist, dass wir nicht generell zur selben Zeit die Korrektheit unseres eigenen Weges argumentieren mussten. Die Geschichte der sich unterscheidenden Formen des Christentums von der Reformation bis heute, ist – wie wir alle wissen und oftmals überbewerten – eine blutige. Wer dazu tendiert sich emotional in die Lektüre der Geschichte zu vertiefen, wird sich vielleicht dabei ertappen, für die Katholiken hier und die Protestanten dort, Partei zu ergreifen, weil sie alle den jeweils anderen verfolgen, sobald sie die Oberhand haben. Wir mögen die Anglikanische Kirche auf der einen Seite bemitleiden, die unter Cromwell litt und dann wieder die Puritaner, die während der Restoration Strafen und Gefängnis  erleiden mussten.

Die Geschichte dieser Gruppierungen, die unter einander Frieden geschaffen haben (manchmal ein mehr oder weniger wackeliger Frieden) steht hinter der Religionsfreiheit, die Menschen aller Religionen, eingeschlossen Heiden, heute genießen. Es gibt eine Schwierigkeit in der sich diese Gruppen selbst wiederfanden. Um ihren Fall rechtfertigen zu können, mussten sie sich selbst als für den Status Quo ungefährlich zeigen, damit der Status Quo sie auch tolerieren konnte. Zur selben Zeit wollten viele von ihnen aber auch die dominante Position erhalten, die ihre Unterdrücker inne hatten. Zu guter Letzt strebten sie auch danach die Menschen völlig zu ihrer Denkweise zu bekehren.

Auf der einen Seite ist unserer Position geradliniger. Die meisten Formen des Heidentums halten nicht viel von Bekehrung und leisten zumindest Lippenbekenntnisse in die Richtung, dass wir nicht den einzig richtigen Weg für jedermann bieten können. Es ist eine wesentlich einfachere Aufgabe zu argumentieren, dass wir nicht danach streben jeden in unsere Denkrichtung zu drehen, wenn das auch tatsächlich der Wahrheit entspricht. Wir widerlegen uns nicht selbst so oft, wie ein Puritaner aus dem 16. Jahrhundert, wenn ein Glaubensbruder den Abbruchhammer für das Altarrelief mitnimmt oder ein für Toleranz sich einsetzender Moslem heute, von einem Glaubensbruder der meint, dass die Sharia im Westen eingeführt werden sollte.

Auf der anderen Seite sind Menschen, wenn sie mit anderen Religionen als ihrer eigenen konfrontiert sind,  den Widerspruch gewöhnt, dass einerseits der eigene Weg toleriert werden sollte und trotzdem versucht wird, den anderen vom eigenen zu überzeugen. Indem wir nicht in Anspruch nehmen, einen universell anwendbaren Glauben zu haben, stehen wir abseits der Erwartungen vieler Menschen und deren Verständnis, worum es bei Religion geht.


Gültig - ungültig, falsch - richtig, valide - oder invalide?!

Das ist nun der Moment, wo das Konzept der validen Religion ins Spiel kommt. Wenn wir von validen Wegen sprechen, umgehen wir die ganze Frage um das Falsch oder Richtig eines religiösen Glaubens und seiner Praktiken. Das war ein zeitgerechter Zug, der damit zusammen traf, dass schon viele daran arbeiteten, die Welt zu einem toleranteren Ort zu machen.

So steht das alles rhetorisch wunderbar da. Lasst uns aber nicht auf Rhetorik pochen. Ein Wort, das oftmals geringschätzig verwendet wird, wörtlich aber meint es, dass die Sprache angewendet würde, um andere zu überzeugen. Wir sollten froh und dankbar sein, dass Leute vor uns genau das getan haben. „Valide Religion“ und „valider Weg“ lässt uns Menschen mit jeder Gruppierung übereinstimmen, die wir bereits als Freiheit verdienend ansehen, während beides genauso erlaubt, jeden der als gefährlich angesehen wird, weiter auszuschließen.

Während wir also einer Menge Leute Dank schulden, die diese Rhetorik als erste angewendet haben, lasst uns trotzdem anerkennen, dass Rhetorik genau das ist, was sie ist. Sie tut nichts um ihre Begriffe zu definieren, sondern gibt dem Zuhörer eher die Möglichkeit uns in einer Linie mit seinen vorherrschenden Vorurteilen zu repositionieren, damit wir mit den „respektablen“ Religionen zusammen gesteckt werden und nicht mit den „Verrückten“ oder den „gefährlichen Irren“. Das geschieht emotional und nicht rational.  Das ist von beiderseitigem Wert – es arbeitet für unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Ideen darüber, wer ein Verrückter oder gefährlicher Irrer wäre – und genauso funktioniert es auch nicht.

Sobald es als etwas anderes als eine rhetorische Floskel gebraucht wird, hat es nicht länger Bestand.


Ende Teil I


Jon Hanna


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