In memoriam Madame Mim:: Betreuung gesucht für WurzelWerk's
Wer hat dich, du deutscher Wald?   Teil I

Frage an einen Mythos - Ja, wer hat ihn nun aufgebaut, so hoch da droben, den schönen Wald, wie es im Originaltext von Joseph von Eichendorffs Lied „Der Jäger Abschied“ so wehmütig-rhetorisch heißt?

Wer hat dich, du schöner Wald
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
So lang noch mein Stimm erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!


Der Wald als natürliches Phänomen?

 War es Gott oder die Natur? Die Menschen im Allgemeinen, eine bestimmte Gruppe von Menschen oder mehrere oder gar ein einziger Mensch? Wir sollten die Frage ernst nehmen und ihr nachgehen. Denn schließlich können oder sollten wir nicht (mehr), wie der romantisch-naive Dichter mit dem allzu passenden Namen, den Schöpfer vor dem Abend loben…
Versuchen wir es mit der ersten Antwort auf die Frage nach dem Schöpfer: die Natur also, wenn wir nicht ins Religiös-Glaubwürdige verfallen wollen, die Natur, wenn wir Natur verstehen als Begriff für alles Irdische, das ohne den Einfluss des Menschen so ist, wie es ist.
Einen Wald, der ohne den Einfluss des Menschen so ist, wie er ist, nennen wir einen Urwald, und schon sehen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass es einen solchen im heutigen und allen vorgefahrenen Deutschländern niemals gegeben hat, denn als es die Urwälder gab, gab es Germanien noch nicht.

Vor zirka 9000 bis 8000 Jahren wuchsen auf (sehr) zukünftigen deutschen Staatsgebieten Birken- und Kiefernwälder, die langsam von Hasel und Fichte verdrängt wurden; wo Kiefern und Birken erhalten blieben, bildeten sie so genannte „Reliktföhrenwälder“ wie zum Beispiel in der (sehr viel späteren) Mark Brandenburg; die Hasel drang weiter nach Osten vor, während die Kiefernbestände stagnierten. Dann stiegen die Meeresspiegel an, Erlenbruchwälder entstanden, und nach der Hasel etablierten sich weitere Arten von Laubhölzern in Mitteleuropa: Eichen, Ulmen, Linden und Eschen.
Aber dieser „Eichenmischwald“ sah in Mitteleuropa nicht überall gleich aus: in manchen Gegenden dominierten die Eichen, in anderen die Ulmen, die wir an dieser Stelle schon besonders im Gedächtnis behalten wollen, oder die Linden. Eichenwälder bildeten sich auch auf armen Böden, in der Nachbarschaft von Birken und Heidekrautgewächsen.
In den europäischen Laubwäldern gediehen zuweilen auch Gewächse, die allzu tiefe Wintertemperaturen nicht ertragen konnten, wie Mistel, Efeu, Wein und Wassernuss, was auf eine vorübergehende Erwärmung des Klimas schließen lässt. Später wichen diese Wärme liebenden Gäste wieder zurück, besonders an der Ostsee, und erneut expandierte die Fichte. Die Eibe wanderte von den Südalpen, die Tanne vom Süden Italiens und Griechenlands her ein, und die Hainbuche kam zu dieser Zeit nur in Südosteuropa vor.
Mit anderen Worten: es gab in der Zeit zwischen dem neunten und siebten Jahrtausend zwar noch einen Urwald im nachmaligen Deutschland, aber den Urwald gab es nicht: es gab verschiedene Wälder, verschiedene Lebensräume für Tiere und Menschen. Regelhaft entstanden natürliche Lichtungen, zum Beispiel durch Erdrutsche und Witterungseinflüsse, und regelhaft erneuerte und veränderte sich der (noch nicht) deutsche Urwald, um in der Nacheiszeit seine maximale Ausdehnung zu erreichen.

