In memoriam Madame Mim::
Wer hat dich, du deutscher Wald?   Teil II
Frage an einen Mythos - Ja, wer hat ihn nun aufgebaut, so hoch da droben, den schönen Wald, wie es im Originaltext von Joseph von Eichendorffs Lied „Der Jäger Abschied“ so wehmütig-rhetorisch heißt?

Die Siedlungen der holzzeitlichen Vorfahren alterten schnell – man geht von einer Lebensdauer von dreißig Jahren für ein Langhaus aus. Die Häuser verfaulten, oder sie brannten ab; irgendwann lohnte sich die Reparatur nicht länger, und Holz für einen Neubau war im näheren Umkreis einer Siedlung nicht mehr zu finden: die langen Stämme hätten über eine Distanz von über einem Kilometer herangeschafft werden müssen. Doch wozu? Es war viel leichter, weiter zu ziehen und anderswo eine neue Siedlung zu gründen, um dort Felder zu schaffen, wo noch keine Wurzelschösslinge aufgekommen waren, die sich mit Steinäxten schwer beseitigen ließen.
Auf die verlassenen Siedlungsflächen aber wehten die Baumsamen der Pionierbäume, der Birken, Pappeln, Weiden und Kiefern. Tiere wurden auf die menschenverursachte Lichtung gelockt, weil es dort viel zu fressen gab, ohne dass die Fortgezogenen sie mehr gehindert hätten: Mäuse, Hamster, Ratten, Hasen, Rehe und Wildschweine, Tiere des Waldrands eher als des Waldes, fanden in den ersten Jahren nach Aufgabe der Wirtschaftsflächen noch reichlich Nahrung vor, und die Vögel, die Gefallen an den freistehenden, ausladenden Bäumen fanden, brachten Samen von Kirsche, Holunder und Hasel.
Der größte Gewinner menschlicher (Um-)Siedlungspolitik aber war die Buche: auf jeder vom Menschen aufgegebenen Fläche breitete sie sich aus, beginnend in der Jungsteinzeit, als die ersten Zyklen mit Rodungen, Aufgeben von Siedlungen und anschließender Neubildung von Wäldern eingesetzt hatten.

Dieses Siedlungsverhalten war in manchen Gebieten typisch bis zur Römerzeit, in anderen sogar bis ins Mittelalter, und bis ins Mittelalter hinein hat sich die Buche immer weiter ausbreiten können: in vielen Gegenden Deutschlands entstanden reine Buchenwälder – nicht von Gottes, sondern der Menschen Gnaden. (Und so wurden die Buchen auch wieder geschlagen, und zwar vor allem dort, wo Erz verarbeitet wurde: die größte Hitze ließ sich erzeugen, indem man Buchen-Holzkohle verbrannte.)
Der Wald, den die halbnomadischen Siedler von der Holzzeit bis ins Mittelalter zurückließen, war also nicht mehr der Wald, den sie vorgefunden hatten, war kein Urwald mehr, sondern Kulturwald, ein Wald zweiter Generation, eine Menschenschöpfung.

„Was sich hier erkennen lässt, ist in mehrfacher Hinsicht von grundsätzlicher Bedeutung. Zum Einen wird klar, dass unsere Umwelt, sogar unsere Wälder, schon sehr viel länger vom Menschen geprägt werden, als allgemein angenommen, nämlich schon etwa 7000 Jahre lang. Zum anderen, und das ist wohl noch viel wichtiger, zeigt sich, dass der Mensch eine echte Natur in seiner Umgebung wohl zerstören, aber nie wieder herstellen kann.“ (Hansjörg Küster)

 

Tief die Welt verworren schallt,
Oben einsam Rehe grasen,
Und wir ziehen fort und blasen,
Dass es tausendfach verhallt:
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!


Das Waldbild des Tacitus

Noch im ersten Jahrtausend vor Christus hatte sich die prähistorische Siedlungsweise der germanischen Stämme nicht verändert; die inzwischen größeren Talsiedlungen wurden zwar seltener verlagert, aber verlagert wurden sie nach wie vor: es gab keine civis, keine Stadt, somit keine Trennung zwischen drinnen und  draußen, keine Trennung zwischen einer tief verworren schallenden zivilisierten, das heißt: städtischen Welt und einer von dieser kultürlichen abgegrenzten natürlichen Welt, in der oben einsam Rehe grasen.
Wie siebzehnhundert Jahre nach ihm konstatierte im ersten nachchristlichen Jahrhundert der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus einen Unterschied zwischen dem Verworrenen, Unheimlichen einerseits und dem Heimeligen andererseits. Ihm war aber nicht, wie Eichendorff, die Natur das Heimelige und die Stadt das Unheimelige; dem Konsul des römischen Reiches war vielmehr die überbordende Natur im barbarischen Reich der Germanen nicht ganz geheuer, und er schrieb:

Das Land zeigt zwar im Einzelnen einige Unterschiede, doch im Ganzen macht es mit seinen Wäldern einen schaurigen, mit seinen Sümpfen einen widerwärtigen Eindruck.