Ungefähr ab dem 5. Jahrtausend kam der (nachmalig) germanische Mensch und begann, Wälder zu roden, um Holz als Bau- Werk- und Brennholz zu gewinnen und um in den Wäldern (und an Stelle von Wäldern) landwirtschaftliche Nutzflächen anzulegen: die Wirtschaftsform des Ackerbaus entstand und mit ihr begann der Anfang vom Ende eines Urwaldes, der nun niemals mehr ein deutscher werden konnte.
Die „Natur“ trat als potenzielle Schöpferin eines potenziellen deutschen Waldes zurück und überließ, vor bereits siebentausend Jahren, nach und nach das Feld dem Menschen – im wahren Sinne des Wortes. Und der brauchte Holz für alles und jedes: Brennholz, um zu heizen, Feuerholz, um zu kochen, zu braten, zu backen und zu grillen, noch mehr Feuerholz, um Getreide zu trocknen oder zu darren, brennende Fackeln, um wilde Tiere zu vertreiben und Holz, um Werkzeuge herzustellen (mit denen man noch mehr Holz schlagen konnte). Die weitaus größten Holzmengen benötigte man allerdings zum Bauen und zum Heizen: ohne Holz wäre ein bäuerliches Leben in Mittel- und Nordeuropa nicht möglich gewesen.
Man siedelte fort(während), und der Wald wurde – in prähistorischer Zeit! – mehr und mehr Menschenwerk: man schätzt, dass eine ungefähr 35 Hektar große Bresche in den Wald geschlagen werden musste, damit genügend von den seinerzeit wenig ertragreichen Getreidesorten angebaut werden konnte, um die 100 Personen zu ernähren, die die Einwohnerschaft eines steinzeitlichen Dorfes bildeten.

So lassen sich für unseren Blick zurück in die Urzeit die Steinzeit, die Kupferzeit, die Bronze- und Eisenzeit problemlos unter dem Begriff Holzzeit fassen: Holz wurde in viel größerem Umfang zum Überleben benötigt als Metall, und dass es die Holzzeit in den Annalen der Archäologie nicht gibt, liegt nur an seiner vergleichsweise geringen Halbwertszeit.
Es wurden Langhäuser errichtet, für deren First- und Dachbalken man dreißig Meter lange, gerade gewachsene Eichenstämme benötigte. Da sie schwer zu transportieren waren, begann man mit ihrer Rodung dort, wo eine Siedlung entstehen sollte. War die Siedlung fertig gestellt, ging der Waldverbrauch weiter: Eiche, Esche, Hasel, Schlehe, Kirsch-Apfel- und Birnbaum dienten als Brennholz, und da man bei den anfänglichen Rodearbeiten die Baumstümpfe hatte stehen lassen, weil es sich ungebückt einfacher arbeitete, waren Holztriebe emporgewachsen, besonders von Holzarten, die aus dem Wurzelstock leicht wieder ausschlagen, wie Esche, Hasel oder Schlehe – sie kommen noch heute in Hecken häufig vor.
Aus Linden gewann man Lindenbast, die Zweige der Weide eigneten sich zum Korbflechten oder für die Flechtwände der Häuser; die Eiche wurde als Bauholz bevorzugt, die Esche und der Ahorn für Küchengeräte und Axtstiele; für Dolche und Pfeilbögen eignete sich die Eibe und für ein hübsches Taschenmesser benötigte man nur ein wenig Pappelrinde.
Langsam, aber sicher, gestalteten die Siedler – wer hat dich, du schöner Wald? Die Siedler! – eine Kulturlandschaft, heftig unterstützt von ihren Schafen, Rindern, Ziegen und Schweinen, die die Wälder, welche die Siedlungen umgaben, meisterhaft nach Nahrung durchsuchten und die wir dafür loben wollen. Zumal der Wald auch noch als Winterfutter herhalten musste: von Ulmen, Linden, Eschen und Haselsträuchern schnitt man Laubheu, und Hasel, Linde und Esche konnten diese Form der Nutzung, das Schneiteln, auch ganz gut vertragen, aber leider die Ulme nicht.

Wir haben die Ulme im Gedächtnis behalten, und das ist auch sicherer so, denn auf Grund der Schneitelnutzung grassierte der Ulmensplintkäfer und es kam vor ungefähr 5000 Jahren (!) zum ersten Ulmensterben – lange, bevor der Dichter Ödön von Horvath in Paris von einer Ulme erschlagen wurde, anlässlich eines anderen Ulmensterbens. Die Ulmen aber kamen forthin in Mitteleuropas Wälder nicht mehr häufig vor und wurden von anderen Bäumen – der Tanne im Alpenraum, zum Beispiel – verdrängt.


Ende Teil I


Rivka


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