Dieses Zitat aus Tacitus’ Germania, herausgegeben im Jahre 98 nach Christus, stellt die erste, im eigentliche Sinne historisch zu nennende Nachricht über den deutschen Wald dar, der Tacitus als deutscher Urwald erschien, obwohl er es längst nicht mehr war: es handelte sich, wie wir inzwischen wissen, um einen durch Siedlung und Umsiedlung  entstandenen Kulturwald: die Buche hatte ihre maximale Ausbreitung erreicht, in den Niederungen Nordwestdeutschlands war ihr die Eiche beigemengt, in den Alpen und in südlicher gelegenen Mittelgebirgen gab es Mischwälder aus Buche, Tanne und Fichte.
Tacitus aber erkannte die Kultur vor lauter Bäumen nicht: seine mediterrane Umwelt sah so völlig anders aus als das wilde und noch unkolonisierte Germanien, und „unkolonisiert“ bedeutete dem Tacitus allemal dasselbe wie „unkultiviert“.

Dass die Germanen eine stabile Siedlungsweise entwickelt hatten, in der Siedlungen und Wälder gleichermaßen und abwechselnd auf denselben Arealen gediehen; dass der Wald zwar parzellenweise zerstört wurde, sich aber wieder, wenn auch in jeweils veränderter Form, regenerierte und dass dieses System ohne staatliche Lenkung über tausende von Jahren funktioniert hatte, also eine erstaunliche Stabilität aufwies, wusste der Römer nicht nur nicht zu sehen und zu würdigen, sondern die merkwürdig unstete Lebens- und Siedlungsweise der Barbaren war ihm verdächtig – wie übrigens bis heute nomadische und halbnomadische Lebensweisen den so genannten zivilisierten Ländern der Welt (guerilla-)verdächtig erscheinen.
Nur (Stadt-)Bürger, die sich in einer Zivilisation zusammengeschlossen hatten, bildeten Staaten, betrieben Handel, Gewerbe und Handwerk; dort, wo die prähistorische Siedelweise vorherrschte, gab es weder Staaten noch Handelbeziehungen. 
Gerade den Römer Tacitus hätte ein Blick auf das entwaldete Italien lehren können, dass die Zivilisation die Wälder nicht lediglich veränderte, sondern sie vielmehr zerstörte. Städte wurden nicht verlagert, sie mussten aus dem Umland versorgt werden, sie entwickelten einen enormen Holzbedarf, Ackerbau wurde auf Dauer betrieben, und das Weidevieh fraß nicht nur Gras und Kräuter, sondern gerade so gern die Triebe junger Bäume. (Im Mittelmeerraum waren es die Ziegen, die ihre Umwelt besonders stark veränderten; in großer Zahl gehalten, vertilgten sie Bäume und Sträucher – selbst dornige.)

Während also in prähistorischen Kulturen, wie in Germanien zur Zeit des Tacitus, die gesamte Waldfläche nur wenig kleiner geworden war, nahm im Umkreis der (römischen) Zivilisation der Wald nur noch ab. Neben den Städten lagen in Italien keine Wälder, sondern Haine und Obstgärten, die es wiederum in Germanien (noch) nicht gab, da das Anpflanzen von Obstbäumen sich nur dann lohnt, wenn man zu bleiben gedenkt, bis die Früchte heranreifen: Haine sind, bis heute, für die mediterrane Landschaft charakteristisch geblieben. Mit Hainen und Obstgärten konnte man aber nicht verhindern dass es, schon in vorrömischer Zeit, zu Bodenerosionen kam; die Desertifikation, die von Menschen neu geschaffene Wüste auf ehemals bewaldetem Grund, war in römischer Zeit schon weit fortgeschritten.

Im Zuge der Kolonisation und Kultivierung Germaniens nun siedelten sich die Römer nördlich der Alpen fast ausnahmslos in Gegenden an, in denen die Laubwälder dominierten; sie mieden die kälteren, mit geschlossenen Nadelwäldern bedeckten Regionen weiter im Osten.
Wein und Obstbäume wurden angebaut, wo die klimatischen Bedingungen es zuließen, und natürlich wurden Bäume gefällt: Eichen für Bauholz und Buchen zur Verarbeitung zu Holzkohle für die Erzschmelze. Deshalb, und weil innerhalb des römischen Reiches jetzt auch auf germanischem Gebiet keine Nutzflächen mehr aufgegeben wurden, gab es keine weitere Verbreitung der Buche mehr; die Bestände nahmen im Gegenteil ab.
Auch die Tannenbestände wurden nach und nach dezimiert: die Römer schlugen das Tannenholz in den Alpen und im Schwarzwald, flößten oder trifteten es auf dem Rhein oder der Mosel flussabwärts und verarbeiteten es auch dort, wo weit und breit keine Tannen wuchsen, zum Beispiel beim Bau der Moselbrücke in Trier.
Im Zuge der Ausbreitung der Zivilisation entstanden große landwirtschaftliche Nutzgebiete,  Weideflächen und Heiden, aber in der Mitte Europas blieb eine Region erhalten, in der sich der Wald trotz allem am besten regenerierte: Wald blieb dort an besten erhalten, wo sich Deutschland entwickelte (wie man im 19. und 20. Jahrhundert mit vaterländischer Genugtuung feststellte).


Ende Teil II


Rivka


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